Das populistische Medium

Algorithmen Plattformen wie YouTube die Schuld am Zustand der Gesellschaft zu geben greift zu kurz. Wir müssen aber über ihre Rolle als Verstärker sprechen
Das populistische Medium
YouTube ist ein großes Glück für Rechtsextreme und Verschwörungstheoretiker

Foto: Lionel Bonaventure/AFP/Getty Images

Am 14. Dezember 2012 betrat ein junger Mann die Grundschule Sandy Hook in Conneticut und begann um sich zu schießen. Er ermordete 28 Menschen, darunter 20 Kinder. Es war einer der schlimmsten Amokläufe der amerikanischen Geschichte. Oder vielleicht doch nicht? Was, wenn es sich bloß um eine Inszenierung handelte, ein schäbiges Schauspiel, das die Regierung aufführte, um eine totale Überwachung und Diktatur zu rechtfertigen? Was, wenn die Kinder von Sandy Hook nur Schauspieler und ihre angeblichen Eltern von der Regierung bezahlte Lügner waren?

Genau das erzählte Alex Jones jahrelang auf YouTube seinen hunderttausenden Zuschauern. Jones ist der vielleicht berühmteste Verschwörungstheoretiker der Welt. Auf YouTube baute er sich ein Medienimperium mit Millionenumsatz auf, 2016 trat sogar Donald Trump in seiner Show auf. Erst letzten August wurde Jones von YouTube verbannt – nachdem er ein Gerichtsverfahren gegen die Eltern der in Sandy Hook ermordeten Kinder verloren hatte. Sie waren jahrelang von seinen Anhängern bedrängt und bedroht worden, weil diese sie für bezahlte Agenten der „Verschwörung“ hielten.

Jones ist nur ein prominentes Beispiel unter vielen. YouTube ist mit 1,5 Milliarden Usern im Monat die zweit-meistbesuchte Website der Welt und vor allem bei Jugendlichen das mit Abstand beliebteste Internetangebot. Und es ist voll mit Fake-News, Propaganda und reaktionärem Gedankengut. Auch in Deutschland ist YouTube zu einer zentralen Plattform der Neuen Rechten geworden. Die „Identitäre Bewegung“ zum Beispiel hat ein eigenes, auf das Jugendsegment zugeschnittene Format. Jede Woche kommentieren da zwei junge, rechtsradikale Aktivisten das Zeitgeschehen und geben sich große Mühe, humorvoll und entspannt rüberzukommen. Auch Martin Sellner, der Kopf der Identitären Bewegung, dreht unzählige Videos für YouTube. Sein Video mit dem Titel „Die erfundene ‚Hetzjagd‘ von Chemnitz“ wurde 140 Tausend mal angeschaut.

„YouTube spielt für die rechtsextreme Medienstrategie eine wichtige Rolle,“ sagt Flemming Ipsen von jugendschutz.net, dem Kompetenzzentrum von Bund und Ländern für den Jugendschutz im Internet. Es gebe „eine Fülle verschiedener Formate, die – mal humoristisch-kumpelhaft, mal scharf-kämpferisch – Userinnen und User auf verschiedenen Ebenen erreichen sollen.“

Eine YouTube-Parallelwelt

Die AfD hat ebenfalls einen eigenen, ziemlich erfolgreichen YouTube-Kanal, ebenso das rechte Compact-Magazin. Dazu kommen etliche große und kleine rechte YouTuber: LangeR, Reconquista Germanica, Hagen Grell, Chris Ares, Leonard Fregin, VulgäreAnalyse, Dorian der Übermensch, der Volkslehrer, Oliver Flesch, achse:ostwest, Charles Krüger, Stein-Zeit, Schrang-TV – die Liste ließe sich endlos fortführen. Manche ihrer Videos werden 5.000, andere 200.000 Mal angeschaut, zusammen bilden sie eine YouTube-Parallelwelt, in der man Stunden verbringen und jeden Tag etwas Neues entdecken kann.

Auch während der jüngsten Ereignisse in Chemnitz trat YouTube als Plattform für rechte Fake-News in Erscheinung. Verschiedene rechte YouTuber verbreiteten die Geschichte, der in Chemnitz getötete Daniel H. sei zuvor Frauen zur Hilfe gekommen, die von Flüchtlingen belästigt wurden, und es sei noch ein weiterer Mann getötet worden, was die Medien aber verschwiegen hätten. Besonders erfolgreich war ein Video des Nazirappers Chris Aires, das 500.000 Mal angeschaut wurde und zwischenzeitlich eines der beliebtesten deutschen YouTube-Videos war.

