Mathias Mertens
31.03.2010 | 15:20 1

Das Ruby-Slippers-Phänomen

Medienveralterung Handy, ­Computer, App – Erfindungen, die keiner bestellt hat. Erst im Alltäglichwerden des Hypes lernen wir, wofür die Technik schon immer gut war

Schaut man sich heute Fernsehberichte aus den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts über die Computermesse CeBIT an, dann amüsiert man sich über die Begeisterung der Moderatoren für zwei Kilo schwere Telefonhörer mit ausziehbaren Antennen. Für Plastikkästen mit Radiergummitastaturen, deren Arbeitsspeicher heute mit einer leeren Word-Seite überfordert wären. Oder für den Bildschirmtext der Deutschen Bundespost, in dem wenig mehr als Werbung für Bildschirmtext zu lesen war. Amüsant ist das, weil man es mit der gegenwärtigen Situation vergleicht, die so viel avancierter ist: Handys, die nicht nur in Jackentaschen unauffindbar klein sind, sondern die auch die komplette Plattensammlung, Navigationssysteme für den Straßenverkehr und Teilhabe an weltweiten sozialen Netzwerken ermöglichen. Computer, die nur aus einem flachen Bildschirm bestehen, auf den man zeigen kann, um alle möglichen Arbeiten zu erledigen. Fernseher, die sich als Tapete an die Wohnzimmerwand schmiegen und im laufenden Programm vorwärts und rückwärts springen können, je nachdem, wie die eigene Aufmerksamkeit gerade ausgerichtet ist.

Garagengroße Mainframerechner

Woran wir uns nicht erinnern können, ist, dass wir auch diejenigen waren, die sich vor 25 Jahren über Berichte aus den sechziger Jahren über garagengroße Mainframerechner mit riesigen Magnetspulen oder Lochkarteneingabe amüsiert haben, weil es nun diese kleinen Plastikkästen auf der CeBIT gab. Und noch weniger vorstellen können wir uns, dass es in 25 Jahren Leute gibt, die sich über uns und unsere klugen Handys und Tablet-PCs amüsieren. Es gibt keine Historie in dieser seltsamen Welt, durch die wir seit einem Vierteljahrhundert laufen, es gibt nur Veralterung. Wie kann das sein?

Der Punkt ist: Wir brauchen all diese Geräte nicht. Zumindest nicht zu dem Zeitpunkt, an dem wir sie erwerben. Und vor allem nicht für den Zweck, den sie zum Zeitpunkt des Erwerbs zu erfüllen versprechen. Wir brauchen sie erst später, wenn wir wissen, wofür. Aber damit das herausgefunden werden kann, müssen sie bereits von uns gekauft worden sein. Dieses Raum-Zeit-Kontinuum-Paradox sorgt dafür, dass es keine Historie gibt. Nur fortlaufende Geschichten von Applikationen. Applikation ist etwas komplett anderes als die Prinzipien Rationalisierung und Ersatz, die für die klassische industrielle Produktion gelten. Und die Verkürzung auf „Anwendungsprogramm“, die dieser Begriff in den letzten Jahren erfahren hat, will nur die absolute Affinität ausdrücken, die zwischen ihm und der Mikroelektronik besteht. Die lateinische Ursprungsbedeutung der „Zusammenfügung“, die Verabreichung von Arzneimitteln, das „Gesuch“ und die „Bewerbung“, die Feier einer katholischen Messe für bestimmte Personen oder das Aufnähen von Verzierungen auf Kleidung: all diese Bedeutungsschichten gelten weiterhin und machen deutlich, womit man es hier zu tun hat.

256-Byte-Speicher

Das Prinzip Applikation galt schon immer, seit es die ersten Heimcomputer zum Selberbasteln gab, die in Elektronikzeitschriften wie Popular Science, QST-Magazine oder Popular Electronics beworben wurden. Schon das Prinzip des Selberbauens war eine Applikation, die dem Ding Heimcomputer aufgepfropft wurde und ihn somit interessant machte. Denn wofür hätte man einen Heimcomputer denn 1974 benutzen sollen? Es gab Schreibmaschinen, mit denen man schreiben konnte. Es gab Taschenrechner, mit denen man rechnen konnte. Es gab Aktenordner, in denen man Dokumente aufbewahren konnte. Es gab Regale, in die man Aktenordner stellen konnte. Das McLuhan’sche Mediengesetz, nachdem ein neues Medium immer die Formen eines alten Mediums imitieren muss, um sich durchzusetzen, gilt nur, nachdem es überhaupt erst einmal angefasst und zum Laufen gebracht worden ist. Davor muss es in irgendeiner Form Aufmerksamkeit erregen.

