Das schwierige Denkmal

Eisenhüttenstadt 50-jährige Altstadt sucht neue Bewohner

Eigentlich war ein Rundgang durchs Zentrum verabredet, doch meine Gastgeberin hat beschlossen, die Geschichte vom Ende her zu erzählen. Noch vor der Kanalbrücke steuert sie auf ein weitläufiges, struppiges Grasland. Hier draußen hatten sie Mitte der achtziger Jahre den Wohnkomplex (WK) VII gebaut, über 3.000 Wohnungen als letzte Stadterweiterung. Inzwischen sind 1.700 davon wieder abgerissen, weitere 1.000 sollen in den kommenden Jahren fallen. Das entsiedelte Areal droht zu versteppen, denn Aufforstung kostet Geld, das weder die Wohnungsunternehmen noch die Stadt aufzubringen in der Lage sind. Anders als Industriebrachen oder alte Kasernen fallen "Wohnbaufolgeflächen" nicht unter "Konversion" und erhalten deshalb keine Sonderförderung. Also Weihnachtsbaumplantage? Oder Solarfeld? Im Planungsamt warten sie einfach ab.

Hinter der Straße, im nördlichen Teil des abgeräumten Wohnkomplexes, füllen Häuslebauer die Leere zwischen den letzten, übrig gelassenen Würfelhäusern mit Fertigbungalows. "Unser Problem war, dass der WK VII recht beliebt und die Wohnungen gut belegt waren", beschreibt Gabriele Haubold die alltäglichen Widrigkeiten des Stadtumbaus. 2003, als die Entvölkerung ostdeutscher Städte nie gekannte Ausmaße erreichte und selbst das als stabil geltende Eisenhüttenstadt bereits um 13.000 Einwohner ärmer war, hatte eine Wirtschaftlichkeitsanalyse streng buchhalterisch die Sanierung und Pflege der jüngsten Wohnungsbestände am Stadtrand empfohlen. Aufgeben sollten sie dagegen die ältesten Quartiere der Innenstadt, wo Leerstände von bis zu sechzig Prozent die Wohnungswirtschaft eher früher als später strangulieren würden. Doch von den vier inneren Wohnkomplexen stehen drei unter Denkmalschutz, dazu der zentrale Boulevard. Da klingt die Frau aus dem Planungsamt dann doch recht bestimmt: "Es gibt ja nicht nur das Portfolio der Buchhalter. Eine Stadt braucht auch Visionen!"

Eine Stadt braucht Visionen

Gerade mal ein halbes Jahrhundert reicht die Geschichte von Eisenhüttenstadt zurück. Und schon ein Stadtdenkmal? Nur unter Widerständen zeigen sich normalerweise Denkmalpfleger bereit, die Jahrzehnte seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs überhaupt schon als "historische Phase" anzuerkennen. Da muss die 1984 erfolgte Eintragung des Eisenhüttenstädter Zentrums als Flächendenkmal als ebenso mutige wie hellsichtige Tat gewürdigt werden. Denn es ist gerade die verwegene Neugründung einer ganzen Stadt vor endlosen Trümmerszenerien, an der so überraschend viel von den Ideen und realen Auseinandersetzungen jener Jahre ablesbar bleibt. Hier an der Oder war eben keine beliebige Werksiedlung entstanden, und auch kein planerisches Pendant zur Nazi-Gründung Wolfsburg (wie seit 1990 immer wieder als oberflächlicher Vergleich bemüht). Hier wird von den ideologischen Ausgangslagen des Kalten Kriegs erzählt, wie auch von dessen ökonomischen Konsequenzen: Von den traditionellen Montanrevieren an der Ruhr abgeschnitten, mit Reparationsleistungen an die Sowjetunion belastet und von einem Handelsembargo der Westmächte bedrängt, hatte die DDR-Regierung auf Autarkie gesetzt und 1950 den Aufbau eines metallurgischen Zentrums beschlossen. Verschiedenste Argumente sprachen für den Standort: Die Gegend war strukturschwach, ihre Böden wenig ertragreich. Über die Oder und vorhandene Bahntrassen waren die osteuropäischen Erz- und Kohlelagerstätten gut zu erreichen. Einziger Nachteil - es gab kaum Arbeitskräfte. Das Werk konnte also nur entstehen, wenn zugleich Wohnungen geschaffen würden, und wenn schon ein ganzes Eisenhütten-Kombinat, dann gleich eine richtige Stadt.

