Das Schlangenei

SUBCOMANDANTE MARCOS ÜBER EINE VERGANGENE ZUKUNFT Die intellektuelle Rechte und der liberale Faschismus

Das Zeitalter der Globalisierung produziert vor allem in deren Zentren vermehrt Erscheinungen einer extrem rechten, fremdenfeindlichen Politik, die sich bei einigen EU-Staaten in pogromartigen Ausschreitungen gegen Ausländer und sozial Schwache entlädt. Das Phänomen eines neuen, aggressiven Nationalismus korrespondiert so gar nicht mit dem reklamierten Kosmopolitismus der globalen Konsum- und Informationsgesellschaft. Der Sprecher der Zapatistischen Befreiungsarmee (EZLN) Subcomandante Marcos hat sich daher in einem seiner letzten Kommuniqués aus den "Bergen im Süden Mexikos" vor diesem Hintergrund zum Verhältnis zwischen rechten (teilweise einst linken) Intellektuellen und der ambivalenten Liberalität einer "Neuen Mitte" geäußert. Er vergleicht deren Credo mit Versuchen der extremen Rechten, ein neues, weniger gewalttätiges, weniger autoritäres Image zu pflegen. Wir dokumentieren diesen Essay in Auszügen.

"In der Figur, die sich Oxymoron nennt, bedient sich ein Wort eines Beiworts, das diesem zu widersprechen scheint; so sprachen die Gnostiker von einem dunklen Licht, die Alchimisten von einer schwarzen Sonne."(Jorge Luis Borges)

Es ist eine schwer zu widerlegende Tatsache, dass die Globalisierung eine Realität ist. Ich beurteile sie (noch ) nicht, sondern versuche zunächst, ihre Grundzüge zu benennen. Aber da von einem Oxymoron die Rede war, sei gesagt, dass es sich um eine fragmentarische Globalisierung handelt. Die Globalisierung wurde unter anderem durch zwei Revolutionen möglich: die der Technologie und die der Information. Und sie wurde von der Finanzmacht angetrieben. Technologie und Information (und mit ihnen das Finanzkapital) haben Distanzen aufgehoben und Grenzen niedergerissen. Heute ist es möglich, über jeden beliebigen Teil der Erde zu jeder Zeit Informationen zu erhalten. Trotz "Globalisierung" ist Homogenität aber weit davon entfernt, das Hauptmerkmal dieses Umbaus zu sein. Die Welt ist ein Archipel, ein Puzzle, dessen einzelne Teile sich in weitere Puzzles verwandeln - und die einzige wirkliche Globalisierung besteht in der Vervielfältigung von Heterogenität.

Haben Technologie und Information die Welt geeint, so hat die Finanzmacht sie zerstört, indem sie jene wie Waffen in einem Krieg benutzt hat. Die Globalisierung ist ein Weltkrieg - der vierte -, ein weltweiter Prozess von Zerstörung/Entvölkerung und Wiederaufbau/Neuordnung. Für den Aufbau einer "neuen Weltordnung" erobert die Finanzmacht Territorien, überschreitet Grenzen und führt einen neuartigen Krieg. Dessen Austragungsort ist der nationale Markt - (die entscheidende Basis des Nationalstaates), der sich zusehends auflöst. An seine Stelle treten integrierte Märkte. Filialen der großen internationalen "(Shopping-)Mall", des globalisierten Marktes.

Die Konsequenz ist ein Oxymoron: Immer weniger Menschen verfügen über immer mehr Reichtum, produziert durch die Ausbeutung immer ärmer werdender Menschen. Für eine Handvoll Mächtiger öffnet sich der Planet Stück für Stück; Millionen von Menschen bietet diese Welt hingegen keinen Ort mehr zum Leben. Ziellos irren sie umher. Das organisierte Verbrechen bildet das Rückgrat der Rechtsprechung und der Regierungen. Zusammengefasst: eine fragmentarische Globalisierung.

Käufliches Objekt, Zielscheibe der Vernichtung - intellektueller Pragmatismus

Wie reagieren nun die Intellektuellen darauf? Vorausgesetzt, sie haben etwas mit der Gesellschaft, der Macht und dem Staat zu tun, müssen wir uns fragen: Leiden sie unter demselben Prozess von permanenter Zerstörung und Wiederaufbau? Welche Rolle nehmen sie in diesem Krieg ein?

Umberto Eco schreibt: "Die Intellektuellen als Kategorie sind bekanntlich etwas sehr Diffuses, das sich nur schwer definieren lässt. Anders steht es dagegen mit der ›intellektuellen Tätigkeit‹. Sie besteht in der kritischen Sichtung und Bestimmung dessen, was als hinreichende Annäherung an den eigenen Begriff der Wahrheit angesehen werden kann - und sie kann von jedem Beliebigen ausgeführt werden, auch von einem Unterprivilegierten oder Ausgestoßenen, der über seine Lage nachdenkt und sie auf irgendeine Weise zum Ausdruck bringt ..."

