Das Ohrläppchen, der tote Bruder und das Abendmahl

150. Geburtstag Vincent van Goghs Über den großen Maler der frühen Moderne sind drei sehr unterschiedliche Biographien erschienen

Es gibt eine Unmenge an Literatur über Vincent van Gogh, und dieses Jahr, anlässlich seines 150. Geburtstages am 30. März, finden nicht nur große Ausstellungen statt, auch diverse Verlage nutzen die Gelegenheit, Bücher über den berühmten Maler an den Leser zu bringen. Ob dabei tatsächlich noch Neues herauskommen kann, ist zu bezweifeln; das Leben Van Goghs ist längst gut recherchiert, und die trotzdem immer noch offenen Punkte werden wohl nicht mehr zu klären sein.

Es geht also bei den jetzt erschienenen Büchern einmal mehr um das unterschiedliche Deuten von Fakten und Bildern. Drei neue Bücher zu van Gogh sollen hier vorgestellt werden: Die Arbeiten von Viviane Forrester, Stefan Koldehoff und Walter Nigg könnten kaum unterschiedlicher sein.

Stefan Koldehoff scheint die größte Distanz zu seinem Stoff zu haben. Der Autor, Jahrgang 1967, studierte Kunstgeschichte; er war Redakteur beim Magazin ART in Hamburg und arbeitet heute als Kulturredakteur beim Deutschlandfunk; im Übrigen hat er sich schon in diversen Beiträgen mit van Gogh beschäftigt. Im vorliegenden Buch geht es ihm um zweierlei: Er will die Legenden um den Maler auf ihren tatsächlichen Kern zurückführen, und er zeigt, warum gerade van Gogh posthum so berühmt werden konnte; das heißt Koldehoff schreibt ein Stück Rezeptionsgeschichte.

Bald nach van Goghs Tod, zeigt der Autor, nahm sich der einflussreiche Kunstkritiker Meier-Graefe des Malers an, der in sein Konzept passte beziehungsweise der den wechselnden Konzepten Meier-Graefes angepasst wurde. So musste van Gogh zunächst dazu herhalten, den Jugendstil zu propagieren, und als Meier-Graefe erkannte, dass der zur dekorativen Modeerscheinung verkam, stilisierten er und andere van Gogh zum »Christus der modernen Kunst«, zum »Märtyrer«, bei dem Genie und Wahnsinn tragisch ineinander fließen und dergleichen mehr. Koldehoff zeigt, wie van Gogh, der stark von seiner Zeit in Paris und Arles beeinflusst wurde, je nach politischen Zeitläuften entweder als »selbstlos-asketisches nordisches Gegenmodell« zur impressionistischen Malerei des französischen »Erbfeindes« stilisiert wurde, oder umgekehrt, wie er einem »Franzosenboom« auf dem Kunstmarkt angehängt wurde.

Der wesentliche Punkt ist wohl, dass sich sein Leben bis heute dazu eignet, mehr oder weniger sentimentale Phantasien über den leidenden Künstler, über den genial scheiternden Rebellen zu hegen und zu pflegen; zahlreiche berühmte Biographien und Filme zeigen das. Koldehoff recherchiert akribisch die diversen Fälschungsaffären, und er setzt den pathologisierenden und dämonisierenden Van-Gogh-Legenden Fakten entgegen, die allerdings auch unter Nicht-Kunstkritikern inzwischen bekannt sind, etwa: Van Gogh kann sich kein ganzes Ohr abgeschnitten haben, weil er daran verblutet wäre. Oder: Das Bild seines Schlafzimmers, oft herangezogen, um damit seinen Wahnsinn zu beweisen, ist, so wenig die Proportionen zu stimmen scheinen, aus der Perspektive des Betrachters, der einen trapezförmigen Grundriss sieht, ganz richtig gemalt und also für Wahnsinn mitnichten ein Beweis. Oder: Van Gogh war keineswegs gleichgültig hinsichtlich seines Erfolgs, und er hat auch nicht, wie immer behauptet, nur ein einziges Bild verkauft. Falsch auch die Vorstellung, er habe wie ein Besessener und quasi bewusstlos gemalt. Alles Irrtum oder Lüge, sagt der Autor, zitiert aus Briefen des Malers, erwähnt die Anerkennung von Kollegen wie Toulouse-Lautrec, nennt - kleine - Verkaufszahlen und zeigt anhand von Röntgenaufnahmen, dass van Gogh ein überlegter, reflektierender Maler war, der nicht im Taumel arbeitete, sondern Bilder immer wieder korrigierte und veränderte. Das alles ist interessant, sofern es den Mythos entzaubert und zeigt, inwiefern außerkünstlerische Kriterien wie Personenkult zur Faszination beigetragen haben - aber der Faszination, die die Bilder selbst auslösen, kommt das Buch kaum näher.


