Das Schweigen der Sirenen

Neue und alte Aufträge Ein Versuch über den Zusammenhang der Krisen in Gesellschaft und Literatur

Jede Generation hinterlässt ihre Tränen in der Geschichte. Die Großväter arbeiteten als Schmiede und Pferdeknechte, die Väter halfen beim Aufbau des Sozialismus, doch schon die Enkel verstehen die Trauer um den Verlust der Droschke nicht, geschweige denn den Schmerz über das Scheitern einer Gesellschaft, deren Leitsätze lauteten: "Der Hauptfeind ist stets dort, wo wir zu kämpfen aufgehört haben!" (Stalin) und "Nichts geschieht bei uns um seiner selbst willen." (E. Honecker)

Derzeit erleben die (westdeutschen) Kinder des Wohlstands zum ersten Mal, dass es nicht immer nur aufwärts geht in der Geschichte. Die Auszahlung der Rente kann ebenso scheitern wie der Sozialismus. Willkommen in der Wirklichkeit! möchte man den Schwestern und Brüdern zurufen. Und gleich ein kleiner Trost: Anders als die Ostdeutschen vor fünfzehn Jahren müsst ihr nicht alle moralischen Vorstellungen und rechtlichen Werte im Mülleimer der Geschichte versenken.

Jetzt geht´s ums Erhalten! ist allerdings der falsche Hilferuf. Auch das "Wertkonservative" wird nicht weiterhelfen, wie einige Schriftsteller es in der Zeit (23. Juni, Manifest des Relevanten Realismus) forderten, "um des grassierenden kulturellen Kannibalismus Herr zu werden". Denn bevor etwas verschlungen werden kann, muss es da gewesen sein.

Selten hat es eine Epoche gegeben, der vielleicht sogar die Begriffe fehlen, die eigene Gefährdung zu beschreiben. In der DDR lachte man, weil die Regierung sich mit den Öffnungszeiten von Jugendclubs beschäftigte, aber heute werden Gesetze über Ladenöffnungszeiten nach jahrelangen und meist ergebnislosen Diskussionen mit allen beteiligten Interessengruppen erlassen. (Es ist keine Parallele, aber doch ein Kuriosum am Rande: Die letzte nationalsozialistische Hundesteuerverordnung erschien im April 1945, gültig für das Dritte Reich.) "Der politische Raum ist bereits so stark vom Gesetz der gegenseitigen Behinderung geprägt, dass es de facto nur noch simulatorische Politik geben kann", meint Peter Sloterdijk. Im Zeitalter der höchsten Beschleunigung, im rasenden Stillstand, ist nicht einmal die Wirkungsmöglichkeit der Politik sicher, dann, wenn sie am Nötigsten wäre. Man rast die Bobbahn runter und will sich mit dem kleinen Finger in der Eisrinne festhalten.

Die in den Medien diskutierten Katastrophenszenarien wechseln im Wochenrhythmus, vom Atomkrieg zur Vogelgrippe, vom Terrorismus zur Überalterung der Bevölkerung. Man weiß nicht, ob man sich eigentlich im Krieg befindet, und wenn ja, gegen wen er geführt wird - gegen terroristische Organisationen, die sich vielleicht wie Metastasen ausbreiten, vielleicht aber auch nur ein Medienprodukt sind.

Eine Gesellschaft, die glaubt, alles regulieren zu können (die Bananenkrümmung, den Phosphatgehalt eines Weizenfeldes, die Einwanderung von Ausländern, die Rentenentwicklung, die Ozonschicht, Finanzkrisen), sieht sich plötzlich Bedrohungen ausgesetzt, die sich nicht nur der Regulation, sondern sogar der Lokalisation entziehen. Jeder kann ein Terrorist sein, wie im Kalten Krieg in jeder Minute der atomare Erstschlag erfolgen konnte. Jeder kann Träger eines Super-Virus sein und eine weltweite Epidemie mit Millionen Toten auslösen. In der Politik jedoch entscheidet die Frisur der Oppositionsführerin über den Ausgang der Wahl, falls es eine "Stimmungswahl" wird.