Dass YouTube so ein Mekka für rechten und radikalen Content geworden ist, liegt auch an dem Algorithmus der Seite, der entscheidet, welche Videos uns angezeigt werden. Die Soziologin Zeynep Tufekci nannte YouTube deswegen „den großen Radikalisierer“: Der Algorithmus sorge dafür, dass den Usern immer radikalere Inhalte gezeigt werden. Auch der ehemalige YouTube-Mitarbeiter Guillaume Chaslot ist der Ansicht, der Algorithmus von YouTube „fördert alternative Fakten“ und Propaganda.

Rechte Filterblasenöffentlichkeit

Freilich hat der YouTube-Algorithmus selbst keine politische Vorlieben. Er zielt lediglich darauf ab, die Zeit zu maximieren, die jeder User bei YouTube verbringt. Deshalb schlägt er immer das vor, was die Menschen (vermutlich) interessieren wird. Hat sich ein User einmal ein paar rechte Videos angeschaut, werden ihm immer wieder und bald ausschließlich diese Art von Inhalten angezeigt. Ein Effekt davon ist, dass der Algorithmus die verschiedenen rechten Channels verbindet und so eine Community schafft. Das Ergebnis ist eine rechte Filterblasenöffentlichkeit, in der User, wenn sie erst mal drin sind, mit immer radikaleren Inhalten konfrontiert werden und zusehends in eine Parallelrealität abgleiten.

„Es kann für einen bestimmten Typus Mensch fatal sein, wenn er immer wieder von gleichgerichteten Informationen und Personen an eine extreme Position herangeführt wird“, sagt der Medienwissenschaftler Olaf Selg. Man fühle sich dann „bestätigt und glaubt schließlich, 'die Wahrheit' zu kennen, weil man gegenteilige Meinungen und Informationen nicht mehr wahrnimmt.“

YouTube eignet sich perfekt für diese radikale Skepsis und Medienfeindschaft, es ist das populistische Medium schlechthin. Ein gutes Beispiel ist der ehemalige Radiojournalist Ken Jebsen, der vor einigen Jahren mit seinem eigenen Kanal „KenFM“ zum YouTube-Pionier wurde und inzwischen hunderttausende Zuschauer hat. Dabei erzählt er in jedem seiner Videos ein und dasselbe: Die Medien lügen, die Eliten ziehen die Fäden – und nur ich stehe auf Seiten des Volkes. Jebsen versteht sich selbst als links, doch inzwischen sitzt auch jemand von der AfD mit am Tisch, wenn auf KenFM daüber diskutiert wird, wer denn tatsächlich hinter den „Flüchtlingsströmen“ steckt und davon profitiert.

Politik statt Kosmetik

Durch die technischen Möglichkeiten, die YouTube bietet, sind ganz eigene, neue Videoformen entstanden. Typische YouTube-Videos sind amateurhaft und einfach produziert. Sie bestehen fast nur aus Monologen und Dialogen mit sehr wenig visuellem Input. Meist zeigen sie nur eine Person, die in die Kamera redet. Dabei ist Quantität wichtiger als Qualität. YouTuber produzieren serienmäßig Videos, deren Fixpunkt die Persönlichkeit des YouTubers ist. Sie wird authentisch und zugänglich inszeniert – nicht wie ein Nachrichtensprecher, sondern eher wie ein Freund, der sich locker mit dir unterhält. In der Hinsicht funktionieren politische YouTube-Videos kaum anders als die der ganz normalen Influencer, die Kosmetikprodukte an Teenager verkaufen.

Ein anderes typisches YouTube-Format ist die „DIY-Dokumentation“. Mithilfe einfacher Software kann fast jeder eine Dokumentation produzieren. Man braucht dafür nur frei zugängliches Videomaterial, das man zusammenschneidet und mit der eigenen Stimme unterlegt. Auf YouTube gibt es zahllose dieser Filme, in denen Menschen versuchen, die Welt von ihrer persönlichen Wahrheit zu überzeugen: Die Erde ist in Wirklichkeit eine Scheibe; die Juden stecken hinter 9/11; makrobiotische Ernährung ist der Weg zur Erleuchtung – was auch immer man glauben will.

Fast alle diese Videos haben eine Sache gemeinsam: Sie sind ziemlich langweilig. Dass sie überhaupt ein Publikum finden, ist eigentlich erstaunlich, denn sie bestehen meistens nur aus langen, trockenen Gesprächen. 90-minütige Zwiegespräche sind Standard – und zwar nicht von professionellen Berufsrednern, wie man sie aus dem Fernsehen kennt, sondern von Amateuren mit einem jeweils sehr unterschiedlichen Grad an Charme und Sprachkompetenz.

