Das Risiko des Dagegenseins

Mithandeln Religion enthielt immer schon Religionskritik. Das ist eine von vielen überraschenden Erkenntnissen des Berliner Religionsphilosophen Klaus Heinrich, der 80 Jahre alt geworden ist

Als es zur Wiedervereinigung Deutschlands kam, war die unmittelbare Reaktion Klaus Heinrichs, ein Seminar über die Fundamente des Antisemitismus zu halten. Dies geschah, um der Öffentlichkeit Gegengifte zur Verfügung zu stellen. Gegen Nationalismus wie gegen erneut beschworene Denker.

Immer wieder weist der Berliner Religionsphilosoph darauf hin: Der für die europäische Aufklärung zentrale Maßstab der Gerechtigkeit trat mit der altisraelischen, jüdischen Religion in die Geschichte ein. Hinter diesem Gedanken spürt man einen seiner Gewährsmänner, den Religionsphilosophen Paul Tillich, der 1932 in einer Schrift den Fingerzeig darauf legte, dass das Fehlen des Gerechtigkeitsgedankens ein Fundament des akademischen Antisemitismus ist. Durch die Philosophie- wie die Religionsgeschichte zieht sich hierzulande der Versuch, den Gerechtigkeitsgedanken aus den theologischen Kanons zu entfernen. Immer wieder wurde er von deutschen Denkern verworfen. Weil die Forderung nach einer allgemeinen Gerechtigkeit sich ihrer Verwirklichung unterwerfen würde und jede sich auf Gott, Väter und Überlieferung berufende Gerechtigkeitsidee sich Autoritäten unterordnen würde.

Bei Heinrich kann man Überraschendes zur Kenntnis nehmen. Nicht dass ein der Erforschung von Religion Hingegebener mit aller Vehemenz die Tradition der Aufklärung vertritt. Vielmehr dies: Heinrich macht in den Stoffen der Religion aufklärerisches Denken aus.

Aus der Geschichte der Gedanken

In seinem neuen Buch Gesellschaftlich vermitteltes Naturverhältnis erzählt Heinrich von der Antike, vom Kampf der griechischen Philosophen gegen die Religion. Dass es zahllose Götter gebe, die vertraute menschliche Züge und Eigenschaften haben sollen, kritisierten diese Denker als illusorisch. Heinrich betont aber: Die Griechen glaubten nicht an ihre Götter; diese waren bloß Figuren in Erzählungen und auf Bildern, mit deren Hilfe sie reale Vorgänge darstellbar machen wollten.

Zum Beispiel Prometheus, der den Menschen das Feuer bringt und dafür von Zeus grausam bestraft wird. Eine Geschichte aus sehr alter Zeit, als die Menschen Techniken entwickelten, Natur gefügig zu machen. Dabei durchdringt sie ein tiefes Gefühl der Furcht; für die Unterdrückung der Natur, von der sie abhängig sind, sei womöglich ein hoher Preis zu zahlen. Der Mythos handelt vom Recht und der Tragik dieses Geschehens.

Und: Prometheus steht auf Seiten der Menschen, mit seiner Tat lehnt er sich gegen den obersten Gott Zeus auf. Er verkörpert den Anspruch, unabhängig von Göttern eine Zivilisation zu errichten. Es gibt also im Mythos Kritik an der Religion und also auch gegen die Priester und Staatsgewalten, die sich auf sie berufen.

Die Philosophen stoßen die Religion vom Sockel. Sie führen ein anderes Höchstes ein, ihre Ideenlehren, ihr Denken in Begriffen. Die Anschaulichkeit und emotionale Dimension der Mythen lösen sie zugunsten von Abstraktionen auf.

Wenn Heinrich diesen folgenreichen Schritt kritisiert, dann nicht, um einer Einfachheit oder Re-Mythologisierung das Wort zu reden, sondern um das Denken über sich selbst aufzuklären. Was heute kaum wahrgenommen wird: Die Philosophie entsteht als eine Heilslehre. Der "wissende Mann" versucht, sich von der Alltagswirklichkeit zu lösen, weil diese widersprüchliche Gefühle und nicht zu bewältigende Konflikte und Enttäuschungen birgt. Entlastung soll ein Zustand bringen, der es erlaubt, von der Wirklichkeit unerschüttert und ungerührt zu bleiben.

