Das rote Meer

Brauch Es ist das blutigste Volksfest der Welt: Fischer treiben auf den Färöern Wale an den Strand, um sie dort dann abzuschlachten

Es ist zehn Uhr morgens an einem hellen Maitag, und Agnes Mols Mortensen schneidet in der Bucht von Tjornuvik Seegras, das aussieht wie grüne Spaghetti, als sie einen Anruf erhält. Im Fjord von Gotha, ungefähr eine Stunde Autofahrt entfernt, seien Grindwale gesichtet worden, die die Fischer nun an Land trieben. Mortensen hat zu dem Zeitpunkt drei Kisten mit dem nudeligen Gras gefüllt, am Himmel über der Bucht steht die Sonne warm und freundlich.

Ich bin auf die Färöer Inseln gekommen, um über Mortensen zu schreiben. Die 41-Jährige ist Biologin und spezialisiert auf Meeresalgen. Sie arbeitet als Wissenschaftlerin an einem meeresbiologischen Institut, während sie den Rest ihrer Zeit dem eigenen Unternehmen widmet, in dem sie Algenprodukte herstellt. Vor allem solche, die man essen kann wie jene grünen Algenspaghetti.

Es ist 10.30 Uhr, als die Nachricht kommt, die Fischer hätten die Wale verloren. Ich empfinde das als gute Nachricht, in meiner Vorstellung sehe ich eine kleine Walfamilie, die munter, ohne bedroht zu sein, im weiten Meer schwimmt. Mortensen redet gerade darüber, wie Algen dazu beitragen können, die künftige Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung zu sichern, als ihr Telefon erneut klingelt: Die Fischer hätten die Wale wieder gefunden und seien dabei, sie an Land zu treiben.

Ich wusste, bevor ich auf die Färöer flog, dass man hier Wale tötet und dieses Töten nicht legal ist, aber bislang kein Gericht ein Urteil fällte, das die Insulaner davon hätte abhalten können. Wovon ich bis dahin nichts ahnte – das war das Ausmaß dieses Tötens. Und auch jetzt, als ich mit Agnes Mols Mortensen auf dem Fels sitze, über ihre Forschung plaudere, und wir dann beschließen, zum Fjord von Gotha zu fahren, weil „alle da sind“, wie Mortensen sagt, auch ihr Mann, auch ihre Tochter, denke ich noch – es handelt sich um einige verirrte Grindwale, die an Land getrieben werden.

Ich bin nicht zimperlich. Ich war als Journalistin schon in Kriegs- und Krisengebieten. Ich weiß um menschliche Grausamkeiten. Ich habe die toten Schulkinder des Terroranschlags im nordossetischen Beslan am 1. September 2004 gesehen. Ich traf dort ein, als die Leichen noch auf dem Schulhof lagen. Ich bilde mir ein, dass mich nicht mehr sehr viel erschüttern kann und bei Szenen des Grauens eine journalistische Distanz möglich ist. Sonst wäre ich nicht mit Mortensen zum Fjord gefahren.

Tanz auf Kadavern

Schon vor der Bucht von Gotha stauen sich Fahrzeuge, jeder verfügbare Platz ist mit Wagen verstellt. Am Strand sind einige hundert Menschen, zumeist Familien, es herrscht Volksfestatmosphäre. Das Wasser ist bereits rot vom Blut der Tiere, es sind, so wird die Zählung später ergeben, über 150 Grindwale. Etwa ein Drittel liegt mit durchschnittener Kehle am Strand, die anderen schlagen im Wasser um sich. Mehr als einhundert Männer in Gummistiefeln oder wasserfestem Overall, manche aber auch in Alltagskleidung, waten durch das Blut-Wasser-Gemisch und ziehen die kämpfenden Tiere mit Seilen ins flache Wasser, andere eilen herbei und schneiden ihnen tief in den Hals. Mit Messern einige, andere mit etwas, was für mich aussieht, wie ein Bolzenschneider. Besonders die Jungtiere schreien voller Panik und schlagen wild mit der Schwanzflosse. Die wenigsten Tiere sterben schnell, die meisten leben noch einige Minuten, weil Säugetiere verbluten, nicht ersticken. Ihr Todeskampf ist entsetzlich. Sie peitschen das Wasser, sie drehen und winden sich, alle Beteiligten und auch etliche der Zuschauer am Strand sind voller Blut.

Am Ufer herrscht derweil gute Stimmung. Kinder turnen und tanzen auf den Kadavern herum, fassen in die Halswunden, und Eltern fotografieren sie dabei. Mädchen machen Fotos von ihren Freunden, wie sie töten, wie sie das Messer ansetzen, wie das Blut in einem Schwall aus dem Wal kommt. Ich laufe den Strand entlang und schaue in die Gesichter, suche nach einem, dessen Gesichtsausdruck jenes Entsetzen widerspiegelt, das ich empfinde. Ich schaue nach Menschen, die protestieren, nach Tierschützern, die das grausame Abschlachten filmen, nach einem, nur einem, der dieses Sterben beweint. Da ist niemand. Statt dessen lachende Menschen, Männer, die jedes an Land getriebene und getötete Tier bejubeln, sich High Five geben, sich stolz das Gesicht mit Blut verschmieren.

Ein großer Wal kämpft besonders lange. Obwohl er schon einen klaffenden Schnitt in der Kehle hat, Blut, viel Blut ausströmt, stirbt er nicht. Seine Schwanzflosse trifft die Umstehenden, wirft sie ins Wasser, einer und noch einer und noch einer stößt ihm seine Klinge in die Kehle. Kurz will ich ihm zu Hilfe eilen, weiß aber, es ist für das Tier zu spät. Und es wäre eine schale Geste von Heroentum. Stattdessen schaue ich auf die Uhr. Es dauert sechs Minuten, bis das Tier still ist.