Dass es bei YouTube weniger um Entertainment geht, als um eine als authentisch empfundene, persönliche Bindung, sieht man deutlich bei Jordan Peterson, dem vielleicht wichtigsten rechtskonservativen YouTube-Star der Welt. Peterson ist Professor für Psychologie an der Universität Toronto, er ist ein spröder, pedantischer, mittelalter Akademiker mit einer unangenehmen Stimme – und er hat hunderttausende, hauptsächlich junge Fans, sein Kanal 1,5 Millionen Abonnenten. Sein erfolgreichstes Video (ein zweieinhalbstündiger Vortrag mit dem Titel „Biblical Series I: Introduction to the idea of God“) wurde fast drei Millionen Mal angesehen.

Die meisten seiner Videos zeigen bloß ihn, wie er im Schreibtischstuhl vor der Webcam seines Computers sitzt und die Fragen seiner Fans beantwortet. Er ist so etwas wie ein strenger Ersatzvater für verloren junge Männer geworden. Peterson predigt eine düstere, reaktionäre Self-Help-Philosophie: Das Leben ist hart, es besteht vor allem aus Schmerzen. Um ihm ein wenig Sinn abzutrotzen, muss man sich am Riemen reißen. Niemand kann dir helfen, außer du selbst. „Räum erstmal dein eigenes Zimmer auf, bevor du es wagst, die Welt zu kritisieren!“ – so heißt es in Petersons internationalem Bestseller „12 Rules for Life.“

Ex-Akademiker, Comedians, konservative Journalisten

Peterson, der in der „New York Times“ einmal der „einflussreichste öffentliche Intellektuelle unserer Zeit“ genannt wurde, findet fast ausschließlich auf YouTube statt. Dort ist er Teil eines Netzwerkes stramm rechter YouTuber, die in einem wohlwollenden Porträt als das „Intellektuelle Dark Web“ vorgestellt wurden. Es ist eine Gruppe von Ex-Akademikern, Comedians und konservativer Journalisten, die vor allem die Überzeugung eint, dass die Tyrannei der Political Correctness die Medien beherrsche. Ihr gemeinsames Feindbild sind die progressiven „Social Justice Warriors“ – und sowieso alles Linke, Progressive und Feministische. Alle Versuche, die Gesellschaft zu kritisieren und zu reformieren, sind für diese Leute ein Teil der „kulturmarxistischen“ Verschwörung, die den Westen von innen zersetzen will. „Hierarchien sind gut, und sie sind natürlich“, wie Jordan Peterson sagt.

Ein reaktionäres Gemisch also, das sich im Windschatten von Donald Trumps Wahlsieg etabliert hat. Der Weg von dort zum ganz expliziten Rassismus und Faschismus ist kurz, worauf eine neue Studie des Think-Tanks „Data & Society“ hinweist. Die Studie untersuchte etwa 65 „politische Influencer“ – vom „Intellektuellen Dark Web“ bis zum amerikanischen Nazi-Führer Richard Spencer (der natürlich auch leidenschaftlicher YouTuber ist). Laut der Studie bilden diese Akteure ein alternatives Mediensystem, das von hochgradiger Vernetzung und Kooperation gekennzeichnet ist: Eine Hand wäscht die andere und gemeinsam pusht man seine Marken. Das führe dazu, dass „die Zuschauer inkrementell immer extremeren politischen Ansichten ausgesetzt werden und Schritt für Schritt Vertrauen in sie fassen.“

YouTube war ein großes Glück für Rechtsextreme und Verschwörungstheoretiker auf der ganzen Welt. Doch dafür einfach dem Algorithmus die Schuld zu geben, greift zu kurz. Es hat auch etwas mit Angebot und Nachfrage zu tun. Es gab wohl ein großes unerschlossenes Potential, das durch rechte Angebote aktiviert wurde. Auch haben die rechten YouTuber eine unleugbare Energie, wie man sie bei Linken nur selten findet. Wer in so großer Zahl so pausenlos in eine Kamera redet, ist wirklich von seiner Sache überzeugt – auch das kommt beim Publikum an. Vielleicht ist die rechte YouTube-Welle also weniger eine Ursache des Rechtsrucks denn ein Symptom, das zeigt, was da noch auf uns zukommen könnte.

06:00 07.11.2018

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