Das Paradies der Massen

Terra Incognita Christoph Moeskes´ Sammelband "Nordkorea. Einblicke in ein rätselhaftes Land"

Zu DDR-Zeiten gab es mehr nordkoreanische als nordamerikanische Studenten an den Universitäten von Berlin, Dresden oder Leipzig. Sie trugen einheitliche Anzüge mit Kim-Il-Sung-Abzeichen am Revers, waren fleißig und redeten wenig über Privates. In den Berliner Studentenwohnheimen zog der scharfe Kohlgeruch ihres Nationalgerichtes Kimchi durch die Hausflure. Als die Wende kam, mussten sie über Nacht die Koffer packen. Ihre deutschen Kommilitonen haben nie wieder etwas von ihnen gehört. Sie wurden hinter den eisernen Vorhang zurückbefohlen, hinter dem sich seither nur noch ein Land befindet: Nordkorea, streng abgeschottet vom Rest der Welt. Für Touristen ist es einfacher, zur Antarktis als nach Nordkorea zu kommen, und es ist auch billiger.

Christoph Moeskes, ein 1971 geborener und im Westen aufgewachsener Journalist, versucht in dem von ihm herausgegebenen Buch Nordkorea. Einblicke in ein rätselhaftes Land, Ansichten über Nordkorea zu einem Kaleidoskop jenseits der Schreckensszenarien vom "Schurkenstaat" auf der "Achse des Bösen" zu vereinigen. Die da von ihren Reisen berichten, sind Journalisten, Touristen, Künstler, Dolmetscher, Physiker, Entwicklungshelfer, Abenteurer, DDR-Experten, Botschaftsangehörige, ein CSU-Bundestagsabgeordneter; aber auch ein ehemaliger Insasse eines Straflagers kommt zu Wort.

Nordkorea scheint aus der Zeit gefallen und vielleicht gerade deswegen geht ein eigentümlicher Reiz von dem Land mit seiner seltsamen Atmosphäre aus, der auch noch bleibt, wenn man längst wieder zu Hause ist oder sich den bizarr anmutenden Schaukasten an der nordkoreanischen Botschaft in der Berliner Glinkastraße anschaut. Es gibt keine Popmusik, keine Kneipen, Mobiltelefone oder Diskotheken. Das Verruchteste sind Spielcasinos, mit denen der Staat seine Devisen vermehrt, und im Telefonbuch des Hotels steht noch die Vorwahl der DDR.

Wer aus westlichen Ländern nach Nordkorea reist, hat sich kundig gemacht über den Stand der internationalen Verhandlungen über das Nuklearprogramm, weiß um das Ernährungsproblem, Stromsperren, Straflager und den Kult um den Großen Führer Kim Il Sung, der nach seinem Tod von seinem Sohn Kim Jong Il, dem Geliebten Führer, in der Regentschaft beerbt wurde. Jeder, der das Land, ob nun als Tourist oder als Entwicklungshelfer, besucht, wird erst einmal mit dem Mythos um diese sozialistische Erbfolge vertraut gemacht. Will man dem Datum trauen, wurde Kim Il Sung am 15. April 1912 in einem Dorf bei Pjöngjang geboren. Am selben Tag ging die Titanic unter. Zwei Ereignisse der Weltgeschichte, von dem eins, zumindestens für Nordkorea, eine neue Zeitrechnung bedeutete. Sie heißt Juche, ist zugleich Staatsideologie, die Elemente des Marxismus-Leninismus, Nationalismus, Konfuzianismus und Christlicher Heilserwartung vereint und hat nichts mit dem deutschen Jubelruf Juche! zu tun, obwohl es bei dem koreanischen Juche nicht an Begeisterung mangelt. Die ist Pflicht. Da nach koreanischer Zählung die Geburt schon das erste Jahr vollendet, ist Korea also im 94. Juche nach Kim Il Sungs Geburt. Mit dem Geliebten Führer ist die Sache schon schwieriger. Er wurde 1941 im Exil in der Sowjetunion geboren. Da diese Entfernung von der Heimaterde aber dem Mythos abträglich ist, hat man Geburtsdatum und -ort kurzerhand geändert. Um ein Jahr verjüngt, wurde er offiziell in einem Revolutionscamp am von den Koreanern verehrten Berg Paektu geboren.

Ausnahmslos jeder Besucher der im Koreakrieg 1950-1953 nahezu vollständig zerstörten und danach großzügig wiederaufgebauten Hauptstadt Pjöngjang muss sich zuerst einer Initiation unterziehen, indem er zur 20 Meter hohen Bronzestatue Kim Il Sungs schreitet, Blumen niederlegt und sich verbeugt. Privilegierte dürfen das Mausoleum mit dem zum Ewigen Präsidenten balsamierten Kim Il Sung besuchen, zu dem man über kilometerlange Laufbänder gelangt. In jeder Stadt steht eine Plastik auf dem Hauptplatz, in öffentlichen Gebäuden und in den Wohnungen hängen Porträts beider Führer, die regelmäßig gereinigt werden müssen. In Schulen, Betrieben und Kasernen gibt es besondere Räume, in denen die Werke der Führer studiert werden dürfen. Nach offiziellen Angaben haben sie zusammen 10.800 Bücher geschrieben und es hat keinen Zweck, das Gegenteil beweisen zu wollen, wie es einer der Reisenden versucht hat.

Die Abschottung, so erfährt man, ist kein Phänomen der Gegenwart, sondern konfuzianische Tradition. Korea galt jahrhundertelang als "Einsiedlerreich", das jede Öffnung in seiner Geschichte mit Abhängigkeit bezahlt hat.

Bis auf wenige Ausnahmen beschreiben alle Autoren den streng reglementierten Zugang zur Wirklichkeit. Spontane Kontakte zur Bevölkerung sind nicht gestattet, die Bewegungsfreiheit scheitert meist an den Führern, die die Gäste auf Schritt und Tritt begleiten. Der jungen Koreanistin Birke Dockhorn, die die Landessprache versteht, gelingt es für kurze Zeit, ihren Begleiter abzuschütteln und auf eigene Faust mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch Pjöngjang zu fahren. Sie wird enttäuscht. Die Leute begegnen ihr feindselig oder verschlossen. "Weil mir soviel vorenthalten wird, suche ich um jeden Preis nach Wahrheiten jenseits der Kulisse, die ich letztendlich doch nicht finde ... Ich habe nicht das Gefühl, daß ich wirklich hinter die Fassade schauen konnte. Gibt es so etwas wie ein normales Leben - und wie sieht es aus?" So geht es vielen Reisenden, selbst Diplomaten wie Peter Schaller: "Ich weiß nicht, wie die Menschen in Nordkorea denken", notiert er fast resigniert. Und der Journalist Dirk Brauns schließt seinen Beitrag mit dem Satz: "Ich war in Nordkorea. Begriffen habe ich nichts."

Die 27 Reiseberichte werden nur durch ihren Gegenstand zusammengehalten, zu unterschiedlich sind sie in der Qualität. Nicht jeder der Autoren kann schreiben. Seltsam mutet der Reisebericht von Anne-Katrein Becker über die 13. Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1989 in Pjöngjang an, der diesen typisch ostdeutschen optimistischen Ton der DDR-Journalistin nicht leugnen kann, auch wenn nachträglich redigiert wurde. Andere, wie Helga Picht, Dolmetscherin und Koreanistikprofessorin der Humboldt-Universität, die schon 1955 das erste Mal hier war oder der Vater der Fernsehjournalistin Britta-Susann Lübke, der 1956 als Wasserbauingenieur am Aufbau des Landes mitgewirkt hatte, vermitteln gerade dadurch, dass sie vor vielen Jahrzehnten das Land besuchten, eine zeitliche Tiefe, die deutlich macht, wie groß die Aufbauleistung der Nordkoreaner war. Hinter der Betonfassade von Führerkult und Indoktrination vermitteln die Aufsätze derer, die Nordkorea öfters besuchen, schleichende Veränderungen hin zur vorsichtigen Öffnung des Landes. Private Bauernmärkte beleben das Bild, nach der Hungersnot der neunziger Jahre ist es wieder erlaubt, Gemüse anzubauen und Tiere zu halten, auch Fahrräder sind wieder zugelassen.

Gehungert hat keiner der Reisenden, im Gegenteil: "Das koreanische Essen im Hotel und in den anderen Restaurants war köstlich und reichlich, so daß ich ein wenig zunahm", schreibt der Experimentalphysiker Gerd G. Harigel, und die Schwedin Sophia Malmquist verrät, wo man in Pjöngjang luxuriös essen geht. Das klingt mehr als flapsig, wenn man danach den Bericht aus dem Straflager von Kang Chol Hwan oder den Aufsatz von Hans Stehling über die Verteilung der deutschen Rindfleischlieferungen liest.

Hochkomisch dagegen ist der Text von Johannes Schönherr über die Filmindustrie Nordkoreas und den Monsterfilmfan Kim Jong Il, der eine nordkoreanische Variante von Godzilla drehen ließ, deren Hauptdarsteller aber bei erstbester Gelegenheit aus dem Land flohen. Man erfährt, wie man in Pjöngjang einen Führerschein macht oder einen Tierarzt findet, der Katzen und Hunde heilt und nicht nach ihrem Nutzwert bemisst.

Die meisten verlassen das Land mit einem zwiespältigen Gefühl. "Ich habe die Atmosphäre als tragisch, traurig, beklemmend empfunden. Ein Gefühl, das auch in Deutschland nicht so schnell verschwand. Die heroische Beschallung Nordkoreas, die omnipräsente Gefühlsdisposition im Paradies der Massen, fehlte mir wochenlang", schreibt der Dokumentarfilmer Bernd Girrbach. Das überträgt sich auf den Leser. Das Buch ist alles andere als ein beschönigender Hochglanzreiseführer und deshalb nicht nur jenen zu empfehlen, die vorhaben, demnächst in das Land zu fahren.

Christoph Moeskes (Hg.): Nordkorea. Einblicke in ein rätselhaftes Land. Christoph Links, Berlin 2004, 256 S., 15,90 EUR


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00:00 21.10.2005

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