Über einen der Väter der griechischen Philosophie schreibt Heinrich: "Die Indifferenz des Parmenides entpuppt sich als Zerstörung hinnehmendes Befördern von Zerstörung." Unschwer zu erkennen, dass damit auch der deutsche Geist vor, in und nach der Hitlerzeit gemeint ist. Dessen Indifferenz gegenüber dem Nationalsozialismus und dessen bedrückende Unfähigkeit, die eigene Verstrickung ins Zerstörungs- und Vernichtungsgeschehen zu berücksichtigen.

Klaus Heinrich, am 23. September 1927 geboren, besuchte nach dem Zweiten Weltkrieg die Universität, weil er hoffte, dort die Gründe für die Nöte der Zeit besser erkennen zu lernen. Aber gerade die Methoden der Philosophen, die er bewunderte, vermochten die Kräfte, die Politik und Geschichte bewegen, nicht realistisch zu erfassen. Warum? Heinrich fand die Antwort in der Ausrichtung des Denkens. Die Denker, so seine These, schlagen Luftwurzeln, haben die Wirklichkeit in ihre Abstraktionen verlegt und sehen in die Welt, als ob die einzelnen Menschen ihr nicht angehörten.

Indifferenz, das "Zerstörung hinnehmende Befördern von Zerstörung" ist für Heinrich im Denken selbst, in den Anfängen europäischer Bewusstseinsphilosophie angelegt. Dies kaum Wahrgenommene oder absichtsvoll Verdrängte mit wünschenswerter Klarheit sichtbar zu machen, ist ein Verdienst Heinrichs, den man gar nicht genug würdigen kann. In seinen Schriften hätte eine Vernunft, die wirklich eine wäre, einen Ausgangspunkt.

In der Religion Aberglauben und Irrationales zu sehen - oder in ihr das Absolute zu erkennen -, diese auf den ersten Blick so verschiedenen Haltungen gehören für Heinrich zusammen: Beide verstellen den Blick auf Geschichte, auf die gemeinsamen Wurzeln von Religion und Bewusstseinsphilosophie. Beide entspringen einer Suche nach Lebensformen jenseits einer Realität von politischen Kämpfen, Schreckenserlebnissen und den daraus folgenden Gedanken und Gefühlen. Beide stellen immer wieder die Frage der Aufklärung - nach einer allgemeinen Gerechtigkeit, über deren Verwirklichung jede und jeder gleichermaßen mitzubestimmen hätte - und beide brechen immer wieder mit den Forderungen dieser Aufklärung und weichen dem Risiko der Kritik in eine Beschwörung unverrückbarer, Gehorsam heischender Traditionen und Autoritäten.

Aus der Geschichte der Gefühle

Anlässlich Klaus Heinrichs 80. Geburtstags hat der Frankfurter Stroemfeld Verlag ein Büchlein mit älteren Gesprächen zwischen ihm und Heiner Müller veröffentlicht. Im Gespräch über die Nibelungensage und ihre Rolle als nationaler Mythos im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts, stellt Heinrich eine Deutung des Helden Siegfried vor, die abweicht von der populären Folklore: Siegfried ist in den Augen Heinrichs keine Lichtgestalt, sondern einer, der selbst zu dem Ungeheuer wird, das er bekämpft. Ein Agent von Tod und Vernichtung. Wagners Nibelungenrezeption hingegen entsprang, wie die der Nazis, einer Faszination am Untergang. Die Haltung, mit der man in den eigenen wie in den allgemeinen Untergang schreitet, werden heroisch verklärt: Opferbereitschaft und Konsequenz. Dass man in solche Verhaltensweisen immer dann zurückfällt, "wenn man nicht mehr weiß, wie man das Leben organisieren soll", merkt Heiner Müller dazu an.

Sind die Tage solcher Untergangsfaszination nicht lang ausgestanden? Blickt man in die Medien- und Bildwelten der Gegenwart, lautet die Antwort "nein". Kino und Fernsehen erleben seit einigen Jahren eine Renaissance des Antikefilms. Troja, Wolfgang Petersens Hollywoodversion von Homers Ilias verhandelt gegenwärtige politische Katastrophen: Die Eroberung und Zerstörung des asiatischen Troja spielt auf den Krieg im Irak an; die Instrumentalisierung der Religion durch den Griechenherrscher auf heutige Regenten.

