Das neue Rock-Alphabet: Zum Tod von Lou Reed

Nachruf Lou Reed hat wie kein anderer Musiker den Sound und das Vokabular des Rock so stark verändert - und das, ohne bemüht zu klingen. An ihn ist bislang keiner herangekommen
Alexis Petridis | Ausgabe 44/2013

Wenn ein Rockstar stirbt, neigen Fans und Journalisten dazu, die Bedeutung des Verstorbenen zu übertreiben: erstere aus Trauer, letztere, weil das die Auflage steigert. In Lou Reeds Fall ist das nahezu unmöglich. Es ist schlicht nicht vorstellbar, wie Rockmusik heute ohne The Velvet Underground klänge.

Elvis-, Beatles- und Dylan-Fans mögen anderer Meinung sein, aber vieles spricht dafür, dass ihr Debüt The Velvet Underground And Nico (1967) das einflussreichste Album in der Geschichte der Rockmusik ist. Keine andere Platte hat den Sound und das Vokabular des Rock so dramatisch verändert.

The Velvet Underground waren sicher nicht die Einzigen, die Ende der Sechziger versuchten, den Graben zwischen Rock’n’Roll und Avantgarde zu überbrücken. Doch bei ihnen klang das nie bemüht. Reed war auch sicher nicht der einzige Autor, der Songtexten die gleiche Bedeutung beimaß wie „ernsthafter“ Literatur. Aber es war einzigartig, wie er in der spartanischen, hartgesottenen Art eines Dashiell Hammett und Raymond Chandler versuchte, das Leben in der von Drogen und sexueller Libertinage gepräg-ten Halbwelt der Lower East Side zu beschreiben.

1966 bekannte er in Interviews seine Liebe zum Doo-Wop, einem Musikstil, der zu einer Zeit, als die Rockmusik immer komplexer wurde, völlig aus der Mode gekommen war. Die eingängigeren seiner Songs wie „Sunday Morning“, „I’ll Be Your Mirror“, „Candy Says“ sind hörbar davon beeinflusst. Sein berühmtestes Zitat aber lautet: „Ein Akkord reicht vollkommen aus, zwei sind Angeberei, drei Jazz.“ Und auch bei seinem damaligen Bandkollegen, dem klassisch ausgebildeten Musiker John Cale, dreht sich alles um Einfachheit: Orgelpunkte, Minimalismus, La Monte Young und John Cage. Cale und Reed passten perfekt zusammen.

Der Pianopart in „I’m Waiting For My Man“ ist von La Monte Youngs Stück „X for Henry Flynt“ von 1960 inspiriert, aber es stellt diese Avantgarde-Referenzen nicht heraus, es versteckt sie hinter einer schwarzen Sonnenbrille und einem höhnischen Grinsen. Nichts verweist auf die muffige Welt des Konservatoriums: Das Stück klingt bissig, gewieft und unglaublich cool. Bereits aus diesem ersten Album ließ sich ersehen, welche Widersprüche Reed in sich vereint: Auf der einen Seite konnte er Balladen von so einfacher Schönheit wie „Femme Fatale“ schreiben, auf der anderen Seite vielschichtige Stücke wie „Heroine“, mit seinem anstößigen Text und den Ausbrüchen in heulen-des akustisches Chaos.

Im Verlauf seiner Karriere spitzte sich dieser Widerspruch zu. Einerseits verkörperte Lou Reed eine bestimmte Rock’n’Roll-Attitüde und gab sich in Interviews unendlich aggressiv, verachtungsvoll und wortkarg – eine Haltung, die man auch oft in seiner Musik wieder-findet, man denke nur an die vier zermürbenden Songs der B-Seite seines 1973er Konzeptalbums Berlin. Andererseits schrieb er Lieder, die von großer Zärtlichkeit und tiefem Einfühlungsvermögen zeugen: das einzigartige „Pale Blue Eyes“; „Halloween Parade“, eine herzzerreißende Klage über New Yorks von Aids zerstörte schwule Communi-ty oder seine Meditation über den Tod in „Magic And Loss“. Er konnte aber ebensogut eine Platte wie Metal Machine Music erschaffen, die nur aus Lärm besteht und bis heute die Messlatte für alle ist, die musikalisch den Mittelfinger zeigen wollen. Nachahmer fanden beide Seiten zuhauf. An ihn herangekommen ist keiner.

 

06:00 13.11.2013

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