Max Dax
18.01.2010 | 15:15 7

Das popliterarische Zwölfeck

Platten In der letzten Ausgabe des Freitag kritisierte Johnny Haeusler die neue Form der Plattenkritik in der Zeitschrift "Spex". Eine Antwort von Chefredakteur Max Dax

Seit es den Begriff der 'Popkultur' gibt, gehörten Plattenkritiken zur Meinungsbildung, und nicht zuletzt die Spex erfand in den Achtzigern eine neue 'Sprache', ein neues 'Deutsch', in welchem seitdem hierzulande und längst auch in allen Feuilletons über Popmusik diskutiert wird. Dass Johnny Haeusler diese neue Sprache als "Akademikergewichse" und ihre Autoren als "frustrierte Germanistik-Studenten" bezeichnet und damit en passant hunderte Autoren in einen Topf wirft, ist seine persönliche Meinung, und die spricht Bände – aber darum soll es in dieser Replik nicht gehen.

Denn die Zeiten haben sich geändert, und mit ihnen die Paradigmen. Noch bis vor wenigen Jahren war die Musikzeitschrift an sich ein wesentlicher Filter, um ihren Lesern mitzuteilen, was es an neuen Veröffentlichungen und Trends auf der Welt so gab – und die Plattenkritik war das dafür gültige Format. Doch das Internet ist heute schneller, ob man es wahrhaben will oder nicht. Vor allem aber kann sich im Internet heute jeder schnell einen eigenen Eindruck verschaffen – nämlich, ob einem Musik 'gefällt' oder eben 'nicht gefällt'.

Doch wer sich Musik nur noch nach Geschmackskriterien nähert – oder sich wie Johnny Haeusler tanzende Autoren wünscht –, verpasst am Ende das Interessanteste: die Kontextualisierung und den Diskurs, der sich von relevanten Veröffentlichungen stets ableiten lässt. Die Plattenkritik in Spex ähnelt heute dem Format des 'literarischen Quartetts', nur dass sich wesentlich mehr an ihm beteiligen: Ein gutes Dutzend Autoren und Redakteure legen ihr gesammeltes diskursives Wissen über Musik und deren Begleitumstände auf den Tisch. Sie ergänzen sich, streiten und korrigieren sich – und in einigen Fällen entdecken mehrere Autoren zugleich eine neue Lieblingsplatte.

Vielstimmigkeit der Argumente

Mir will scheinen, als misstraue Johnny Haeusler der Urteilskraft der Leser. Es ist eine ganz und gar autarke Position, als Leser den teils gegeneinander ringenden Argumenten der Autoren zu folgen und die Größe, die Strahlkraft, das kontroverse Potenzial einer Veröffentlichung im Prisma der Positionen zu erkennen. Dass die Plattenbesprechungen in Spex seit der Einführung des neuen Textformats fast durchweg spürbar kritischer ausfallen als zuvor, hat zwei einfache Gründe: Zum einen kann sich kein Autor mehr auf 'seine Lieblingsband' stürzen, zu der er ein gewachsenes, gehegtes und von übermäßigem Respekt geprägtes Verhältnis pflegt – leider war dies ein Phänomen, das aus vielen Kritiken in allen Zeitschriften und Feuilletons herauszulesen war.

Zum anderen treten sprachliche Eitelkeiten und bloße Geschmacksäußerungen in dem neuen Format deutlich in den Hintergrund – so deutlich, dass sich der Leser nach der Lektüre der Argumente nicht selten auf seine Urteilskraft verlassen muss. Aber warum auch nicht? Nichts spricht gegen das eigene Urteil, wenn man eine Grundlage dafür hat.

Was bleibt, ist eine Vielstimmigkeit der Argumente, nicht der Meinungen. Das 'Pop Briefing', wie wir bei Spex den Neustart der Plattenkritik jetzt nennen, lädt den Leser mehr als je zuvor zur Beschäftigung mit Musik ein, von der er oder sie zuvor noch gar nichts gelesen, geschweige denn gehört hatte. Wir Autoren – alle Autoren, nicht nur die der Spex – nähern uns der Musik mit Leidenschaft, weshalb wir immer wieder auch darum kämpfen, tollen Newcomern oder großartigen unbekannten Künstlern Raum zu verschaffen. Und wir freuen uns stets, wenn unsere Bemühungen auch zur Kenntnis genommen werden. Die Chancen hierfür stehen seit der Abschaffung der liebgewonnenen, aber eben auch überholten Plattenkritik, deutlich höher als zuvor.