Das kann es nur durch sich selbst, nur durch seinen Neuigkeitswert. Der Altair 8800 von MITS beispielsweise, der erste kommerziell erfolgreiche Heimcomputer der Welt, überzeugte dadurch, dass man sich zuhause einen echten Computer bauen konnte, durch nichts sonst. „World’s First Minicomputer Kit to Rival Commercial Model“ stand auf der Titelseite der Januar-Ausgabe von Popular Electronics, und genau das und nur das wollten die vielen Menschen haben, die für 400 Dollar einen 8080-Prozessor, einen 256-Byte(!)-Speicher und einen S100-Bus kauften. Software gab es nicht. Nur die Idee eines Computers. Erst dann, als die early adopters, die Platoniker der mikroelektronischen Zeit, für eine Verbreitung dieser Idee gesorgt hatten, konnten zwei Studenten aus Harvard namens Bill Gates und Paul Allen mit dem seltsamen Vorschlag an MITS-Chef Ed Roberts herantreten, eine bereits existierende Programmiersprache namens BASIC als erstes Programm für den Computer zu schreiben. Worauf Roberts sich einließ und was den Erfolg des Altair 8800 noch beförderte. Ein Programm, um Programme zu schreiben, als erstes Programm für Heimcomputer: sinnfälliger ist das Prinzip der Applikation nie wieder verkörpert worden.

Im Zauberer von Oz gibt es die roten Schuhe der bösen Hexe des Ostens, die die gute Hexe Glinda der verwirrten Dorothy anzieht, bevor sie lostänzelt, um den Zauberer zu finden. Sie glitzern schön rot und müssen auch einigermaßen bequem sein, sonst hätte es Dorothy wohl nicht so lange auf der gelben Ziegelsteinstraße ausgehalten. Mehr ist an diesen Schuhen aber nicht dran. Erst zum Schluss des Films, als Dorothy alle Möglichkeiten, nach Hause zu kommen, verpasst hat und beginnt zu verzweifeln, erscheint Glinda erneut und eröffnet ihr, dass sie die ganze Zeit schon hätte nach Hause fliegen können: Sie müsse nur die Hacken der Schuhe zusammenschlagen und „There’s no place like home“ sagen, um in Kansas in ihrem Bett aufzuwachen und ihre Lieben wieder um sich zu haben. Und so nimmt die Geschichte einen unerwarteten und plötzlichen Ausgang.

Zwei Kilo Telefon

Die moralische, an klassischen Märchen orientierte Interpretation lautet: Dorothy musste erst viele Erfahrungen machen und viele Enttäuschungen erleben, um schließlich festzustellen, dass die Kraft, sich zu retten, nur in ihr selbst liegt. Das mag für Hänsel und Gretel oder das tapfere Schneiderlein und ihre bürgerliche Didaktik gelten, im Fall der Ruby Slippers, der magischen Schuhe von Dorothy, würde aber ein entscheidendes Detail ignoriert werden: die Möglichkeiten liegen im Gerät, nicht in seiner Besitzerin. Dorothy musste nicht lernen, dass sie selbst die Kraft besitzt, um sich nach Hause zu bringen, sondern sie musste lernen, dass viele denkbare und vertraute Arten und Weisen, sich von A nach B zu bewegen, nicht funktionieren oder zu umständlich sind, und dass ein vertrauter Gegenstand es besser kann, wenn man ihn nur lässt. Es geht nicht um moralische, sondern um ästhetische Erziehung.

In den Jahren seit dem Altair 8800 häuften sich die Ruby Slippers, die uns verpasst wurden, und von denen uns erst nach langen Zeiten des Zufriedenseins mit ihrem Neuigkeits- und Schauwert offenbart wurde, was alles mit ihnen möglich ist. Heimcomputer, die zuerst nur den Charme von Physikbaukästen und Informatikschulstunden versprühten, um sich von einem Tag auf den anderen zu unermesslichen Spielmaschinen zu entwickeln. DVDs, die zunächst als größerer externer Speicher für den eigenen Datenmüll auf dem Computer daherkamen, bis der Verkauf von abgespeicherten kompletten Filmen zu einer radikalen Neuinterpretation von Kino und Fernsehen führte. Internet, das als technische Kuriosität der Verbindung von mehreren Computern daherkam, bis Flohmärkte, Buchhandlungen, Linksammlungen und Lexika die Möglichkeiten kollektiver Datenbankbearbeitung aufzeigten und dazu führten, dass ein Konzern wie Google mit der Verwaltung einer Datenbank von Datenbanken und dem Erzeugen aller möglichen Daten für diese Datenbanken zum mächtigsten Akteur dieser Umgebung aufsteigen konnte. Jedesmal trugen wir die Ruby Slippers schon eine ganze Weile und liefen herum wie bisher, bis Glinda kam und uns sagte, dass wir einfach diesen Knopf drücken müssten, um etwas viel besser machen zu lassen, als wir es jemals hätten machen können.

Der alltägliche Hype

Das radikalste Beispiel in dieser Geschichte ist allerdings das Handy. Von Beginn an war es nur Verzierung und Verzierung von Verzierung, die Applikation aller Applikationen. Vor 25 Jahren amüsierten wir uns darüber, dass die Leute überhaupt zwei Kilo schwere Hörer durch die Gegend trugen. Denn was sollte man mit mobilen Telefonen anderes machen als telefonieren? Es half der ganze Technobabble nichts, den die Firmen und die Zeitschriften von sich gaben – das Handy war ein Telefon, nur ein bisschen schicker, weil man es herumschleppen konnte. Es war eine Applikation des Telefons. Und seine folgende Geschichte bestand aus weiteren Verzierungen.