In der Regel kritisiert der Intellektuelle die Unbeweglichkeit und fördert den Wechsel. Trotzdem ist dieser Kommunikator kritischer Ideen eingebunden in eine polarisierte Gesellschaft, die grundsätzlich geteilt ist in diejenigen, die die Macht nutzen, damit sich nichts ändert, und jene, die für Veränderung kämpfen. Der Intellektuelle kann also zwischen verschiedenen sozialen Positionen wählen, folglich ist auch zwischen progressiven und reaktionären Intellektuellen zu unterscheiden. Die einen wie die anderen bemühen sich um die Verbreitung kritischer Analyse. Während aber die Progressiven die Unbeweglichkeit, die Hegemonie und die Gleichförmigkeit kritisieren, wehren sich die Reaktionäre gegen den Wandel, die Rebellion, die Vielfalt. Der reaktionäre Intellektuelle "vergisst" seine intellektuelle Funktion, gibt die kritische Reflexion auf und seine Erinnerung verkürzt sich, so dass es weder Vergangenheit noch Zukunft gibt.

Es gab Zeiten, da waren die großen Intellektuellen der Rechten noch Progressive. Ich spreche hier von den Riesen, nicht von den Zwergen. Octavio Paz etwa, ein hervorragender Dichter, der größte Intellektuelle der Rechten in Mexiko, meint: "Ich komme aus dem, was man das linke Denken nennt. Für meine persönliche Prägung war das sehr wichtig. Heute weiß ich es nicht mehr so genau ... Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich mich mit den linken Intellektellen unterhalte, manchmal auch diskutiere ... "

Fälle wie der von Paz kommen auf der globalen Megaleinwand immer wieder vor. Der progressive Intellektuelle wird zum Objekt und Ziel der herrschenden Macht. Zum käuflichen Objekt und zur Zielscheibe der Vernichtung - er wird in diese Atmosphäre ständiger Verführung "hineingeboren". Einige widerstehen - fast immer einsam, Solidarität scheint auch unter progressiven Intellektuellen kein Charakteristikum zu sein. Andere wiederum kramen in ihrer Ideenkiste und finden Gründe, um die Macht, "die unausweichliche Globalisierung" zu legitimieren. Das System bietet ihnen dafür bequeme Sessel - Stipendien, Posten, Preise, andere Privilegien - sie finden sich auf einmal auf der Seite der noch gestern verachteten Fürsten wieder.

Fern von Reflexion und kritischem Denken verwandeln sich rechte Intellektuelle in exzellente Pragmatiker, in ein Echo der Werbespots, die den Megamarkt der fragmentarischen Globalisierung überschwemmen. Sie entwickeln neue "Tugenden" (um wieder auf das Oxymoron zurückzukommen): Sie verkaufen die Globalisierung als die beste aller möglichen Welten - allerdings fehlt es ihnen an konkreten Beispielen für die Vorteile, die Menschen davon haben sollen. Deshalb müssen sie auf die Theologie zurückgreifen und mit Dogmen fehlende Argumente ausgleichen. Die Rolle der neoliberalen Theologen verlangt schließlich die Verfolgung der "Ketzer" und "Botschafter des Bösen", das heißt, der linken Intellektuellen, denen sie "Messianismus" vorwerfen.

Eine lustige arische Mickymaus - das spezielle Disney-Land

In der Ära der fragmentarischen Globalisierung sind die Medien der Spiegel der Gesellschaften, nicht wie sie tatsächlich sind, sondern wie sie erscheinen sollen. Tautologisch und oberflächlich geizt die mediale Gesellschaft mit Vernunft und Argumenten. Der Beweis liegt in der pausenlosen Wiederholung - und was sich wiederholt, sind die Bilder und die Grautöne, die uns heute auf der globalisierten Leinwand präsentiert werden. Wir leben in einer visuellen Ära. Es ist wirklich, was man uns vorführt, und wahr, was wir sehen. Es gibt keinen Platz mehr für intellektuelle Reflexion oder auch nur für eine Erklärung, die eine Lektüre des Bildes "vervollständigen" könnte.

Der neue Intellektuelle der Rechten muss seiner legitimatorischen Funktion in dieser visuellen Ära nachkommen: Er muss für das Direkte und Unmittelbare optieren, vom Zeichen zum Bild - die Welt, die das Objekt seiner "intellektuellen" Tätigkeit ist, ist diejenige, die uns von den Medien angeboten wird: eine virtuelle Repräsentation. Wenn sich im Supermarkt der Globalisierung der Nationalstaat als ein weiteres Unternehmen versteht, die Regierenden sich als Geschäftsführer, die Polizisten sich als Wachschutz sehen, dann fällt den intellektuellen Rechten der Bereich der PR zu - sie sind die theoretischen Bodyguards des Fürsten, die Ansager der "neuen Geschichte".