Max Dax (geb. 1969) ist seit 2007 Chefredakteur der . Er schreibt auch für den "Freitag", zuletzt hat er für uns ein Interview mit Claude Lanzmann geführt.

Kommentare (7)

wahr 18.01.2010 | 17:31

Wenn denn das Album-Format als Kulturprodukt überholt ist, warum dann eigens ein neues Rezeptionsformat dafür erfinden? Warum dann nicht gleich weglassen? Stattdessen werden nun in der Print-Spex angedaute Statements in die Runde geworfen, die es sich dann in der Meinungsvielfalt der Autoren kuschelig machen dürfen, denn sie haben ja nur den Stellenwert einer Meinung unter vielen. Nichts gegen die Öffentlichmachung von Meinungsfindungsprozessen, aber die sind doch nun gerade im Internet viel besser aufgehoben als im Print-Magazin, weil im Netz direkt in den Prozess eingegriffen werden kann - und zwar vom Leser und vom Autoren. Oder fürchtet ihr dann um eure Deutungshoheit als Autorenteam? Print eignet sich dagegen meiner Ansicht nach besser für die Kommunizierung einer Position – die dann streitbar im Netz diskutiert werden könnte. Wenn also die Redaktion/der Autor ihre/seine Position in Print klarmachen würde und der Diskussions-Prozess im Netz führen würde, wäre den Möglichkeiten und Vorteilen der unterschiedlichen Medien viel besser Rechnung getragen. Aber ihr wollt ja den Leser „briefen“, da ist von vorneherein die Hierarchie schon festgelegt. Ich kann mich auch noch gut daran erinnern, dass sich die Berliner Redaktion im damaligen Spex-Forum (mittlerweile abgeschafft) kein einziges Mal blicken ließ (Ausnahme Online-Redakteur Walter Wacht). Von offener Diskussion war zumindest dort nichts zu spüren.

Dass das Gelab..., äh, dass die Besprechungen jetzt kritscher ausfallen, ist allerdings etwas ganz Positives.

Ulrich Voss 18.01.2010 | 19:48

Die Idee von Spex finde ich im Prinzip gut. Eine reine Beschreibung der Musik haben die eh noch nie gemacht, was mich früher auch nervte. Das gab dann doch einige Fehlkäufe. Heute ist das aber kein Problem mehr, weil man sich überall Stücke anhören kann. Daher kann ich noch viel besser damit leben, dass die eine Platte nicht in den Himmel jubeln (oder verreißen), sondern zwei oder drei Leute die Platte diskutieren lassen. Ich fand das kultivierte Quartett auf 1live auch immer ein schönes Format.

Ich muss aber gestehen, dass die neue Spex zwar schon auf dem Schlafzimmertisch liegt, aber noch nicht gelesen wurde. Vielleicht stellt sich die Idee in der Praxis ja auch als Flop heraus ... (Das kultivierte Quartett war oft auch eins ...)

spellbound 20.01.2010 | 11:02

Mann mann, ich wundere mich echt! Ich lese die Spex inzwischen wieder gerne. Nachdem ich mehrere Jahre ausgesetzt hatte weil das alles nur noch langweilig und so gar nicht meine Musik war, habe ich irgendwann den Redaktionswechsel bemerkt. Max Dax macht das alles sehr gut und ich bin seit mehr als zwei Jahren wieder Abonennt. Nicht nur das: Ich freue mich über jede neue Ausgabe in meinem Kasten. Die aktuelle Ausgabe habe ich als Abonennt natürlich auch vor den Kiosken bekommen. Ich habe das Editorial gelesen, zur Kenntnis genommen, mir die Plattenkritiken angesehen und gedacht: Ja, super Idee! Genau wie Max Dax im Editorial schreibt, habe ich vorher bestimmte Kritiken gar nicht erst gelesen. Mich über andere, einseitige geärgert. Und war bei noch anderen hinterher nicht schlauer als vorher und wusste oft nicht mal, ob die Platte nun vom Rezensenten empfohlen wurde oder nicht. Jetzt dagegen habe ich in viel mehr Rezensionen reingelesen und fand die Meinungsvielfalt super! So soll das sein, das gefällt mir besser. Umso überraschter war ich, als ich in der FAS einen Artikel von Diedrich Diederichsen zu dem Thema las. Was will der denn schon wieder? dachte ich. Und der Artikel war wie die alten Spex mal wieder so, dass ich mein Abo sofort gekündigt hätte. Tja, und jetzt stelle ich heute fest, dass das ganze auch hier, auf freitag.de, ein Thema ist. Das wundert mich doch sehr - hat die Spex tatsächlich noch soviel Bedeutung? Muss ja. War mir nicht bewusst. Schön! Aber mal ehrlich: Ist das jetzt ein Weltuntergang? Ist die Plattenkritik in der alten Form ein Grundrecht? Schließt Johnny Häusler mich mit ein, wenn er schreibt: "Was haben wir sie geliebt!"? Oder meint er mit "wir" nur "ich"? Ich habe sie nicht geliebt, ich habe sie mehr oder weniger gehasst. Danke Max, für das neue Format. Ich find's super! Und macht weiter so.

