Das schwarze Näscht

Grundsheim Ganz Baden-Württemberg liebt die Grünen. Wirklich? Eine kleine Gemeinde im Alb-Donau-Kreis leistet Widerstand. Ein Besuch in dem Ort, in dem 81,9 Prozent die CDU wählten

Der zwiebelgekrönte Turm der barocken Pfarrkirche Sankt Martin bestimmt das Ortsbild und überragt die umliegenden Häuser und Höfe, auf deren Dächern sich eine erkleckliche Anzahl Solaranlagen der Sonne zuneigt. Der kleine Kirchhof ist menschenleer, ebenso der darunter liegende frisch renovierte Platz vor dem Rathaus. Der einzige Briefkasten im Ort wird montags bis samstags um 8 Uhr geleert, es gibt weder einen Einkaufsladen noch eine Kneipe. Vor einem grauen Gebäude spielen Kinder, eine ältere Frau in Kittelschürze fegt die Einfahrt vor dem Haus, in einem kleinen Auslauf um die Ecke atmen drei Pferde Abendluft.

Eine Szene aus der schwäbischen Provinz, sie könnte auch in Huldstetten, Dieterskirch oder Tigerfeld spielen. Das hier ist aber der südlichste Zipfel des Alb-Donau-Kreises, ziemlich exakt in der Mitte zwischen Riedlingen und Laupheim. Das hier ist Grundsheim. Und hier ist etwas anders als im Rest von Baden-Württemberg. Es ist nämlich alles so geblieben, wie es schon immer war: In Grundsheim haben laut dem amtlichen Endergebnis 81,9 Prozent der Wähler ihre Stimme der CDU gegeben und der Union damit das beste Wahlergebnis im Land beschert.

Neubrand, Buck und Maier – die Häufigkeit dieser Namen fällt auf beim Rundgang über den kleinen Friedhof hinter dem katholischen Gotteshaus. An der Kirchentür hängt eine Einladung zum „Fastenessen in Solidarität mit Indien“ und einem Erfahrungsaustausch mit Pater John Peter, einem Mitbruder von Pater Locher. Grundsheim liegt auf dem „Oberschwäbischen Pilgerweg“ und wurde im Jahr 1083 erstmals geschichtlich erwähnt. Die Pfarrei der Gemeinde existiert seit 1275. „Am Sonntag ist das ganze Dorf in der Kirche“, sagt eine Frau und gibt der Schaukel ihrer kleinen Tochter neuen Schwung. Den Spielplatz in der Dorfmitte haben engagierte Eltern in Eigenarbeit angelegt. Von hier aus hat man einen schönen Blick auf das unter Denkmalschutz stehende Ensemble aus Kirche, Pfarrhaus und Kaplaneihaus. Bis auf die Tatsache, dass Religion eine sehr wichtige Rolle im Leben der Menschen spiele, sei ihr eigentlich nichts Besonderes aufgefallen, meint die junge Mutter, die vor drei Jahren aus dem nahe gelegenen Biberach hierher gezogen ist. Das Wahlergebnis von Grundsheim kennt sie nicht.

Lieber Biogas statt Bioland

Kfz-Meister Alfons Harscher kennt die Zahlen aus der Zeitung, möchte sich zu den möglichen Gründen aber nicht äußern. Er greift instinktiv zum Telefonhörer und sagt: „Das soll unser Bürgermeister erklären, dafür gibt’s ihn ja, den Schultes.“ Uwe Handgrätinger ist hauptamtlicher Bürgermeister im acht Kilometer entfernten Unterstadion, in Grundsheim bekleidet er das Amt ehrenhalber. „Natürlich weiß ich, wie Grundsheim gewählt hat. Die Frage nach dem Warum kann ich aber auch nicht abschließend beantworten“, sagt er. Dann riskiert Handgrätinger doch eine Aussage: „Der örtliche Landtagsabgeordnete ist bei uns sehr präsent, die Menschen sind mit seiner Arbeit einfach rundum zufrieden.“ Zudem berühre das Thema Atomkraft die Menschen hier so gut wie gar nicht. Findet die Energiewende also ganz ohne Grundsheim statt? „Nein, aber die zahlreichen Photovoltaik- und Solarthermie-Anlagen haben die Landwirte nicht aus ökologischen, sondern aus rein ökonomischen Gründen auf den Dächern“, sagt der Bürgermeister. Einen Bio-Bauern mit Demeter- oder Bioland-Produkten sucht man in Grundsheim vergebens, einen Biogas-Betrieb gibt es aber. Der Großteil der Landwirte setzt hier voll auf Schweinemast im konventionellen Stil.

Am vergangenen Sonntag haben in Grundsheim 118 der 149 Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben, zwei davon waren ungültig. Mit 79,2 Prozent war die Wahlbeteiligung im Ort etwas höher als im übergeordneten Wahlkreis Ehingen (67,9 %) und konnte im Vergleich zur Landtagswahl im Jahr 2006 (76,1 %) nochmals gesteigert werden. 95 Grundsheimer haben ihr Kreuzchen – der landauf, landab spürbaren Wechselstimmung zum Trotz – bei der CDU gemacht. Den südwestdeutschen Christdemokraten haben sie damit in ihrer schwersten Stunde ein unwirklich wirkendes Traumergebnis beschert: 81,9 Prozent, einen solchen Wert für die CDU gibt es nur ein einziges Mal in ganz Baden-Württemberg: Gemeinden wie Emeringen (74,44 %), Alleshausen (74,26 %) oder Egesheim (72,18 %) hat Grundsheim eindrucksvoll auf die Plätze verwiesen. Noch mehr Einigkeit herrschte in Grundsheim übrigens im Jahr 1976: Damals votierten noch 99,2 Prozent für die CDU.

Bürgermeister Uwe Handgrätinger hat das Wahlergebnis etwas genauer analysiert und festgestellt: In seinem Nest gibt es sieben SPD-Wähler, fünf Anhänger der Linken, je vier der Grünen und Republikaner, und einen der NPD.  Dass die FDP überhaupt niemand gewählt habe, sei schon irgendwie seltsam, findet Handgrätinger. Wirklich Kopfzerbrechen bereitet ihm allerdings etwas anderes: „Wofür ich überhaupt keine Erklärung habe, das sind die fünf Stimmen für die Linkspartei."

12:30 05.04.2011

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