Das Napalm der Güte

Militärischer Humanismus Klaus Theweleit analysiert in "Der Knall" den 11. September 2001 und die medialen Folgen

Anleitungen zur Herstellung von Molotow-Cocktails entnehmen Sie bitte dem Internet. Zum Bau von Bürgerkriegen genügt die gelegentliche Besichtigung der Tagesschau. Man nehme eine religiös, ethnisch oder sonst wie gemischte Bevölkerung. Dann stifte man kleine Konflikte im Mischungsverhältnis und unterscheide die Guten von den Bösen. Anschließend gebe man der Gruppe der vermeintlichen Opfer Waffen und sichere ihnen Unterstützung aus dem mächtig humanitären Ausland zu. Am besten stellt man ihnen Alleinherrschaft als religiöse oder ethnische Gruppe in Aussicht. Schon beginnt ein heftiges Rempeln und bald wird daraus ein wütendes Morden. Im humanitären Ausland verfolgen die Menschen entsetzt die Bilder genau dieses und keines anderen Krieges. Schluchzende Frauen neben ihren toten Kriegern oder Kindern bringen das Toleranzfass zum Überlaufen. "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!" Und was wären wir für Barbaren, wenn wir bei ethnischen Konflikten zuschauten! Und schon hat der militärische Humanismus die schönste Kreuzzugsmission.

Also werfen die militanten Menschenfreunde das Napalm der Güte auf die Großstädte der Barbaren, und die Dörfer beschenken sie mit Gift und Uran. Leider, leider, so versichern die zackigen Menschenretter, leider mussten auch einige Unschuldige dran glauben. Doch was zählen ein paar Kollateralschäden, wenn am Ende die Menschenrechte siegen. Doch erstaunlicherweise zählt am Schluss niemand die Toten, und niemand fragt da noch, wer eigentlich gerettet werden konnte - und was zum Teufel eigentlich aus den Menschenrechten geworden ist. Zur zukünftigen Befriedigung der auf Jahrzehnte vergifteten Landschaft lassen wir ein paar Besatzungstruppen da und führen der Einfachheit halber unsere Währung ein. So in etwa ließe sich das zur Zeit gültige Kriegsmodell zusammenfassen, das Klaus Theweleit in seinem Aufsatz: Playstation Cordoba/Yugoslawia /Afghanistan etc. skizziert.

Gegenwärtig werden von den über 100 bewaffneten Konflikten auf unserem Planeten gut zwei Drittel als ethnische Konflikte eingestuft. Die meisten dieser sogenannten Bürgerkriege werden mit Waffen und Geld aus dem nahen wie fernen Ausland logistisch unterstützt. Doch solange der Fluss der Rohstoffe nicht in Frage steht, sieht der Westen keinen Anlass seinen Humanismus in Marsch zu setzen. Im Gegenteil, da wo mit bescheidensten Mitteln ein Genozid hätte verhindert werden können, ziehen die Moralisten ihren letzten Kaplan ab. Wie sich am grausamen Beispiel Ruanda zeigen lässt - als das leicht zu verhindernde Massaker an vielen Hunderttausend Menschen nicht einmal zu diplomatischer Nervosität führte.

Klaus Theweleit erinnert in seinem Kriegsmodell auch daran, dass selbstredend politische Interessen Menschenrechtsfragen untergeordnet werden. Schließlich kommt niemand auf die Idee, Ankara wegen der türkischen Kurdenpolitik unter Beschuss zu nehmen beziehungsweise Moskau auszuradieren wegen des Tschetschenien-Krieges. Warum aber die Unabhängigkeit des Kosovo ein ehrenwerteres Unternehmen soll als die Unabhängigkeit Tschetscheniens - das erklärt man dem Publikum nicht. Vielleicht besteht aber das größte Problem darin, dass das Publikum das gar nicht wissen will. Und in diesem Problem stecken vielleicht auch die Grenzen von Theweleits Kriegsmodell.

Der Tübinger Publizist skizziert die verblüffende Konstanz dieses Modells seit den Tagen der Kreuzzüge. Aber er übersieht dabei, dass in unseren Zeiten, spätestens mit dem Ende des Kalten Krieges, die humanitäre Inszenierung der laufenden Kriege vor allem als Überzeugungsstrategie der Öffentlichkeit in den westlichen Ländern dient. Einerseits hüten sich die Demokratien davor, über Kriege abstimmen zu lassen, andererseits können Politiker Kriege nicht gegen die Medienöffentlichkeit durchsetzen. Und dabei spielen die Bilder, die Medien und die Medienarbeiter eine große Rolle.

Mit den Anschlägen vom 11. September geriet jene Politik der Bilder für einen Moment völlig außer Kontrolle. Anders gesagt: Die Attentäter bedienten sich ihrer auf noch nie da gewesene Weise. Am 11. September brachen nicht nur zwei gigantische Wolkenkratzer zusammen und begruben an die 3.000 Menschen unter sich, da wurde auch eine ganze Wahrnehmungsweise torpediert und hinterließ äußerste Verwirrung in den Köpfen der Betrachter. Davon handelt der zweite Essay in Klaus Theweleits neuestem Buch Der Knall. Dieser wesentlich umfangreichere Essay heißt Vom Verschwinden der Realität und hier entfaltet die besondere Theweleitsche Denk- und Schreibtechnik ihre ganze Kunst: "Die Gewiß- Gewohnheiten der kommentierenden Kaste, in welcher Sparte was unterzubringen sei, und zwar ohne große Regalanbauten gravierende Imageschäden, brachen rauschend zusammen, getroffen von zwei teuflisch gut gezielten Jets. Sie hinterließen eine Art ground zero ... die Aschenhaufen eines verglimmenden Diskurssystems."

