Das neue Europa

Erinnerungsstücke In "Habseligkeiten" erzählt Richard Wagner von den Menschen am Rande

"Habseligkeiten" wurde von der Jury des Deutschen Sprachrates und des Goetheinstituts im vergangenen Jahr zum "schönsten deutschen Wort" gekürt. Als Buchtitel verrät es das Gespür Richard Wagners für den unbestimmten Geschmack von Worten. Die Bitterkeit der Armut liegt darin und die Süße einer naiven Seligkeit, auch eine Mischform: das Bitter-Süße einer Hoffnung, die unerfüllt bleibt und gerade deshalb umso kostbarer zu sein scheint. Die Habseligkeiten des 52-jährigen Autors ziehen von Anfang an den Leser in ihren Bann, weil in den präzise beschriebenen Details einer Banater Familiensaga der Weltzustand am Ende des vergangenen Jahrtausends aufscheint und darüber hinaus der - allerdings schmähliche - Beginn des neuen Europa.

Es ist ein Epochenroman über die Atmosphäre im Jahrhundert der Fluchten: "Wer weggeht, geht immer weiter. Als suchte er das Zentrum der Welt, aber überall ist nur ihr Ende." Zwei Weltkriege, der Stalinismus der Nachkriegszeit, Personenkult und Mangelwirtschaft des Kommunismus beherrschen das Leben der kleinen Leute, der Müller, Stellmacher, Gemüseverkäufer, Näherinnen und Pferdehändler über mehrere Generationen. Sie alle wollen im eigenen Haus leben und landen auf Bahnhöfen, Schiffen, in Lagern oder an der Front. Dramatische Szenen werden von beschaulichen Beschreibungen abgelöst; Personenrede wechselt mit treffenden Sentenzen in turbulenter Folge. Die Erzählhaltung Richard Wagners bewegt sich immer knapp neben seiner Hauptfigur Werner Zillich. Zillich ist ein Antiheld: ein Entwurzelter ohne Trauer und Mitleid, der die Leichen der heutigen Kriege im Fernsehen "wie Stofftiere" betrachtet: teilnahmslos.

Die Aura von Habseligkeiten als mobile Habe von Menschen am Rande strukturiert weitgehend die Wirkungsweise des Romans. Akribisch beschreibt der Autor unverwechselbare, vom Zerfall bedrohte, einmalige und daher unwiederbringliche Dinge. Auf dem hölzernen Totenwagen, den der Großvater eigenhändig dem der Vorfahren nachgebaut hat, wird der Vater des Ich-Erzählers mit einem Gott-hab-ihn-Selig zu Grabe gefahren. Das Haus der deutschen Familie in einem Dorf am Fluss Marosch im rumänischen Banat steht nur noch halb; die andere Hälfte wurde am Ende des Zweiten Weltkrieges von einer Panzerkanone der Deutschen zertrümmert. Das zerstörte Haus wirkt wie ein Sinnbild der verlorenen oder nie erlangten Geborgenheit. Das Synonym des Unbehaustseins in der Moderne schlechthin lässt Wagner hier ganz konkret und plastisch werden. Mit trotzigem Überlebenswillen und fast kindlichem Glauben hält die Familie an ihrer Habe fest, die ihr nicht nur das Überleben garantiert, sondern auch Würde.

Habseligkeiten sind vor allem Erinnerungsstücke. Das Bündel mit Dokumenten des Karl Zillich, das der zur Beerdigung des Vaters angereiste Sohn an sich nimmt, birgt unter anderem handgeschriebene Eingaben, Ausweise, Fotos, einen Ahnenpass, Briefe und eine handschriftliche Darstellung der Wassermühlen auf der Marosch mit Beschreibungen von Wasserrad und Wasserschaufel. Diese Habseligkeiten garantieren soziale und historische, auch sprachliche Identität. Denn mit den Dingen verschwinden auch die Begriffe. Richard Wagners Roman bewahrt sie auf: Literatur als Bewahren von Erinnerung, von Menschheitsgedächtnis, in der Tradition etwa Johannes Bobrowskis, Uwe Johnsons, Christa Wolfs? Nicht ganz.

Auf die Spannung, die die Kombination von Gegensätzlichem erzeugt, baut Richard Wagners Stil, der genauen Realismus und Irreales verbindet, abwiegelnde Trauer und Humor, das exzessive Schildern von Marginalien und den großen familiengeschichtlichen Handlungsbogen über fünf Kapitel. Der allerdings erinnert an ein Puzzle, dem etliche Teile fehlen: "Die Lebensläufe schrumpften so auf eine Hand voll Anekdoten, Schnurren."

