Das Rauschen der Zeit

Historie im Ohr Geschichtsvermittlung auf CD - nicht nur in Form von Original-Ton-Collagen

Die deutsche Geschichte zu hören bedeutet, in ein Meer von Schallaufzeichnungen abzutauchen. Schier unüberschaubar ist die Zahl der Archivbestände, obwohl sie im Rhythmus der Gezeiten gepflegt werden. Vorne schwappen täglich einzusortierende Neuproduktionen heran, während hinten wachsende Stapel an Altbeständen darauf warten, vernichtet zu werden.

Doch diese Bestände sind den meisten Hörern nicht zugänglich, und selbst wenn sie es wären, würden sie wahrscheinlich nicht nur in ihrer Anzahl überfordern, sondern auch klanglich: Die Klangqualität ist nämlich immer nur so gut wie der jeweilige Stand der Technik. So übertragen Aufnahmen aus der Frühzeit der Medientechnik etwa die Reden des letzten preußischen Kaisers nur in Fragmenten und wie durch einen Schleier aus Rauschen und Knistern gefiltert. Aber auch noch auf einer anderen Ebene unterliegt das historische Tonmaterial einer nicht mehr rückgängig zu machenden Beeinflussung von Seiten der jeweils Mächtigen: In den zwanziger Jahren waren es die Zuständigen der einzelnen Länder, die Information und Unterhaltung absegneten, ab 1933 kontrollierte ein nationalsozialistischer Dachverband die Radiosendungen und nach dem Zweiten Weltkrieg organisierten die vier Besatzermächte die deutsche Rundfunklandschaft neu.

Aus solch unübersichtlichem, heterogenem und parteiischem Material eine sinnvolle und spannende Auswahl zu treffen, ist eine Herausforderung. Für den Hessischen Rundfunk hat sie Dorothee Meyer-Kahrweg angenommen und eine Jahrhundertserie collagiert. Entlang der politischen Entwicklung Deutschlands führen eine weibliche und eine männliche Erzählerstimme durch die Jahrzehnte, unterbrochen von historischem Tonmaterial. Schlager, Ausschnitte aus Interviews und Reportagen sollen für Atmosphäre sorgen, werden aber leider immer nur illustrativ eingesetzt. Für die großen politischen Zusammenhänge ist das eine angemessene Darstellungsweise, die im persönlichen Gedächtnis vor allem dann auf Widerhall stößt, wenn die Stimmen bekannter Persönlichkeiten erklingen. Um aber auch andere als die offiziellen Ereignisse einzuflechten, hätte es einer stringenteren Auswahl bedurft. Was nach Anhören dieser Zeitcollagen bleibt, ist der Eindruck, den man von der Lektüre so mancher Geschichtsbücher gewöhnt ist: Sie wollen zu viel auf einmal, es gelingt ihnen zu selten, historische Fakten wirklich lebendig zu vermitteln.

Deutschlandfunk und Deutschlandradio versuchen in ihrer Jahrhundertbilanz dagegen gar nicht erst, das Jahrhundert einheitlich und zusammenhängend zu bilanzieren. Anstatt einer einzigen Autorin die Moderation des Jahrhunderts zu überlassen, tragen hier viele Autoren - darunter Personen der Zeitgeschichte - ihre persönliche Sicht auf ein Thema selbst vor. So bieten die 15 knapp fünfminütigen Essays pro CD und Dekade mehr Abwechslung in der Perspektive, dafür weniger im Klang. Denn die Jahrhundertbilanz ist keine Aufbereitung von historischem Tonmaterial, sondern ein aktueller Blick zurück aus vielen Augen, nur vereinzelt mit historischen O-Tönen geschmückt. Vor allem die "Subjektivität" der Beiträge macht das Großprojekt spannend, die sich nicht nur in den unterschiedlichen Stimmen ausdrückt. Interessant sind vor allem die unterschiedlichen Perspektiven, selbst dann, wenn Autoren hauptsächlich die eigenen Taten im rechten Licht verewigt sehen wollen wie Hans-Dietrich Genscher oder Theo Waigel. So klingen sie eben, die Reden von Politikern - es wäre verfehlt, ihren Wert in der Wahrhaftigkeit zu suchen, handelt es sich doch um genuine Dokumente der Selbstdarstellung.