Diesen Zusammenbruch rekonstruiert Theweleit anhand einer ganzen Reihe von Kommentaren und ersten Stellungnahmen aus der Feder einschlägig berühmter Intelligenzvertreter wie zum Beispiel: Jean Baudrillard, Slavoj Z?iz?ek, Elisabeth Bronfen, Georg Seeßlen, Boris Groys, Diedrich Diedrichsen, der unvermeidliche Alexander Kluge, Susan Sonntag, Peter Sloterdijk und selbst die Medientheorie von Niklas Luhmann holt Theweleit noch einmal aus dem Theoriekeller. Es geht allerdings nicht darum, sich aus sicherer Distanz über die Irrtümer und Aufregungen jener ersten theoriegestützten Kommentare lustig zu machen, sondern "ich wusste, wenn ich diese Artikel las und sie wieder lese, kein bisschen besser, was Gegenwart ist, was Realität, was Illusion, was Fiktion, was Traum, was Trauma - wovon sie doch alle handeln - und habe deutlich das Gefühl, die Leute, die das schreiben, wissen es auch nicht."

Theweleits Essay heißt deshalb Vom Verschwinden der Realität weil alle jene Kommentatoren genau davon sprachen: sie vertrauten der Wirklichkeit nicht mehr und auch nicht den Bildern. Sie sprachen davon, dass die Katastrophenfilme in die Wirklichkeit ausgebrochen seien oder andersherum, die Wirklichkeit zum Katastrophenfilm geworden sei. Elisabeth Bronfen sprach vom Unsagbaren und Karl-Heinz Stockhausen vom größten Kunstwerk aller Zeiten. Nebenbei gesagt, Theweleits Auseinandersetzung mit den Thesen des Komponisten Stockhausen und den Reaktionen darauf darf man als eine der schönsten Lehrstücke über die Priester und Verwalter unserer Kunstreligion bezeichnen. Es ist ungeheuer aufschlussreich, wenn sich Theweleit durch die Fülle der Kommentare arbeitet, die intellektuellen Textmaschinen beim Blubbern erwischt und dabei die prinzipielle Unangemessenheit unserer Denk- und Zeichentechniken an die real existierende Realitätskomplexität aufdeckt.

Den Attentätern vom 11. September war es - ob beabsichtigt oder nicht - gelungen, die gängige Unterscheidung von Leben, Bildern, Realität, Kino oder TV aufzuheben und als simultane Realitäten sichtbar zu machen - oder vielmehr ins Feld zu führen: Nämlich als den realen Zusammenbruch zweier Hochhäuser mit dem realen Tod vieler tausend Menschen, zugleich aber als realer Angriff auf eine reales Symbol westlicher Zivilisation und schließlich durch eine aberwitzige Umpolung der medialen Situation: "Die Flugzeuge waren zu unterschiedlichen Zeitpunkten gekapert worden, um zeitversetzt in die Türme zu rasen. Wissend, die Kameras aller Stationen und aller Privatmenschen auf den Dächern und in höheren Stockwerken, würden auf das Unglück in Turm eins gerichtet sein, wenn der zweite Jumbo in Turm zwei raste: den Vorgang als geplanten Mordanschlag enthüllend. Ungewollt LIVE zugeschaltet zur spektakulär ausgestellten Ermordung Tausender. Fieser und effektiver ist man noch nie als TV-Zuschauer zum Teilnehmer eines medialen Mordtheaters gemacht worden."

Das aber setzte eine Art Umwertung aller Bilder in Gang. Theweleit erinnert an die Bildpolitik des Golfkriegs von 1991. Allabendlich zeigten uns grinsende Generäle oder ihre Presseleutnants Bilder von fröhlichen Bombardements, mit denen der böse Irak gemaßregelt wurde. Aber diese Bilder zeigten in Wahrheit nichts, ähnelten aufs genaueste entsprechenden Hollywood-Movies, wo die diversen Ziele im grünlichen Licht elektronischer Kameraobjektive explodierten. Und genau diese Funktion hatten die Bilder. Es war zwar Krieg, aber der Krieg war wie Kino: diese Bilder dienten der Versicherung des Zuschauers, seiner "Immunisierung": "Wer fernsieht, stirbt nicht." Doch den Attentätern vom 11. September ist eine Umpolung der Bilder gelungen: Aus Immunisierungsbildern sind "Infektionsbilder" geworden. Unsere Medienrealität schützt uns nicht mehr vor der Realität unserer Kriege, sondern wird zum Medium der Kriegserklärung gegen uns und zeigt zugleich, wie der reale Krieg aussieht. Diese Bilder handeln symbolisch und real vom Ende unserer Unverletzlichkeit: die reale Bedrohung des Territoriums und die reale Indienstnahme des medialen Territoriums.

Mit Sicherheit bietet Klaus Theweleits Buch die eindringlichste Beschreibung der Verwundung, die das Attentat in den Hirn- und Schreibströmen hinterlassen hat. Aber über den Anlass hinaus bietet es auch eine aufregende Besichtigung des Schauplatzes vervielfältigter Realitäten, auf dem unsere Wahrnehmungsweisen und Beschreibungstechniken seit geraumer Zeit schier durchdrehen.

Klaus Theweleit: Der Knall. 11. September, das Verschwinden der Realität und ein Kriegsmodell. Verlag Stroemfeld, Frankfurt am Main 2002, 279 S., 24 EUR

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00:00 18.10.2002

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