Das Selbst und die Anderen

JEAN-PAUL SARTRE Am 20. Todestag von Jean-Paul Sartre

Tot sein heißt den Lebenden ausgeliefert sein". Sartres These gilt a forteriori für den Schriftsteller und seine Produktion. Zwar beinhaltet das Fluktuieren von Texten in der literarischen Öffentlichkeit stets eine Ablösung vom Autor und der Entstehungssituation, doch mit dem Tod des Urhebers geht die Hinterlassenschaft vollends über in die Deutungshoheit der Anderen. Ohne Widerspruchsmöglichkeit fällt der Autor und sein Werk dem Für-Andere-sein anheim, jener ontologischen Grunddimension, mit der bei Sartre für lange Zeit die Härte der sozialen Realität zusammenfiel.

Dabei hätte der Rezeption des Sartreschen Werks in den Jahren nach seinem Tod Widerspruch oft gutgetan. Denn hier war wohl eine Art Vatermordreflex bestimmend, in dem die Umkehrung der einst modischen Annäherung sich mit der Aufnahme neuerer französischer Entwicklungen verband, um den Namen Sartre fast zu einer Sammelbezeichnung für alles theoretisch wie praktisch Verwerfliche zu machen. Wie wenig man damit seinem Werk gerecht wurde, zeigen einige neuere Untersuchungen, die das Ressentiment durch genauere Textarbeit ersetzen. So erwies sich der Sartresche Subjektbegriff als weit differenzierter, wie viele Kritiker dies unterstellten.

Das Rezeptionsdefizit war dort besonders schmerzlich, wo ihm Gehalte mit besonderem Gegenwartsbezug zum Opfer fielen. Zu nennen wären etwa Sartres Schriften zu Rassismus und Antisemitismus, allen voran die Überlegungen zur Judenfrage, die in einer vorbildlichen deutschen Neuausgabe vorliegen. Sartre gibt hier nicht nur ein detailliertes "Portrait des Antisemiten", fast wichtiger noch sind Beschreibungen, die zeigen, wie tief ausgrenzende und diskriminierende Einstellungen und Praxen in das Leben der ihnen unterworfenen Individuen und Gruppen eingreifen. Kaum je wurde so deutlich, was es heißt, einer sozialen Wirklichkeit unterworfen zu sein, die den eigenen Lebensvollzügen und Werthaltungen nur mit Verachtung gegenübertritt.

Gleichzeitig stellt diese Arbeit einen wichtigen Wendepunkt in Sartres Denken dar. Er beginnt hier, die Widrigkeiten des Für-Andere-seins, die der einsame existentialistische Held des ersten Hauptwerks Das Sein und das Nichts noch qua freiem Willensentschluß überspringen sollte, in ihrer Dringlichkeit zu fassen. Damit beginnt sich die Perspektive auf eine Sozialkritik abzuzeichnen, die den sozialen Bedingungen gelingender Selbstverhältnisse Rechnung trägt und deren Potenzial wohl noch immer nicht voll ausgeschöpft ist.

Gleiches gilt für Sartres Kritik der Konkurrenz. Er entwickelt sie im Zusammenhang mit seiner Untersuchung der serialisierten Lebenswelt in der Kritik der dialektischen Vernunft. Die Durchschlagskraft der entsprechenden Konzepte wird jedoch erst in seinem großen und viel zu selten gelesenen Spätwerk, dem Idiot der Familie deutlich. In einer vielschichtigen Analyse, die von der gescheiterten Mutter-Kind-Beziehung bis zu den Klassenkämpfen im Frankreich des 19. Jahrhundert reicht, verfolgt Sartre den Weg des jungen Gustave Flaubert in die Neurose. Entscheidenden Anteil an dieser Entwicklung hat ein Schulsystem, das mit seinen Bewertungsmechanismen die Konkurrenzwelt vorwegnimmt. Gegenüber einer auf die Effektivität nur der sachlich-materiellen Abläufe ausgerichteten Betrachtung zeigt Sartre, welche psychischen Kosten zu zahlen sind, wenn die Gestaltung der Selbst- und Wechselverhältnisse weitgehend unter die Botmäßigkeit des Konkurrenzmechanismus' gerät. Es handelt sich um ein brillantes Stück existentieller Psychoanalyse, das auch dem beginnenden 21. Jahrhundert einen Spiegel vorhält.

Sartre starb vor zwanzig Jahren, am 15. April 1980. Den Tod bezeichnete er gut brechtisch als eine "jederzeit mögliche Nichtung meiner Möglichkeiten, die außerhalb meiner Möglichkeiten liegt", als ein Absurdes, das über den in seinen Projekten Vertieften hereinbricht, ohne dass es zu umfassen wäre. Und wie um die entsprechenden Überlegungen zu illustrieren, starb Sartre dann auch mitten in den Vorbereitungen zu einem neuen Buchprojekt, dessen Umrisse in Gesprächsform unter dem Titel Brüderlichkeit und Gewalt veröffentlicht sind.

Der entscheidende und in seiner Tragweite auch von Sartres Anhängern noch kaum gewürdigte Gedanke bestand dabei in einer weiter konkretisierten Fassung des Für-Andere-seins. Es ging ihm um Überschneidungen von Bewusstseinsgehalten, die er mit dem Terminus Brüderlichkeit zu fassen suchte. Der Akzent, der über lange Jahre auf der Trennung und Entgegensetzung der Bewusstseine lag, hatte ihn zwar zu höchst eindrucksvollen Konfliktanalysen geführt, aber erst mit der Frage nach dem Gemeinsamen kam die fundamentalere Ebene der kommunikativen Selbstvergewisserung in den Blick, eben das, was sich Gustave, dem "Idioten der Familie", so nachdrücklich entzog. Sartres Frage nach den Infrastrukturen gelingender Wechselseitigkeit kann auch der aktuell geforderten Sozialkritik einen wichtigen Gegenhalt bieten.

Reinhard Olschanski, geb. 1960, lebt als Philosoph und freier Autor in Darmstadt. Mit Sartre beschäftigte er sich in seinem Buch Phänomenologie der Mißachtung.

00:00 14.04.2000

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