Das schutzlose Rentier und das Mitleid des Generals

Im Gespräch Enno Kaufhold über Burma-Bilder und wahre Montagen

FREITAG: Am vergangenen Wochenende verbreitete die burmesische Militärregierung ein Foto: Der Premier Thein Sein, der teilnahmsvolll lächelnd einem leidenden Kind eine Schale Reis schenkt. Man spürt einen spontanen Widerwillen gegen solch ein Bild. Weshalb? ENNO KAUFHOLD: Der Betrachter glaubt diesem Bild nicht. Ob das Leid des Kindes den Regierungschef in diesem Moment anrührt oder nicht, sei dahin gestellt. Die Pose drückt mehr als sein persönliches Mitleid aus. Sie sagt: Wir sind da, wir helfen den Betroffenen. Inzwischen wissen wir, dass diese Hilfe unzulänglich und überaus zögerlich kam. Zugleich ist offensichtlich, dass die Szene für die internationale Bildpresse inszeniert wurde, schon deshalb spürt der Betrachter diesen Widerwillen.

Lügt das Bild? In gewisser Weise ja.

Im Berliner Martin-Gropius-Bau ist zurzeit eine Ikone der Fotografie zu sehen: Sie zeigt zwei sowjetische Soldaten nach dem Sieg über Berlin, die auf dem Reichstag die rote Fahne hissen. Im Hintergrund stehen Ruinen, und die Fahne neigt sich über die Trümmerstadt, als wollte sie sagen, dass sie ihre neue Schutzpatronin sei ... ... und es stellte sich heraus, dass auch dieses Bild, das vorgibt, authentisch diesen historischen Moment zu zeigen, eine Inszenierung war. Der russische Fotograf, Jewgeni Chaldej, hatte vorausschauend drei Fahnen dafür nähen lassen, bevor er mit seiner Kamera in den so genannten Vaterländischen Krieg aufbrach. Als er dann am 2. Mai 1945 den Reichstag erreichte, war er sich bewusst, dass er für den Sieg der sowjetischen Truppen ein symbolträchtiges Bild wie die Aktion der Fahnenhissung brauchte. Deshalb setzte er sie selbst in Szene und wählte die richtige Perspektive mit den Trümmern im Hintergrund. Und er wollte Dramatik.

Auch ein Bild, das lügt? Nein. Diese beiden Bilder - der Premier vor dem leidenden Kind in Burma und das der Flaggenhissung - sind zwei Beispiele für inszenierte Bilder, die etwas Grundsätzliches zeigen. Wie wahr ein Bild ist, hängt nicht davon ab, ob die Kamera zufällig den authentischen Moment aufnimmt oder ob etwas inszeniert wurde. Chaldej hat es sich nicht nehmen lassen, in sein gestelltes Bild auch noch Rauchschwaden aus einem anderen Foto hineinzumontieren, er ließ eine Armbanduhr eines russischen Soldaten verschwinden, und weil die Fahne in der Originalaufnahme flatterte, montierte er eine glatt herabhängende hinein. Trotzdem bleibt sein Bild in dem Sinne wahr, als Berlin definitiv besiegt war. Wie ein Maler komponierte er ein Bild, um der Situation den richtigen Ausdruck zu verleihen. Vom Sieg über Berlin existieren viele Fotos. Aber keins wurde dem Ereignis symbolisch besser gerecht.

Anders verhält es sich beim inszenierten Premier mit der Schale Reis. Das Foto vermittelt eine Botschaft, die der tatsächlichen Situation nicht entspricht.

Ebenso wie inzenierte Bilder falsch oder richtig sein können, transportieren auch gefundene Fotos treffende oder falsche Aussagen. Je nach dem, welches Bild des Alltags ausgewählt und wie es untertitelt wird.

In beiden Arten der Fotografie geht es darum, das richtige Bild zu finden.

Weshalb empört die Leute dann noch heute, dass das Reichstagsbild "nicht echt" ist? In Zeitungsartikeln zur Ausstellung - von "Bild" bis "Spiegel" - ist die Rede von Stalins Foto-Lüge. Eins der berühmtesten Bilder der Zeitgeschichte: manipuliert! Fahne gefälscht, Uhr versteckt, Wolke erfunden. Das sind alles Vokabeln des Betrugs und der Unlauterkeit. Die Erwartung an die Fotografie, sie müsse ein unmittelbares und deshalb glaubhaftes Abbild der Realität liefern ist bis heute sehr stark. Sie gründet in der Geschichte der Fotografie. Als die Fotografie 1839 aufkam, betitelte William Henry Fox Talbot eine von ihm mit seinen Fotografien herausgegebene Buchserie the pencil of nature. Darin brachte er das Verständnis zum Ausdruck, das damals über die Fotografie vorherrschte - dass dank der neuen Bildtechnik die Natur "sich selbst abbilde" und deshalb nur wahr sein könne. Diese Vorstellung teilen wir heute nicht mehr - jeder sollte wissen, dass Fotografien einen Autor haben und folglich subjektiv sind, da schon allein das Auswählen des Bildausschnitts absichtsvoll ist. Diese Vorstellung wirkt aber als Mythos nach wie vor so stark, dass sie noch heute unser Wissen und unsere Erfahrungen überlagert, die wir im Umgang mit Foto und Film gesammelt haben.

