Das Schöne und das Private

Urdeutsches Rückzugsgebiet Zur Restaurierung der ersten deutschen Gartenstadt "Marga" im brandenburgischen Brieske

Gartenstädte zehren von einer affektgeladenen, mitunter diffusen Sympathie der Großstädter. Ihre Befürworter sehen in diesem Modell ein uneingelöstes Versprechen, das keineswegs der Oberhoheit der Denkmalspflege untersteht. Einer ihrer Gründungsväter - Ebenezer Howard - sah in der Gartenstadt ein zukunftsweisendes Gesellschaftsmodell, das städtische Lebensweise und Naturnähe verbinden sollte. Ein hoffnungsvoller Gedanke, der vor dem Hintergrund wachsender Großstadtkritik und einer dynamisch verlaufenden Industrialisierung von einem liberalen Bürgertum aufgegriffen wurde mit dem Ziel, der Großstadt alternative Lebensformen entgegenzusetzen. Versöhnung der Klassengegensätze und friedliche Nachbarschaft: Die Botschaft schien vertrauenserweckend; wer wollte da noch widersprechen?

Wenn heute "Wohnen in der Gartenstadt" wieder an Bedeutung gewinnt, so heißt dies weniger Rückbesinnung auf die sozialen und ökonomischen Leistungen von Genossenschaftlern oder der Ruf nach mehr Gemeindesinn, es ist vielmehr der Rückzug einer Gesellschaft in eine private Sphäre, ein Wohnen in einem durchgrünten Raum, dessen Remisen und Gärten dem Bedürfnis einer Freizeitgesellschaft entgegenkommen.

Die Propagandisten der deutschen Gartenstadtbewegung wie der Architekt Hermann Muthesius, aber auch der Deutsche Werkbund sahen in der Hässlichkeit der Industriestädte nicht nur ästhetische Defizite, zur Gesellschaftskritik fühlten sie sich auch aus moralischen Gründen berufen. Hofften sie doch, dass durch die stärkere Verbindung aus Wohnen, Arbeit und Freizeit die Kultur im öffentlichen Raum wachsen würde.

Mitunter sind es Fußnoten der Geschichte, die das feste Gefüge kunstgeschichtlicher Kriterien durcheinander bringen und der begrenzten Sicht der Denkmalspfleger andere, wirtschaftspolitische Maßstäbe und Daten unterlegen. Der überraschende Anspruch einiger Architekten und Historiker, die bis zur Wende wenig beachtete Gartenstadt "Marga" in Brieske sei nicht nur die älteste, sondern auch die bedeutendste Werksiedlung Deutschlands, könnte man als eine interne Kontroverse zwischen Experten abtun, die sich über die gesellschaftliche Bedeutung früher Siedlungen uneins sind.

Die Gartenstädte "Hellerau" (Dresden) und "Margarethenhöhe" (Essen), die das Gründungsdatum 1906 aufweisen, waren mit ihren berühmten Baumeistern Riemerschmid, Muthesius, Fischer und Metzendorf zumindest publizistisch geschickter, ihre Ideologie in einem städtebaulichen Konzept als Wohnreform zu propagieren und sich damit als Vorreiter der Gartenstadtbewegung zu empfehlen. Nun pocht "Marga" darauf, in den illustren Kreis aufgenommen zu werden. Ein Streit unter Fachleuten oder ein neuer Prolog zur Gartenstadt?

Um die von Walm- und Satteldächern gekennzeichnete Anlage genauer kennenzulernen, muss man durch ein Netz von Straßen gehen, das die kreisförmig angelegte Siedlung "Marga" erschließt. Der Dresdner Architekt Georg Heinsius von Mayenburg, der 1905 als Sieger eines Wettbewerbs für die Ilse-Bergbau AG circa 500 Werkswohnungen für - überwiegend - Arbeiter, Angestellte und Beamte entwarf, schätzte nicht nur kleine Unregelmäßigkeiten in der Straßenführung, sondern liebte auch Ornamente und Schmuck an den Fassaden: die dekorierte Villa als Wohnhaus für Arbeiter, eine Applikation und zugleich eine Geste, das Schöne gebrauchsfähig zu machen.

