Das Recht, müde zu sein

Exiliraker kehren in ihre Heimat zurück Und treffen eine verlorene Generation

Wenn die Weihnachtsferien kommen, fahren wir in unser Land!" Hadil, die Tochter des Exilirakers Khayon, verkündet es triumphierend, und ihre breite Zahnlücke macht ihre Freude noch überzeugender. "Da schlafen wir auf dem Dach. Und es gibt Hütten, weißt du? Hütten gefallen mir so." Die Eltern schütteln den Kopf: "Sie versteht gar nicht, wohin wir fahren, sie möchte ihre Großmutter in Basra kennen lernen, das ist alles." - Aber da unterschätzen sie vielleicht ihre siebenjährige Tochter, die sich ihre Vorstellung vom Irak aus vielen Bemerkungen, die sie aufschnappt, zusammensucht. Wie dieser Irak wohl aussieht? Wie anders als der unsere, den wir uns aus Medienfetzen konstruieren, die seit dem "Ende der Kampfhandlungen" immer spärlicher werden? Hadils Bilder sind von Sehnsucht grundiert, unsere bleiben schemenhaft aus Desinteresse an dem Land, aus schlechtem Gewissen, aus Angst vor islamischem Fundamentalismus.

Mein Blick fällt auf ein Ölbild an der Wand, gleich erklärt Hadil: "Das ist gemalt." Drei Gestalten mit traurigen schwarzen Mandelaugen halten sich an den Armen. "Unser Krieg", murmelt der Vater. Hadil aber ordnet die Figuren der Familie zu, eine ist ihre Mutter, eine sie selbst, die dritte ihr kleiner Bruder Samer. Nur einen Vater gibt es nicht. Sie möchte ihn nicht übergehen, er sitzt neben ihr, sie überlegt, da sagt er: "Der lebt nicht mehr, weil Krieg ist." Sie packt ihn heftig am Arm: "Wir haben noch den Vater!" und verlässt das Zimmer zum Spielen.

Wochenlang wählen sie geduldig die Nummern ihrer Verwandten

Drei Millionen Iraker sind, so wird geschätzt, in den vergangenen 20 Jahren ins Ausland geflüchtet. Überall in der Welt bereiten sie ihren ersten Besuch zu Hause vor. Wenn sich die Lage stabilisiert, wird es einen Herbst der Wiederbegegnungen im Irak geben. Vorerst reagieren sie wie Seismographen auf die vielen Nachrichten aus der Ferne, immer laufen bei ihnen die arabischen TV-Sender, sie kennen die Akteure und ihre unterschiedlichen Interessen, auch in anderen arabischen Staaten. Wochenlang wählen sie geduldig die Nummern ihrer Verwandten im Irak, bis endlich eine Verbindung zustande kommt, und sie hören: Wir leben.

In den Wochen vor dem Krieg wurden die Exiliraker manchmal interviewt, jetzt nicht mehr. Es schickt auch kaum noch ein Sender Korrespondenten nach Bagdad. Wie viel mehr Stoff fänden sie heute als in jenen Kriegswochen, in denen sie von Dächern aus über die Raketeneinschläge spekulierten. Die Exiliraker erlebte man damals in einem quälenden Dilemma zwischen Kriegsangst, USA-Kritik und Hoffnung auf das Ende von Saddam. Die Leiterin des irakischen Klubs in Berlin, Susan Ahmed, erzählte tränennah von ihrer schwangeren Nichte in Bagdad, als hätten sich in der Angst um sie alle ihre widerstreitenden Gefühle gesammelt. Zwei Monate später frage ich nach und erfahre: Drei Tage war Krieg, als die Wehen einsetzten, eine Hebamme gab ihr Mittel, die Geburt zu beschleunigen, damit das Kind vor Einbruch der Nacht zur Welt kam, irgendwo in einer Wohnung in Bagdad, über die nachts Raketen flogen mit dem fürchterlichen, Panik erzeugenden Heulen. Es war ein Junge, er bekam den Namen Karam.

Wenn amerikanische Soldaten Häuser nach Baathisten durchsuchen

Sabih Al Hamdani ist Architekt, hat große Bauten im Irak geleitet, ist 1991 geflüchtet und lebt mit seiner erwachsenen Tochter in Berlin. Er ist von den Irakern, die ich in den vergangenen Monaten kennen lernte, der geduldigste Erklärer der Geschichte seines Landes. Auch bei ihm läuft schon am Vormittag der Fernseher, die Satellitenschüssel steht auf dem Balkon, eine Korrespondentin von Al Dschasira spricht erregt über die aufflammenden Kämpfe zwischen der US-Armee und Bewaffneten - 70 Iraker sollen umgekommen sein. Al Hamdani übersetzt, wir schauen finster auf den Bildschirm, aber dann sagt er unerwartet: "Al Dschasira steht für das politische Ziel: USA raus aus dem Irak". Im Moment würde das jedoch Bürgerkrieg bedeuten. Iraker können derzeit keine Sicherheit im Land schaffen. "Viele Anrainerstaaten, vor allem der bedrohte Iran, hoffen, dass zunehmende Probleme im Irak die USA von neuen Abenteuern abschrecken."

So tut sich unversehens ein gewisser Gegensatz zwischen den Interessen der Iraker und denen ihrer arabischen Nachbarn auf. Die Baathisten aber würden sich reorganisieren, sie seien nicht ohne Hoffnung auf die Rückkehr an die Macht. Auch in Bagdad seien sie noch präsent. Die Bevölkerung habe vor ihnen Angst und schweige. "Schließlich ist Saddam noch frei. Wenn Angst einmal in einem Menschen eingezogen ist, begleitet sie ihn." Darüber denkt Hamdani jetzt nach. "Angst sitzt im Gehirn. Die Menschen brauchen Zeit, um Selbstbewusstsein zu gewinnen."

Dass die Anfangsfreude über Saddams Sturz so schnell verpufft ist, bedauert Al Hamdani als Verlust eines positiven Antriebs. Die Amerikaner könnten nicht verbergen, dass sie die Araber, ihre Kultur und Religion verachten. Wenn amerikanische Soldaten Häuser nach Baathisten durchsuchen, ist es für die Bewohner wie eine Verletzung, und sei es aus Scham, dass den Fremden die Ärmlichkeit sichtbar wird. Dass die Bildung einer irakischen Regierung ständig verschoben wird, ist das Schlimmste.

Ob sich hinter dem amerikanischen Versagen nach dem "Kriegsende" eine Strategie verberge, frage ich. Ob sie den Irakern vorführen, wie chaotisch ihr Land ist, wie unfähig sie sind, wie zersplittert? Ob sie ihnen nicht die politischen Träume austreiben wollen, um das Risiko von nicht mehr lenkbaren Entwicklungen zu vermeiden? Nein, das glauben weder Al Hamdani noch meine anderen irakischen Gesprächspartner: "Alles ist nur Folge ihrer Konzeptionslosigkeit. Für den Irak haben sie keine Idee und kein Interesse am Volk."

Die Transporte der Amerikaner sind sichtbar wie Ameisenstraßen

Hak Hussain hat nicht bis zum Herbst gewartet, er ist gleich im Mai in den Irak aufgebrochen und fünf Wochen geblieben - nach 26 Jahren Abwesenheit. Bei Basra überschritt er die Grenze und sah nun eine Stadt nach dem Krieg: die öffentlichen Gebäude lagen in Trümmern, durch die Straßen rollten unaufhörlich Panzer, die ganze Nacht waren Schüsse zu hören, kein Strom, Wasser und Telefon, keine Polizei, keine Autorität, nur das britische Militär, das seine eigenen Kreise zog. Vom Nachmittag an wagte sich niemand mehr aus dem Haus. Alle Büros der Baath-Partei ohne Ausnahme waren von Bomben getroffen und bis auf den Grund zerstört. Es stand auch keine Bank mehr: geplündert und ausgebrannt. Zwei Wochen später fand er Bagdad noch stärker beschädigt, aber inzwischen war er weniger schockiert, war schon eingeweiht in das Leben nach dem Krieg, der gar nicht zu Ende ist.

Auf der Straße nach Bagdad fuhr er im Auto zwischen schwer beladenen amerikanischen Armeefahrzeugen, die in dichter Folge Baumaterialien, Generatoren und Container in den Norden transportierten. Ungeheure Massen an Material. "Wer das sieht, der weiß, sie haben vor, sich festzusetzen. Es ist klar, was für sie Vorrang hat - ihre Sicherheit und die militärische Präsenz." Zwei Stützpunkte um Bagdad, einen in der Mitte, einen im Süden wollen die Amerikaner angeblich errichten. Kaum jemand hat die Bauplätze gesehen, nur die Transporte sind sichtbar wie Ameisenstraßen, deren Ziel man oft mehr errät als erkennt.

In Bagdad endlich traf Hussain auf seine Familie. Sie wussten alle voneinander, aber kannten sich nicht. Für die Freude hat er kein Wort. Er breitet leicht die Arme aus, als würde er sie in Gedanken wieder umarmen. Das Haus einer Verwandten ist von einer Rakete beschädigt, die Konditorei einer Cousine wegen Strommangels geschlossen. Niemand hat Arbeit. Manche verkaufen etwas auf den Straßen. Anfang Mai gab es nur zwei Stunden Strom pro Tag. Die Hitze, die Fliegen und Mücken, die sich im Müll vermehren, machten den Schlaf fast unmöglich. Für Benzin stand man einen Tag Schlange, zwei Tage für Gasflaschen, mit denen die meisten Familien kochen. Drei Tage steht man noch immer nach Medikamenten an. Die Schlangen winden sich um Häuserblocks, manche Leute bringen Betten mit. Gasflaschen, die es früher für einen Dollar gab, kosten jetzt 15.