johnny 20.01.2010 | 12:02

Hallo Herr Dax,

vielen Dank für die Replik (hatte mich schon gefragt: Was sagt der Dax dazu?)! Meine Zeilen auf die paar Stänkereien zu beschränken halte ich jedoch für etwas irreführend.

Ich vertraue der Urteilskraft der SPEX-Leser/innen ebenso viel oder wenig wie der von Musikjournalisten und den Pop-Diskurs mag ich sehr, habe mich aber im Artikel gefragt, warum dieser, wenn es denn nun schon eine Gesprächsrunde sein soll, nicht ins Netz verlegt wird, um eine tatsächliche "Vielstimmigkeit der Argumente" zu haben – man könnte also die Frage zurückgeben: Vertrauen Sie Ihren Lesern nicht?

Ähnlich wie "wahr" in einem vorhergehenden Kommentar hier vermute ich, dass es eben doch um eine gewisse Deutungshoheit geht. Diesen Anspruch fänd ich überhaupt nicht verwerflich, würde dabei aber die Position des Einzelnen immer noch vorziehen, um dann den Diskurs anschließen zu lassen.

Eine weitere Kritik galt der meiner Meinung nach besonders im Vergleich zu den britischen Kollegen fehlenden Leidenschaft und der von mir verspürten kompletten Verkopfung der Beschäfigung mit Popkultur, hier befürchte ich nach der ersten "neuen" Ausgabe eine Steigerung durch den Redaktionsdiskurs – aber das geht vielleicht, wie man am Kommentar von "spellbound" sieht, nur mir so.

Lassen Sie mich zuletzt noch anmerken, dass ich größten Respekt vor Ihrer Arbeit habe und Neuerungen oder neue Herangehensweisen an die eigene Arbeit immer schätze. In diesem Fall hat mich die Argumentation einfach nicht überzeugt, und das tut sie ehrlich gesagt noch immer nicht.

Aber: Es geht ja gerade erst los. Warten wir also ab, ob ich meine Meinung in ein paar Monaten revidieren muss, weil das Vorhaben ungeahnte neue Aspekte ins Spiel bringt, oder ob die auch von mir als wichtig empfundene Kontextualisierung in der Redaktionsdebatte tatsächlich flöten geht, wie von mir bisher befürchtet.

In jedem Fall hat Ihr Schritt eine kleine Debatte über die Auseinandersetzung mit Popkultur angestoßen und das kann ja nichts schlechtes sein.

Beste Grüße und viel Erfolg!

(Liebe Freitag-Redaktion, könntet ihr irgendwann mal bitte "Haeusler" schreiben, mit "ae"? Ist nicht so wichtig, wäre aber nett. Danke!)

spellbound 20.01.2010 | 12:26

Ich frage mich bei solchen Themen auch immer: Was wäre wenn es umgekehrt gelaufen wäre? Wenn die Spex seit Jahren Platten im Diskurs vorgestellt hätte und ab heute plötzlich die Plattenkritik so einführen würde, dass nur noch ein Kritiker was zu der Platte schreibt. Ein Aufschrei würde durch die Feuilletons gehen ;-)

Nichts für ungut, aber ehrlich gesagt glaube ich, dass Johnny Haeusler dann auch geschrieben hätte.