Das neue Regime

Analyse Welche Geschichte wird eigentlich in der Debatte um die mutmaßliche Vergewaltigung Gina-Lisa Lohfinks erzählt?
Andrea Roedig | Ausgabe 24/2016 21
Das neue Regime
Im pharmapornografischen Zeitalter ist nichts mehr natürlich

Foto: David McNew/Getty Images

Mit einiger Verzögerung ist der Fall Gina-Lisa Lohfink nun auch in Österreichs Medien angekommen. Allerdings wird er hier keine große Debatte auslösen, denn Österreich hat im Gegensatz zu Deutschland bereits die europäische Istanbul-Konvention unterschrieben und Anfang dieses Jahres das Strafrecht um den sogenannten Po-Grabsch-Paragrafen erweitert, der entwürdigendes Berühren unter Strafe stellt. Zudem sieht man aus einiger Entfernung und mit etwas anders gelagerter Erregungsmentalität manche Dinge etwas anders.

Interessant ist aber, warum die Sache gerade jetzt so hochkocht: Eine gut aussehende Dame mit Potenzial zur Sexbombe prollt sich ein paar Jahre durchs sogenannte „Unterschichten“- und Werbefernsehen, lässt sich Lippen und Brüste aufspritzen, dreht einen eigenen Softporno, wechselt Liebhaber und auch mal eine Liebhaberin, bekommt einen Preis für „beste Selbstvermarktung“. Im Laufe dieser Karriere wird Lohfink im Jahr 2012 von zwei Typen mutmaßlich mit K.-o.-Tropfen bewusstlos gemacht und sie filmen den Sex mit dem wehrlosen C-Promi.

Der Rest ist sattsam bekannt. Lohfinks Anzeige der Vergewaltigung wird zurückgewiesen, im Gegenzug erhält sie einen Strafbefehl wegen falscher Beschuldigung und soll 24.000 Euro zahlen. Dieses Urteil ist schon länger bekannt, aber erst jetzt, da Lohfink dagegen in Berufung geht, beginnt die Aufregung und es solidarisiert sich unter #teamginalisa ein bürgerliches Publikum mit dem It-Girl. Klar, es geht um Vergewaltigung und die Frage, wer hier Täter und wer Opfer ist. Es geht um die Vermarktung von Sex und Sex-Appeal. Und es geht um die Selbstbestimmung von Frauen und ums Strafrecht. Aber welche Geschichte wird hier eigentlich erzählt?

Kreislauf der Erregung

Etwas abseits des Offensichtlichen erscheint der Fall als Paradebeispiel jener Gesellschaftsbeschreibung, die Paul B. Preciado in dem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch Testo Junkie gibt. Die These des Buches lautet, kurz gefasst, dass wir seit Mitte des 20. Jahrhunderts einem „pharmapornografischen Regime“ unterworfen seien, das die Körper durch und durch reguliere. Preciado wehrt sich gegen die derzeit gängigen soziologischen Analysen, die von „postmateriellem Kapitalismus“, von „immaterieller Arbeit“ oder auch von „Feminisierung der Arbeit“ sprechen. Sie alle, so meint Preciado, drückten sich um „den feuchten Kern“ der Wahrheit herum, dass der postfordistische Kapitalismus wesentlich auf Produktivmachung und Ausbeutung unserer Genussfähigkeit ziele, also auf Erregung beziehungsweise den ewigen Sucht-Kreislauf von Erregung-Frustration-Erregung. Pharmapornografisch nennt Preciado dieses System, weil pharmazeutisch-synthetische Stoffe und die intendierte Lustproduktion die Gesellschaft wie zwei Tentakel im Griff hätten. In dem den Körper durchdringenden Biokapitalismus wird alles zum Artefakt. Von der Botox-Behandlung bis zur Reproduktionsmedizin ist nichts mehr natürlich.

Man mag diese Thesen für überzogen halten, aber gut an ihnen ist, dass sie aus klassischen Denkmustern befreien und die bürgerlich-feministisch inspirierten Debatten hinter sich lassen. Mit Testo Junkie schaut man sozusagen aus zukünftiger Perspektive auf die Gegenwart. Preciado selbst nimmt – ohne medizinische Anleitung und ohne eine Umwandlung zum „Mann“ zu intendieren – Testosteron als Gel, das er/sie auf die Haut aufträgt. Er/sie beschreibt dies als erotischen Akt, als Drogenabhängigkeit und als politische Intervention. Denn die einzige Möglichkeit, dem pharmapornografischen Regime die Stirn zu bieten, liege darin, die pharmazeutischen und pornografischen Mittel selbst in die Hand zu nehmen, sie anarchistisch anzueignen. Der Körper müsse zu einer „biopolitischen Plattform“ des Experiments werden, zu einer Art Schnittwunde, meint Preciado.