Die armen Stadtteile haben sich besser selbst organisiert als die reichen, sagt Hak Hussain und gibt zu, dass es ihn überraschte. Die Mullahs unterstützen diesen Prozess, aber leiten ihn nicht. Als er im Juni abfuhr, gab es schon 16 Stunden Strom. Er war Zeuge, wie sich manches besserte, auch die Sicherheit auf den Straßen. Der Dinar stieg allmählich im Wert, jetzt werden Scheine nachgedruckt - mit dem Saddam-Konterfei.

Hak Hussain ist auch zu dem größten der jetzt geöffneten Massengräber bei Mahaweel gefahren. Dort, auf dem Feld eines enteigneten Bauern, hat die Armee 1991 einen Monat lang 15.000 Menschen erschossen und vergraben - die aufständischen Schiiten des Südens, Männer und Frauen, die sich auf den Appell von Bush senior hin hervorgewagt hatten und im Stich gelassen wurden. Knochen, Ausweise, Fotos, Schädelteile mit langen Haaren, Schuhe liegen in durchsichtigen Plastiktüten. Viele reisen an, suchen diese Tüten ab nach Zeichen ihrer Angehörigen.


Al Hamdani sprach von "unserer verlorenen Generationen" - Menschen, die auf Unterwerfung, Verrat und Tod konditioniert wurden. Als er noch im Land war, sah er einmal auf einer Autostraße eine Gruppe junger Soldaten rennen, sie waren halbnackt, zu Tode erschöpft und riefen im Rhythmus den immer gleichen Satz: "Schön ist der Tod ohne einen Laut. Schön ist der Tod ohne einen Laut."

Für Zukunftsvisionen seien die Leute nicht offen, musste Hak Hussain erfahren: "Die Leute glauben nicht, dass es besser wird. Sie sind bedrückt und sehr müde, und ich denke, sie haben nach allem, was sie erlebt haben, ein Recht, müde zu sein. Sie wollen in Sicherheit arbeiten und ihr Privatleben führen, sonst nichts. Den meisten ist es sogar egal, wer das Öl künftig besitzen wird. Sie sagen glatt: Sollen es die Amerikaner doch klauen, etwas wird schon übrig bleiben für uns Iraker."

Was war schön im Irak, frage ich noch. Er lacht. "Soll ich es sagen? Schön war, dass ich in meinem Land war. Dass ich kein Ausländer war. Obwohl ich hier gut lebe und die Deutschen mich akzeptieren. Und obwohl der Irak mir fremd ist. Ich verlaufe mich in Bagdad. An meinen Fragen merkt jeder, dass ich von außen komme. Und doch ist es mein Land." - Und wie war der Tigris?, frage ich. "Alles sah trockener aus als in meiner Erinnerung. Aber seltsamer Weise sind die Flüsse angestiegen. In Basra sagten alle: Es fließt viel mehr Wasser herab. Niemand wusste, woher es kam."


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    Wo ist Saddam Husein?


    Iraker, nicht nur Hak Hussain, zögern nicht mit der Antwort: Er ist im Land und hat Zuflucht gefunden bei den so genannten Stämmen, die an den Rändern des Irak leben und feste feudale Strukturen mit eigenen Gesetzen aufrecht erhalten, die von allen Mächten hingenommen wurden. Sie hatten sich in den siebziger Jahren nahezu aufgelöst, ihre Leute waren in die Städte gezogen, hatten sich emanzipiert, aber in den vergangenen 20 Jahren des Niedergangs haben sich die Stämme regeneriert. Sie fangen ihre Angehörigen auf, schützen sie und haben so erneut eine Bedeutung fürs Überleben bekommen.

    Nach dem Kuwait-Krieg 1991 erinnerte sich auch Saddam Hussain daran, dass es sinnvoll sei, sich mit den Oberhäuptern der feudalen Großfamilien gut zu stellen, wie es einst die Engländer vormachten, als sie den Irak eroberten. Sie befriedeten sie durch Korruption. Offenbar machte Saddam ihnen riesige Geschenke. Jetzt gewähren sie ihm dem Vernehmen nach Obdach, gemäß der Regel, die ihnen verbietet, jemanden wegzuschicken oder auszuliefern, der bei ihnen Zuflucht sucht, zumindest drei Tage lang darf er bleiben.

    Saddam hat wohl auch jetzt noch viel Geld zu verschenken. Und so wird er vermutlich bei ihnen herumgereicht. Sicher wüssten die Amerikaner genau, wo er jeweils sei, meint Hussain. Ein Saddam auf der Flucht sei nützlicher als einer in der Zelle. Auch als Drohung für die Iraker.

00:00 27.06.2003

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