Das Papier muss weg

Rauchlose Bücherverbrennung In US-Bibliotheken und deutschen Kulturinstituten wütet ein bizarrer Hass auf bedrucktes Papier

Bibliotheken gelten seit der Verbreitung schriftlicher Aufzeichnung als verehrungs- und schutzwürdige Bastionen geistiger Überlieferung. In der Antike erwarb sich, nach der Athener Bibliothek, die Bibliothek der griechischen Kolonie Alexandria einen ausgezeichneten Ruf als Zentrum hellenischer Gelehrsamkeit. Den wechselnden Machthabern Alexandrias war die im dritten vorchristlichen Jahrhundert gegründete, ihrer Handschriftensammlungen und Homer- und Hesiod-Ausgaben wegen von Schriftkundigen des Mittelmeerraums häufig aufgesuchte Bibliothek jedoch ein Dorn im Auge. Ein halbes Jahrhundert v.u.Z. entging sie nur knapp der Vernichtung durch ein vom römischen Eroberer Julius Caesar gelegtes Feuer. Erfolgreicher ging im 3. Jahrhundert u. Z. Ptolemäus VIII. zu Werke; was er bei seinem Zerstörungswerk übersehen hatte, vernichteten ein Jahrhundert später vom lokalen Patriarchen Theophilos aufgehetzte brandstiftende Christen.

An den verheerenden Brand der Bibliothek von Alexandria wird gern erinnert, wenn die Vernichtung von Bibliotheken und Büchern als Fall äußerster Kulturbarbarei gebrandmarkt werden soll. Die Ausplünderung der alten Bibliothek im belgischen Loewen durch die Deutschen im Ersten Weltkrieg, die Bücherverbrennung der Nazis 1933, die Bombardierung von Magazinen der British Library durch die deutsche Luftwaffe 1940, die Zerstörung der Bibliothek von Sarajevo durch die bosnisch-serbische Armee 1993, sie alle stehen als abschreckende Beispiele vor Augen. Plündernde kaiserlich-deutsche Armeen und bücherverbrennende Nazis gibt es zum Glück nicht mehr, und die bosnisch-serbischen Befehlshaber werden mit internationalem Haftbefehl gesucht. Freunde der Bücher und der Bibliotheken dürfen entsprechend aufatmen. Ist uns die Erhaltung der schriftlichen und gedruckten Überlieferung inzwischen nicht fast so heilig wie die Beachtung der Menschenrechte?

Vorsicht Vorsicht, warnt der US-amerikanische Schriftsteller und Bücherliebhaber Nicholson Baker. In den Hochburgen westlicher Zivilisation und Gelehrsamkeit, in den USA und in Großbritannien, lautet die Diagnose des im Bundesstaat Maine lebenden Romanautors und Reporters Baker, ist öffentlich unbemerkt ein schleichender Prozeß der Vernichtung von Büchern, Magazinen und Zeitungen im Gang. Seine jüngst bei Random House unter dem Titel Double fold. Libraries and the assault on paper (Random House, New York 2001, 370 S., 25,95$, deutsch: Doppelknick. Bibliotheken und der Angriff aufs Papier) erschiene Enquête mündet in einen Alarmruf: die Barbaren stehen nicht mehr vor den Türen der Bibliotheken, sie führen dort - in der Library of Congress, in der New Yorker Columbia University, in Harvard, sogar in der altehrwürdigen British Library - inzwischen selbst die Geschäfte.

Bücher-Guillotinen

Bakers Titel »double fold« bezieht sich auf einen simplen Test, mit dessen Hilfe in den genannten Bibliotheken ermittelt wird, ob ein älteres Buch aufbewahrt oder ausrangiert werden soll: zeigt das bedruckte Papier beim Hin- und Herfalten Ermüdungserscheinungen, wird es ohne Rücksicht auf den Inhalt aus dem Magazin genommen und entweder verramscht oder vernichtet. Gnädigerweise werden die Seiten der aussortierten Publikationen vor der Vernichtung vielleicht auf Mikrofilm aufgenommen oder in jüngster Zeit eingescannt. Wie auch immer die Qualität und Lesbarkeit der Reproduktionen dann ausfällt, Hauptsache ist, in den Regalen und Gebäuden wird Platz geschaffen und es fallen angesichts wachsender Buchproduktion keine Kosten für die Erweiterung der Bibliotheken oder die Anmietung zusätzlicher Räume an. Da Bücher oder gebundene Bände mit Zeitungen in jedem Fall zum Zweck des Verfilmens oder Scannens aus der Bindung gerissen werden - »guillotinieren« nennt der Autor den Vorgang -, entstehen so oder so nicht mehr benutzbare Bücherwracks. Da Kostenersparnis die oberste Devise der Bibliotheksverwaltungen ist, wird für das Neubinden der auseinandergerissenen Bände kein Geld mehr ausgegeben. Das Votum für die Mikroverfilmung, kann Nicholson Baker an vielen Beispielen zeigen, ist in aller Regel das Todesurteil über die bisher magazinierten Originalpublikationen.

Digitalschrott

Ein Skandal nur für Nostalgiker alter Bücher und Fetischisten der Aura vergilbten Papiers? Keineswegs, zeigt Bakers Untersuchung. Auch Liebhaber des bloßen Informationsgehalts werden betrogen. Mikrofilme oder Mikrofiches reproduzieren ihre Vorlagen technisch unzureichend, lassen Illustrationen, was bei Zeitungen und Magazinen ins Gewicht fällt, bis zur Unerkennbarkeit versuppen. Am Lesegerät kann sich ein Zeitungshistoriker so kaum ein Bild mehr machen vom Aussehen und Lay-out einer illustrierten Ausgabe etwa der New Yorker Zeitung World aus dem Jahr 1912. Die das Verfilmen allmählich ablösende Digitalisierung gleicht die Mängel der Verfilmung nicht aus, sondern fügt der Reproduktion gedruckter Vorlagen neue Handicaps hinzu. Die fürs Scannen zur Verfügung stehende OCR-Software kann zwar in modernen Standardschriften gesetzte Texte einigermaßen erkennen, versagt aber bei älteren Schrifttypen wie bei Fraktur und bei Zitaten, die in einer anderen als der eingegebenen Sprache gesetzt wurden. Philologischen Ansprüchen können auf diese Weise digital reproduzierte Texte vielfach nicht genügen. Um lesbar zu sein, müssten sie manuell nachgearbeitet werden, aber das würde eben das Geld kosten, das die Bibliotheks-Buchhalter durch Ausrangieren der Originale einsparen wollen, wenn die zum Korrigieren unabdingbaren Originale dann nicht bereits beim Teufel sind. Also lässt man es bleiben und archiviert, modern digital, statt Texten Textfragmente.

Bücherrettender Raketentreibstoff

Wer ist für den ganzen Wahnsinn verantwortlich? Die Entwicklung neuer Techniken der Reproduktion allein ist es nicht, meint Nicholson Baker, der in seinem Buch keinerlei antitechnischen Affekt bedient. Seine Kritik gilt den die Technik verwaltenden Gruppen und Individuen. Bei seinen Recherchen ist er einer im Hintergrund agierenden Lobby von Fanatikern der Mikroverfilmung auf die Spur gekommen, der es im Lauf der Zeit gelang, die Verantwortlichen der großen amerikanischen Bibliotheken von den Wohltaten der Mikro-Reproduktion von Druckwerken zu überzeugen und bei der US-Regierung Millionensubventionen für die entsprechenden Programme lockerzumachen. Parallel dazu setzte sie eine regelrechte Angstkampagne in Gang: wenn jetzt nicht gehandelt wird, lautet die Botschaft des von der Mikrofilmlobby in Auftrag gegebenen und anschließend weltweit verbreiteten Fernsehfilms Slow fire, werden Millionen älterer Bücher binnen kurzem »turning to dust« - »zu Staub zerfallen« - und der Menschheit wird unersetzbares Wissen verloren gehen. Vorausgegangen war die Entdeckung, dass das seit Mitte des 19. Jahrhunderts vorwiegend aus Holzzellulose und nicht mehr aus Textilfasern (einschließlich jener, die der Stoffumhüllung schiffsladungsweise aus Ägypten bezogener Mumien entstammten) hergestellte Papier einen Säuregehalt aufwies, der zu der Befürchtung Anlass gab, die den fraglichen Jahrgängen entstammenden Bücher würden von innen zerfressen.