Eine Filmszene: In einer Nacht schleicht Priamos, Vater des vom Griechenhelden Achilles niedergemetzelten Trojaners Hektor, in Achilles Zelt. Er erzählt unter Tränen, welch ein schmerzender, unersetzlicher Verlust der Tod (s)eines Sohnes sei. Schließlich klagen beide und umarmen sich. Bei Homer stand dieser Moment am Schluss. Mit ihm wird etwas deutlich: Das scheinbar unabänderliche Schicksal kann man doch wenden. Die zerstörerischen Kreisläufe von Ausbeutung und Zorn, Gewalt und Rache ließen sich mittels gemeinsamer Anstrengung, Einfühlung und Verhandlung über Grenzen und Differenzen hinweg brechen. Im Hollywoodfilm ist diese Szene lediglich eine unter vielen. Er ist auf Achilles Versuch fixiert, seinen Ruhm zu mehren, koste es, was es wolle, damit alle Welt von ihm spreche.

Dieses Geschehen korrespondiert mit den derzeit erfolgreichsten Fernsehsendungen, in denen Leute versuchen, Popstar zu werden. Tausende treten an, eine Jury begutachtet, siebt aus; Gewinner ist, wer exakt so singt, wie bereits erfolgreiche Stars. Die Ausgeschiedenen vergießen viele Tränen.

Heinrichs Werk richtet sich gegen eine Betrachtung der Verhältnisse als Schicksalssphäre, als etwas, das nicht zu ändern ist. Sein Denken ist nicht eins des bloßen Betrachtens, sondern eins des Mithandelns.

Heinrichs Bücher haben einiges gemein mit dem Werk des Regisseurs John Ford, dessen Filme die Geschichte Amerikas und die Gründung einer Zivilisation beschreiben: Besiedlung, Städtegründungen; von neuen Techniken bedingte Umwälzungen; Konflikte zwischen Alteingesessenen und Einwanderern, kleinen Leuten und Großgrundbesitzern; Versuche, gegen das lokale ein allgemeines Recht durchzusetzen. Man sieht: Verändern lassen sich Verhältnisse nur, wenn man Bündnispartner findet und ein Vertragsverhältnis aushandelt. Ideal verläuft dies nie, man braucht langen Atem, mit Rückschlägen ist zu rechnen.

In diesen Filmen, wie in den Werken Heinrichs, steht das, worauf es ankommt, nicht über den Menschen, sondern sie sind Bestandteil davon. Sie selbst und das, was sich zwischen ihnen entwickelt. Man sieht: Ohne Bündnisse gibt es kein Leben, und die Menschen, wenn sie sich selbst zerstören, zerstören zuerst ihre Bündnisse. Wie solche Bündnisse haltbar zu machen wären, ist für Heinrich die Überlebensfrage jeder menschlichen Beziehung wie es die Überlebensfrage der menschlichen Gattung ist.

Deshalb erforscht er die Gefühle, die tausend unsichtbaren Fäden, durch die Frauen und Männer, Kinder und Eltern, Hiesige und Fremde, "die hier unten" und "die da oben" miteinander verwoben sind. Unendlich nuanciert zeigt er, wie in unscheinbaren Alltagshandlungen die zerstörerischen Kräfte wirken, die es nicht zu verdrängen, mit denen es bewusst umzugehen gilt - aber auch die erneuernden, verwandelnden Kräfte, die aus Konflikten führen und Verletzungen heilen können. Verständnis der Gefühle, ihnen entsprechende Verhältnisse, sind unentbehrlich auf dem Weg zu einer wirklichen Zivilisation.

Heinrich schneidet sich ins eigene Fleisch, wenn er Kunst und Literatur mehr als die Wissenschaft schätzt. Aber in ihnen findet er die Methoden, die er für das Denken erträumt. Kunst war nie bloß Sublimierung, sondern Gegenmacht. Die furchtbare Trennung zwischen Gedanken und Gefühlen haben die Künstler nie mitgemacht, weshalb in ihren Formen, nicht in Theorien, alle Menschheitsregungen und Erfahrungen archiviert sind. Die Toten betrachtet Heinrich nicht als Tote, sondern als Mitmenschen, unverzichtbare Gesprächspartner, die helfen, mehr von der Gegenwart zu sehen. Heinrichs Denken zeichnet etwas aus, das zu finden so unendlich schwer fällt. Eine Balance zwischen Bestimmtheit und Offenheit. Sie ist das aufklärungs- und menschenfreundliche Gegenstück zu den Haltungen, die derzeit in Deutschland dominieren: Konformismus und Zynismus.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare