Das pfiffgeschwinde Murmeltier

Alltag Über den Beitrag Beethovens zur deutsch-russischen Völkerverständigung

Die vielen Jahre, die ich nun in Russland arbeite, haben mich von einigen Vorurteilen befreit, andere Vorstellungen dagegen wurden zu Gewissheiten. Beispielsweise stimmt es, dass Russen gerne singen. Ich sage nun ganz bewusst "die Russen", weil ich von fahrlässigen bis groben Verallgemeinerungen sprechen will und von Zuschreibungen, die der harten Einzelfallprüfung wahrscheinlich sogar standhalten würden.

Es wird also gerne gesungen. Der ausländische Gast, der deutsche zumal, kann da nicht mithalten. Wer unter 60 Jahren würde schon ohne Erröten Kein schöner Land oder ähnliches deutsches Volksliedgut in Russland zum Besten geben? Denjenigen, die früher mal Reinhard Mey oder, je nach politischem Geschmack und Systemherkunft, Hannes Wader oder Wolf Biermann auswendig konnten, fehlt in der Regel die Begabung. Und Hausmusikabende, an denen das Kunstlied gepflegt wird, sind aus der Mode gekommen. Der Gast kennt mal ein paar Verse, mal die Melodie, es wird verlegen etwas mitgesummt - kurz, zur Ausführung reicht es nie.

Daher konnte ich auch nur bedauernd den Kopf schütteln, als ich zum ersten Mal gefragt wurde, ob ich nicht das Lied vom Murmeltier mitsingen könnte. "Was, wieso nicht?" wurde nachgefragt, Irritation in der Stimme, ja leichte Empörung: "Das ist doch von Beethoven!"

Ich will nicht verschweigen, dass ich da gelacht habe und rundweg die Existenz eines Murmeltierliedes von Beethoven abstritt. Doch da blieben mir die Gastgeber den Beweis nicht schuldig, und seitdem kenne ich die getragene Melodie und die Geschichte vom Wanderer, der verschiedene Länder bereist, und dies offenbar in Begleitung eines Murmeltiers. Der Refrain lautet nämlich: "I moj vsegda, i moj vezde, i moj surok so mnoju", was auf Deutsch in etwa bedeutet: "Und immer und überall (sind) wir - mein Murmeltier und ich."

Im Laufe der Jahre wiederholte sich diese Szene immer wieder, so dass ich eine gewisse Übung in der Rechtfertigung meiner Unkenntnis erlangte: Routinierte, durch nichts zu begründende Anzweiflung der Urheberschaft Beethovens an der Melodie, stirnrunzelndes In-Erwägung-Ziehen, dass es sich bei dem Text - wenn auch wenig wahrscheinlich - um ein "deutsches" Volkslied handeln könne, sofern die Sozialfigur des Wanderers berücksichtigt werde. Aber das Murmeltier? So sehr tief ich mich auch in die Personage volkstümlicher deutscher Weisen hinein versenkte, meine Assoziationen blieben konventionell. Was konnte ich mir schon vorstellen? Einen Hund als Begleiter oder - wahrlich sehr deutsch! - ein Äffchen auf der Schulter eines Leierkastenmannes, von dem abgesehen der deutsche Wanderer viel allein unterwegs zu sein scheint: "Ich ging im Walde so für mich hin", und dann natürlich das Urlied aller einsamen Wanderer: "Hänschen klein, ging allein, in die weite Welt hinein..."

Wie unschwer zu bemerken, hat mich das Thema irgendwann doch wirklich gepackt. Vom Volkslied wanderten meine Gedanken zum Volksmärchen, in denen tatsächlich sehr viele Menschen mit Tieren unterwegs sind. Zum Beispiel Brüderlein und Schwesterlein, oder Hans im Glück, der ja einen ganzen Zoo mit sich schleppt - aber nein, aber nein, nirgends ein Murmeltier. Warum kein Murmeltier?