Der Bücher- und Zeitungsfreund und auch Kenner der Papierchemie Baker leugnet zwar nicht, dass säurehaltiges Papier eine Gefahr für die Langlebigkeit von Büchern darstellen kann, stuft das Risiko aufgrund seiner Recherchen und eigener Erfahrungen aber bedeutend herunter. In seinem Besitz befindliche ältere Bücher, deren Papier einen verdächtig niedrigen, damit hohen Säuregehalt anzeigenden pH-Wert aufweist und entsprechend den alarmierenden Prognosen der Mikrofilm-Lobby bereits »zu Staub zerfallen« sein müsste, sind nach seinen Angaben immer noch in gutem, auch in Zukunft benutzbarem Zustand. Mit spürbarer Lust am Sarkasmus berichtet Baker von einem bei der NASA angestellten Versuch der Entsäuerung von Büchern mit Hilfe des Raketentreibstoffs Zink-Diäthyl, der kläglich in der Explosion des mit Büchern angefüllten Labors endete. »Leave the books alone, I say, leave them alone, leave them alone», lautet Nicholson Bakers nachvollziehbarer Aufschrei angesichts solch katastrophal verlaufener Unternehmungen zur angeblichen Rettung der Bücher.

Subventionierte Vernichtung

Unter den von Baker namhaft gemachten Vorreitern der unter der Devise »Büchererhaltung« ins Werk gesetzten und staatlich subventionierten Druckwerkvernichtung findet sich pikanterweise die Chefbibliothekarin der Columbia University, Patricia Battin, der Bill Clinton 1999 für ihre Verdienste um die Verbreitung der Büchertod-Hysterie die »National medal for the Humanities« verlieh. Unter der Ägide der Ausgezeichneten wurden bei Columbia massenweise Bücher und Zeitungssammlungen ausrangiert, nachdem sie zum Zweck der Mikroverfilmung »guillotiniert« worden waren, obgleich bereits eine Technik zur Verfügung stand, die es erlaubte, die Bände beim Verfilmen intakt zu lassen. »Der Drang, die Druckwerke aus dem Leim zu reißen«, folgert Baker, »war unabhängig von dem, was technologisch möglich war.« Ein heftiger Widersacher der Chefbibliothekarin Battin, der Melville-Herausgeber und Columbia-Professor für Bibliographie Thomas Tanselle, schrieb 1993 unter der Überschrift The Latest Forms of Book-Burning (Die jüngsten Formen von Bücherverbrennung): »In Zukunft wird unsere Zeit als ein Zeitalter der Büchervernichtung betrachtet werden.«

Das Fieber des Bücher-Guillotinierens, hat, berichtet Baker am Schluss seiner Recherchen, inzwischen den Atlantik überquert und in der British Library erste Verheerungen angerichtet. Bei dem einer Zeitungsmacherfamilie entstammenden Autor schrillten im Sommer 1999 die Alarmglocken, als er Wind davon bekam, dass Britanniens ehrwürdigste Bibliothek ihre einmalige, vom 19. Jahrhundert an aufgebaute Sammlung ausländischer Zeitungen zum Zweck der Platzgewinnung zu verhökern sich anschickte. Nachdem Appelle an die Bibliotheksleitung nichts nutzten, kratzte der freier Autor Baker alle im Familienkreis verfügbaren Dollars zusammen und kaufte dem amerikanischen Aufkäufer der Sammlungen The New York Times 1915-1958, viele Jahrgänge der Chicago Tribune und Joseph Pulitzers World ab. Bakers Hoffnung ist, das irgendeine, noch nicht vom Papiervernichtungsfuror erfaßte, Forschungsbibliothek sich eines Tages der in mehreren Schiffscontainern angelieferten und bei ihm in Maine lagernden Zeitungsbände annimmt.

