Das Naturtheater von Bayreuth

Bayreuth In Wagners Festspielhaus ließe sich über die Welt nachdenken, wie sie sein könnte. Wenn man wollte

So scharf umrissen der Charakterkopf Wagner durch die Zeiten zu ragen scheint: Er bleibt eine Souvenirshop-Büste, wenn man den menschheitlichen Aspekt, das Beethoven entlehnte "Seid umschlungen, Millionen!", seines Denkens und Schaffens ausblendet. Es ist bezeichnend für den Bayreuther Nachfolgestreit, dass über solche Inhalte niemand spricht. Denn darin liegt Wagners eigentliche Fremdheit in unserer Zeit, die "große Erzählungen" nur noch als Privatmythologien in den Kinderzimmern der Kunst erträgt. Der Jahrtausendbedarf an ästhetisch-politischen Totalitätsfantasien scheint gedeckt.

Um Wagner aber nicht zu einer Souvenirshop-Büste in Revolutionsrot oder Schwarzrotgold zu degradieren, muss man sich den utopischen Charakter der Gemeinschaft, zu der Wagner spricht, ins Gedächtnis rufen. Wagner hat niemals "sein" Publikum, "sein" Volk, gefunden. Die von ihm so sehr ersehnte Erlösung in den Armen des Volkes, die Erlösung von Einsamkeit und Egoismus des eigenen Schaffens ist Gott sei Dank ausgeblieben. Hätte sich ihm nicht posthum ein Führer an die vermoderte Brust geworfen, läge dieser Sachverhalt deutlicher zutage.

Fixieren wir das Unfixierbare an Richard Wagner, den Revolutionär der vierziger Jahre: Es gibt von ihm aus überhaupt keine fixen Fäden zu irgendeiner historisch konkreten "Gemeinschaft". Die Welt kommt bei ihm als Frühlingslandschaft vor, in der man der Ankunft der Revolution lauscht oder als Trümmerstätte: auf der ein Theater zu errichten wäre, wo man einer vom Kapitalismus erlösten Menschheit den Mythos ihrer Wiedergeburt sänge. Hatte er in den vierziger Jahren noch von Menschen geträumt, die - von materieller Sorge ums Dasein befreit - nicht mehr arbeiten, sondern künstlerisch tätig sind, einer Gesellschaft frei von Zwang und Erniedrigung, wird mit der Festspielidee immerhin ein Karneval des Denkens geschaffen. Wagners Kunst will die Welt sein - und diese Welt kann entweder die Nussschale des Bayreuther Festspielhauses oder buchstäblich die Welt sein. Belässt man es bei dieser Spannung, wird abermals deutlich, dass diese Kunst keinen Ort hat. Sie ist unbehaust und darum ist ihr das verhältnismäßig ärmliche Behältnis des Festspielhauses angemessen: nicht im Sinne einer Krippe, die den Erlöser birgt, sondern im Sinne eines Provisoriums, an dem in einer immer unfertigen Welt weitergearbeitet werden darf. Die Welt, in der Wagners Kunst ihren Ort hätte, gibt es nicht.

Das Naturtheater von Oklahoma ist ein Fragment aus Kafkas unvollendetem Roman Der Verschollene überschrieben. Das utopische Potenzial dieser Institution, die annähernd die ganze Welt umfasst, besteht darin, dass jeder hier Aufnahme finden kann. Um einen sagenhaften Millimeter von der Wirklichkeit getrennt soll man in diesem exterritorialen Gebiet seinem Beruf nachgehen können. Dieser Beruf ist, was man dafür hält. Die Werbetruppe dieses "Naturtheaters" arbeitet mit unzulänglichen, ja lächerlichen Mitteln. Auch dem inkommensurablen Anspruch Wagners kann nur durch einen Mut zur Lächerlichkeit entsprochen werden, durch einen Mut zu Abstand und zum Experiment, der sich nicht ausschließlich im Kinderzimmer verbarrikadiert, sondern das Unzeitgemäße utopischen Sprechens aushält. Je fremder uns heute etwas erscheinen mag, je weniger selbstverständlich und marktförmig, desto größer ist die Chance durch diese Befremdlichkeit neu den Möglichkeitssinn zu entfachen. Im Bayreuther Festspielhaus zu sitzen, gleicht einem "Zögern vor der Geburt" (Kafka). Die neuen Leiterinnen könnten dort dann Erfolg haben, wenn sie es als den idealen Ort begriffen, wo man über die Welt nachzudenkt, wie sie sein könnte.

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