Das schwarze Loch

Gipfelbeschlüsse Der Euro scheint gerettet. Doch der griechische Schuldenschnitt ist eine Mogelpackung. Und auch der EFSF könnte die Staatschuldenkrise langfristig nur verschlimmern

Nach dem Euro-Gipfel feiert die Politik. Viele Wahlbürger hingegen sind ratlos. Haben Merkel, Sarkozy und Kollegen den Gipfel des Schuldenbergs wirklich schon erreicht? Und ist dieses Paket nun wirklich die Antwort?

Die Griechen erwirtschaften mickrige drei Prozent der gesamten Wirtschaftleistung in der Eurozone. Schon die Ausgangslage verwirrt: Wie kann es sein, dass eine Währungsgemeinschaft dem Untergang geweiht ist, nur weil ein Zwerg in den eigenen Reihen taumelt? Die Antwort liegt in der Mathematik. Sie nennt sich Exponentialfunktion. Mit ihr berechnet man Zinseszinsen. Stellt man ihren Verlauf in einer Kurve dar, steigt sie erst ganz leicht und dann immer steiler an, am Ende ist sie fast senkrecht.

Nehmen wir an, ein junges Paar bekommt Nachwuchs und legt für das Kind 1.000 Euro an, die mit 5,25 Prozent verzinst werden. Zu seinem 18. Geburtstag ist die Summe auf 2.512 Euro angewachsen. Das ist nicht schlecht. Lässt ihr Kind das Geld bis zur Rente liegen sind die ursprünglichen 1.000 Euro zu einem kleinen Vermögen von 27. 825 Euro angewachsen. Ist ihr Nachwuchs auf das Geld nicht angewiesen und das Geld bleibt eineinhalb Jahrhunderte bis ins Jahr 2161 liegen, so sind aus 1.000 Euro gut zwei Millionen geworden. Umgekehrt wirkt dieses Prinzip bei Staatsschulden wie ein schwarzes Loch.

Griechenland ist derzeit mit rund 170 Prozent einer Jahreswirtschaftleistung (BIP) verschuldet. Gleichzeitig schrumpft die Wirtschaft des Landes in diesem Jahr wohl um mehr als fünf Prozent – nicht zuletzt wegen des radikalen Sparkurses, der Athen auferlegt wurde. Auf dem Euro-Gipfel hat Kanzlerin Merkel mit den Gläubigern das Ziel vereinbart, die griechische Staatsverschuldung bis 2020 auf 120 Prozent eines BIP zu senken. So viel, meint man, könne eine stabile Regierung noch verkraften.

Dass Griechenland dieses Ziel ohne kräftige Unterstützung nicht wird halten können, steht außer Frage. Denn auch die Zinslast des griechischen Schuldenbergs wächst exponentiell, ganz im Gegensatz zur hellenischen Wirtschaft. Wer, außer dem europäischen Steuerzahler, soll da noch helfen können? Die Chinesen oder Schwellenländer wie Brasilien, die in die EFSF investieren wollen? Oder die Banken, die künftig frische griechische Staatsanleihen kaufen? So oder so, auch sie werden einen Zins fordern. Mit jedem Kredit steigt die Anziehungskraft des schwarzen Loches exponentiell an.

Nur elf Millionen

Deutschland tut sich schwer mit Solidarität. Erst war man verärgert, weil Athen über seine Verhältnisse gelebt hat. Man hat sich über griechische Renten empört und über einen aufgeblähten Staatssektor geklagt. Nun wird immer deutlicher: Dass die Griechen jetzt die Zähne zusammenbeißen, ändert gar nichts mehr. Gleichzeitig kommen Zweifel auf: Wem helfen wir da gerade? Wie kann die Zeche Hunderte von Milliarden Euro betragen bei einem Völkchen von knapp 11 Millionen Menschen? Dass nun auch die Banken neues Kapital brauchen, ist ein Wink mit dem Zaunpfahl. Deshalb schimpfen viele nun auf die Geldinstitute.