Goethe-Bücher auf den Müll

Bibliotheken sind etwas sehr Schönes, nur eines stört darin: die Bücher - nach dieser in den USA bereits folgenreich umgesetzten Devise verfährt nun auch, in entsprechend verkleinertem Maßstab, Amerikas gelehrigster Schüler, die Bundesrepublik Deutschland. Ihr Kulturinstitut, das sich mit dem Namen Goethe schmückt, wurde von der für ihre außerordentliche Sensibilität in Sachen Kultur bekannten rotgrünen Regierungsmehrheit verdonnert, koste es was es wolle, Kosten einzusparen. Ganze Institute zu schließen, wie die in Neapel, Marseille, Vancouver, Rejkjavik reichte noch nicht, brachte auch manchen Ärger ein, also verfiel man in der Münchner Goethe-Zentrale auf die schlaue Idee, weniger auffällig die Bibliotheken der Auslandsinstitute zuzumachen. So wurde die Bibliotheken des Goetheinstituts in Amsterdam und San Francisco inzwischen abgeschafft und es wurden, zur Freude der rotgrünen Buchhalter, die dort freigewordenen Räume weitervermietet. Im August dieses Jahres erwischte es die Bibliothek des Instituts im kanadischen Montréal.

Die Münchner Goethe-Bürokraten schreckten nicht einmal vor dem Zynismus zurück, die kurz vor der Pensionierung stehende Bibliotheksleiterin Elisabeth Morf, die die Bibliothek seit 1966 aufgebaut und geleitet und sich daneben als Übersetzerin einen Namen gemacht hat (dank ihr gibt es eine französische Neuübersetzung von Lessings Nathan), ihre Regale eigenhändig ausräumen und Bücherkisten packen zu lassen. Die Bücher wurden dann den örtlichen Universitäten angeboten - was dort nicht gebraucht wurde, wanderte auf den Müll. Und dies alles geschieht unter dem wachsam-milden Auge des sozialdemokratischen Goethe-Präsidenten Hilmar Hoffmann, der lange Jahre der angeblich lektürefördernden deutschen »Stiftung Lesen« vorstand. Seit den Tagen des Spartakisten-Schlächters Gustav Noske sind deutsche Sozialdemokraten eben in der Kunst geschult, anstandslos jede auf dem Silberteller gereichte Kröte zu schlucken.

Somit vom Bücherballast befreit, dürfen die Goethe-Bibliotheksräume in Montréal und anderswo ihrer wahren modernen Bestimmung zugeführt werden, jener der »Kommunikation«. Ausgestattet mit Espressomaschine und einer Batterie Computer, soll ein »Begegnungszentrum« genanntes Cybercafé die Bücherei ersetzen. In Schwarzafrika oder in Zentralasien, wo privater Computerbesitz und Netzanschluss ein meist unerreichbarer Luxus ist, mag das einen Sinn machen; in einer nordamerikanischen Universitätsstadt, in der ohnehin alle Welt am Netz hängt, macht sich ein solches mit Monitoren drapiertes »Begegnungszentrum« nur lächerlich; niemand überquert seinetwegen die Straße. Frustriert werden hingegen neben DeutschstudentInnen ortsansässige Film- und Theaterleute von dannen ziehen, die gewohnt waren, in der klug sortierten Montréaler Goethe-Bibliothek die Originaltexte der Brecht- oder Frisch-Stücke oder Faßbinder-Drehbücher zu finden, die sie gerade interessieren.

Sich an Inhalten stoßen, wie es die bücherverbrennenden Nazis taten, die Jüdisches, Marxistisches, Demokratisches vernichten wollten, ist für die zeitgenössischen Bücherliquidierer ein längst überwundener Atavismus. Inhalte sind ihnen gleichgültig. Das Papier muß weg, säurehaltig oder nicht, egal womit bedruckt, das ist alles. Amerikanische Bibliotheken und deutsche Goethe-Institute kennen elegantere Methoden als das Anzünden von Büchereien. Es genügt, eine Meute sparsüchtiger Analcharaktere von der Leine zu lassen, die dann Störendes wie Bücher zufrieden knurrend wegbeißen.

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00:00 14.09.2001

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