Die merkwürdige Weltferne, die diesen Siedlungsbauten des frühen 20. Jahrhunderts heute noch anhaftet, liegt auch in der Diskrepanz zwischen dem hohen sozialen Anspruch und einem naiven wirtschaftlichen Denken begründet. Während über technische Fragen und soziale Programme innerhalb der Gartenstadtbewegung weitgehend Konsens bestand, blieb die individuelle Gestaltung den Architekten überlassen. So liegt in der malerischen Wirkung, die von Mayenburg durch eine Kombination aus Farbe und Schmuckform erreichte, auch eine Distanzierung von der englischen Gartenstadt, die eine einförmige Reihenhausbebauung favorisierte. Doch was der Dresdener Architekt durch eine Vielzahl von Haustypen an Individualität gewann, fügt sich nicht in ein Gesamtbild. Barocke Dachformen und Jugendstilelemente, Schieferverkleidung und aufgesetztes Fachwerk, unregelmäßige Fensterfronten und plötzlich hervorspringende Erker: Die Kritik von Kampffmayer, einem der Protagonisten der Gartenstadtbewegung, dass der Architekt zu sehr Häuserbauer und zu wenig Städtebauer sei, wird an der dekorierten Schönheit "Margas" verständlich.

Zur Straße Villa, zum Garten Mietshaus, zwischen Haus und Garten kleinere Wirtschaftsgebäude. Das Schöne und das Nützliche liegen eng beieinander. Der vorgeblendete soziale Anspruch entsprach keineswegs den wirtschaftlichen Verhältnissen, und doch war diese kleinbürgerliche, bis ins Detail getriebene Kleinteiligkeit der Form den Bauherren genehm. Man glaubte an die Aussöhnung der Klassen und erkannte die Vorteile eines ästhetischen Mehrwertes.

Der Berliner Chemiefabrikant Kunheim, Bauherr und Generaldirektor der Ilse-Bergbaugesellschaft, brauchte Arbeiter, um die reichen Braunkohlevorkommen in der Niederlausitz abzubauen. Zufriedene Arbeiter waren verlässliche Arbeiter. Die von der Bergbaugesellschaft errichteten fünf Arbeiterkolonien schmückten klangvolle Frauennamen: Ilse, Renate-Eva, Anna-Mathilde, Erika und Marga. Die älteste Tochter des Generaldirektors erhielt das Privileg, ihren Namen der größten Siedlung zu geben. Auch städtebaulich unterschied sich die von Mayenburg entworfene Anlage von ihren berühmten Vorbildern. Statt geschlossener Straßenfronten bevorzugte er das Einzelgebäude, statt strenger Ordnung eine lockere Raumaufteilung. Doch einprägsame Raumbilder basieren weniger auf einer Vielfalt an Motiven, vielmehr sind es die Beziehungen, die sich aus dem Verhältnis zwischen Wand und Öffnung, Begrenzung und Fläche, Licht und Farbe entwickeln.

Das Einzelne und das Ganze: In "Marga" sucht man nach diesem inneren Zusammenhang. Die Regelverletzung gegenüber dem traditionellen Siedlungsbau bleibt erkennbar, die Differenz jedoch unaufgeklärt. Die Gartenstädter wie Kampffmeyer favorisierten ein anderes Bild: Die genossen- und gemeinschaftliche Struktur sollte in der Anlage klar erkennbar sein. Um dieses zu verwirklichen, so Kampffmeyer, habe sich das einzelne Haus "wie in der Genossenschaft der Einzelne (...) dem genossenschaftlichen Gemeinwillen, der einheitlichen Gesamtwirkung unterzuordnen."

Siedlungen, deren städtebauliche Anlagen auf ein Gesamtkunstwerk ausgerichtet sind, besitzen wenig Spielraum, um notwendige Funktionsänderungen nachfolgender Generationen aufzunehmen. Der Funktionsverlust öffentlicher Gebäude verschiebt nicht nur die Wertigkeiten innerhalb der Siedlung, er verdeutlicht auch die Eigendynamik neuer wirtschaftlicher Nutzungskonzepte.

Auch in der Siedlung "Marga" trifft man auf unterschiedliche Raumqualitäten: ein großer leerer Marktplatz und kleine intime Wohnhöfe und parzellenartige Gärten. Ein weiteres Manko: Eine Hauptverkehrsstraße durchschneidet die Siedlung in zwei ungleiche Teile, schafft somit eine unterschiedliche Gewichtung im Gefüge der Anlage.

