Das schiere Hier

40 Jahre „Titanic“ Sie beseelt durch Krawall und tröstet Unruhestifter. Mit ihr zu segeln, immunisiert und erlöst vom Lebensverneinungsbetrieb namens Politik
Das schiere Hier

Abb.: Titanic

Besser, das war mein erster Gedanke – und er ist immer noch richtig – geht es nicht. Ende Juni 2002 fischte ich die neue Ausgabe der Titanic aus dem Briefkasten und musste sofort lachen; lachen wie selten zuvor. Ich lachte, weil ich sofort überwältigt war von der Genialität dieses Witzes und seiner simultan entfalteten befreienden Wirkung; davon, dass er die ganze Scheiße hienieden überstieg und in ein Nichts auflöste – und sie zugleich, die „ganze alte Scheiße“ (Marx/Engels: Die deutsche Ideologie), so darf man’s vielleicht mal hintippen, zur Schnecke machte.

Oder handelte es sich eher um eine Parodie auf die endlose, inbrünstige, korrupte, nach Auflage lechzende Hitlerei des Spiegel? Auf die stündlich ausgestrahlten Naziberghof- und Naziheimatschmonzetten eines Guido Knopp? Was war das nur für ein bübischer und zugleich den verbreiteten Käse des vergammelten „Preßwesens“ (Karl Kraus) ausknockender Titeljoke! „Schrecklicher Verdacht: War Hitler Antisemit?“

Nun ist nichts lachhafter, als einen Witz erklären zu wollen. Wie so ein Ding gebaut wird, hat Oliver Maria Schmitt, Jean Pauls Vorschule zur Ästhetik implizit zitierend, zwar in einem Beitrag für den opulenten, aufs Schönste nutzlosen Sammelband Titanic – Das endgültige Titel-Buch (Kunstmann 2019) erklärt. Die „Konstruktionsweise des Witzes“ nämlich darf man sich vorstellen „als willkürliche Verbindung zweier kontrastierender Vorstellungen, die aber erst mal zueinanderkommen müssen“. Doch das ist schon alles, und es ist nichts weniger als eine nicht weiter explizierbare, gewaltige Theorie des Spiels, der Einbildungskraft, der ungezügelten romantischen Fantasie.

Die Titanic war und ist für mich die papierhaptische Gestalt des formenwilden Glücks, der Beseelung durch zuweilen interventionistischen Krawall und durch Chaos, des Trostes durch Empörung evozierenden Unfug und durch Nonsens. Allerlei rauschte und rauscht auch – notgedrungen – daneben. Allerdings gewahrt man nirgendwo sonst solche Titelbilder – ich ästimiere sie bis heute wie seltene Biotope: „Lecker und gesund: Schweinebraten mit Soße“ (9/2003). – „So grausam war die DDR: Schießbefehl für Kinder“ (12/2007). – Oder: „Leser wählen die Tapete ’87“. Beziehungsweise: „Nicht vergessen: Am 9. April ist Weltbumstag“ (4/1999).

Es ist das schiere Hier, ein „In-der-Welt-Sein“ (Heidegger), das für ein paar Momente gut, weil als reiner Witz eingerichtet ist, Erlösung für Atheisten, Journalismus als Kunst der Veralberung einer Ernsthaftigkeit, die uns der Lebensverneinungsbetrieb namens Politik und „seriöser Öffentlichkeit“ ständig vorgaukelt. Stefan Gärtner, ehemaliger Redakteur und seit Jahren jener Kommentator des vollständig irren gesellschaftlichen Geschehens, der jeden Monat und online zudem jeden Sonntag Walter Boehlichs Erbe übernimmt, indem er den Meister, bis in sämtliche Kapillaren dialektisch geschult, noch übertrifft, hat das Prinzip Titanic vor Kurzem in einem Beitrag für die junge Welt auf den Punkt gehämmert: „Jeder Satz, der in Titanic steht, ist ein völlig freier. Er ist völlig frei, ohne dabei gelogen zu sein; er ist ausgedacht und bezeichnet doch genau das, was zu bezeichnen ist.“ Titanic ist die Prawda, die die Prawda nie sein konnte, Inkarnation des „Möglichen, Utopischen, Herrschaftsfreien“, des fröhlichen Rabaukentums, der beschwingten, freundlichen Anarchie, vermittels derer die Tag für Tag priesterlich zelebrierte Sinnlosigkeit des Gewürges im vom Kapital strangulierten Daseinsvollzug als exakt das durchgespielt wird, was sie vorgibt. Die Titanic ist die Vernichtung des Scheins durch den Schein.

Anfang der neunziger Jahre durfte ich den 2006 verstorbenen Walter Boehlich auf einer alkoholisierten Party in den damaligen Redaktionsräumen in der Brönnerstraße an der unermesslichen Frankfurter Einkaufsaufmarschmeile Zeil kennenlernen. Boehlich kaute auf seiner ewigkeits- und speichelgesättigten Pfeife herum und sagte, plötzlich neben mir stehend, zu mir: „Junger Mann …“ Pause. Paffen. „Junger Mann, ich gebe keine Ratschläge.“ Pause. Paffen. „Wenn ich Ihnen“ – er benutzte tatsächlich das Personalpronomen „Ihnen“ –, „wenn ich Ihnen trotzdem einen Rat geben darf: Immer gegen alles sein.“

Welchen bewunderungswürdigen, Kanons erschaffenden Leuten die Titanic – den Maßstäbe hinwuchtenden Gründern Knorr, Traxler, Waechter, Gernhardt, Poth, Bernstein, Eilert, Henscheid und vielen anderen folgend – doch den Weg geebnet hat! Ohne sie wüssten wir nichts von ihnen, wüssten nichts vom unantastbaren Wolfgang Herrndorf, von Kamagurka, von Bernd Pfarr, von Hurzlmeier, vom Zeichnerduo Rattelschneck, in dessen Kleinkollektivkopf Ideen herumflattern, auf die man hoffentlich ansatzweise selber käme, wäre die klassenlose Gesellschaft endlich Wirklichkeit geworden.

Dem erwähnten Buchziegel ist ein Motto meines Freundes Heribert Lenz vorangestellt: „Wo für die meisten Menschen der Spaß aufhört, da geht für mich der Humor erst los.“ Mit diesem Satz kommt man ganz gut durch. Danke, Titanic.

Info

Bis zum 2. Feburar 2020 ist im Caricatura Museum Frankfurt 40 Jahre Titanic – Die endgültige Titel-Ausstellung zu sehen

Jürgen Roth war viele Jahre Wegbegleiter der wetterfesten Titanic-Besatzung

06:00 28.10.2019
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