Das schönste Mädchen von Trier

Literatur Angelika Limmroth würdigt Jenny Marx anlässlich ihres 200. Geburstags als starke Frau und engagierte Kämpferin
Jens Grandt | Ausgabe 15/2014

Das Klischee hält sich weiter hartnäckig: Frauen bedeutender Männer werden immer noch oft als bedauernswerte, dienende Geschöpfe dargestellt. Als Klettenwesen, die ihrer persönlichen Entfaltung wegen besser getan hätten, sich von der Inanspruchnahme ihrer Auserwählten zu befreien. Einige der Geplagten wurden allerdings inzwischen rehabilitiert: Bei den Franzosen waren das Alexandrine Zola und Clara Malraux, bei uns Emma Herwegh, Emilie Fontane und „Frau Thomas Mann“. Der 200. Geburtstag von Jenny Marx, sie wurde am 12. Februar 1814 geboren, ist nun Anlass, die Grand Lady der sozialistischen Bewegung mit Gedenkveranstaltungen in Trier, Berlin und ihrer Geburtsstadt Salzwedel zu würdigen. Im dortigen Stadtmuseum ist auch eine reich bestückte Ausstellung zu sehen. Jetzt liegt eine neue Biografie der Göttinger Publizistin Angelika Limmroth vor.

Die Frage ist dabei immer wieder dieselbe: Wie konnten die Frauen es an der Seite ihrer oft schwierigen, in bestimmter Weise egozentrischen Partner aushalten? Zumal bei Jenny, geborene von Westphalen, sprach doch viel mehr gegen eine Ehe mit Karl Marx als dafür. Sie stammte aus einer begüterten Familie. Der Vater musste zwar das geerbte Landgut aufgeben, weil er nicht zu wirtschaften verstand, aber in all den Städten, in denen sich die Familie niederließ, zuletzt in Trier, genoss er als honoriger Staatsangestellter hohes Ansehen.

Die „Adlige“ Jenny von Westphalen ist allerdings eine Legende. Die Westphalens gehörten nicht dem Erbadel an. Der Großvater war Sekretär eines Generalfeldmarschalls in preußischen Diensten gewesen und hatte den Titel „Edler von“ verliehen bekommen. Er musste für die Nachfahren aber jedes Mal neu erkauft werden, ein Namensetikett. Jenny war die Tochter einer geadelten Beamtenfamilie. Dieser Unterschied wird gern verwischt, erst kürzlich wieder in der MDR-Sendung Zur Person, wo unter Berufung auf die sehr subjektive Biografie des Hörfunkautors Ulrich Teusch sogar von der „Baronesse“ die Rede war.

Die Ballkönigin

Jenny hätte aber eine standesgemäße Partie machen können, zumal es Bewerber genug gab. Sie war eine ausnehmend schöne Frau. Marx nannte sie später, sich der Tage ihrer leidenschaftlichen Ergriffenheit erinnernd, „das schönste Mädchen von Trier“, die „Ballkönigin“. Wir kennen ein halbes Dutzend schwärmerischer Briefzeugnisse von Freunden und Kampfgefährten, die bis ins hohe Alter ihr gutes Aussehen betonten. Ebenso ihre Bildung, ihre geistige Regsamkeit. Sie nimmt Englischunterricht, ist von Shakespeare fasziniert, liest französische Bücher, sympathisiert mit den oppositionellen Dichtern des Jungen Deutschland. Und dennoch – oder gerade deswegen – verliebt sie sich „unaussprechlich, grenzen-, zeit- und maßlos“ (Brief vom 13. September 1841) in den charismatischen Hitzkopf Karl. So beginnt es. Und Angelika Limmroth beschreibt von diesem Punkt an das Psychogramm einer großen Liebe.

Dass sich das Paar zunächst heimlich verlobt, ist der Angst vor übler Nachrede geschuldet und verwundert doch ein wenig, denn die beiden Familien standen sich näher als allgemein bekannt. Die Väter pflegten ein freundschaftliches Verhältnis, begegneten sich in der liberal gesinnten „Casinogesellschaft“ regelmäßig (Heinrich Marx war einer der bekanntesten Rechtsanwälte in Trier), und ihre Kinder Karl und Jenny kannten sich von früh an. Mit Jennys Bruder Edgar bildeten sie ein fröhliches Jugendtrio, wanderten, diskutierten mit Jennys Vater, der sie nachhaltig prägte und für soziale Probleme sensibilisierte. Ludwig von Westphalen wird zum Mentor für den jungen Marx, resümiert Angelika Limmroth. Die Biografie hellt überhaupt die verwandtschaftlichen Beziehungen detailgetreu auf. Das ist gut recherchiert.

Zwanglos entfaltet sich aus den Gegebenheiten nicht nur eine Doppelbiografie Jenny-Karl, sondern auch das Kaldeidoskop der Bewegung, der „Partei Marx“. Jenny ist in diesem Umfeld Gattin und Geliebte, Mutter von sieben Kindern, von denen drei aber nicht überleben. Sie ist ein Organisationstalent in der Unbehaustheit des Exils und Sekretärin des Weltendenkers. Sie bringt Marx’ unleserliche Manuskripte ins Reine, lektoriert, redigiert, verhandelt mit Verlegern und schreibt in seinem Auftrag Briefe. Und wer weiß schon, dass sie für die Frankfurter Zeitung und Handelsblatt Theaterkritiken verfasst hat? Jede dieser Rollen hätte wohl ein ganzes Leben ausgefüllt. Jenny Marx hat sie alle gleichzeitig und trotz vieler Entbehrungen, schwerer Krankheit und depressiver Phasen mit bewundernswerter Hingabe ausgefüllt.