Vielleicht ist die Idee zu schön, ein Wundermittel gefunden zu haben, dass die Lüge unmöglich macht. Welchen Einfluss haben digitale Fotografie und Bildbearbeitung auf das "Fälschen" von Bildern? Zunächst gibt es viel mehr Bilder als noch zu analogen Zeiten. Denn der Wunsch nach Bildern und die Macht der Bilder sind ungebrochen. Entsprechend bekommen Bilder im Krieg, in denen Manipulation schon immer eine wichtige Rolle spielte, größere Bedeutung. Ebenso wie die Unterstellung, die Gegenseite habe manipuliert. Zugleich sind alle denkbaren Retusche- und Montagetechniken heute perfekter und schneller zu praktizieren und verlangen weit weniger Kunstfertigkeit als früher. Und davon wird Gebrauch gemacht.

Heißt das, wir werden viel häufiger durch manipulierte Bilder etwa aus Krisengebieten getäuscht? Nicht unbedingt. Die wesentlichste Neuerung der digitalen Technik ist die sehr viel schnellere und einfachere Distribution von Bildern, ebenso von Texten. Diese Beschleunigung führt dazu, dass viel mehr Bilder verfügbar sind - auch solche, die manipuliert sein können. Aber zugleich ermöglichen dieselben Techniken ein Maß an Kontrolle, das früher undenkbar war, weil zeitgleich aus unzähligen anderen Quellen Bilder und Informationen über denselben Sachverhalt in Umlauf gebracht werden. Mit anderen Worten: Täuschungen fliegen viel zuverlässiger auf.

In der jüngsten Chinaberichterstattung wurde aber sehr viel mit Täuschungen durch Bilder gearbeitet. Auffällig war, dass keine kunstvollen Bildmontagen eingesetzt wurden, sondern die Methode eher darin bestand, Bilder aus der Masse des visuellen Materials in einen anderen Zusammenhang zu stellen: Fotos von chinesischen Sicherheitskräften - die dann aus Nepal stammen. Oder Bilder von Chinesen, die in tibetische Mönchskutten schlüpfen. Sie sollten belegen, dass Chinesen agents provocateurs ins Spiel gebracht haben. Es zeigte sich, dass es sich um Aufnahmen von Komparsen für einen Spielfilm handelte.

Dass Sie von diesen Täuschungsmanövern wissen, zeigt aber auch, dass der Bildschwindel bald aufgedeckt wurde. Wir sprechen nur noch von den unlauteren Methoden, Bilder zu verändern. Wie sieht es heute mit Fotomontagen aus, wie Chaldej sie machte? Die Ausstellung zeigt ein Foto von einem Rentier, das während eines Fliegerangriffs auf freiem Feld steht. Es drückt auf sehr berührende Weise aus, welche Gefahr von den Fliegern ausgeht und wie verletzlich ein Lebewesen darin ist. Es ist ein montiertes Bild, wie Chaldej freimütig zugab. Die Montage ist hier künstlerisches Mittel - und das in der Kriegsfotografie.

Wir finden heute immer mehr hybride Formen der Fotografie. In Fotogenres wie der Modefotografie, in der früher ausschließlich inzeniert wurde, kommt heute die Ästhetik der journalistischen Fotografie zur Anwendung - in der journalistischen Fotografie wiederum wird häufiger inszeniert. In der Kriegsfotografie hingegen ist eine inszenierende Arbeitsweise verpönt. Sie legt großen Wert auf unverfälschte Darstellung der Wirklichkeit ...

... als ob es die gäbe Gerade weil bei kriegerischen Ereignissen so schnell eine Unzahl von Bildern unklarer Herkunft und zweifelhafter Glaubwürdigkeit auftaucht, übernimmt der seriöse Kriegsfotograf in höherem Maße die Rolle des Gewährsmanns. Die Kriegsfotografie hat an Bedeutung eingebüßt, weil sie nicht mehr die ersten Bilder liefert - die zeigt mittlerweile mit größerem Verbreitungsradius das Fernsehen. Die Kriegsfotografie hat einen Ruf zu verlieren und schreibt deshalb Qualität und Authentizität groß.

Während man auf Videoportalen im Internet aus jedem Krisengebiet dubiose Wackelvideos runterladen kann. Meinen Sie, man müsste verstärkt Bild- und Medienkompetenz lehren? Das meine ich. Als Lehrender für Fotogeschichte habe ich es in der Regel mit etwa 20-Jährigen zu tun, die sich eigentlich recht intensiv mit Bildern befassen. Dennoch stelle ich fest, dass sie oft nicht in der Lage sind, Bilder richtig einzuordnen. Als die Ideale des Bildungsbürgertums galten, wurde erwartet, dass Heranwachsende sich mit Kunstgeschichte befassen, dass sie mit den wichtigen Bildern einer Epoche und deren Ikonografien vertraut sind. Diese Ikonografien wurden und werden von Film und Fotografie fortgeschrieben. Um aktiv und passiv kritischer mit den Bildern einer immer stärker visuell geprägten Welt umgehen zu können, sollten diese Zusammenhänge in den Schulen gelehrt werden.

Das Gespräch führte Tina Veihelmann

Enno Kaufhold, geboren 1944, promovierter Fotohistoriker, Kurator und Publizist in Berlin. Er ist Lehrbeauftragter für Fotogeschichte an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) und Lehrer an privaten Fotoschulen. Zuletzt erschien von ihm ein Essay in: Martin Munkácsi. hrsg. von F.C. Gundlach, Steidl, Göttingen 2005

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00:00 23.05.2008

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