In gewisser Weise gehört Gina-Lisa Lohfink genau hierher: Mit ihrer nicht mehr nur „mikroprothetisch“ aufgeputschten Weiblichkeit ist sie die perfekte Verkörperung des pharmapornografischen Regimes, sie ist Unterworfene, aber genauso auch eine Agentin der Subversion, weil sie sich bewusst die Produktionsmittel Titten, Lippen, Arsch, hyperblonde Mähne aneignet und – so würde es die Soziologin Catherine Hakim sagen – „erotisches Kapital“ daraus schlägt. Dass sich die Medien über ihre angeblich missratenen, weil „unnatürlich“ wirkenden Schönheitsoperationen lustig machen, scheint Lohfink nicht weiter zu stören. Die haben nichts begriffen, es geht nicht um Natur, sondern um Kunst, um die Herstellung von „Supersignals“.

Also welche Geschichte wird in Deutschland gerade erzählt? Natürlich geht es ums Sexualstrafrecht, und „nach Köln“ liegen die Nerven sowieso blank: Ein Nein ist ein Nein. Teresa Bücker hat eine flammende Streitschrift für Lohfink und alle Frauen in dem Online-Magazin Edition F veröffentlich. Unglaublich sei, dass man angesichts des Vergewaltigungsvideos im Netz Lohfink nicht glaube, das Strafrecht schütze Frauen nicht. Sollte dieser und Lohfinks Protest Gehör finden, wird ein Pin-up-Girl zur Vorreiterin für die lang ausstehende Verschärfung des Sexualstrafrechts.

Mit einer Preciado-Brille auf der Nase sieht man aber auch, dass die Regeln umso strenger werden, je pornofizierter die Welt daherkommt: Ihr dürft schauen, aber es euch nicht nehmen. Das ist das Disziplinierungsprogramm eines ständig erregbaren Voyeurismus. „Nach Köln“ hatte ein Polizeivertreter gewagt vorzuschlagen, Frauen sollten sich, zu ihrer eigenen Sicherheit, nicht so aufreizend anziehen. Er wurde mit Häme überschüttet. Solche Statements sind heute ein No-Go. Warum aber? Ist es ein heiliges Recht der Frauen, visuell Nutte zu spielen, ohne real für eine gehalten zu werden? Ja, paradoxerweise ist es das.

Testo-Frauen und Cis-Männer

Es geht in der Debatte aber auch um die unsichere Wahrheit des Bildes. Eine Kommentatorin wirft Teresa Bücker Naivität vor. Bücker sehe nicht, dass Lohfink nur einen Vermarktungsgag lande, einen reinen „Promomove“. Selbst wenn das so sein sollte, würde es etwas ändern? Die Rechtsprechung und auch die Annahmen des bürgerlichen Feminismus beruhen auf einer Unterscheidung zwischen „wahr “ und „inszeniert“, Opfersein und Tätersein. Aber dies sind Kategorien einer alten Epoche. Die medial vermittelte Wirklichkeit ist theatral, sie geschieht, um Bilder zu inszenieren, um Gefühle und Erregung zu erzeugen. In diesem Fluidum ist die Differenz zwischen „Promomove“ und echtem Anliegen obsolet.

Die eigentliche Frage aber ist: Wieso dachten Sebastian C. und Pardis F. mit ihren Fliegenhirnen, dass sie viel Geld bekommen können für ein Video, das zeigt, wie sie eine ausgeknockte Gina-Lisa Lohfink vergewaltigen? Dieser Porno als Reality-TV bestätigt die alte These, dass sexuelle Gewalt nicht Befriedigung sexueller Triebe will, sondern Macht. Die Gina-Lisa-Subversionspower funktioniert, aber sie provoziert auch Gewalt und die verfickte männliche Freude darüber, eine Frau zu „schänden“, weil es offenbar nicht zu ertragen ist, Frauen nicht zu besitzen.

Was die Frage der Gewalt angeht, lässt uns Preciados Theorie-Universum im Stich. Es heroisiert Punk, Drogen, omnipräsenten Sex und die Selbst- und Fremdverletzung, die notwendig damit einhergeht, das pharmapornografische Regime mit eigenen Mitteln schlagen zu wollen. In diesem System narzisstischer Selbstüberschätzung werden Missbrauch, Gewalt, „Kollateralschäden“ nicht ausbleiben. Da möchte man doch einwerfen: Sind nicht ein paar bürgerliche Errungenschaften wie Rechtsprechung oder liberal-braver Feminismus manchmal auch ganz vernünftig?

Preciado indes hat andere Ideen. Sein/ihr Vorschlag an die Frauen wäre: „Nehmt Testo!“ Das rät er/sie Sexarbeiterinnen, die auf der Straße nicht erkannt werden wollen, er/sie propagiert es als Mittel der Empfängnisverhütung (ja, Testosteron statt Östrogen!) und der „politischen Geschlechtsregulation“. Sich den Phallus aneignen, selbst ein bisschen Mann werden und Cis-Männer – pardon – in den Arsch ficken, das ist das transfeministische Programm. Vielleicht wäre das Problem des Feminismus ja wirklich gelöst, wenn alle Männer die Erfahrung des Penetriertwerdens durch Frauen machen, die hin und wieder Testo nehmen. Klingt queer. Ob das Gina-Lisa Lohfink gefallen würde?

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