Das Schweigen der Fakten

Poetik der Beschreibung Thomas Hettches neuer Roman "Der Fall Arbogast"

Kriminalroman" ist zu einem Monsterbegriff geworden. Zu Kriminalromanen kann man alles ernennen: Meisterwerke, Trivialliteratur, Konfektion, buchhändlerische Kategorien oder Verkaufsargumente. Feuilleton und Literaturwissenschaft operieren mit absurden Begriffen, die mit dem Gegenstandsbereich wenig zu tun haben, dem Fantom mangelt es erheblich an Reflexion. Am Begriff "Kriminalroman" oder "Detektivroman" oder dem "Thriller" kann sich jeder bedienen. Und will dies auch, denn es ist anscheinend ein begehrter Begriff. Auch wenn man nichts Genaues über ihn nicht weiß. So hatte kürzlich Georg Klein in seiner "Detektivgeschichte" Barbar Rosa (Freitag 24/2001) mit intellektueller und artistischer Brillanz die Figur des Detektivs, die "das Genre" selbst schon seit 70 Jahren dekonstruiert hatte (siehe Hammett, siehe Himes), nochmals dekonstruiert, jetzt versucht sich Thomas Hettche an einem, wie der Untertitel behauptet, Kriminalroman.

Er heißt Der Fall Arbogast und behandelt einen echten Kriminalfall aus den 50er Jahren: Den Fall Hetzel. Bei Hettche heisst Hetzel Arbogast, und dieser Arbogast wird zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe verurteilt, weil er im schönen Schwarzwald eine Frau vergewaltigt, gequält und anschließend mit einem Kälberstrick erdrosselt haben soll. Das Urteil aus dem Jahr 1955 stützte sich auf das Gutachten einer gerichtsmedizinischen Kapazität. Das Gutachten war nicht nur fragwürdig, sondern schlicht falsch. Es dauert bis 1968, bis der Prozess wieder aufgerollt und Arbogast auf Grund eines Gegengutachtens einer Ostberliner Gerichtsmedizinerin endlich freigesprochen wird. Hettche verfremdet den echten Justizskandal nur ein bisschen: aus dem echten Gerichtsmediziner aus Ostberlin wird eine Frau, ein paar prominente Namen der Zeitgeschichte - Gerhard Mauz und Frank Arnau, die an der Wiederaufnahme des Verfahrens maßgeblich beteiligt waren - bekommen Decknamen. Ansonsten konstruiert er seine Spannungsdramaturgie aber aus dem juristischen Hin und Her. Und hat damit keinen Kriminal-, sondern einen Justizroman geschrieben. Diese terminologische Unschärfe ist signifikant, wenn auch nicht weiter schlimm.

Der Fall Arbogast ist eine erzählerische Rekonstruktion, die dort spannend wird, wo die Fakten anfangen zu schweigen. Die Fakten, das heißt die Obduktionsprotokolle, der Gutachterstreit, die minutiöse Schilderung des Zuchthausalltags, die Verschiebungen im Zeitgeist von 1955 bis 1968, inklusive der Sexualmoral, der allmählichen Aufarbeitung respektive Nicht-Aufarbeitung der Nazi- und Kriegserfahrung und der Obrigkeitshörigkeit jener Jahre, die manifesten Veränderungen der Nachkriegszeit (architektonisch, modisch, infrastrukturell, politisch), all dies wird von Hettche minutiös registriert und erzählt. Da wird nicht angespielt, nicht zitiert, nicht intertextualisiert, sondern sich am - oft banalen - Sujet abgearbeitet: Wie hat wohl ein Zimmer damals gerochen, wie funktioniert der Zuchthausalltag, was gibt`s zu essen, was hört man, was kann man sehen, wie empfindet man Zeit? Literarische Tricks helfen da wenig, die Rhetorik der Postmoderne versagt vor solchen Grundherausforderungen des Erzählens. Nur an manchen Stellen wird die Erzählung unpräzise: Dort, wo es um die innersten Motive von Menschen geht. Geradezu rätselhaft da, wo die Gerichtsmedizinerin Katja Lavans sowohl mit Arbogast als auch mit seinem Verteidiger vögeln muss. Der Erzähler erklärt uns das nicht - und so soll es auch sein. Er erklärt uns auch nicht, was für ein Mensch Arbogast wirklich ist. Wichtig ist nur, dass er im strafrechtlichen Sinn Opfer eines Justizirrtums wurde. Dieser Verzicht auf psychologische Letztbegründung im narrativen Gewand ist Hettches größte Stärke. Das ist auch der Punkt, wo er tatsächlich an eine andere Tradition des Erzählens anknüpft. An die, die sich nicht mit hehren Begriffen und deren Zergliederung befasst, sondern mit ganz pragmatischen Sujets: Mit Gewalt, Verbrechen und deren Bearbeitung im konkreten Fall. Der Unterschied zu Gewalt als Metapher, Fantasiegebilde oder Obsession, aufbereitet auf allerlei Metaebenen und selbstreferentiellen und sprachreflektorischen Schleifen, mag gering sein, er ist aber entscheidend.

Die Kriminalliteratur hat seit Jahrzehnten an eben diesen Sujets ein so hohes sprachliches Niveau entwickelt, man denke nur an Eric Ambler, Ross Thomas oder Jack O´Connell und viele andere, dass man sie literarisch ernst nehmen muss. Mangelnde Literarizität taugt also nicht mehr als Differenzkriterium gegenüber anderen Sorten von Roman. Nur die Parameter dafür sind verschieden. Hettche entwickelt in diesem Buch, im Gegensatz zu seinen früheren, sinnvollerweise eine eigene Sprache: Sie ist klar, präzise, kümmert sich seriös um ihre Gegenstände und erreicht deswegen eine poetische Qualität, die erstaunlich ist.

Dass nun aber ein feuilletonnotorischer "Hochliterat" wie Hettche etwa die Kriminalliteratur mit einem gelungenen Buch adele, davon kann keine Rede sein. Romane dieses Niveaus sind seit Jahrzehnten kriminalliterarischer Standard, und die Unterschiede zu Autoren, die die "Poetik der Beschreibung" perfektioniert haben, wie etwa Ross Thomas sind noch erheblich, weil Hettche zum Beispiel auf die erkenntnisfördernden Werkzeuge des Witzes, der Komik und der Subversion verzichtet, die umso produktiver werden, je scheußlicher der Erzählgegenstand ist. Das, was man gerne als "das Genre" bezeichnet, ist in seinen Spitzen schon erheblich weiter, auch wenn der öffentliche Diskurs hierzulande offensichtlich davon noch immer nichts wissen will.

Aber immerhin: Mit der üblichen deutschen Verspätung hat vielleicht ein kleiner Dialog der Kulturen begonnen, der nicht mehr nur von der von Verwischung "High" und "Low" plappert, sondern sich endlich um den Abbau der Hierarchie von Kriterien der Literarizität kümmert.

Thomas Hettche: Der Fall Arbogast. Kriminalroman. Köln: DuMont 2001, 352 Seiten, DM 44.-

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00:00 14.12.2001

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