In dieser Situation werden der Literatur neue alte Aufträge erteilt. Dem Roman soll wieder "eine gesellschaftliche Aufgabe zukommen: Er muss die vergessenen oder tabuisierten Fragen der Gegenwart zu seiner Sache machen (...) die Bewohnbarkeit einer ›unheimlich‹ gewordenen Welt beibehalten und weiter erschließen." (Zeit)

Man weiß, zuletzt wollte Nietzsche mit seinen Schriften die Welt retten. Ob Kafka sich eine gesellschaftliche Aufgabe stellte, als er seine Romane und Erzählungen schrieb, ist nicht bekannt. Überliefert ist seine Antwort auf die Frage, was er mit dem Judentum gemeinsam habe: "Ich habe nicht einmal etwas mit mir gemeinsam." Keine Vernunft diktierte ihm die Beschreibung der Strafkolonie oder den Ratschlag: "Im Kampf zwischen dir und der Welt sekundiere der letzteren." Und doch schrieb er Literatur, die über die Saison hinaus gültig blieb. Relevanz nahm er allerdings für sein Schreiben nicht in Anspruch, im Gegenteil, er wollte sein Werk vernichtet sehen (wie auch Gogol).

Jede Gesellschaft entwickelt Tabus, die unausgesprochen wirken oder nur mündlich formuliert werden, jedoch kaum in schriftliche Dokumente eingehen. Denn das Bewusstsein setzt unterschiedliche Grade der Selbstzensur fest, die es zum Erhalt einer Gemeinschaft als notwendig erachtet. Im Sommer 1989 war der Fall der Mauer ein weitgehend akzeptiertes Tabu. Deshalb diskutierte der Westberliner Senat wochenlang über die Geschwindigkeitsbegrenzung auf einer innerstädtischen Schnellstraße, während in Ostberlin von der Bevölkerung Überlebensszenarien für eine Militärdiktatur nach chinesischem Vorbild entworfen wurden. Moralische Empörung aber wird politischer Blindheit nicht gerecht. Warum habt ihr Hitler nicht verhindert?, fragen die Söhne. Warum habt ihr die Öl-Knappheit ignoriert, obwohl euch die Folgen bekannt waren?, werden eines Tages die Enkel fragen, wenn alle Räder stillstehen. "Ein Volk errötet nicht", wusste Heinrich von Kleist, auch wenn es sich schamlos belügt.

Ursächliche Zusammenhänge zwischen den Absichten des Autors, der Qualität eines Romans und dessen aufklärender Wirkung hat es noch nie gegeben, denn das Kalkulierte wirkt in der Kunst meistens niedlich. Goethe wies in seinem Aufsatz über Literarischen Sansculottismus darauf hin, dass es in der Geschichte bestimmte Bedingungen braucht, die ein Talent zur Reife gelangen lassen. Zu diesen Bedingungen zählt, "in den Gesinnungen seiner Landsleute Größe, in ihren Empfindungen Tiefe und ihren Handlungen Stärke und Konsequenz nicht zu vermissen und seine Nation auf einem hohen Grade der Kultur zu finden".

In der Marktwirtschaft ist die Literatur ein Sozialfall. Die Schriftsteller sind "Mitarbeiter einer Großindustrie, die hinter einer rational getarnten Kalkulationsmystik ihre Ausbeutung verschleiert", schrieb Heinrich Böll bereits 1969. Unter all den am Produkt Buch Beteiligten ist der geistige Urheber der am schlechtesten Bezahlte. Die singuläre Tätigkeit, die kein anderer leisten kann, wird ökonomisch gesehen am geringsten geschätzt, auch das ist ein Gradmesser für Kultur.

Doch Hungergefühle lassen sich mit Atemübungen beschwichtigen (wie Friedrich Hebbel bewies - und deshalb den schönen Aphorismus schrieb: "Ein Mensch kann bis zu seinem Tode ohne Nahrung auskommen, man nennt es aber Verhungern.") Nicht zu beschwichtigen sind die Erwartungen des Publikums und der Kritik, welche im besten Fall erstere formuliert. Dies vorausgesetzt, scheint die Literatur in Deutschland in einem katastrophalen Zustand zu sein - falls so etwas möglich ist. Wöchentlich erscheinen in den Feuilletons Generalabrechnungen, die nur einen Tonfall kennen: Große Begabungen fehlen der deutschen Literatur, ebenso die Darstellung großer Themen und innovative Formen, stattdessen werde meist Abklatsch von Wirklichkeit geliefert.

Die Literatur also präsentiert sich in einer ähnlich miserablen Lage wie die Gesellschaft. Oder ist es bloßes Ressentiment, das sich äußert, eine in Deutschland nicht unbekannte Haltung?