Vivian Forrester geht über weite Strecken ihrer Arbeit genau den Weg, den Koldehoff meidet. Die 1927 geborene Autorin wurde international bekannt durch ihr Buch Der Terror der Ökonomie (1997) und arbeitet bei der Fondation Vincent van Gogh in Arles mit, einer Assoziation zeitgenössischer Künstler. Vivian Forrester ist fasziniert von der Persönlichkeit van Goghs, und sie nähert sich ihm mit allerhand psychologischem und psychoanalytischem Rüstzeug. Die Tatsache, dass Vincent van Gogh einen auf den Tag ein Jahr zuvor tot geborenen namensgleichen Bruder hatte, ist es, um die sich bei ihr alles dreht. Forrester zufolge ist der Maler ein ewiger »Zweiter«, so etwa in diversen Liebesbeziehungen. Die Autorin fragt sich, warum van Gogh starb, und aus der Frage nach seinem Selbstmord wird die, wer oder was den Maler umbrachte. Die Position, die Vincent van Gogh in der spezifischen familiären Struktur einzunehmen gezwungen war, wird anteilnehmend geschildert; er war, gelinde gesagt, das schwarze Schaf der Familie.

Das Buch zeigt, nicht ganz neu, in welcher teils produktiven und dann wieder unheilvollen Beziehung Vincent zu seinem jüngeren Bruder, dem Kunsthändler Theo van Gogh gestanden hat - immerhin gab es kurz vor dem Suizid einen gnadenlosen Brief Theos, der große eigene finanzielle Sorgen hatte. Theos Familiengründung und die Geburt seines Sohnes, eines weiteren Vincent, konnten, so Forrester, dem Maler das Gefühl geben, finanziell und als Mensch fallengelassen zu werden. Die Autorin legt Wert darauf, dass es nicht böse Geister, sondern reale Menschen und Umstände waren, die van Gogh in den Tod trieben, und sie arbeitet überraschende wie verstörende Strukturen in der Familiengeschichte heraus, die in den Beziehungen mit Geliebten, Freunden und Kollegen wiederholt werden.

Forrester liest die Briefauszüge danach, was sich zwischen den Zeilen mitteilt, und sie zeichnet, van Goghs Bilder betreffend, scheinbar unscheinbare Details nach, die immer wieder auf den Lebensnfang führen, auf das, was für van Gogh selbst und für seine Familie ein unauflösbares Knäuel von Schuld und Versagen gewesen zu sein scheint. Viviane Forresters Buch ist Vieles: sprunghaft, hellsichtig, leidenschaftlich, bestrickend, freischweifend, spekulativ, chaotisch, schamlos - und also reizt es auch immer wieder ärgerlich. Muss die Annäherung distanzlos werden? Was soll die Anverwandlung der Autorin, was soll das, dem Maler die eigene Stimme zu geben? Gut möglich, dass van Goghs Mutter ihre Schuldgefühle wegen des totgeborenen ersten Vincent auf den zweiten Sohn übertragen hat, aber muss man dann loshämmern und der Mutter einen »kriminellen Bauch« zuschreiben, muss man schreiben von Mutters »unnützem, liederlichen Blut, als sie den Tod auf die Welt gebracht hat«?

Noch etwas irritiert: Die suggestive, sich kriminalistisch gebende Frage, wer van Gogh umgebracht habe, missachtet am Ende noch die Tatsache, dass ein Suizid stattgefunden hat. Forrester betont oft genug, van Gogh habe sich nicht als Opfer, nicht als Märtyrer verstanden - aber dann macht sie ihn zum Opfer von Bruder, Brüdern, Eltern, Gesellschaft; sie schlägt ihm den Selbstmord aus der Hand.


Dritter Biograph: Walter Nigg. Nigg, 1903 - 1988, war Professor für Kirchengeschichte in Zürich und nebenher protestantischer Pfarrer; er veröffentlichte Arbeiten über Thomas Morus, Sören Kierkegaard, ein Buch der Ketzer und eins mit dem schönen Titel Große Unheilige, in dem Saulus, Judas Ischarioth, Bakunin und Nietzsche behandelt werden. Niggs Essay zu van Gogh erschien erstmals 1948, dann noch einmal 1961, und das Alter hat dem Text insgesamt nichts genommen. Es sind Kleinigkeiten in einzelnen Formulierungen, die einem gelegentlich irritierend ins Auge springen. So ist einmal die Rede davon, van Goghs »ehrfürchtige Wirklichkeitsschau« habe im Gegensatz »zur neuzeitlichen Dekadenz« gestanden; und bei den Frauengeschichten des Malers sucht der Theologe Schutz im neuen Testament, schließlich habe sich auch Jesus mit Dirnen eingelassen. Aber gut, das sind Kleinigkeiten, die nicht den Blick darauf verstellen sollten, dass Nigg ein freier und frecher Geist ist, ein Autor, der offenkundig Freude an sprachlichem und künstlerischem Ausdruck hat.