Diese Stadt war ursprünglich für 30.000 Einwohner gedacht. Drei- und viergeschossige Wohnblocks mit verbundenen Grünhöfen gruppierten sich zu vier Wohnkomplexen, jeweils für etwa 7.000 Menschen, mit Kindergärten, Schulen, täglichem Grundbedarf versorgt. An keinem späteren Bauplatz fanden die gerade verkündeten "16 Grundsätze des sozialistischen Städtebaus" derart strikte Anwendung. Den kompositorischen Prinzipien des Sowjetklassizismus getreu, lagen Gebäude wie Schulen oder das Krankenhaus am Ende symmetrischer Achsen. Dekorative Stadtportale gaben den Auftakt für eine dem Wohnen vorbehaltene Innenwelt voller Arkaden, Torbögen, Säulen und Balustraden.

Nie wieder bot eine Stadt soviel Grün - pro Familie 80 Quadratmeter. Als große sinnstiftende Geste sollte eine schnurgerade Magistrale den zentralen Platz im Herzen der Stadt mit dem Werkeingang verbinden. Aber weder das monumentale Kombinatsportal noch irgendein Zentralbau für Rathaus oder Kulturpalast sind je Realität geworden. Umso anschaulicher erzählt die stattdessen entstandene Leninallee - heute Lindenallee - als behäbige Bummelmeile mit kecken Hochhauswürfeln und charmanten Ladenpavillons vom Sinneswandel einer Gesellschaft, die in der Ära von Sputnik und Petticoat ihr Leben nicht mehr ausschließlich zwischen Balkon und Werkskantine zubringen wollte.

Stadt planen heißt, dem Leben hinterherzulaufen

Stadt planen bedeutet fast immer, dem Leben hinterherlaufen. Auch Deutschlands letzte Idealstadt hielt der Wirklichkeit nicht stand. Erst kamen mehr Menschen als vorhergesehen, dann wurde das Kombinat mehrmals erweitert. Der 1950 entworfene Masterplan erwies sich als zu eng, immer neue Wohnkomplexe wurden in die Umgebung gestampft. In den Achtzigern drehten sich die Kräne schon im Ortsteil Fürstenberg, bis die Gesamtstadt rund 50.000 Einwohner zählte. Dann kam die "Wende" und mir ihr das große Zittern. Immerhin, für Hochöfen und Walzstraßen interessierten sich erst Italiener, dann Belgier, schließlich Inder; 3.000 Jobs konnten so gerettet werden; die meisten anderen Arbeitsplätze, darunter viele extra für Frauen, allerdings nicht. Damit setzte der Exodus ein, bis zu 1.500 Abwanderer pro Jahr, das macht 16.000 bis Ende 2006. Weitere 3-4.000 sind schon kalkuliert, wobei die Stadt lieber von günstigeren Zahlen ausginge: Die Einstufung als "Regionaler Wachstumskern" und die unlängst gelungene Ansiedlung einer Kartonagenfabrik "müsse doch Hoffnung machen, mit einem etwas geringeren Bevölkerungsverlust rechnen zu können, vor allem nach 2010". So tröstet Bürgermeister Rainer Werner sich und alle Getreuen.

Einmal hat man das Stadtumbaukonzept schon an sich verschärfende Vorhersagen anpassen müssen, und noch immer gibt es keine Entwarnung. Wenn alles nach Plan läuft, sollen bis 2015 mehr als 6.000 Wohnungen abgerissen sein. In Ostdeutschlands Städten weiß man, was für Bilder hinter solchen Zahlen lauern: leere Fensterhöhlen, zugemauerte Eingänge, Abrissbagger, Trümmerschutt. Besser draußen an der Peripherie auf den Wald warten, als zugucken, wie drinnen die Wohnhöfe zu Biotopen verwildern. Also: Keine Investition mehr in äußere Lagen. "Man soll unsere Entscheidung durchaus als Bekenntnis verstehen", sagt Gabriele Haubold. "Alle Kraft ins Zentrum."