Zunächst: Auch die Kritik arbeitet mit der Quote, weil nur ein Bruchteil aller Neuerscheinungen besprochen werden kann. Bücher aus kleineren oder mittleren Verlagen erhalten im Buchhandel wenig oder gar keine Aufmerksamkeit, völlig unabhängig von literarischer Qualität. Solche "Ungerechtigkeiten" gab es immer, doch aus ihnen ist eine Schlussfolgerung zu ziehen: Kein Gegenwartspublikum kann die Literatur seiner Zeit kennen, geschweige denn die bedeutendste. Letzteres schon deshalb nicht, weil Kunstwerke oft erst nach Ablauf historischer Ereignisse eine schärfere Bedeutung erfahren - ohne GULAG und KZ erschiene Der Hungerkünstler uns etwas weniger gespenstisch. Auch der Untertan lacht nicht über sich selbst, oft lacht erst ein späteres Publikum.

Eine Kritik, die um die Relativität ihrer Aussagen weiß, wird die Literaturgeschichte als Folie für die Zukunft in ihre Urteile mit einbeziehen. Stattdessen definiert sie Themen, die von der Literatur dargestellt werden sollten. Oft wird noch die Form beschrieben, in der das passieren soll - im amerikanischen Stil am besten, episch aufgemotzt mit Fastfood-Sätzen, und ein Drittel der Szenen soll auf dem Highway zwischen Mahrzahn und Hellersdorf spielen.

Doch große Literatur kann nicht thematisch und nicht vor ihrer Entstehung definiert werden. Wie sie aussieht, weiß man erst, wenn sie da ist. Kein Mensch konnte auf Hamlet warten, weil es Hamlet vorher nicht gab. Wir erwarten das, was wir uns wünschen, nicht das, was wir nicht kennen. Das wirklich Neue ist im Moment seines Erscheinens selten mehrheitsfähig, es verändert nämlich die Wahrnehmung, und das ist ein eminent politischer Akt, ein revolutionärer und ein gefährlicher unter Umständen. Erwartungen an die Literatur zu richten, wie die Literaturkritik es (im Namen der Leser) häufig tut, ist ein reaktionärer Anspruch. Die Beschreibung eines Teetrinkers aus dem neunzehnten Jahrhundert ist kein Thema und doch Literatur, wenn der Verfasser Marcel Proust heißt.

Im Ganghofer-Stil wird man dem Phänomen des Handys nicht gerecht. Iso Camartin resümierte kürzlich in der NZZ: "Der Stilbegriff hat sich als Kunst- und als Literaturkategorie verflüchtigt. Er ist zur ›Lifestyle-Frage‹ mutiert." Stil werde heute "in erster Linie als Design-Konformität" angesehen. "Das Siegel der Unverwechselbarkeit" störe nur. Doch weil "der Stil eine Art von Zugangs-Prägung ist, mit welcher sich die Wirklichkeit erst entschlüsselt", muss man sich über die Erkenntnisarmut, welche die Kritik in der Literatur zu sehen glaubt, nicht wundern.

Einen neuen Ulysses würde die Kritik übersehen und in ihre Generalabrechnungen nicht einbeziehen, wenn der Autor das vierzigste Lebensjahr bereits erreicht hätte. Vom "Jugend-Schwindel" spricht Joachim Kaiser, wonach "Interesse und Anteilnahme" eines jugendlichen Publikums am Kulturbetrieb "als Argument für Verharmlosung und Banalisierung" herhalten müssen. Der Geist wurde demokratisiert und das Publikum gleichzeitig entmündigt.

Keine Epoche hat Anrecht auf Genies. Ohne Dostojewskij hätte es Dostojewskijs Romane nicht gegeben. (Ohne James Watt aber die Dampfmaschine.) Wer dem Lockruf des Marktes folgt, Themen bedient und den Stil nach Konjunkturdaten ändert, versagt gerade in der poltisch-moralischen Verantwortung, die er einklagt. Wenn "in dem Habitus, keine Haltung zu zeigen, die allerletzte Möglichkeit liegt, überhaupt eine allgemein akzeptierte Haltung anzunehmen" (Burkhard Spinnen, Tagesspiegel vom 20. 7.), bleibt immer noch die Möglichkeit, keine allgemein akzeptierte Haltung anzunehmen.

In einer revolutionären Zeit ohne revolutionäre Subjekte verführen die Sirenen nicht durch ihren Gesang, sondern durch ihr Schweigen. Einer der aktuellsten Romane dürfte derzeit Tschewengur von Andrej Platonow sein, dort heult selbst der Steppenwind die Internationale, ein Klonschaf Dolly würde nicht auffallen. Der Schritt vom Holzpflug zum Handy erfolgte in Minuten. Nur das Bewusstsein ist etwas träge und träumt von alten Zeiten.

Christoph Brumme, geboren in Wernigerode/Harz, lebt als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien sein Roman Süchtig nach Lügen 2002 bei Kiepenheuer Witsch.


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00:00 26.08.2005

Ausgabe 38/2020

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