Nigg geht dem anfangs streng religiösen van Gogh nach, den er mit einem »Arbeiterpriester« vergleicht, und der bezeichnenderweise in den Pastoren- und Missionarskreisen seiner Zeit wegen seines »Ungestüms«, wegen seiner »Übertreibungen« verdächtig war. Walter Nigg deutet die spätere künstlerische Arbeit des Malers van Gogh als mögliche Fortsetzung seiner religiösen Haltung, wobei er nicht mit Seitenhieben auf das Christentum spart; es sei im Gegensatz zum Sozialismus, der im 19. Jahrhundert über zündende Wörter verfügt habe, erstarrt.

Nigg sieht die Kartoffelesser van Goghs als ein sakrales Abendmahl, er zitiert aus Briefen des Malers, die zeigen, dass er gleichzeitig die religiöse Malerei abgewehrt hat; so heißt es einmal: »Wenn ich hierbleibe, werde ich nicht versuchen, einen Christus im Olivengarten zu malen; vielmehr die Olivenernte, so wie man sie noch sieht, und wenn ich darin die wahren Verhältnisse der menschlichen Gestalt auffinde, so kann man dabei an jenes denken.«

Niggs Argumentation ist eindringlich, ohne aufdringlich zu werden, und sein Essay hebt nicht nur auf das Religiöse ab, sondern arbeitet auch mit ästhetischen Kriterien. Er zeigt, wie empfänglich van Gogh für bestimmte Elemente des Impressionismus war, aber dessen auflösende Natur, sein Schweben über den Dingen sei nicht die Sache van Goghs gewesen, der mit seinen Bildern eben auch habe trösten wollen. Was die Familiengeschichte und die Beziehungen zu anderen überhaupt angeht, wirkt Niggs Buch, vor allem nach Lektüre Forresters, harmonisierend. Vermutlich muss man seinem sonst so lesbaren Essy doch an einigen Stellen vorhalten, er wolle, Seitenhiebe hin oder her, am Ende alle mit allen versöhnen. Vielleicht ist das bei Theologen unvermeidlich.

Drei Bücher zu van Gogh, und die Rezensentin möchte keine Rangfolge aufstellen. Koldehoff, Forrester und Nigg bieten unterschiedliche, je nach Interesse geleitete Zugänge zu Leben, Werk und Rezeption. Man könnte Koldehoff fragen, worauf seine akribische Zählerei hinauslaufen soll. War es ein ganzes abgeschnittenes Ohr, oder ein halbes, oder nur ein Ohrläppchen? Waren es zwei verkaufte Bilder oder eher zehn? Ebenso könnte man sagen, der Autor bescheidet sich, er wühlt nicht in letztlich Unenträtselbarem, sondern hält sich, schön stur, an das Fassbare. Viviane Forrester: Ist das Graben im Unbewussten zudringliche Spekulation, wird hier genau das gefunden, was gesucht wurde; oder rührt das, was zutage gefördert wird, an eine Seite von van Goghs Wesen? Und schließlich Walter Nigg: Liegt es nicht allzu nahe, dass der Theologe bei dem van Gogh bleibt, der sich selbst als Doppelnatur sah, »halb Mönch, halb Maler«? Oder soll man auch hier friedfertig sagen, der Autor hat sich eben auf einen Aspekt beschränkt? Man kann diese Bücher, auch wenn man kein Kunstkritiker ist, wie eine Art Gespräch lesen; Positionen können einander widersprechen oder sich gegenseitig ergänzen. Dass auch in diesen neuen Veröffentlichungen »der« einzige, wahre, unteilbare van Gogh nicht zu finden und nicht zu konstruieren ist, dass ein Leben nie ganz in Erklärungen aufgeht, versteht sich von selbst.

Viviane Forrester: Van Gogh, oder das Begräbnis im Weizen. Aus dem Französischen von Gerd Stange. 349 S., 24,90 EUR

Stefan Koldehoff: Van Gogh. Mythos und Wirklichkeit. Die Wahrheit über den teuersten Maler der Welt. DuMont, Köln 2003, 303 S., 29,90 EUR

Walter Nigg: Vincent van Gogh. Der Blick in die Sonne. Ein biographischer Essay. Diogenes, Zürich 2003, 154 S., 19,90 EUR

00:00 28.03.2003

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