Damit aber hatte man das Thema Denkmalpflege auf dem Tisch. Während in Fürstenberg bei der Sanierung der mit Stuck verzierten Ackerbürgerhäuser entsprechende Auflagen inzwischen anstandslos akzeptiert werden (und sei es nur, um Fördermittel zu ergattern), war in der Neustadt gleich in mehrfacher Hinsicht Neuland zu betreten. Dort mussten sämtliche Beteiligten erst einmal vom Kulturwert einer Architektur überzeugt werden, die unlängst noch als "stalinistischer Zuckerbäckerstil" verspottet worden war. Plötzlich war diese besonderer Sorgfalt wert, historische Farbbefunde sollten vorgelegt, längst vom Markt verschwundene Materialien wie Meißner Kacheln oder Eloxal-Profile ausfindig gemacht, fast vergessene Putzschnitttechniken von Künstlern restauriert werden. Die Planerin ist Wohnungsunternehmen wie Ladenbesitzern dankbar, "dass die da mitgezogen haben, eigentlich gegen ihre reinen Betriebsinteressen". Nun aber, da ganze Straßenzüge in nie gesehenem Glanz erstrahlen, scheint die Rechnung aufzugehen. Das Zentrum wird wieder als Adresse geschätzt. Dieses eine Mal sind die Wohnungen am Stadtrand nicht nur gefallen, um als "Marktbereinigung" zur Hebung des örtlichen Mietspiegels beizutragen, sondern vor allem, um der Stadt eine lebendige Mitte zu erhalten und ihr damit - womöglich - kulturelle Identität überhaupt erst einmal anzutragen.

Entfesselter Denkmalkult schließt jene aus, die die Stadt bewohnen

Um ihre Geschichte abzurunden, will die Gastgeberin aber auch den bitteren Ort nicht aussparen. Hier, im WK I, hatte einst alles angefangen, mit schmucklosen Kisten, im Karree um einen Platz mit Mahnmal gruppiert. Nun bröckelnder Putz allenthalben, vernagelte Fenster, triste Stille, von wilden Büschen melancholisch umrahmt. Ein Menetekel mangelnder Kompromissfähigkeit. Kaum hatte das Denkmalamt die mausgrauen Hauszeilen als schutzwürdig akzeptiert, hieß die Devise: Keine Veränderung! Doch die am Stadtrand abgerissenen Plattenbauten wiesen ja Standards auf, die überbieten muss, wer den Leuten die "ganz alten Hütten" wieder schmackhaft machen will. Wärmedämmung, moderne Fenster, geräumige Grundrisse sind das mindeste, Seniorenfreundliche Ausstattung spielt eine immer größere Rolle. "Leider lässt sich die Denkmalpflege nicht auf Ensemblelösungen ein", mussten die Planer erfahren. Jeder Bau sei als Einzeldenkmal neu zu verhandeln. "Und nirgends wird subjektiver entschieden", weiß Haubold. "Dass wir es im WK III geschafft haben, ein paar neuzeitliche Balkone vor die rückwärtigen Fassaden zu stellen, rettet uns den WK I noch lange nicht."

In schrumpfenden Städten mit ihrem enormen Überfluss an leeren Gehäusen spitzen sich alle üblichen Konflikte der Denkmalpflege dramatisch zu. "94 Hektar, das größte Denkmalensemble dieser Art deutschlandweit! Davon 39 Objekte nochmals einzeln gelistet, was soll denn da alles rein? Wir können nicht aus jeder Kita ein DDR-Museum machen. Andererseits: Wenn die Weinert-Schule zum Callcenter wird - was bleibt dann noch vom Original?" Und irgendwann wird sie unvermeidlich, die Frage nach dem Sinn. Am luxuriös sanierten Görlitz wurde deutlich, wie schnell ein entfesselter Denkmalkult gerade diejenigen ausschließt, auf die man doch angewiesen bleibt - die Nutzer der Stadt; weil die prächtig sanierten Luxusdenkmäler sich am Ende keiner mehr leisten konnte. Deshalb hat man in Eisenhüttenstadt streng auf soziale Verträglichkeit geachtet. Zwar wurden einige der alten Nobelwohnungen wiederhergestellt, mit Doppeltüren und Parkett. Doch im Schnitt durften bisherige Wohnkosten um nicht mehr als 1,80 Euro pro Quadratmeter steigen. "Alle hätten gern Aufzug und den Discounter gleich um die Ecke. Aber machen wir uns nichts vor: Das entscheidende Argument bei der Wohnungssuche ist und bleibt - die Miete." Gabriele Haubold kennt ihre Kunden.

Doch wer wird unsere Städte in Zukunft retten?

Wolfgang Kil, geb. 1948, Architekturkritiker und Publizist, lebt in Berlin. Er ist Träger des Kritikerpreises des Bund Deutscher Architekten. Zuletzt erschien Luxus der Leere. Vom schwierigen Rückzug aus der Wachstumswelt, Wuppertal 2004

00:00 04.01.2008

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