Das nächste Beben überleben

Alltag Wie wir eine Istanbuler Wohnung bezogen und lernten, was ein Notfallrucksack ist ...

Wie wir eine Istanbuler Wohnung bezogen und lernten, was ein Notfallrucksack ist

Wir hatten gerade den Mietvertrag unterschrieben, nachdem wir zwei Stunden lang zusammen gesessen, Çay getrunken und uns über alle möglichen Details unterhalten hatten. Und jetzt holte unser Vermieter unter dem Tisch einen prall gefüllten Rucksack hervor, der uns während der vergangenen zwei Stunden überhaupt nicht aufgefallen war.

"Mein Geschenk zum Einzug", sagte er und stellte ihn zwischen uns. "Das sollte in keiner Istanbuler Wohnung fehlen."

"Vielen Dank", sagte Johanna, und sie freute sich wirklich, und ich freute mich auch, weil wir mit einem Einzugsgeschenk von unserem Vermieter überhaupt nicht gerechnet hatten. Wir waren nun keine Touristen mehr, sondern Einwohner dieser Stadt, und das war ein merkwürdiges Gefühl, denn wir waren ja erst seit ein paar Tagen hier.

Johanna zog neugierig den Reißverschluss auf. "Sieht aus wie ein rückenfreundlicher Picknickkorb", sagte sie. Und dann begann sie ihn auszupacken. Vier Tafeln Schokolade. Zwei Schachteln Kekse. Drei 1,5 Liter-Flaschen stilles Wasser. Eine Packung Zwieback. Ein kleines batteriebetriebenes Radio. Eine Decke. Streichhölzer. Kerzen. Dann schaute sie etwas verdutzt, als sie Tütensuppen, ein Erste-Hilfe-Set, Unterwäsche, eine Taschenlampe und zwei Trillerpfeifen herausholte. Alle Gaben lagen nun vor Johanna auf dem Boden.

"Das ist kein Picknickrucksack", sagte unser Vermieter. "Es ist ein Notfallrucksack." Es gelang ihm, gleichzeitig zu lächeln und uns ernst anzuschauen. "Für den Fall, dass es ein Erdbeben gibt und die Grundversorgung zusammenbricht. In jedem Haushalt sollte die Versorgung für mindestens drei Tage gewährleistet sein. Und das Nötigste habe ich Ihnen in diesen Rucksack gepackt. Ich hoffe allerdings, dass Sie ihn nie brauchen werden."

Natürlich. Darauf hätten wir auch selbst kommen können. Aber bisher hatten wir dieses Risiko erfolgreich verdrängt. Wer denkt schon gern darüber nach, dass er im Begriff ist, in einer Stadt seine Zelte aufzuschlagen, in der die Geologen in naher Zukunft ein starkes Erdbeben erwarten? In den weltweiten Top Ten liegt Istanbul auf der Risikoskala gleich hinter Katmandu auf Platz zwei, und einer Uno-Studie zufolge würde ein Erdbeben um die 55.000 Tote fordern. Das alles hatte ich einmal in einer Informationsbroschüre gelesen, und ich wusste auch, dass das letzte Beben in Istanbul fast zehn Jahre zurücklag. 1999 hatte zum letzten Mal die Erde geschwankt, seither war alles ruhig geblieben. Eine trügerische Ruhe. Es war ein wenig wie in der biblischen Geschichte von der Arche Noah. Seit Wochen hat es nicht geregnet, der Himmel ist blau, und keine einzige Wolke ist zu sehen. Der Boden unter unseren Füßen fühlte sich fest und solide an. Nichts schien unwahrscheinlicher, als dass er jeden Augenblick nachgeben konnte.

"Sie haben sich damit noch nicht auseinandergesetzt - oder?", sagte unser Vermieter und riss mich aus meinen Gedanken. Es klang wie eine Feststellung und nicht wie eine Frage.

Wir nickten.

"Dann erkläre ich Ihnen ein paar Dinge, die Sie wissen sollten. Sonst würde ich heute Nacht nicht schlafen können. Kommen Sie."