Ein grüner Ring hochgewachsener Linden schirmt die Wohnungen von ihrer Umgebung ab. Doch der Marktplatz, in den die Straßen münden, hat seine Bedeutung als Forum längst verloren. Eine Grundschule, ein Kaufhaus und die Gaststätte "Kaiserkrone", die von Mayenburg in den nördlichen Teil des Marktplatzes postierte, erinnern nach ihrer Restaurierung an herausgeputzte Attrappen, denen es an sozialer Bedeutung fehlt. Die Schließung der Grundschule deutet an, dass die Auszehrung des öffentlichen Raumes weitergeht. Dieser Rückzug ins Private zeigt nicht zuletzt den Abstand zwischen gelebter und gebauter Stadt, ein Prozess, den viele historische Stadtanalgen durchleben.

Sozialräumliches Planen und architektonischer Ordnungswille, das waren und sind immer wieder die neuralgischen Punkte, an denen idealtypische Stadtentwürfe sich bewähren müssen. Diese Balance zwischen Nutzung und sachgerechter Instandhaltung ging schon in DDR-Zeiten verloren. Der Denkmalspflege in der DDR fehlte das nötige Geld, die Siedlung "Marga" vor dem Verfall zu schützen. Eine weitere soziale Erosion droht der Siedlung mit der Stilllegung des alten Kraftwerkes und dessen Demontage.

Der melancholische Charme kleiner Gärten mit ihren eingestreuten Remisen, wohl aber mehr noch die eigenwillige Gesamtkonzeption des Architekten, dessen Haustypen mit einer Wohnfläche zwischen 50 und 90 Quadratmeter genügend Spielraum für eine Modernisierung zuließen, sie waren für die IBA Fürst-Pückler-Land Grund genug, die Siedlung als Kulturprogramm werbewirksam einzusetzen. Eine Schlüsselrolle spielte hierbei der schöne, hinter dem Marktplatz halb versteckte "Marga-Hof", dessen räumliche Fassung eine gute Voraussetzung bot, den alten, auf das Gemeinwohl ausgerichteten Siedlungsgedanken wieder zu beleben. Die neue Eigentümerin, die Treuhandliegengesellschaft, die fast 80 Millionen Mark in die Sanierung der Gartenstadt investierte, war an einer Qualitätsverbesserung der Grundrisse interessiert. Die 500 Wohnungen wurden um ein Fünftel reduziert, die Wohnflächen dementsprechend vergrößert. Die malerische Bauweise der abgewalmten Dächer hat ihren Preis: Diagonale Balken durchziehen Wohnungen und Terrassen, man findet unbelichtete Bäder und Toiletten, stößt auf schmale, hochgelegene Fenster, welche die Räume verschatten. Wer ein romantisches Ambiente anstatt funktionaler Grundrisse liebt, mag den Preis von neun Mark pro Quadratmeter als angemessen empfinden. Doch ein Wohnungsleerstand von 25 Prozent gibt zu denken. Und wo es allenthalben an Arbeit fehlt, hält sich der Glanz der Restaurierung in Grenzen. Die Gärten als urdeutsches Rückzugsgebiet könnten vielleicht von diesem Überhang an Freizeit profitieren. Einher mit der Aufwertung der Gartenstadt geht zugleich eine Aufwertung des Privaten. Diese Abkehr von der ursprünglichen Grundidee gibt der Gartenstadt etwas Janus-Gesichtiges.

Raumbilder entwickeln sich über Sichtbeziehungen von innen nach außen. Licht, Farben und Materialien, der Wechsel von Enge und Weite fließen in einem Bild zusammen: Das Atmosphärische wird somit zum Stimmungsträger von Zwischenräumen. Es sind jene Bereiche zwischen Haus und Werkstatt, wo Blumen und Bäume eine warmherzige Gemütlichkeit verbreiten. Gärten sind ideale Orte zum Ausleben von Emotionen. Ihre Leere oder ihre Fülle sind Seismographen, die andeuten, wie es um da soziale Wohl der Gemeinde steht. Der Architekturhistoriker Julius Posener, ein intimer Kenner der Gartenstadtideologie, besaß Verständnis, aber auch genügend Distanz gegenüber solch kleinbürgerlichen Idealen. Sein Resümee: "Nicht Stadträume schaffen das städtische Leben, sondern das städtische Leben schafft sich Räume."

Dies könnte auch für die Wiederbelebung der "ersten Gartenstadt Deutschlands" ein Indikator sein.

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00:00 23.11.2001

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