Die Wut der Steuerzahler wird gedämpft. Auch die Finanzwelt müsse nun verzichten, auf nominal 50 Prozent ihrer Forderungen von insgesamt 210 Milliarden Euro, heißt es. Was aber bedeutet das konkret? Wenn ein europäischer Staat Schulden aufnimmt, gibt er Schuldscheine in Einheiten von 100 Euro auf den Markt. Die 100 Euro bezeichnet man als Nominalwert. Mit diesen Schuldscheinen wird auf den internationalen Finanzmärkten gehandelt. So verlieren oder gewinnen sie je nach Wirtschaftslage des Staates an Wert. Da jeder weiß, wie schlecht es um Hellas steht, kosten griechische Staatsanleihen aktuell zwischen 48 und 52 Euro. Das ist ihr Realwert. Wird also wie es aussieht im Januar 2012 die Hälfte von den ursprünglichen 100 Euro jeder griechischen Anleihe abgeschrieben, passiert nichts anderes, als dass der Nominalwert der Papiere auf den jetzigen realen Marktwert zurückgeholt wird.

Jeder hätte die Chance gehabt, die Papiere bis Ende März für rund 92 Euro loszuwerden. Dabei hätte er die Zinseinnahmen noch für sich verbuchen könne, ganze 5,25 Prozent, wie im Beispiel oben. Griechenlands Probleme sind ja nicht neu. Wer also nicht längst verkauft hat, ist selbst Schuld. Das weiß auch die Deutsche Bank. Sie hält nur noch rund eine Milliarde Euro in griechischen Staatspapieren. Anders als teilverstaatlichte Banken wie die Commerzbank. In ihren Depots liegen noch 2,2 Milliarden Euro in hellenischen Staatanliehen, bei den Landesbanken sogar rund 5,2 Milliarden Euro.

Frisches Geld für den Finanzmarkt

Wenn Angela Merkel also sagt, der Privatsektor steure bei einem nominalen Schnitt von 50 Prozent etwa 100 Milliarden Euro bei, stimmt das also nicht ganz. 100 Milliarden ist übrigens eine interessante Zahl: So schwer sind auch die nächsten Kredite an Athen, ganz unabhängig von den Hilfen aus dem EFSF. Dieses Geld braucht Griechenland nicht nur, um Renten und Löhne zu zahlen, sondern um für seine Zinslast aufzukommen. Ein Teil des Geldes wird also wieder direkt in den Finanzmarkt fließen.

Besonders stolz ist man in Brüssel auf eine Zahl: eine Billion. Auf diese Summe soll der EFSF „gehebelt“ werden. Doch was bedeutet das? In der Finanzwelt benutzt man Hebel für Produkte mit Namen wie Turbo- oder Knock-out-Zertifikate beziehungsweise Mini-Futures. Das Schöne bei dieser Technik ist: Spekulanten müssen mit einem Hebel weniger eigenes Geld einsetzen. Gleichzeitig ist der Gewinn vier bis fünf mal größer, je nach Hebelwirkung. Dumm ist nur, dass das Verlustrisiko um den gleichen Wert wächst.

Ein gefährliches Spiel für die Politik: Sie hat sich auf die Tricks der Finanzjongleure eingelassen und spielt mit. Was aber, wenn sich „Merkozy“ und Co bei dem ganzen Gehebel verheben, wem bricht es das Kreuz? Gesichert werden soll die Blähsumme von einer Billionen Euro durch eine Art Teilkaskoversicherung. Geht Griechenland am Ende aber doch in die Knie, übernimmt der Rettungsschirm und damit der Steuerzahler das Risiko der privaten Anleger.

Damit Athen frisches Geld bekommt, eröffnen die Euroländer außerdem einen weiteren neuen Finanztopf, in den der Internationale Währungsfonds und womöglich auch China investieren wird. Was aber soll Peking dazu bewegen, in die Rettung des Euro zu investieren? Zinsen! Mit jedem Kredit an Griechenland oder auch an Italien und Spanien verdienen die Gläubiger an den hohen Zinsen und füttern so weiter das schwarze Loch. Aber auch diese Investitionen sollen vom EFSF abgesichert werden. Das nennt man Risikoinvestment ohne Risiko, dem Steuerzahler sei dank.

Eine gute Nachricht gibt es dennoch: Europas Großbanken müssen ihr Eigenkapital aufstocken – und zwar aus eigener Tasche. Bis Sommer nächsten Jahres sollen sie ihr Kernkapital auf neun Prozent steigern. Dazu sollen sie Gewinne im eigenen Haus lassen, statt sie an Aktionäre auszuschütten oder Managern Boni zu zahlen. Falls das nicht reicht, muss doch der Staat eingreifen. Fällt der aus, wird der EFSF angezapft.

Peter Knobloch ist freier Journalist in Berlin

15:00 28.10.2011

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