Auch historische Aufnahmen lassen sich solchermaßen gegen den Strich hören und präsentieren - wenn sie nicht dazu benutzt werden, Ereignisse oder Fakten bloß zu belegen oder zu illustrieren, sondern ihr "Gestus" in den Vordergrund gestellt wird. Dem deutschen Volke von Marianne Weil ist eine solche O-Ton-Collage, die den Kalten Krieg als Krieg der Rhetoriker entlarvt. Eigentlich interessiert es heute niemanden mehr, in welchen Stückzahlen Untertrikotage und Obertrikotage in der DDR hergestellt wurden - aber mit welchem Triumph in der Stimme, sich überschlagend vor Begeisterung diese nüchternen Zahlen vorgetragen werden, das ist interessant zu hören und sagt mehr über die wirtschaftliche Lage in Ostdeutschland aus als jeder kritisch-distanzierte Text. So ist das ganze Hör-Stück im Vertrauen darauf gebaut, dass Wortwahl, Betonung und Dynamik der Stimmen von Politikern und Journalisten in Ost und West einen Subtext jenseits der Fakten herstellen, der keine zusätzliche Erläuterung braucht, sondern am besten für sich selbst spricht. Harte Schnitte und kommentarlose Gegenüberstellungen müssen nicht überfordern, sondern können wie hier die Originaltöne erst zum Sprechen bringen.

Anders radikal ist die Montage von historischem Tonmaterial in der Tonträgeroper Deutsche Krieger von Andreas Ammer und FM Einheit. Tondokumente sind technisches und propagandistisches Material, lautet die Botschaft. Und genau diesen fremden und konstruierten Charakter legt die Oper frei: Keine Chance, alle Worte aus den Zeiten Kaiser Wilhelms zu verstehen. Rauschen wird nicht unterdrückt, sondern zum Rhythmus erhoben, Wortschnipsel konstruieren nicht einen Kontext, sondern springen zwischen Herrscherrhetorik und Lyrik der Zeit hin und her. In Wiederholungsschleifen ertönt verzerrt der Ruf: "Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos", begleitet vom fremdländisch klingenden "Hurra, Hurra". Im zweiten Teil: Das Radio als Propagandaapparat auf seinem Höhepunkt in der Nazi-Zeit. Grausliche Lügen und bellende Reden, die noch fremder und erschreckender klingen vor der Geräusch- und Klangkulisse, die die drei Opernelemente zusammenhalten. Im letzten Teil, Ulrike Meinhof Paradise sind es denn schon fast zu viele und zu laute Geräusche, vor denen sich die Anti-RAF-Floskeln mit den Aussagen der Meinhof vermischen. Das klingt anstrengend und ist doch eine ziemlich genaue Vertonung dessen, was eingangs über das Material in den Archiven gesagt wurde: Eine unüberschaubare Masse, deren Inhalt von politischen Interessen bestimmt ist, und deren Klangqualität ebenso auf die Geschichte verweist wie die Ordnung, in die wir heute dieses Material bringen. So befindet sich übrigens die Collage Dem Deutschen Volke bereits auf dem Stapel der zu löschenden Tonträger: Der Münchner HörVerlag hat sie aufgrund mangelnden Absatzes aus dem Herbstprogramm genommen.

Ammer/Einheit: Deutsche Krieger, FM 451/ Hörsturz booksound, 1 CD, 37,90 DM
Marianne Weil: Dem Deutschen Volke, DerHörVerlag, 1 CD, 25,90 DM
Die Jahrhundertbilanz, DerAudioVerlag, 10 CDs à 29,95 DM.
Dorothee Meyer-Kahrweg: Die 50er Jahre etc., je Doppel-CD à 46 DM

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00:00 23.11.2001

Ausgabe 43/2021

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