Das Prinzip Begehren

Porträt Die radikale Feministin Andrea Long Chu erklärt feministische Grundsätze für gescheitert

Es ist nur ein einziger Satz: „I am actually masturbating less if u can believe it.“ Der auf ihrem Profil angeheftete Tweet vom 19. März ist so ziemlich alles, was Andrea Long Chu ihren über 30.000 Twitter-Followern bisher zu Corona gesagt hat. Dabei ist die Netflix-Kritikerin und Autorin von Females, einem viel beachteten Buch über den Zusammenhang von sexueller Identität und feministischer Politik, nicht zuletzt für ihre zugespitzten Kommentare zum Zeitgeschehen bekannt, ob in Richtung Donald Trump („Ich hoffe, der Präsident stirbt“), Boris Johnson („Boris Johnson sollte heute besser sterben“) oder Joe Biden („Joe Biden ist tot“). Doch anders als viele ihrer männlichen Kritikerkollegen ließ Long Chu die Gelegenheit ungenutzt, sich in der Krise als Corona-Erklärerin aufzuspielen. Stattdessen tut sie wohl das, was sie meistens tut: Sie sitzt bei sich zu Hause, in einer dieser absurden New Yorker Mikrowohnungen, twittert, was das Zeug hält, schaut viel und vorzugsweise schlechtes Fernsehen, liest, denkt, schreibt und – ist traurig.

Als „trauriges trans Girl in Brooklyn“ beschreibt sich die 29-jährige Long Chu selbst, und daran soll auch ihre Transition nichts ändern, die sie sich seit zwei Jahren durch eine Crowdfunding-Kampagne mit dem Titel „Kauf mir einen neuen Körper“ kofinanziert. „Nächsten Donnerstag bekomme ich eine Vagina. Bis zu meinem Tod wird mein Körper sie als Wunde auffassen, und ihre Pflege wird regelmäßige, schmerzhafte Aufmerksamkeit erfordern“, schrieb sie vor zwei Jahren in der New York Times. „Das ist es, was ich will, aber es gibt keine Garantie dafür, dass mich die Vagina glücklicher machen wird. Was mich nicht davon abhalten sollte, eine zu kriegen.“

Transgeschlechtlichkeit, argumentiert Long Chu, ist weder pathologisch noch eine eindeutige Frage des freien Willens, sondern eine komplizierte Tatsache. Ob man durch operative Eingriffe glücklicher wird oder trauriger, steht nicht zur Debatte. Stattdessen geht es um den noch immer durch allerlei politische, juristische und medizinische Barrieren verstellten Zugang von transgeschlechtlichen Menschen zu einem neuen Körper, auch wenn dieser keine Erlösung verspricht. Es geht um den Zugang zu Östrogenpillen und deren psychosomatische Nebenwirkungen, die sich in „verzögert freigesetzter Traurigkeit“ äußern. Und um das Recht auf „die negativen Gefühle – Trauer, Selbsthass, Reue oder Scham –, die genauso Menschenrechte sind wie das Recht auf medizinische Versorgung oder angemessene Ernährung“. „Geschlecht“, schreibt Long Chu in ihrem Essay Females, „ist nicht die Wahrheit einer Identität, sondern die Kraft eines Begehrens.“

Das Private ist politisch. Oder?

Für Long Chu steht diese Einsicht nicht am Ende einer identitätspolitischen Debatte, sondern am Anfang eines intellektuellen Projekts, das schon jetzt zu den aufregendsten ihrer Generation gehört – und das, obschon Long Chu, Doktorandin der New York University, noch ganz am Anfang zumindest ihrer akademischen Karriere steht. Wir alle wollen permanent Dinge, die nicht gut für uns sind. Das darf uns nicht daran hindern, sie trotzdem zu wollen. Ein solches Ding ist für Long Chu der Feminismus. Sie reiht sich ein in eine Tradition feministischer Denker:innen, die das Spannungsverhältnis von gewünschtem und tatsächlichem Begehren ergründen, ein Spannungsverhältnis, das letztlich den Feminismus selbst definiert, wie die Philosophin Rachel Fraser in ihrem kürzlich im Magazin The Point erschienenen Essay „Rape Fantasies“ zeigt. „Der Wille zur Macht und der Wille zur Beschreibung sind schlechte Verbündete.“ Politik erfordere Stabilität und Beharrlichkeit. Phänomenologie, also die Versenkung in die „Trunkenheit verschiedenartiger Dinge“, erfordere das Gegenteil.

Ihr erster Paukenschlag, der ihr die begeisterte Zustimmung von queeren Theoriegrößen wie Lauren Berlant oder McKenzie Wark einbrachte, gelang Long Chu mit ihrem Essay „On Liking Women“ in dem Magazin n+1. Der Artikel schlug so hohe Wellen, dass er etwa von der Künstlerin Sandy Stone als Gründungsdokument einer „zweiten Welle der Transgender-Studien“ gefeiert wurde. Anhand ihres Coming of Gender als transgeschlechtliche Frau und ihres Coming of Theory als lesbische Feministin führt sie vor, warum ein Feminismus, dem es nur darum geht, alles Private politisch zu machen, immer wieder scheitern muss.

Als Fallbeispiel dient ihr der radikal lesbische Geschlechter-Separatismus der 1970er Jahre. Aus der Erkenntnis, dass sich die Macht der Männer nicht nur aus einer gesetzlich fixierten Vormachtstellung ableitet, sondern dass ein dicht gestricktes Netz aus täglichen privaten Transaktionen und unbezahlten Mikrodiensten das Patriarchat am Leben erhält, zogen zahlreiche radikale Gruppierungen die logische Konsequenz und schworen jeglichem Kontakt mit Männern ab.

So ließ sich etwa die Pagoda Community in St. Augustine (Florida) nieder, um dort in einer Hüttensiedlung am Meer ihr „lesbisches Paradies“ zu errichten. Und in den Leitlinien des Washingtoner Furies Collective ist zu lesen: „Lesbischsein ist keine Frage der sexuellen Präferenz, sondern eine politische Entscheidung, die jede Frau treffen muss, um sich als weiblich zu identifizieren und so die Vorherrschaft der Männer beenden zu können.“

Zu einem kuriosen Höhepunkt gelangte diese Logik bei der Aktivistin und Autorin Robin Morgan, die mit aller Macht transgeschlechtliche Frauen von der von skandalträchtigen Auseinandersetzungen geprägten West Coast Lesbian Conference (1973) fernhalten wollte und selbst mit einem Mann verheiratet war. Ihre Begründung: „Ich identifiziere mich als Lesbe. Ja, ich lebe mit einem Mann. Aber der Mann ist eine effeminierte Schwuchtel.“

Long Chus Texte sind voller Bezüge auf Figuren, die im sogenannten Privatleben fortwährend an ihren eigenen politischen Ansprüchen scheitern: von den eloquenten Frauenrechtlerinnen der 60er über die juristisch versierten Radikalfeminist:innen der 80er bis hin zu den zeitlosen TERFs (Feminist:innen, die transgeschlechtliche Frauen nicht als Frauen sehen) und den MeToo-Anhänger:innen der Gegenwart.

Körper und Politik

Die wiederkehrende Long-Chu-Formel dabei lautet: „Es kommt nichts Gutes dabei raus, wenn man Begehren zwanghaft mit einem politischen Prinzip in Einklang bringen will. Eher noch könnte man eine Katze baden.“ Das persönliche Begehren auf die moralische Höhe eines politischen Projekts hochzuzüchten, ist also ein von vornherein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen. Dennoch lassen der Feminismus und mit ihm Andrea Long Chu nicht locker dabei, Zusammenhänge herzustellen zwischen Körper und Politik, Begehren und Erkenntnis, Sexualität und Emanzipation.

Dieser scheinbare Widerspruch ist leicht erklärt, denn Long Chus Verlangen gilt nicht nur anderen Frauen und dem Wunsch, selbst eine zu sein, sondern zielt auf den Feminismus als ultimatives, wenn auch letztlich enttäuschendes Crush-Objekt: „Die Unmöglichkeit des Feminismus hält uns nicht davon ab, ihn zu wollen.“ Trotz des Wissens um die Unzulänglichkeit kohärenter Geschlechterpolitiken lässt sie sich das Spiel mit der fantasievollen Definition nicht verderben, sondern erfindet eine genial einfache Formel für alles, was mit Sex, Geschlecht oder Verlangen zu tun hat: „Alle Menschen sind weiblich. Und alle hassen es, weiblich zu sein.“

Auf die Spitze getrieben hat sie diese verwegene Behauptung in ihrem jüngst erschienen Buch Females: A Concern. Der kurzatmige, hochenergetische Text, ursprünglich als Kommentar zu Valerie Solanas’ Theaterstück Up Your Ass konzipiert, ist ein Selbstversuch darin, wie feministisches Schreiben aussehen könnte, das dem eigenen Begehren auf Augenhöhe begegnet. Long Chus Liebe zur Metapher und zur Paradoxie ist dabei weit mehr als die bloß dekorative Verschönerung vorgefertigter Gedanken, sie wird zum Motor ihrer Denk- und Definitionsmaschinen. Females ist neben dem beredt geführten Beweis, dass wir alle weiblich sind, eine flammende Hommage an eine der widersprüchlichsten Figuren des Feminismus, jene Valerie Solanas, die mit Verweis auf die Genforschung Männer als „wandelnde Abtreibungen“ bezeichnete.

Wenn es im Feminismus darum ginge, aus richtigem Begehren richtige Politik abzuleiten, müsste man ja zunächst das richtige Begehren aller Frauen kennen oder sie erst dazu bringen, richtig zu begehren. „Alle Frauen, das sind ganz schön viele Frauen“, sagt Long Chu. Und es wären noch sehr viel mehr, wenn wir ihrer These Glauben schenkten, dass wir allesamt weiblich sind.

Auch im Zuge der von Long Chu so lässig ignorierten Corona-Situation treten ja gegenwärtig jede Menge Verhaltenstipps in den Vordergrund, die bei ihren Adressatinnen das richtige politische Begehren befähigen sollen – wie der Aufruf, regelmäßig und schamlos zu masturbieren. In vielen Kreisen gilt weibliche Selbstbefriedigung noch immer als skandalös. Und doch, schreibt Andrea Long Chu, „ob ihr’s glaubt oder nicht, masturbiere ich gerade weniger als sonst“.

Ihr eingangs zitiertes Twitter-Statement lässt sich so als eine weitere Mahnung lesen, dass sich am Ende kein eindeutiger Zusammenhang herstellen lässt zwischen einer politischen Wahrheit und dem, was das „traurige trans Girl“ zu Hause in Brooklyn mit seiner crowdfinanzierten Vagina treibt. Und genau diesem Zusammenhang gilt es auf den Grund zu gehen.

Info

Females: A Concern Andrea Long Chu Verso Books 2019, 112 S., 7.99 £

Samir Sellami ist Literaturwissenschaftler und arbeitet in unabhängigen kritischen Bildungsprojekten in Berlin

Eva Tepest ist Journalistin, lebt in Berlin und schreibt über LGBTI, Kultur und Medien. Sie arbeitet unter anderem für das Missy Magazine

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06:00 04.10.2020

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