Das Schicksal der Arbeiter gehört nur ihnen

Mehr Süden wagen Die Ateneus von Barcelona sind Institutionen proletarischer Bildung
Conrad Lluis Martell | Ausgabe 43/2017 16

Als Jugendlicher faszinierte mich ein Phänomen, das in Europa einzigartig geblieben ist: der Anarchismus. Wie kam es dazu, dass sich einmal Millionen Spanier als Anarchisten fühlten, sogar 1936 eine der großen Revolutionen der Geschichte vom Zaun brachen?

„Der Anarchismus wurde in Spanien deshalb so mächtig, weil er sich seine eigenen Schulen schuf, die Ateneus. Hier bildeten sich die Arbeiter selbst, lernten lesen, schreiben, rechnen. Sie führten Theaterstücke auf und schauten ihnen zu. Bei all dem eigneten sie sich eine Maxime an: Das Schicksal der Arbeiter gehört ihnen allein. Keinem Gott, Staat oder Kapitaleigentümer.“ Mit dieser Erklärung überraschte mich vor Jahren ein alter Anarchist, Luís Andrés Edo.

Tatsächlich finden und fanden Ateneus viele Verwendungen, politische und unpolitische, elitäre und populäre. Der Blick auf ihre Entstehungsgeschichte macht diese Melange verständlich: Ateneus, wie sie auf Katalanisch heißen, verbreiteten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts auf Initiative des aufstrebenden Bürgertums. Es schuf sich geschützte Räume, um das Gedankengut der Aufklärung zu debattieren und die schönen Künste zu betreiben. Ein Beispiel dafür ist das Ateneu Barcelonès, 1860 entstanden. Sein Auftrag war so bildungsbürgerlich wie national: Es galt, das Katalanisch des Volksmundes in ein feines Medium der Elite umzuformen.

Die Ateneus popularisierten sich schnell. Bald verkehrten in den allermeisten keine feinen Herren, sondern einfache Leute – Bauern, Proletarier, Mägde. Bis zum Bürgerkrieg (1936-1939) vereinigte das Gros der Ateneus Schule, Bibliothek, Kulturverein und politischen Treffpunkt in einer Institution. Alltag, Politik, Bildung gingen ineinander über, um die Schwachen gegen die Starken zu ermächtigen. Jedes Kind, das lesen lernte oder jede Frau, die im Ateneu einen Mietstreik organisierte, bedeutete einen kleinen Riss in der bürgerlichen Ordnung.

Diese kämpferische Tradition reicht in die Gegenwart hinein. Im Viertel, wo ich aufgewachsen bin und lebe, bestehen ein gutes Dutzend Ateneus. Die meisten sind linke Szenetreffs. Das alte Ziel, für verschiedenste Milieus einen gemeinsamen Erfahrungsraum zu schaffen, wird zuweilen an unvermuteter Stelle verwirklicht. In einer oft vergessenen Gegend Barcelonas, der Zona Franca, entstand Anfang 2014 das Ateneu L’Engranatge. Studierende und Gewerkschafterinnen, Rentner und Putzfrauen sind darin aktiv. Das Engranatge ist in bodenständiger Weise politisch: Seit Jahren werden Demos organisiert, um den U-Bahn-Anschluss des Viertels einzufordern oder die Korruption der Lokalverwaltung anzuklagen. Von Zwangsräumungen Betroffene werden beraten und unterstützt. Es finden Filmabende, Lesungen und Feiern statt.

In Erfahrungen wie denen des Engranatge weht ein Hauch von früher ins Heute. Damals schuf sich die entstehende Arbeiterklasse neue politische Räume. Die Ateneus gehörten dazu. Ohne sie hätten nur wenige ein Leben in Würde gefordert und einen utopischen Traum geträumt: die Gleichheit der Menschen.

Conrad Lluis Martell lebt in Barcelona. Er ist Deutsch-Katalane und promoviert in Soziologie

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