Immer wieder die Frage der Kulturkritiker: Wofür braucht man das? Immer wieder die Antwort der early adopters: Ist doch völlig egal, aber schau mal, wie schön rot es glitzert (beziehungsweise wie klein es ist, wie lange der Akku hält, wie viel Speicher es hat, wie wenig Tasten es hat, weil es einen Touchscreen besitzt, wie wenig die Datenflatrate kostet, wie gut man damit E-Mails verschicken kann, wie viele schöne Programme es dafür zum Runterladen gibt). Und plötzlich ist die Geschichte, die uns die Fernsehwerbung und der Elektronikmarktprospekt gerade erzählen, gar nicht mehr so absurd: dass es nämlich nicht um Telefonieren geht, sondern dass das Handy unseren Körper mit einer Direktverbindung zum Internet ausgestattet hat. Hätte uns Glinda schon vor 25 Jahren diese Geschichte über die Zwei-Kilo-Hörer erzählt – wir hätten überhaupt nicht gewusst, was sie von uns will. Aber jetzt ist es tatsächlich nur Hacken-Zusammenschlagen und Wünsche sagen. Als das Ruby-Slippers-Phänomen der Medienentwicklung lässt sich also festhalten: Im Alltäglichwerden des Hypes versteckt sich die Strukturveränderung, die das Gerät mit sich bringt.

Killer-App: Verkehrsfunk

Eine Lehre kann man aus dieser Erkenntnis kaum ziehen. Denn würden nun alle Kulturkritiker verstummen, konvertieren und zu early adopters jeglichen technischen Geräts werden, gäbe es keinen Hype, der von den reaktionären Gegenargumenten angeheizt wird. Würden alle bei jedem neuen technischen Gerät vermuten, dass es noch gar nicht das ist, was es in Zukunft sein wird, würde es sich überhaupt nicht verbreiten und zu dem entwickeln können, was es ist. Würde jegliches Gerät bereits mit all seinen Funktionen angepriesen werden, würde es als esoterisches Unternehmen abgetan werden und niemals zum Zuge kommen. Es bleibt nur, so weiterzumachen, sich in die charakterlich und sozial determinierte Rolle des Kulturkritikers, des early adopters oder des Normalbenutzers zu fügen und sich alle paar Jahre von Glinda erklären zu lassen, dass manches inzwischen sehr, sehr einfach geht.

Bertolt Brecht schrieb 1927 über das Radio, dass es eine dieser Erfindungen sei, „die nicht bestellt sind. Nicht die Öffentlichkeit hatte auf den Rundfunk gewartet, sondern der Rundfunk wartete auf die Öffentlichkeit.“ Das war die hellsichtige Variante des Kulturkritikers, der sah, dass es überhaupt keinen Nutzen für das neue technische Gerät gab, und dass genau an diesem Punkt gearbeitet werden müsse. Dass die Killer-Applikationen des Radios dann nacheinander politische Rede, Hörspiel, Hitsingle und Verkehrsfunk sein würden, konnte auch er nicht ahnen. Aber medienhistorisch dachte er in die richtige Richtung. Auch für I-Pad und Kindle gilt: Sie sind nicht bestellt.

Wir dürfen gespannt sein, was wir in zehn Jahren immer schon mit diesen überflüssigen Dingern hätten machen können.

Mathias Mertens ist Dozent für Medienwissenschaft am Institut für Medien und Theater der Universität Hildesheim. Zuletzt erschien von ihm 2009 Medien Diskurs Geschichte (Hg.)

Kommentare (1)

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seering 05.04.2010 | 16:54

Medienveralterung ist ein schönes neues Wort, aber sonst finde ich den Artikel argumentativ nicht so gut. Es fehlen zutreffende Beispiele für das behauptete Phänomen.
An einer Stelle fragt der Autor, wozu man 1974 einen Heimcomputer benutzt haben sollte und beantwortet die Frage sofort selbst, indem er vier Dinge aufzählt, die ein Heimcomputer 1974 ersetzen konnte.
Inzwischen haben auch viele mit diversen Rechnergenerationen gearbeitet, für diese gibt es durchaus eine "Historie in dieser seltsamen Welt". Fehlt die Historie vielleicht nur dem, der nicht daran teilgenommen hat?
Es gibt Menschen, die damals nach Erwerb eines 2 kg Mobiltelefons sofort mehr Geld verdient haben. Weil sie immer erreichbar waren und andere erreichen konnten, somit einen Vorsprung hatten. (Das ist im übrigen auch der Sinn des Handys.)
Weiterhin sagt auch das Brecht Zitat nicht aus, dass das Radio nutzlos sei und I-Pad und Kindle sind wiederum nicht mit dem Radio vergleichbar.
Die Suche nach Belegen für das Ruby-Slippers-Phänomen muss wohl weitergehen.