Das „ewige Wechselbad der Gefühle auf beiden Seiten“ begann schon während der sieben Jahre dauernden Verlobungszeit. Heiße Liebesbriefe befeuern ihre Zuneigung, Eifersuchtsfantasien lassen sie zweifeln. Karl studiert in Berlin. Jenny leidet unter der Trennung, dem Aufschub der Hochzeit, die ein gesichertes Einkommen des „Ernährers“ voraussetzt, den Reden der Verwandten, die den „halsbrecherischen“ Politikus (Jenny) ablehnen. Vor allem der Halbbruder Ferdinand von Westphalen versucht, die Verlobung zu hintertreiben. Er wird später preußischer Innenminister und bleibt dem Schwager lebenslang feindselig gesinnt.

Das alles belastet Jenny. Sie verfällt in Verweigerung, reagiert psychosomatisch, wie Limmroth treffend schreibt, ein Sich-Fallenlassen in Krankheit, um innere Spannungen abzubauen. Ein Verhalten, das wir auch bei Karl beobachten, wenn ihm die Schwierigkeiten über den Kopf wachsen. Nachdem ihr „Schwarzwildchen“ das Studium abgeschlossen hat und in Köln zum Chefredakteur der Rheinischen Zeitung berufen worden ist, kann endlich geheiratet werden.

Es folgen die Jahre in Paris mit der Herausgabe der Deutsch-Französischen Jahrbücher. Im Café de la Régence begegnen sich Marx und Friedrich Engels. Jenny ist „sehr eingeweiht in die neue Philosophie“, heißt es in einem Brief von Arnold Ruge an den von ihr verehrten Ludwig Feuerbach. Sie beteiligt sich an den hitzigen Debatten, genießt es, im Mittelpunkt zu stehen. Sie ist die hellsichtige „Citoyenne und Vagabonde“ des sozialistischen Theoretikers, dessen Ansichten sie teilt. Vermutlich über Ruge ergibt sich auch eine bis zur „Matratzengruft“ anhaltende intime Freundschaft mit Heinrich Heine. Die erste Tochter wird geboren. Eine glückliche Zeit.

Doch die preußische Regierung erwirkt die Ausweisung. Marx verdrückt sich nach Brüssel. Seiner Frau werden noch ein paar Tage Aufenthalt gewährt. Jenny ist zu diesem Zeitpunkt wieder schwanger. Sie löst allein den Haushalt auf, verkauft Möbel und Wäsche, um Schulden zu begleichen, sich Reisegeld zu beschaffen. Drei Jahre später dasselbe in Brüssel: Binnen 24 Stunden muss Marx die Stadt verlassen. Diesmal flieht er nach Paris, wo durch die Revolution der Haftbefehl gegen ihn nichtig geworden ist.

Wieder rafft Jenny alles Notwendige zusammen, deponiert Wertgegenstände bei einem Buchhändler und reist an einem kalten Tag mit nunmehr drei kleinen Kindern ihrem Karl hinterher. Sie ist müde, verzweifelt und doch so entschlossen, umsichtig und von entschiedener Tatkraft.

Sie wollen den Schein wahren

Seit ihrem 29. Lebensjahr lebt Jenny in der Emigration. 1849, nach der gescheiterten Revolution, dann London. Über die schwierigen Jahre in England wissen wir am meisten. Ja, Karl und Jenny können nicht mit Geld umgehen, immer wieder herrscht bittere Not. Ja, sie wollen den gutbürgerlichen Schein wahren, schon des Fortkommens der Kinder wegen.

Angelika Limmroth lotet die Befindlichkeiten des Ehepaares sehr einfühlsam aus. Auch die Krise, die Marx’ Fremdgehen auslöste, das zur Geburt eines Sohnes der Haushälterin und Familienfreundin Helena Demuth führte. Warum Jenny diesen Fehltritt verzieh, vermag die Autorin plausibel zu machen. Mitunter „vermutet“ auch sie, „nimmt an“, aber fast immer sind ihre Deutungen aufgrund der Umstände überzeugend. Ich möchte bezweifeln, ob ein männlicher Autor die Gefühlswelt der Jenny Marx mit so viel Empathie hätte erfassen können.

Es finden sich nur wenige Schnitzer. So schreibt Limmroth, Karl Marx sei die von Lassalle 1862 in Aussicht gestellte Leihgabe „nicht hoch genug“ gewesen. Old Nick war klamm, er wollte die angebotenen 400 Taler sofort. Aber die Berliner Bank verlangte eine Sicherheit, und Marx verweigerte die Unterschrift. Warum, wissen wir nicht. Vielleicht war er zu eitel, fürchtete um seinen Ruf, wusste, dass er gar keine Sicherheit gewähren konnte.

Der tiefere Grund des Zerwürfnisses mit Lassalle war aber dessen nicht weniger eitle Selbstherrlichkeit und Rechthaberei im Haus am Maitland Park (heute 46, Grafton Terrace). Diese wenigen Nuanceverschiebungen liegen jedoch außerhalb des Blickwinkels auf Jenny Marx.

Der gemeinsam mit dem bewährten Editor Rolf Hecker herausgegebene Band Jenny Marx. Die Briefe bietet zudem die beste Gewähr dafür, dass Limmroths Anliegen, das Leben und Wirken von Jenny Marx, „ohne Heroisierung, lebendig und nachvollziehbar darzustellen“, gelungen ist. Diese neue Biografie stellt alle vorangegangenen Versuche in den Schatten.

Jenny Marx. Die Biographie von Angelika Limmroth, 303 S., 24,90 €

Jenny Marx. Die Briefe von Rolf Hecker, Angelika Limmroth (Hg.) 607 S., 39,90 €

Beide Bände 54 €, Karl Dietz Verlag, Berlin 2014

 

06:00 15.04.2014

Kommentare