Er ging mit uns noch einmal durch sämtliche Räume und zeigte uns in jedem Zimmer den besten Zufluchtsort im Falle eines Erdbebens. Dieser Platz ist meist der unter der Tür, weil deren Holzrahmen das stabilste Bauteil des Zimmers ist. Gefährlich ist die Nähe von Fenstern, weil man dort von splitterndem Glas verletzt werden kann. Der Vermieter riet uns, unsere Schränke so aufzustellen, dass sie, wenn sie umkippen, keine Türen blockieren. Am Besten sei es ohnehin, sie wie Regale an die Wand zu dübeln. Auf keinen Fall dürften wir Spiegel oder gerahmte Bilder über unserem Bett aufhängen, weil sie uns, im Fall eines Bebens, im Schlaf erschlagen könnten. Die Trillerpfeifen aus dem Erdbebenrucksack sollten wir möglichst gleich an unserem Schlüsselbund befestigen. Falls wir verschüttet würden, könnten wir uns mit ihnen bemerkbar machen, ohne nach einer halben Stunde Schreien heiser zu sein, um dann keine Stimme mehr zu haben, wenn wirklich jemand nach uns suchen würde.

"Auch wenn es Ihnen schwer fällt", sagte er. "Versuchen Sie im Fall des Erdbebens, Ruhe zu bewahren. Die meisten Beben dauern nicht länger als 60 Sekunden. Suchen Sie Schutz an den Orten, die ich Ihnen gezeigt habe. Laufen Sie nicht auf die Straße, sondern bleiben Sie in der Wohnung, dort ist es sicherer. Wenn Sie sich während eines Erdbebens im Freien befinden sollten, versuchen Sie, einen Sicherheitsabstand zu Gebäuden und elektrischen Leitungen halten."

Er sah uns kurz an, ob wir alles verstanden hätten. Dann fuhr er fort und erklärte uns, was nach einem Erdbeben zu beachten war: Den Strom ausschalten, den Gashahn schließen und alle Wasserhähne zudrehen, um Brände und Explosionen zu vermeiden. Falls es nötig ist, Verletzte versorgen und Hilfe leisten. Auch nach dem Beben: Auf keinen Fall hinauslaufen, sondern mindestens eine Stunde lang warten und in der Wohnung bleiben. Es kommt fast immer zu Nachbeben und gerade die fordern die meisten Verletzten und Toten.

Mir begann der Kopf zu schwirren, aber das war längst nicht alles.

Als nächstes erfuhren wir, was ein Überlebensdreieck ist. Ein Wort, das ich vorher noch nie gehört hatte. Unser Vermieter demonstrierte es uns anhand einer Streichholzschachtel, eines Streichholzes und seiner Kreditkarte. Das Streichholz war Johanna, die Streichholzschachtel ihr Bett und die Kreditkarte die herunterstürzende Zimmerdecke:

Johanna wachte auf, weil sich die Erde bewegte und rollte sich geistesgegenwärtig neben ihr Streichholzschachtelbett. Keine Sekunde zu spät, denn jetzt krachte die Kreditkartenzimmerdecke von oben herunter, genau auf die Stelle, auf der sie eben noch gelegen hatte. Das Schlafzimmer war ein einziges Trümmerfeld. Es sah ziemlich wüst aus, doch Johanna hatte Glück. Die Zimmerdecke war so auf das Bett herabgefallen, dass sie abgerutscht und halb auf dem Bett, halb auf dem Boden liegengeblieben war. Und darunter hatte sich ein kleines Dreieck gebildet, in dem die zwar völlig verängstigte, aber unversehrte Johanna lag. Ich befreite sie, nahm sie in meine Arme und strich ihr beruhigend über den roten Streichholzkopf.

Nach einer ganzen Reihe weiterer Tipps und Vorsichtsmaßnahmen verabschiedete sich unser Vermieter schließlich, und wir waren das erste Mal in unserer neuen Wohnung allein.

"Und?", fragte Johanna. "Hast du jetzt Angst?"

"Wieso?", sagte ich. "Wir sind doch bestens vorbereitet."

Ich beugte mich vor und gab ihr einen Kuss. Wir saßen unter dem Türrahmen in der Küche. Den Rucksack hatten wir zwischen uns gestellt. Hier würden wir also die nächsten zwei Jahre leben.

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