Nicht einmal eine halbe Stunde hat es gedauert, dieses Massentöten. Jene, die am Fjord von Gotha wohnen und jene, die getötet haben, stellen sich an, um sich in Listen einzutragen. Wenn die Wale zerlegt sind, wird jeder einen Anteil an Fleisch und Tran bekommen. Die Menschenmenge zerstreut sich nicht so schnell. Man plaudert, fotografiert weiterhin, Kinder hüpfen von Kadaver-Rücken zu Kadaver-Rücken.

Mit Seilen werden die Wale schließlich an Boote gebunden und in den nahen Hafen gezogen. Dort steht bereits ein Kran, der sie an Land hievt, noch immer bluten sie, der Asphalt ist so rot wie das Meer. Die abgeladenen Wale werden auf Gabelstapler gehievt, wie Ware herumgefahren und in Reihen gelegt.

Als ich später im Internet nach Informationen suche, lese ich, dass solche Massentötungen keine spontanen Aktionen sind, sondern die Fischer sehr gezielt und oft über Tage nach Walen suchen, nach möglichst großen Herden. Ich erfahre, dass sich die Wale nicht in die Buchten verirren, sondern schon auf dem Meer aufgetrieben werden. Ich lese auch, wie empört die Färöer darüber sind, nach jedem Waltöten als barbarische, mitleidlose Mörder dargestellt zu werden. Sie sehen in dem Versuch, das Töten zu unterbinden, ein Eingreifen in ihre Rechte und Traditionen.

Am Hafen, vor den langen Reihen der toten Wale, suche ich das Gespräch mit einigen Leuten, frage nach Mitleid für die Tiere, nach Entsetzen über die Panik und den Schmerz der Wale. Nach dem Sinn des Tötens. Ich versuche, nicht anklagend zu klingen, sondern bei meinen Gefühlen zu bleiben. Ich sage, es erfülle mich mit Traurigkeit, und es sei ein Schock. Ich höre viele Sätze von Tradition, von „so ist es hier schon immer gewesen“, davon, dass die Grindwale schließlich nicht gefährdet seien und auch, dass die Färöer sich von anderen nicht sagen ließen, was sie zu tun hätten. Ich bestehe auf meinen Fragen nach Mitgefühl, nach Achtung vor anderem Leben. Wie kann man ohne Zögern derart hochentwickelten Wesen so viel Leid antun, will ich wissen. In einem Schlachthaus für Kühe oder Schweine herrsche ja auch kein Mitleid, bekomme ich als Antwort.

Mit Agnes Mols Mortensen verbringe ich weitere Tage. Ich lerne sie als eine Frau kennen, die sich viele Gedanken über Nachhaltigkeit und Umweltschutz macht und dennoch das Waltöten verteidigt. Was sie erzählt von den 18 Inseln mitten im Atlantik, von diesen Archipelen, auf denen rund 50.000 Menschen leben, sind Geschichten aus einer kleinen Welt, die fast ein Jahrtausend lang fern der großen Welt war. Karge Inseln, auf denen man wenig anbauen und nur Schafe halten kann. Man überlebte nur, wenn man dem Ozean abjagte, was man ihm jagen konnte. Auch Wale, vor allem Wale. Eine große Herde an Land getrieben zu haben, beantwortete die Frage, was man in den kommenden Monaten essen solle. Es gab einst Gründe, diesen Augenblick zu feiern.

Gegen die Dänen

Wie alle fernen Welten geriet auch die der Färöer ins Trudeln, als sie von der Globalisierung erreicht wurde – dazu von Tierrechtlern und Umweltaktivisten, dazu von Gesetzen und Anschauungen, die auf das ferne Festlandeuropa, vor allem das Mutterland Dänemark zurückgingen, dem sich nicht einmal die Hälfte der Färöer zugehörig fühlt und dessen Vorgaben als Gängelei wahrgenommen werden.

Es sind Geschichten eines Volkes, das gern ein eigenes wäre, mit einem eigenen Staat und eigenen Gesetzen. Immerhin verfügt man über eine eigene Fahne und eigene Pässe, muss sich jedoch beugen, wenn es um Fischfangquoten geht. Von dieser Globalisierung fühlen sich die Färöer mehr in ihrer Existenz bedroht als von den Unbilden der Natur, vom Wüten des Meeres und von den Zeiten knapper Nahrungsmittel. So wurde das Recht auf die Waljagd zum Symbol für einen Kampf um die eigene Identität und Lebensform. Und dies so sehr, dass die Färöer dieses Walfleisch noch immer essen, auch wenn sie wissen, es ist in einem gesundheitsschädlichen Maße mit Schwermetallen verseucht – es kann Parkinson und andere Krankheiten hervorrufen.

Als ich am anderen Morgen wieder an der Bucht vorbeikomme, ist das Wasser noch immer rot. Die Bilder der sterbenden Tiere werden mir lange nicht aus dem Kopf gehen. Das gilt auch für den Gedanken, dass Traditionen und Selbstbehauptung keine Entschuldigung sind für die Mitleidlosigkeit, deren Zeuge ich wurde. Auch gibt es längst Alternativen zum Walfleisch, denn auf diesen Inseln muss niemand mehr hungern. Die Einordnung des Massakers in die Verunsicherungen der Moderne, die den Färöern zu schaffen macht, hilft mir zu verstehen, dass ich Zeuge eines Ereignisses wurde, hinter dem mehr steht als eine archaische Brutalität.

06:00 20.06.2018

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