Wolfgang Michal
Ausgabe 4313 | 24.10.2013 | 06:00 1

Das nationale Internet der Telekom

Spionage Die Vorschlag der Telekom, Datenverkehr aus Deutschland nur innerhalb der vermeintlich NSA-freien Grenzen laufen zu lassen, ist keine Lösung. Aber immerhin ein Appell

Die Enthüllungen Edward Snowdens haben die deutsche Wirtschaft äußerlich kalt gelassen. Obwohl viele Experten der Meinung sind, dass ein Großteil der geheimdienstlichen Überwachungsmaßnahmen nicht der Terrorbekämpfung, sondern der Wirtschaftsspionage dient, gab es kaum vernehmbare Proteste. Doch hinter den Kulissen rumorte es.

Am 1. Oktober fand im Bundeswirtschaftsministerium ein Geheimtreffen statt. Teilgenommen haben – laut Wirtschaftswoche – die Deutsche Telekom und andere Internet-Zugangsprovider, die ihren Kunden gern einen sicheren Informationsaustausch versprechen. Thema der Zusammenkunft: Wie kann man die Kommunikation besser vor dem Zugriff neugieriger Geheimdienste schützen? Da ein Großteil des globalen Datenverkehrs über Seekabel zu Serverparks in den USA geleitet wird, wo die Mails und ihre Anhänge dann problemlos von den Diensten abgefischt werden können, kam die Deutsche Telekom auf die Idee, das Internet national abzuschotten. Der für den Datenschutz zuständige Telekom-Vorstand Thomas Kremer schlug vor, den inländischen Datenverkehr nur noch über Internetknotenpunkte fließen zu lassen, die an keiner Stelle ins Ausland führen. Kein deutsches Byte solle mehr gezwungen werden, deutschen Boden zu verlassen. Um ihre rein-deutsche Lösung überzeugend bewerben zu können, nannte die Telekom sie gänzlich ungermanisch „National Routing“.

Der Spott aus der Szene über den plötzlichen „Techno-Nationalismus“ blieb nicht aus. Ob man die „erfolgreiche“ Abschottungspolitik Irans, Chinas und Russlands auf diese Weise kopieren wolle? Mit welchen erkennungsdienstlichen Methoden man den innerdeutschen vom internationalen Verkehr sauber abtrennen wolle? Ob sich BND und Verfassungsschutz wirklich daran hielten, deutsche Daten nicht an befreundete ausländische Dienste herauszugeben? Ob man die „innerdeutschen“ Netzknoten (Frankfurt, München) dann nicht mehr von US-Spezialfirmen aufgrund von alliierten Sonderrechten durchleuchten ließe?

Darauf weiß die Telekom natürlich keine Antwort. Und es gibt noch weitere Probleme. Die Deutschen könnten nur dann für mehr Sicherheit im innerdeutschen Datenverkehr sorgen, wenn die anderen großen Internetzugangsanbieter wie Vodafone oder Telefónica freiwillig mitspielen. Die aber fürchten einen „unverhältnismäßig hohen Mehraufwand“. Vodafone ist überdies nicht bekannt für übergroße Distanz zu Geheimdiensten. Es nützt also nichts, wenn ein T-Online-Kunde einem Vodafone-Kunden Baupläne von Hamburg nach Stuttgart schickt oder ein Freiburger Getränkehersteller sein Rezept per Googlemail nach Frankfurt mailt.

Dennoch geht der Vorstoß der Telekom über bloße Augenwischerei hinaus. Er verweist auf die Notwendigkeit einer politischen Reaktion. Die große Koalition hätte nun die Möglichkeit, ein IT-Sicherheitsgesetz zu verabschieden, das die in Deutschland operierenden Zugangsprovider zu nachprüfbarer Datensicherheit verpflichtet und den Geheimdiensten wirksame Zügel anlegt. Und zwar nicht nur den eigenen. Allerdings sollte man dabei den Fehler anderer Staaten vermeiden, die ihre Kommunikationssicherheit nur wieder in die Hände ihrer Innenministerien und damit in die Hände der Geheimdienste gelegt haben. Böcke waren ja als Gärtner noch nie gut geeignet.

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AUSGABE

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 43/13.

Kommentare (1)

Berufsjugendlicher v2.0 24.10.2013 | 22:51

Die Drosselkom will mal wieder positive Schlagzeilen generieren, verlogen wie sie immer sind. So schreibt Fefe

"Die Telekom hat also seit Jahren nicht nur drauf geschissen, ob Mails im Inland bleiben oder nicht, sondern sie haben aktiv herbeigeführt, dass innerdeutsche Mails durch das Ausland gehen, damit bei anderen Marktteilnehmern Leidensdruck entsteht und die Telekom-Zuleitungen anmieten. Und ausgerechnet DIE machen jetzt einen auf dicke Hose von wegen bei uns bleibt Ihre Email im Inland.

Ich könnte kotzen über diese Dreistigkeit."