Das Prinzip Bückware

Journalismus Das Onlinemagazin „Perspective Daily“ will nicht nur Probleme schildern, sondern Lösungen vorschlagen. Drei konstruktive Tipps
Juliane Wiedemeier | Ausgabe 27/2016
Das Prinzip Bückware
Lösungsvorschläge statt Probleme: „konstruktiver Journalismus“
Foto: Westend61/Imago

Unkonventionell und innovativ sind sie, das muss man den Machern von Perspective Daily lassen. Mitte Juni ist das Onlinemagazin an den Start gegangen, um schlechte Nachrichten besser zu machen – „konstruktiver Journalismus“ nennen Fachleute diesen Ansatz. Statt einer Masse Probleme sollen die Artikel auch Lösungsvorschläge präsentieren. Statt Klickanreizen sollen sie Hintergründe liefern. Statt durch Werbung sollen sie sich durch Abonnenten finanzieren und damit über den Vorwurf der Einflussnahme erhaben sein. Doch wo zur Hölle sind diese Texte?

Lektion 1: Was Perspective Daily veröffentlicht, ist nur für bereits zahlende Mitglieder sichtbar. Alle anderen bekommen auf der Internetseite nicht mal eine Überschrift zu sehen. In der DDR mag das Prinzip der Bückware für deren Produzenten gut funktioniert haben. Doch das Internet ist das Gegenteil von Mangelwirtschaft. Laut eigenen Angaben hat das mit einer Crowdfunding-Kampagne gestartete Magazin derzeit über 14.000 Mitglieder. Um das zu steigern, sollte es dieses Versteckspiel überdenken.

Bleiben also die sozialen Netzwerke, wo Mitglieder und Autoren Artikel teilen. In diesen geht es um Öl, das wir gedankenlos in unsere Heizungen und Autotanks füllen, obwohl es aus Ländern mit autoritären Regimes stammt, die sich dank der Exporte an der Macht halten. Es geht um die Möglichkeiten der partizipativen Demokratie am Beispiel Madrids. Es geht um die Zukunft des europafreundlichen Schottlands nach dem Brexit. Und es geht darum, dass man als Leser ganz schön gern scrollen muss, um zentrale Informationen zu bekommen.

Lektion 2: Lange Texte mit Hintergründen zu bieten, ist ein hehrer Anspruch. Doch die größte Neuigkeit am Ende zu verstecken, ist keine gute Idee. Dass das Wichtigste an den Anfang gehört, lernt man im Journalismus-Studium im ersten Proseminar. Doch die Gründer von Perspective Daily sind Wissenschaftler. Das merkt man auch an anderen Aspekten.

Der Artikel über Bewässerungssysteme für trockene Gebiete Afrikas stellt ausschließlich ein Projekt vor, obwohl dieses weder neu noch einzigartig ist. Der Text über die Idee, in Städten mit Wohnungsmangel bestehende Häuser aufzustocken, vergisst zu erwähnen, wie das praktisch funktioniert und wo die zusätzlichen Schulplätze, Krankenhausbetten und Parkplätze für die neuen Bewohner herkommen sollen. In Fußnoten wird den Lesern extra erklärt, was eine Aufstockung um 1,3 Etagen bedeutet – als könnten diese sich nicht denken, dass dies ein Durchschnittswert ist und nicht das Aufkommen von Ein-Drittel-Etagen bedeutet. Derweil gehen sperrige Wörter wie „Sekundärpotenzial“, „Geschossvolumina“ oder „Traufhöhen“ ohne Weiteres in die Texte ein.

Lektion 3: Jeder kann Journalist sein. Aber dafür muss er es erst einmal werden und lernen, dass Artikel mehr als eine Quelle erfordern sowie alle W-Fragen beantworten und Fachbegriffe erklären sollten, was nicht bedeutet, den Leser für dumm zu halten.

Fazit: Perspective Daily hat viele gute Ansätze, allen voran das Vorhaben, im Internet qualitativ hochwertigen Journalismus mit Tiefgang zu bieten. Bislang ist jedoch nicht zu übersehen, dass hier Wissenschaftler mit großer Liebe zum endlosen Referieren des eigenen Wissens am Werk sind. Der Journalismus kommt dabei bisher zu kurz. Konstruktiv formuliert: Das können die Macher noch lernen.

06:00 20.07.2016

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