Das Reich Gottes

Manichäismus Zwei Bände beleuchten den Einfluss der religiösen Rechten in den USA, der es unter der Bush-Administration zusehends gelingt, die Trennung von Staat und Religion aufzuweichen

Deutschland, so scheint es, ist weitgehend amerikanisiert. Coca-Cola, Popkorn, Hollywood, Hippie- und Studentenbewegung, McDonalds, Levis, Turnschuhe und CNN wurden kritiklos adaptiert. Sie stehen für den "American way of life" - wenigstens oberflächlich. Unter diesem dünnen Firnis sind sie aber Produkte einer Ideologie, mit der Europa immer weniger am Hut hat, nämlich der Religion. Die USA sind ein zutiefst religiöses und bigottes Land, Europa dagegen befindet sich auf dem Weg in ein religiöses Nirwana.

Die Wiedererweckung der Religion hat neben den islamischen Ländern auch die USA voll erfasst. Der Fundamentalismus treibt hier wie dort seltsame Blüten. Er hat durch die Ereignisse des 11. September 2001 seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht, mit fatalen Konsequenzen für die internationale Politik. Ein betender US-Präsident, der bei seinen Auftritten oft den Eindruck eines Sektenpredigers erweckt, wirkt mehr als irritierend auf seine europäischen Kollegen. Dies - so sehen es die Autoren zweier Bücher - sei auch der eigentliche Grund des tiefen Zerwürfnisses zwischen Europa und den USA. Das Beschwören einer Wertegemeinschaft des Westens wirkt vor dem Hintergrund des religiösen Fundamentalismus in den USA wie das Mantra tibetanischer Gebetsmühlen. Die USA gleichen in ihrer Religiosität eher einem islamischen Land als einem westeuropäischen. Europa hat einen langen Weg der Säkularisierung hinter sich gebracht. Zum besseren Verständnis dieses bizarren religiösen Phänomens in den USA tragen die erwähnten Bücher wesentlich bei.

Das schmale Bändchen von Josef Braml hat es in sich. "Der wachsende politische Einfluss der christlichen Rechten und die zunehmend christlich rechte Legitimation der Amtsführung der Bush-Administration haben zur transatlantischen Entfremdung beigetragen", so eine provokante These des überaus spannenden Braml-Buches. Der Autor, Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, und einer der besten Kenner US-Innenpolitik. Er empfiehlt mehrmals den europäischen Eliten, die religiöse Rechte Ernst zu nehmen, da sie kein vorübergehendes Phänomen sei. Des Weiteren sei die Machtdifferenz zwischen Europa und den USA die Ursache der transatlantischen Spannungen. Luzide analysiert Braml das Erstarken konservativer, evangelikaler und fundamentalistisch-religiöser Bewegungen seit Beginn der achtziger Jahre. Sie bestimmten zunehmend die Agenda der US-Politik und treten für ein starkes Amerika und den uneingeschränkten Schutz Israels ein.

Die christliche Rechte hängt einem manichäischen Weltbild an, das nur "gut" und "böse" kennt. Darin fügen sich Bushs "Kreuzzugs-" und Huntingtons "Kulturkriegs-" Rhetorik nahtlos ein. Diese Polarisierung trage wesentlich zur Verstimmung zwischen den USA und Europa bei, so der Autor. Das Buch ist faktengesättigt. Umfragen und Interviews liefern die Basis für die fundierte Analyse und Prognose. Braml kann deshalb nicht der Vorwurf des Alarmismus oder des "Antiamerikanismus" gemacht werden. Diese groteske Kritik wird von ehemaligen linken Sektierern, die sich heute Antideutsche nennen, gegen jeden formuliert, der es wagt, sich realistisch mit der expansionistischen- und neokolonialistischen Politik der Bush-Administration auseinanderzusetzen. Eine Kritik dieses Neoimperialismus wird als "Antisemitismus" diffamiert.