Obwohl Wagner von beinahe 200 Jahren Geschichte der schwäbischen Auswanderer-, Rückkehrer- und Handwerkerfamilie Zillich erzählt, lebt der Roman doch ganz und gar aus den widersprüchlichen Tendenzen der Gegenwart. Die lassen keine Sentimentalität zu. Als wolle sich der Ich-Erzähler gegen jegliche Nostalgie wehren, reagiert er ironisch, bisweilen schroff gegen Gefühlsäußerungen überhaupt, zum Beispiel der eigenen Mutter gegenüber: "Alles, was aus ihrem Mund kommt, ist für mich gewissermaßen ein Zitat der Marlitt ...". Auch Schriftsteller ganz anderen Formats kommen angesichts der Konfrontation mit gesellschaftlichen Realitäten schlecht weg, so "die Herren Schriftsteller aus dem Kriegsarchiv. Rilke und Hofmannsthal" oder Nikolaus Lenau, dessen Schilflieder in einem Kriegsgefangenenlager des Ural, in dem die Leute Hungers sterben, in einem Atemzug mit Witzen genannt werden.

Wagner erzählt lakonisch, sarkastisch, akribisch genau im Detail und lässt den Text unvermutet ins Traumhafte kippen. Selbst seine Nebenfiguren sind sozial einzigartige Charaktere und zugleich politische Prototypen wie der "kleine Georg" - ein Roma, der die Geige des Musikers mit der Pistole des Geheimen Staatspolizisten vertauscht. Der Autor betrachtet die Menschen, die Einzelheiten der Milieus und der Landschaften wie unter einem Vergrößerungsglas. Ganz nah kommt er dabei an die Erinnerungsstücke seiner eigenen Kindheit und Jugend und die des Vaters, der Mutter, der Groß- und Urgroßeltern und der ganzen Familie heran.

Die in angenehmer Ruhe erzählten einzelnen Lebensgeschichten flögen in Szenen, Episoden und Anekdoten der miteinander verwobenen Handlungsstränge aus Vergangenheit und Gegenwart in alle Richtungen davon, wäre da nicht die Rahmenhandlung, die alles bündelt: Werner Zillich fährt im Jahre 1999 nach der Beerdigung seines Vaters mit dem Auto aus seinem Heimatdorf über Budapest und Wien zurück ins süddeutsche Sandhofen, wo er seit seiner Ausreise 1984 als Leiter einer Baufirma arbeitet. Der studierte Bauingenieur ist ein Auswanderer, der zu Menschen und Landschaften größtmöglicher Distanz wahrt. Ironie und Sarkasmus, erscheinen wie ein Schutzschild gegen die eigene Sensibilität. Seine Ehe mit der berechnenden Monika ist zerbrochen, der Kontakt zur Tochter wurde ihm per Gerichtsbeschluss untersagt, die Baufirma steht kurz vor dem Bankrott. Bankrotte Eltern-Kind-Verhältnisse, Sex, der nur noch mit Hilfe pornografischer Stimulanzien funktioniert, drohende Arbeitslosigkeit, Bestechung und Korruption - das neue Europa, das Werner Zillich erlebt, ist von den Verhältnissen, denen Werner Zillich einst für immer zu entkommen glaubte, nicht weit entfernt.

Und so bleibt die Familientradition der Zillichs eine Tradition immer neuer Aufbrüche, die alle zum Scheitern verurteilt sind. Die einzigen Habseligkeiten der nach Amerika ausgewanderten Großeltern Johann und Katharina waren Schulden und ein Grammofon. Vater Karls größter Besitz während der Deportation ins sowjetischer Arbeitslager war eine leere Konservendose zum Auffangen von Schnee gegen den Durst. Zu den Habseligkeiten des Ich-Erzählers aber gehören vor allem Erinnerungen an die von der Familie mit Würde verteidigten Zumutungen von Kriegen und Diktaturen. Werner Zillich jedoch wird am Ende ein Angepasster, der sich mit illegalen Preisabsprachen und Steuerhinterziehung den dubiosen Methoden eines Mafioso, der sich als "Kaufmann" ausgibt, unterwirft. Und wo Liebe die Vorfahren zu großen Visionen und verzweifelten Taten anspornte, regieren jetzt die Regieanweisungen eines Pornofilmers.

Mit grimmigem Humor betrachtet der Autor die Szenerie: "Was wurde in den letzten Jahren nicht alles aufgekauft, im Osten! Schnäppchen, mit großer Zukunft, wie man dachte. Wenn man überhaupt dachte. Es ist alles ein Witz". Trotz des Themas der allgemeinen Vergeblichkeit stimmt Wagner nie den Jammerton an. Dafür sorgen sein Witz, sein Sprachwitz und die Fülle der tragikomischen Geschichten, die alle um die Frage kreisen: "Wovon lebt der Mensch eigentlich und wofür?"

Richard Wagner: Habseligkeiten. Roman. Aufbau, Berlin 2004. 282 S., 17,90 EUR


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00:00 17.06.2005

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