Auf der globalen Leinwand bietet man uns schon eine neue Version der nationalsozialistischen Vernichtung der Juden an, nach der die Geschichte etwas von einem speziellen Disneyland hatte und Adolf Hitler so etwas wie eine lustige arische Mickymaus war. Und aus jüngerer Zeit werden uns die Kriege am Golf und im Kosovo als "humanitäre" Aktionen präsentiert. In der vergangenen Zukunft, auf die uns die intellektuelle Rechte vorbereitet, ist die Globalisierung der deus ex machina, der die Welt bearbeitet, um seine eigene Machtergreifung vorzubereiten.

Was also wird uns durch diese grauen Bilder auf der Megaleinwand der Globalisierung angekündigt? Können sie das Wiedererscheinen des Faschismus bedeuten? Alles Paranoia? Umberto Eco gibt in seinem Text Der ewige Faschismus einige Schlüssel zum Verständnis der Tatsache, dass der Faschismus in der modernen Gesellschaft latent vorhanden ist. Auch wenn sich die Nazi-Vernichtungslager kaum wiederholen werden, so wartet doch an der einen oder anderen Ecke des Planeten das, was Eco "Ur-Faschismus" nennt, auf die Gelegenheit, wieder aufzutauchen. Nachdem er darauf hingewiesen hat, dass der Faschismus eine diffuse Form des Totalitarismus war, benennt er einige seiner Grundzüge: Die Negation eines Wissensfortschritts, Irrationalismus, Misstrauen gegenüber der Kultur, die eine kritische Haltung hervorbringen könnte. Jede Opposition gegenüber dem Hegemon gilt als Landesverrat. Angst vor Differenz und ein Rassismus, der aus individueller und sozialer Frustration entsteht. Xenophobie, das Leben als permanenter Krieg, aristokratischer Elitismus, individuelles Opfer zum Wohle der Sache, Machismus, ein durch Fernsehen verbreiteter Populismus, "Neu-Sprach" (kleiner Wortschatz, primitive Syntax). - Der erneuerte Faschismus erscheint nicht immer mit kahlgeschorenem Kopf und tätowiertem Körper auf der globalisierten Mega-Leinwand. Und trotzdem hört er nicht auf, Teil einer unheilvollen Rechten zu sein.

Graue Bilder, graue Hemden - "die höchste Verpflichtung"

Wenn ich "siniestra derecha" (linke Rechte) sage, denken Sie, ich suche ein schlechtes Wortspiel, um zu einem neuen Oxymoron zu kommen. Aber ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenken. Nach dem Fall der Mauer in Berlin eilte das politische Spektrum Europas aufgeschreckt zur "Neuen Mitte" hin. Das ist für die traditionelle europäische Linke ganz offensichtlich so. Aber etwas Ähnliches ereignete sich auch bei der extremen Rechten. Die faschistische Rechte versuchte, sich in den vergangenen Jahren ein neues Image zuzulegen, das sie von der gewalttätigen, autoritären Vergangenheit abgrenzt. Mit erstaunlicher Leichtigkeit hat sie sich hierbei auch der neoliberalen Theologie bedient. In ihren Wahlkämpfen insistiert sie auf Themen wie öffentliche Sicherheit, Arbeitslosigkeit, Bedrohung durch Immigration. Worin unterscheiden sie sich hierin von der Sozialdemokratie und der traditionellen Linken? In der komplizierten politischen Geometrie Europas war der sogenannte dritte Weg nicht nur tödlich für die Linke, sondern auch die Zufahrt zur Startrampe des Neofaschismus.

Vielleicht übertreibe ich, aber ich habe den Verdacht, dass die Flut von grauen Bildern auf der Leinwand dazu dienen soll, dass wir uns nur noch vage an manches erinnern können. Alles dreht sich darum, einen Platz an der Seite des Fürsten zu ergattern. Da ist es egal, das er ein graues Hemd trägt und in seinem warmen Schoß ein Schlangenei brütet.

Das Schlangenei - wenn meine Erinnerung mich nicht täuscht, ist dies der Titel eines Films von Ingmar Bergman, der ein Milieu beschreibt, in dem Faschismus entsteht. Und was tun wir? Bleiben wir sitzen, bis der Film zu Ende ist? Einen Moment! Schauen Sie auf die anderen Zuschauer: Viele haben sich von ihren Sitzen erhoben und stehen in Gruppen zusammen. Das Raunen schwillt an. Einige werfen Gegenstände gegen die Leinwand. Und sehen Sie diese dort! Sie haben sich umgekehrt und wenden sich nach oben. Als suchten Sie den Filmvorführer. Es scheint, als ob sie ihn gefunden haben; sie zeigen auf einen Punkt dort oben. Wer sind diese Leute? Einer von ihnen hält ein Transparent nach oben: "Wir, die Bürger, ergreifen das Wort und die Initiative. Mit der gleichen Vehemenz und Kraft, mit der wir unsere Rechte zurückfordern, rufen wir auch nach unserer höchsten Verpflichtung." - "Die höchste Verpflichtung": Was ist damit gemeint?

(Übersetzung WOZ, Eva Meier)

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