Das Projekt „Wundkanal“

Vorfilm Der Dokumentarfilmer Thomas Heise über die Zusammenarbeit mit Thomas Harlan, Drehbuchkürzung im Ostberliner Devisenhotel und abzubrechende Dreharbeiten in Ungarn

Kennen gelernt hatte ich Thomas Harlan bei Heiner Müller in Berlin-Lichtenberg. Müller vermittelte mich, ihm bei der Überarbeitung eines unglaublichen, ins Unendliche wuchernden Drehbuchs zu helfen. Harlan mietete im Devisenhotel Metropol (heute Maritim) am Bahnhof Friedrichstraße ein Zimmer. Jeden Morgen ging ich dorthin zur Arbeit und setzte mich nach dem Frühstück an die rote IBM-Kugelkopfschreibmaschine, strich das Buch ein, montierte ineinander, verwarf, ergänzte. Dann stopfte Thomas, was ich gestrichen hatte, wieder hinein. Es war in Ordnung. Der Zimmerkellner kam mit Kaffee und outete sich als Fan von Franz-Josef Strauß.

Im Spätherbst 1982 war nach wenigen Proben und ein paar chaotischen Drehtagen in den Katakomben unterhalb des herausgerissenen Parketts der Oper von Szeged (Volksrepublik Ungarn) das Geld alle. Das Team war international. Der Stab und die Schauspieler saßen im Hotel. Harlan war mit seinem Produzenten Bernhard Stampfer nach Deutschland geflogen, um neues Geld von einem Freund Harlans zu beschaffen. Nachdem ich in Berlin das Drehbuch zu Suicides, wie das Projekt Wundkanal zunächst hieß, überarbeitet hatte, war ich jetzt Regieassistent, und während der Abwesenheit von Regie und Produktion vertrat ich beide. Nachts telefonierte ich mit Bernhard Stampfer. Geld war keines zu erwarten. Wir saßen fest. Jede Woche war ein Scheck an den ungarischen Außenhandel für die staatliche Filmgesellschaft Mafilm fällig, ein Abbruch hätte Vertragsstrafen zur Folge gehabt, die geliehene Technik wäre als Sicherheit beschlagnahmt worden.

Es gab eine Möglichkeit aus der Sache herauszukommen: Die Mafilm musste von sich aus die Kooperation beenden. Die Sache würde dann vor Gericht kommen, die Ungarn verklagt werden und es bestand die Chance, dass sie ihrerseits Vertragsstrafe zahlen müssten. So geschah es dann auch und so wurde es schließlich vom Europäischen Gerichtshof entschieden. Meine Zeugenvorladung dorthin verwirrte seinerzeit die Meldestelle der Volkspolizei in Berlin-Prenzlauer Berg. Reisen zur Verhandlung durfte ich nicht.

Dabei war die Entscheidung der Mafilm, schließlich abzubrechen, mein Verdienst gewesen. Harlan kam zurück und fing an zu proben. Ich verlangte von der Mafilm die vollständige Sperrung der viel befahrenen Europastraße durch Szeged nach Österreich, um Vollton drehen zu können, lehnte alle Kompromisse ab und verwies immer wieder auf den von Harlan klug formulierten Vertrag. Der ungarische Produktionsleiter versuchte meine immer neuen Forderungen zu erfüllen; schließlich erklärte er den Stopp der Produktion. Ich sperrte umgehend die fälligen Schecks für den ungarischen Außenhandel. Mafilm drohte mit Beschlagnahmung unserer Technik. Technik, Requisiten, Kostüme – alles wurde auf die Hotelzimmer der deutschen Crew und der Schauspieler verteilt. Aus Deutschland waren zwei identische LKWs unterwegs; währenddessen wurden alle ungarischen Kollegen zu einem großen Essen eingeladen. Im Laufe des Essens bekam ich eine verschlüsselte Nachricht, die besagte, dass die LKWs da seien, einer mit Equipment, dem Licht, den Requisiten und Kostümen beladen worden und sofort zurückgefahren sei, und der andere als ausgestelltes Pfand für die Mafilm leer vor dem Hotel stehe.

