Das Netzwerk weiß, was gut für dich ist

Drunk Selfies Facebook will seine Nutzer künftig davor bewahren, unter Alkoholeinfluss geschossene Selbstporträts hochzuladen. Nur wie langweilig wäre eine Welt ohne Peinlichkeiten?
Tobias Prüwer | Ausgabe 51/2014 6
Das Netzwerk weiß, was gut für dich ist
Nicht mehr netzwerktauglich?
Foto: Ezra Shaw/AFP/Getty Images

Warum geht eigentlich niemand gegen die Puritanisierung des Abendlands auf die Straßen? Rauchverbote sind schon manifest. Der immer wieder neu angemahnte Verzicht auf Fleisch und Kalorien nimmt langsam einen drohenden Tonfall an. Arbeitgeber und Jobcenter zwingen Menschen auch schon mal zum Drogentest. Natürlich passiert das alles nur im Dienst am und zum Wohl des dummen Bürgers, der angeblich nicht immer weiß, was gut für ihn ist.

Auch der Entmündigungsexperte Facebook hat sich wieder etwas Neues einfallen lassen: Peinliche Selbstporträts, sogenannte drunk selfies, sollen auf dem blitzsauberen Portal künftig nicht mehr auftauchen.

Wenn der Kunde schon nicht Herr seiner Daten ist, warum dann Herr seiner Sinne? Tatsächlich sollen Nutzer künftig mit einer Nachricht gewarnt – vielmehr: ermahnt – werden, sobald sie versuchen, ein offensichtlich unter Alkoholeinfluss geschossenes Selbstporträt hochzuladen. Die automatische Gesichtserkennung macht es möglich. Durch die Warnung hätten die User auch in Ausnahmezuständen noch die Kontrolle über ihre Daten: So wird der digitale Puritanismus verklärt. Wer beabsichtige schon, dass der Boss oder die Mutter – dies sind Beispiele, die der Facebook-Chefinformatiker zur Erläuterung gab – ziemlich heikle Fotos von einem sähen?

Nackte Brüste oder andere entblößte Körperteile sind ohnehin nicht drin bei Facebook. Nun bestimmt das Unternehmen also auch noch, was als beschämend zu gelten hat? Nur weil irgendetwas den weißen, mittelschichtigen IT-Männern in Kalifornien genierlich ist, soll alle Welt sich daran halten?

Die Überwindung von Schamgrenzen, das Aufsprengen von Tabus und Verboten ist eine der wesentlichen Errungenschaften der Moderne. Sogenannte Peinlichkeiten zeigen auf, wo dafür noch Potenzial ist. Vor ein paar Jahrzehnten galt es etwa noch als prekär, wenn eine Frau allein eine Kneipe aufsuchte. Küssen in der Öffentlichkeit? Bunte Haare? Nun sind es eben Bilder von Betrunkenen.

Vielleicht liegt die Abwehr derselben auch daran, dass sie daran erinnern, wie sehr die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Ermüdungsgesellschaft auf entlastenden Rauschzuständen beruht. Das Mantra der Kompetenzsteigerung fußt im dionysischen Kontrollverlust.

Man muss drunk selfies nicht als zentrales Vehikel für den Weg zur Freiheit feiern. Solange sie aber mächtige digitale Puritaner und andere Biopolitiker peinlich berühren, darf gelten: Too drunk to post? Her damit!

06:00 18.12.2014

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