Ohne es zu wollen, formulierte ich dabei an der Frage, welche ursächliche, identifikatorische, typische Verbindung zwischen einer Nation und einem Tier besteht. Darf man sagen, das Murmeltier sei kein typisch deutsches Tier, obwohl es in den deutschen Alpen leben mag? Und wenn es dort nicht leben sollte, dürfte es in einem deutschen Volkslied nicht dennoch besungen werden?

An diesem Punkte wurden mir einschlägige Diskussionen immer zu heikel, und ansonsten dachte ich so wenig wie möglich an Murmeltiere, was mir in meinem russischen Alltag meistens recht gut gelingt. Bis mir eines Tages ein Freund, der sich schon mehrere Male an meinen gewundenen Argumentationen zur Murmeltierfrage ergötzt hatte, ein schmales Büchlein in die Hand drückte.

Darin beschreibt der Literaturwissenschaftler Lev Rubinstejn, wie sehr es ihn immer irritierte, dass Russlandreisende aus Deutschland das berühmte Beethoven-Lied vom Murmeltier nicht kennen. Obwohl jeder in Russland wisse, dass dies ein deutsches Volkslied sei. Und als ihn einmal eine Reise nach Deutschland führte, beschloss er, auch seiner Übersetzerin diese Frage vorzulegen. Nur um sogleich die übliche Antwort zu erhalten: Nein, das sei kein deutsches Volkslied, und Beethoven - aha!, undsoweiter.

Wie man gut nachvollziehen kann, war das Thema damit jedoch nicht abgetan. Die Leute fingen an, sich Gedanken zu machen, und so kam es, dass ein befreundeter Übersetzer aus dem Französischen, dem das Lied auch vorgetragen wurde, für eine sehr überraschende Wendung im Deutungsstreit sorgen konnte. Das Lied kenne er mit französischem Text, und zwar lautete da der Refrain: "avec la marmotte, si avec la marmotte". Ein kurzes Nachschlagen im Wörterbuch ergab: "marmotte" - 1. Murmeltier, 2. Reisetasche. So, so - Reisetasche also.

Eigentlich schade, denn die Vorstellung, dass der Wanderer mit einem pelzigen Murmeltier unterm Arm seines Weges ging und nicht nur mit einer Reisetasche, war, jetzt im Nachhinein, doch viel possierlicher.

Hier könnte die Geschichte enden, wenn sie als Aufklärung gedacht wäre. Ich konnte jedoch nie feststellen, dass es der Sangesfreude Abbruch getan hätte, wenn ich in einer Runde vom Rechercheergebnis des Literaturwissenschaftlers Rubinstejn erzählte. Im Gegenteil, mir schien, es wurde nur noch etwas lauter und entschlossener gesungen. Der Wanderer und sein Murmeltier, die so viel gemeinsam erleben und am Schluss prosperieren ("Und jetzt bin ich satt, und jetzt bin ich froh - und mein Murmeltier mit mir"), gehören in Russland zusammen, und zwar als deutsches Paar. Das konnte ich vor einigen Monaten erneut feststellen, als mir besagter Freund, der neben seiner aufreibenden Arbeit als Direktor eines sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts offenbar sehr aufmerksam die Murmeltierlied-Forschung betreibt, einen Artikel aus der Izvestija in die Hand drückte.

In diesem Artikel ist die Rede von der Bedeutung totemistischer Tiere auf Länderwappen. Es geht also um die auch hier bereits andiskutierte Frage, welcher Art die innere Verbindung zwischen einer Nation und einem Tier ist und wie diese erforscht werden kann. Der Autor erinnert an die Zeit nach dem Ende der Sowjetunion, als für die neue Russische Föderation ein passendes Emblem gesucht wurde. Zur Diskussion stand 1992 das Problem, ob dem doppelköpfigen Adler ein weiteres, das große Russland symbolisierende Tier beigegeben werden solle. Während für die meisten, wenn überhaupt, dafür nur der Bär in Frage kam, machte sich eine kleine Splittergruppe Abgeordneter für das Murmeltier stark, indem sie auf das berühmte "Totemlied von Beethoven" verwiesen, das in Russland jedes Kind kenne. Der Zugang zum Herzen der Untertanen schien somit automatisch gegeben.