Nach dem Essen verabredeten wir uns um 10 Uhr des nächsten Tages zum Frühstück, waren um diese Zeit tatsächlich aber schon mit dem 7er BMW der Schauspielerin Libgart Schwarz unterwegs in Richtung tschechoslowakischer Grenze – den Kofferraum voll mit Papier, Kommandoerklärungen der RAF, den Aquarellen mit Kostüm­entwürfen und einer Schreibtischlampe aus dem Hotel. Ich fuhr sehr schnell. Thomas sprach von einer einfachen Hütte, in der wir übernachten würden; wir landeten im ersten Haus am Platze in Prag. Das Team brach auseinander, es gab Tränen und Gebrüll, es wurde „ausgebissen“. Ich bin mit dem Zug nach Hause gefahren.

Später, als wir uns in Berlin wiedertrafen, sagte mir Thomas, er würde nun noch einmal von vorn beginnen und statt mit Erwin Geschonneck, dem Kommunisten, Häftling im KZ Dachau und Schauspieler unter Brecht am Berliner Ensemble, die Hauptfigur des Dr. S., die Geschonneck in Ungarn noch gespielt hatte, mit einem wirklichen Täter besetzen. Das fand ich interessant, nur waren wir pleite. Mein pragmatischer Vorschlag lautete, zunächst mit diesem SS-Obersturmbannführer Alfred Filbert einen Dokumentarfilm zu drehen – das würde nicht viel kosten. Danach könnte man sich dem aus den Fugen geratenen Spielfilm zuwenden.

Das lehnte Thomas ab. Er entwickelte einen Plan, das Projekt in einen Dschungel Südamerikas zu verlegen, an einen Ort, von dem niemand ohne fremde Hilfe zu fliehen in der Lage war. Ich glaubte ihm nicht mehr. Ich hatte damals noch nicht begriffen, dass es nicht um irgendeinen Film ging, sondern darum, sein ganzes Leben in diesem Film einzusetzen, und uns alle zu zwingen, es genauso zu tun.

Als alles vorbei war, habe ich mich nicht mehr darum gekümmert. Ich hatte mit meinen eigenen Katastrophen zu tun und saß an einer Recherche über ein Kaff in Mecklenburg und einen Zug mit 6.000 gefangenen Frauen, der dort am Ende des Krieges zwei Tage lang gehalten hatte und dann verschwunden war. Jahre später wurde am Bahnhof des Nestes ein Massengrab entdeckt, von dem niemand aus dem Dorf etwas gewusst haben wollte. Am Ende der Geschichte hatte ich ein Konvolut aus Geschichten und marschierte mit einem Bergarbeiter über die 600 Meter lange Sohle eines alten Salzbergwerks in Morsleben, in dem nach dem Krieg Hühner gezüchtet worden waren, weil die unterirdischen Hallen schon einen Betonfußboden besaßen und „im letzten Krieg industriell genutzt“ worden waren. Von der Nutzung als Außenlager A III des KZ Neuengamme stand nichts in der Expertise. Die Hühner waren weg, es wurde Atommüll eingelagert aus dem volkseigenen Kernkraftwerk „Bruno Leuschner“. Aus dem Film ist nichts geworden.

Von der Aufregung, die auf der Berlinale 1985 herrschte, als Wundkanal und Notre Nazi ihre deutsche Premiere hatten, habe ich nichts mitbekommen. Für mich sind es zwei Filme, die aus dem Rahmen dessen fallen, was der deutsche Film für gewöhnlich ist. Man kann streiten über Thomas Harlan, über sein beeindruckendes, unpassendes Werk, aber der verstörende Wundkanal gehört in den Kanon des deutschen Films. Und Notre Nazi ist sein Spiegel – ein Bild, dem man sich nicht entziehen kann.

Thomas Heise, geboren 1955 in Ostberlin, ist Dokumentarfilmemacher. Zuletzt war von ihm das Wende-Panoptikum Material (2009) zu sehen. Ein Interview mit dem Filmemacher findet sich hier. Eine Filmografie in Bildern hier.

Wundkanal, Deutschland/Frankreich 1984 R: Thomas Harlan, L: 107 Min. Doppel-DVD mit Notre Nazi R: Robert Kramer L: 116 Min. Edition Filmmuseum 49

22:05 23.02.2010

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