Braml sieht die Zukunft der deutsch-amerikanischen Beziehungen nicht sehr rosig. Auch ohne Bush würden das Organisationsgeflecht und das Weltbild der Christlichen Rechten wirkmächtig bleiben. Die Europäer sollten diese Tatsachen endlich zur Kenntnis nehmen, damit es nicht noch einmal zu Fehlurteilen komme. Soll dieser Ratschlag etwas heißen, man solle sich von europäischer Seite dem nächsten Feldzug der Amerikaner kritiklos anschließen? Wer sich über den Einfluss, die Macht und die Gefahr für den Weltfrieden der christlich-rechten Lobby schnell informieren will, ist mit diesem Buch bestens bedient.

Ähnlich spannend liest sich der Sammelband von Manfred Brocker, Gastprofessor an der Katholischen Universität in Eichstätt, in dem zwölf US-Experten versammelt sind; sie entwerfen ein differenziertes Bild der religiösen Zusammensetzung der Amerikaner und ihres Einflusses auf die Außen- und Innenpolitik der USA. Trotz einer sehr strikten verfassungsrechtlichen Trennung von Kirche und Staat spielt die Religion eine entscheidende Rolle. Der verfassungsrechtliche Grundsatz wurde nach dem Zweiten Weltkrieg immer strenger ausgelegt, da die Vielzahl der Religionen zunahm. Diese strikte Trennung hat zur Folge, dass jede noch so obskure Glaubensrichtung absolute Freiheit genießt, solange sie nicht gegen Gesetze verstößt. Präsident Bush will nun mit Hilfe der christlichen Fundamentalisten das Rad der Geschichte in die spießig-muffigen fünfziger Jahre der Eisenhower-Ära zurückdrehen und die Trennung zwischen Staat und Religion aufweichen, wenn nicht sogar ganz aufheben.

Wegen der übermächtigen Dominanz der USA tut Aufklärung über die geistigen Strömungen, welche die US-Politik bestimmen, mehr als Not. Dazu leistet dieser Band einen wichtigen Beitrag. Seine Texte beleuchten die verschiedenen Aspekte des schillernden Verhältnisses von Politik und Religion in den USA. Einige große Religionsgemeinschaften werden vorgestellt und ihre Glaubensinhalte und die sie bewegenden Themen auf ihre Politikrelevanz hin analysiert. Eine zentrale Frage ist die, ob der US-Präsident in seinen außen- und innenpolitischen Entscheidungen autonom ist oder Rücksicht nehmen muss auf die Wünsche seiner evangelikal-fundamentalistischen, jüdischen oder katholischen Wählerklientel. Der Beitrag von Clyde Wilox und Carin Larson über amerikanische Evangelikale und deren Kulturkampf zeigt das Geflecht dieser Strömung und deren Umgang mit politischen Streitfragen wie Abtreibung, Schulgebet und die Abstammungslehre luzide auf.

Die Beiträge dieses Sammelbandes zeichnen sich alle durch Stringenz und große Kompetenz aus. Leider wurde das Verhältnis der christlichen Rechten zum Rechtsextremismus nicht thematisiert. Obgleich es keinerlei Zusammenhang zwischen beiden Strömungen gibt, muss festgehalten werden, dass die Repräsentanten des christlichen Fundamentalismus nicht ohne Gewalt auskommen, und zwar Gewalt an der Sprache. Begriffe wie "Freiheit", "Gerechtigkeit" und "das Böse" werden in Orwellscher Manier für demagogische Zwecke entstellt und mystifiziert; sie werden damit einer rationalen Kritik entzogen. Trotz dieses Defizits trägt das Buch zur Aufklärung einer religiösen Weltanschauung bei, die bereits viel Unheil in die nahöstliche Region gebracht hat.

Josef Braml: Amerika, Gott und die Welt. George W. Bushs Außenpolitik auf christlich-rechter Basis, Matthes, Berlin 2005, 160 S., 14,90 EUR

Manfred Brocker (Hrsg.): God bless America. Politik und Religion in den USA, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, 230 S., 24,90 EUR


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00:00 07.10.2005

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