Abgesehen davon, dass diese Aneignung einer deutschen Volksliedsymbolik nicht so ganz ohne gewesen wäre, wissen wir heute, dass diese Eingabe seinerzeit nicht berücksichtigt wurde. Das Murmeltier hat bis heute, trotz seiner Beliebtheit, keinen Eingang in die russische Nationalsymbolik gefunden.

Wir dürfen annehmen, dass die Parlamentarier, die sich in der Sturm- und Drang-Zeit der postsowjetischen Reformen mit dem Vorstoß vorwagten, das Murmeltier unter die Füße des russischen Adlers zu platzieren, nichts von der Enthüllung des Literaturwissenschaftlers Rubinstejn wussten. Wir können uns aber gut die Wirkung vorstellen, wenn heute, nachdem nicht wenige der ehemaligen Reformer als Kleptokraten enttarnt wurden, Pelztier und Adler vereint die Flagge zieren und die Fehlinterpretation bekannt würde. Vor unserem geistigen Auge säße da kein niedliches Murmeltier, sondern läge da eine Tasche, bereit, in den Klauen des Adlers fortgetragen zu werden, als Totem des neuen Russland, insbesondere seiner aufstrebenden und auf wundersame Weise zu sagenhaftem Reichtum gekommenen obersten Klasse. Die letzte Strophe lautete dann nämlich: "Und jetzt bin ich satt, und jetzt bin ich froh - ich und meine Reisetasche."

Derartige politisierte Assoziationen sind mir jedoch nicht besonders nah, wenn ich an das Lied denke, was, wie ich zugeben muss, hin und wieder vorkommt. Und, seltsamerweise: auch denjenigen, denen ich in Deutschland bisher von diesem Lied erzählt habe, gefällt die Verschlungenheit der Zuordnungen, der Gedanke an ein deutsches Murmeltier, das in Russland zu Ehren kam. Einem Freund, Musikwissenschaftler und der Murmeltier-Frage, wie sich herausstellte, aufgeschlossen, sollte ich das Lied schließlich vortragen. Leider konnte ich ihm damit nicht dienen, denn außerhalb Russlands vergesse ich stets die Melodie, und bei einem der vergeblichen Versuche landete ich bei Geh aus mein Herz und suche Freud. Warum sich mein Unbewusstes auf ein Kirchenlied stürzte, kann ich nicht sagen, auf die Spur führten vielleicht die "hochbegabte Nachtigall" und die "unverdross´ne Bienenschar", die da besungen werden, was meinen Freund wiederum zu der sehr schönen Wortverbindung "das pfiffgeschwinde Murmeltier" animierte.

Zur Melodie von "Geh aus mein Herz..." ließe sich beispielsweise singen:

"Das pfiffgeschwinde Murmeltier,

grüßt heute da und morgen hier auf seiner weiten Reise."

Undsoweiter. Das brachte mich zu der Überlegung, dass die ganze Chose mit Beethoven und der Melodie letztlich doch stimmen könnte. Und so war es dann auch. Eine Freundin, der ich in schlafloser Nacht die Geschichte am Telefon erzählte, recherchierte im Internet. Ergebnis: Das Lied ist nicht nur von Beethoven (op.52 no.7), sondern sein Text ist von Goethe!

"Ich komme schon durch manches Land, Avecque la marmotte,

Und immer was zu Essen fand,

Avecque la marmotte."

Das Ganze stammt aus Jahrmarktsfest auf Plundersweilern. Wer hätte das gedacht? Offen bleibt jetzt nur: meint der Autor mit "marmotte" - die Reisetasche oder das Murmeltier?

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 19.10.2001

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare