„Das Schlimme der Welt entsteht aus Dummheit“

Interview Alligatoah hat viel Georg Kreisler gehört, ist mit seinen Songs Thema an Schulen und findet, dass die Leute mehr zusammen singen sollten

Für Hip Hop sind es zu viele Rockgitarren, für Rock zu viel Sprechgesang, für die Charts zu viel Zynismus und Satire. Trotzdem ist Lukas Strobel alias Alligatoah mit seinem Album Schlaftabletten, Rotwein V kürzlich auf Platz 1 gelandet, direkt vor Pur und Eminem. Nach Prominenz sehnt er sich nicht, aber danach, dass jeder seine Lieder singt.

der Freitag: „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?“ – Wie kommt Goethe in den ersten Song Ihres Albums „Schlaftabletten, Rotwein V“?

Alligatoah: Durch einen Zufall, der live auf der Bühne entstand. In einer meiner improvisierten Ansagen an das Publikum habe ich gefragt: „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?“ Darauf habe ich mir dann direkt selbst die Antwort gegeben, „Alligatoah, du Fotze“. Diese Äußerung wurde im Netz zitiert, und ab da zum Selbstläufer, es gab Instagram-Kanäle, die so hießen. Und jetzt gibt es von mir den entsprechenden Song dazu.

Sie sind belesen, kennen sich also aus mit Dichtern und Denkern?

Nein, das möchte ich nicht behaupten. Nur weil man den Erlkönig kennt, zählt man noch nicht zu den belesenen Intellektuellen des Landes. Das würde ich von mir weisen, schon aus Sicherheitsgründen, damit mir jetzt keine Detailfragen zu Goethes Werk gestellt werden.

Für Ihren Kollegen Sido sind Rapper die „neuen Poeten“. Wie sehen Sie das?

Dem kann ich in Teilen zustimmen. Allerdings mache ich mir Sorgen, was die Langlebigkeit betrifft. Goethes Texte werden auch nach Jahrhunderten noch in der Schule rezitiert. Doch die Medien, auf denen wir heute unsere Kunst speichern, haben nur eine kurze Haltbarkeit. Ich vermute, um wirklich noch in 200 Jahren zitiert zu werden, müsste man einen Text wieder auf Papier drucken. Vielleicht sollte man auch das klassische Medium des Weitersingens wieder stärker bedienen.

Aus Rapsongs werden dann Volkslieder?

Als es früher noch keine Möglichkeit gab, Musik auf ein Medium zu bannen, hat Musik überlebt, weil sie immer wieder interpretiert wurde, weil Leute sie am Lagerfeuer gesungen und nachgespielt haben. Generell sollte man die Leute wieder dazu bringen, mehr zu singen. Denn das Singen scheint im Moment nicht mehr Teil unserer Kultur zu sein. Man singt nicht mehr einfach so vor sich hin, man trifft sich auch nicht mehr zum gemeinsamen Singen.

Goethe steht im Lehrplan – welcher Ihrer Songs sollte im Schulunterricht durchgenommen werden?

Ich würde mich bei jedem Song freuen. Tatsächlich passiert das auch schon. Hin und wieder lese ich in Nachrichten von Followern bei Instagram oder Twitter, die mir schreiben, dass sie einen Song in der Schule behandelt haben. Ob das dann vom Lehrer ausging oder von den Schülern, weiß ich nicht, aber es freut mich auf jeden Fall. So etwas hat am ehesten Langlebigkeit, im Gegensatz zu Mp3s.

Ihre Texte sind oft satirisch. Wer waren Ihre Lehrer?

In meiner frühen Phase, sozusagen in der Satire-Grundschule, war es Rüdiger Hoffmann. Mich hat seine Art inspiriert, wie er brutale, harte Themen spielerisch, süffisant und humorvoll anpackt. Er bringt Dinge auf eine bissige Art und Weise rüber, die aber trotzdem nicht belehrend oder unangenehm ist.

Nach dem Hören könnte man zynischere Vorbilder erwarten, etwa Georg Kreisler, Georg Schramm oder den Kabarettisten Dieter Nuhr.

Ich habe in der Tat viel Georg Kreisler gehört. Die anderen genannten Kabarettisten schätze ich ebenfalls sehr, würde mich aber mit ihnen nicht vergleichen, weil sie wesentlich mehr politisch engagiert und oft mit einer klaren Linie, einer klaren Message am Start sind. Was ich mache, hat noch mehr Leichtigkeit, auch Verrücktheit, Unsicherheit und Unwissenheit. Ich lade zum dauerhaften Perspektivwechsel ein, in alle möglichen, auch absurde Richtungen. Zum Beispiel die Welt aus der Sicht eines Terroristen zu sehen, oder aus der Sicht einer Person, die eine Weltanschauung hat, die der eigenen völlig fremd ist.

… so wie im Sketch „Anonyme Ausländerfeinde“ von Rüdiger Hoffmann.

Ganz genau.

Ich habe gelesen, dass Sie kein Freund von Verschwörungstheorien sind, aber auch Satiriker verbreiten hin und wieder welche. Georg Schramm behauptete zum Beispiel: Die Bevölkerung wird absichtlich dumm gehalten. Ist da was dran?

Nein, das glaube ich nicht. Solche Formulierungen implizieren, dass sich irgendjemand mit böser Absicht zur Aufgabe gemacht hat, die Menschen zu unterjochen. Der Schluss, den ich schon auf meinem letzten Album für mich gezogen habe, ist ein anderer: Ich denke, dass alles Schlimme und Furchtbare auf dieser Welt, die Unterdrückung und die Ungerechtigkeiten, im Grunde nicht durch Bösartigkeiten entsteht, sondern durch Dummheit. Durch Unwissenheit und fehlende Empathie.

Auch Ironie ist in vielen Ihrer Texte ein Stilmittel. Kann man Ironie lernen?

Das weiß ich nicht. Ich glaube, man kann lernen, Ironie zu verstehen. Man kann auch lernen, wie man sie einsetzt. Allerdings ist das Entschlüsseln einfacher als das Verschlüsseln. Das gezielte und künstlerische Einsetzen von Ironie ist die schwierigere Aufgabe.

Wie ist es mit Selbstironie?

Ich glaube, niemand hat Selbstironie. Ganz tief drin ist Selbstironie nur ein Versuch zu vertuschen, dass man eigentlich doch immer sehr angegriffen und beleidigt ist, wenn jemand etwas über einen sagt, dass irgendwo ganz tief drin immer etwas stirbt in so einem Moment. Ich weiß, das ist jetzt eine steile These – vielleicht sogar eine Verschwörungstheorie.

Wenn in Bayern wieder Kreuze aufgehängt werden und die AfD genauso viele Wähler hat wie die SPD – ist Ironie dann überlebenswichtig?

Sie kann einem auf jeden Fall Halt geben und die Sachen ein bisschen erträglicher machen. Ironie kann in solchen Zeiten aber auch ein gefährlicher Begleiter sein, sie kann schnell wie Arroganz rüberkommen. Es kann passieren, dass der Diskurs und der Dialog zwischen den gespaltenen Teilen des Landes verhindert wird, wenn jeder nur noch ironisch und sarkastisch spricht. Dann redet man nicht mehr miteinander sondern nur noch übereinander.

Der Schauspielrapper

Eigentlich heißt Alligatoah Lukas Strobel und ist in einem kleinen Dorf in der Nähe von Bremerhaven aufgewachsen – „als Blumenkind, das zwischen Blumen sitzend auf der Gitarre spielt“, wie er mal in einem Interview sagte.

Prominenz interessiert ihn nicht, sein Name ist vielen nicht bekannt, obwohl er einer der erfolgreichsten Rapper Deutschlands ist. Mit seinen satirischen Texten bewegt er sich weit außerhalb des Hip-Hop-Mainstreams, auch musikalisch hat er einen ganz eigenen Stil entwickelt. Er mischt Rock, Jazz und andere Einflüsse und verbindet gesungene Refrains mit Rap, ohne dass das eine dem anderen den Platz raubt. Statt Gangsterposen und Battlerapkonventionen gibt es bei ihm humorvoll-absurde Alltagsbeobachtungen. Schon in der Schulzeit produzierte Strobel eigene Kurzfilme, bis heute dreht er alle seine Videos selbst.

Einen „Schauspielrapper“ nennt er sich selbst, wegen seiner Angewohnheit, in seinen Liedern in die verschiedensten Rollen zu schlüpfen. Damit ist er ziemlich erfolgreich. Sein zweites Album Triebwerke ging 2013 auf Platz 1 der Albumcharts, ebenso jetzt sein neues Album Schlaftabletten, Rotwein V. Nächstes Jahr wird er neben Bands wie Feine Sahne Fischfilet und den Ärzten bei Rock am Ring auftreten. Auf Schlaftabletten, Rotwein V bleibt er sich weitgehend treu, setzt aber auch mal eine politische Note und rappt über Flüchtlinge, Verschwörungstheorien und die Absurdität der Konsumkultur.

In ihrem Song „Füttern verboten“ heißt es: „Komm an den Zaun, wo die Flüchtlinge wohnen, Fotos sind erlaubt, aber füttern verboten“: Tut Deutschland genug für Menschen, die Not leiden?

Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht ganz beurteilen. Wenn ich mich damit befasse, versuche ich immer alle Seiten zu betrachten, mit Menschen darüber zu reden und alles zu sehen. Interessant ist, dass die Linken im Moment sagen, dass die derzeitige Regierung total rechts ist, dass viel zu wenig getan wird. Während die Rechten sagen, es wird zu viel gemacht und die Regierung ist total links. Ich denke, wenn man das ganze Bild betrachtet, wird die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegen. Aus der Sicht meines Herzens kann für Not leidende Menschen natürlich nie genug getan werden.

Musiker wie Marteria oder Max Herre haben sich im Sommer mit Schwimmwesten und dem Schriftzug #togetherforrescue fotografieren lassen, um SOS Méditerranée zu unterstützen. Was halten Sie von so einem Statement?

Ich habe von der Aktion noch nichts mitbekommen, aber das klingt gut.

Oder entziehen Sie sich eher, um nicht politisch verortet zu werden?

Das mit der politischen Verortung ist nicht der ausschlaggebende Punkt. Ich bin generell als Alligatoah sehr vorsichtig, mich in irgendeiner Weise außerhalb meiner Musik zu engagieren, zu positionieren, zu platzieren. Denn ich habe vor langer Zeit entschieden, dass ich kein Prominenter sein möchte. Ich will nur Musiker sein und mich von allem anderen frei machen.

Alligatoah ist eine One-Man-Show: Sie sind Komponist, Textdichter, Instrumentalist und Sänger in einem.

Ja, auf dem neuen Album gibt es davon aber zwei Ausnahmen: Auf einem Song hat ein Musiker aus meiner Liveband Schlagzeug gespielt und es gibt ein Rap-Feature. Schlagzeug spiele ich auch, allerdings nicht so gut. Die Hand-Fuß-Koordination ist bei mir ein großes Problem. Wenn ich selbst Schlagzeug einspiele, dann nacheinander: zuerst nur die Snare, dann nur die Bass-Drum und dann nur die Hi-Hat. Anschließend schiebe ich mir das Ganze zurecht. So mache ich das mit vielen Instrumenten. Schlagzeug, Gitarre, Keys, Klarinette und Geige. Ich habe bei diesem Album zum ersten Mal Geige gespielt, auch wenn ich das überhaupt nicht kann. Ich habe immer nur drei Töne gespielt, auf Pause gedrückt, dann die nächsten drei Töne und so weiter.

Wie lernen Sie all diese Instrumente, mit YouTube-Tutorials?

Ich will gar nicht den Eindruck wecken, als wäre ich auf jedem Instrument virtuos unterwegs. Nein, ich nehme die Instrumente in die Hand und versuche ihnen Töne zu entlocken, so lange, bis etwas rauskommt. Irgendwas kommt immer raus. Ich habe irgendwann begriffen, dass man Instrumente eigentlich nicht mit den Fingern spielt, sondern mit dem Gehör. Ein geschultes Gehör, das erkennt, welche Töne dran wären, findet sie irgendwie auf dem jeweiligen Instrument. Es ist natürlich auch wichtig, ein Instrument mit Selbstvertrauen zu spielen. Wenn man mit Selbstvertrauen den falschen Ton spielt, ist es nicht der falsche Ton.

Auf dem neuen Album kann man auch Coverversionen finden, unter anderem von Plastikpopsängerin Sia und Rolf Zuckowski.

Das ist ehrlich gemeinte Liebhaberei. Ich habe schon seit Längerem dem Wort „guilty pleasure“ abgeschworen. Man hört das ja öfter von Freunden: Es gibt diesen Song, bei dem ich mich nicht traue zuzugeben, dass ich den gern mag. Da denke ich: Eigentlich gibt es nur Vergnügen. Man muss das überwinden, dass man Songs nicht hören „darf“, weil sie „uncool“ sind, weil sie aus einem Genre kommen, dass angeblich „gar nicht geht“.

Es kommen auch wieder Humoristen wie Heinz Erhardt und Monty Python vor.

Durchaus. Gerade Monty Python war in meiner Jugend der Moment, wo ich gemerkt habe, dass es da noch was gibt, eine andere Art von Humor, die sich von den blöden Sketch-Shows, die im deutschen Fernsehen liefen, total absetzte. Monty Python haben mich sehr geprägt, insbesondere Das Leben des Brian ist ein von mir gern zitierter Film.

Info

Eine Langfassung ist auf planet-interview.de erschienen

06:00 10.12.2018
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