Das späte Kind

Schlussstrich Mit seinem Film "Mein Führer" ebnet Dani Levy den Geschichtsbruch der Nazis mit einem neuen Genre ein

"Eine humanistische Komödie" nennt der Produzent den Film. Der Autor sagt, zwar sei der Film politisch inkorrekt, aber es gehe ihm um Moral. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass? Die angstvollen Untertöne in dem medialen Getöse, mit dem Mein Führer in die Kinos gebracht wird, sind weder bei XY-Filme Produzent Stefan Arndt noch bei seinem Regisseur und Firmenpartner Dani Levy zu überhören. Aber gleich die erste Einstellung, in der wir das von Theaterblut überströmte Gesicht von Ulrich Mühe vor schwarzem Hintergrund sehen und seine Stimme von einer "wahren Geschichte" sprechen hören, macht klar, wo wir sind: im Guckkasten der historischen Kasperlebühne, Zeugen bei einer drastischen Teufelsaustreibung der deutschen Geschichte auf dem Jahrmarkt.

Die Handlung ist frei erfunden: Es ist ein paar Tage vor Sylvester 1944/45. Ein Jude namens Grünbaum wird aus dem KZ entlassen, um einem vom desaströsen Kriegsverlauf demoralisierten Führer wieder zu neuem Elan zu verhelfen. Der Mann war Schauspieler und hat - hier ist der schmale historisch verbürgte Kern der Geschichte - in den zwanziger Jahren den unbekannten Politiker Adolf Hitler schon einmal darin unterrichtet, pathetisch-heroisches Theater fürs Volk zu spielen, ihm das Sprechen, die Gesten, die Mimik beigebracht. Und jetzt soll er dem Führer wieder zu seinen alten rednerischen Qualitäten verhelfen, um in einem letzten Großauftritt das deutsche Volk zum Endsieg zu treiben. Nach dem Willen von Goebbels wird eine selbst deponierte Bombe Hitler aus dem Leben bringen und dieses Attentat soll propagandistisch der "jüdischen Weltverschwörung" in die Schuhe geschoben werden. Grünbaum besteht aber darauf, nur dann mitzuarbeiten, wenn auch seine Familie entlassen wird. Das geschieht. Als er merkt, wie sehr man ihn braucht, fordert er, dass das KZ Sachsenhausen aufgelöst wird. Man behauptet, das zu tun. Bei der entscheidenden Führerrede redet Grünbaum, versteckt unter einem Holzpodest, an der Stelle von Hitler, der nur die Lippen bewegt, weil er seine Stimme verloren hat. Und am Ende seiner Rede hält er sich nicht an das Manuskript, sondern spricht von der Kriegsmüdigkeit des deutschen Volkes. Er wird niedergeschossen und kurz danach explodiert die Bombe, die eigentlich Hitler zugedacht war. Wie zu Beginn wendet sich Grünbaum-Mühe direkt ans Publikum und spricht als sterbender Schelm von der "wirklich wahrsten Wahrheit über Hitler".

Man tut dem Film kein Unrecht, wenn man so viele Details verrät, denn er bezieht seine Spannung nicht aus der Intrige. In der geht alles. Der Film spielt nicht in der Geschichte, er spielt mit Geschichte, realer und inszenierter. Unübersehbar bezieht er sich auf Vorbilder: Sein oder Nichtsein von Ernst Lubitsch aus dem Jahr 1942, Der große Diktator von Charlie Chaplin aus dem Jahr 1940, und verschüttet auch auf Armin Mueller-Stahls Conversations with the beast aus dem Jahr 1996 mit Hitler als über hundertjährigem Untoten. Und natürlich auf Mel Brooks´ The Producers aus dem Jahr 1968, der als Musical-Version am Broadway vor vier Jahren erneut zu einem Hit wurde. Mein Führer fasst das alles zusammen, benutzt es als Zitatvorlage und kommentiert. Aber vor allem hat Levy eine groteske Negativfolie zu Der Untergang gedreht. Gegen die Frage, die man bei Eichinger-Hirschbiegel-Ganz diskutiert hat, ob man Hitler als Menschen zeigen darf, wird hier die Frage gesetzt, ob man über Hitler lachen darf.

Darf man? Und wenn man es tut, worüber lacht man? Levy arbeitet mit den Mitteln krasser Vereinfachung und Übertreibung. Nazis sind bürokratische Knallchargen, die an dauerhafter Erektion des rechten Arms leiden. Menschen haben karikierende Namen wie Anton Rattenhuber und Goebbels verschwindet sofort zwischen den Beinen der Sekretärin. Das Personal des Dritten Reichs chargiert in einer Comedy. Die Formen von Humor schwanken zwischen Monty Python und der Feuerzangenbowle wie in der bemühten Kopulations-Klamotte zwischen Hitler und Eva Braun. Man lacht über den breiten rheinischen Dialekt eines Dr. Joseph Goebbels und nur hier, in der blendenden Darstellung durch Sylvester Groth, der den Goebbels als Erinnerung an den Mephisto von Gründgens spielt, geht der Film hinaus über den Klamauk und vermittelt etwas von der jovialen Gefährlichkeit, die einige der leitenden Nazis so volkstümlich machte.

Vor allem lacht man über Hitler als das verklemmte, spät-infantile Kind, das - wie im Bonker-Clip von Walter Moers - im Badewasser planscht. Über den Führer im senfgelben Jogginganzug und den Versager im Bett. Es ist das Lachen aus der Perspektive des Kammerdieners, dem alles zur Unterhose wird. Komik kann ja die Honigspur der Erkenntnis sein, aber die Komik von Comedy ist die Gag-Mechanik, in der Sinn vernichtet wird. Wohin führt die Behauptung, dass Hitler kein Dämon ist, sondern ein Würstchen? Hier steht der Film vor der Schuldfrage. Levy möchte, dass man Hitler mit Empathie sieht. So macht er den Juden Grünbaum zu Hitlers Psychotherapeuten, dem der Führer von den Demütigungen und Strafen durch seinen Vater erzählt. Der Film kreist um die Figur des Vaters als Tyrann. Und hier schafft er den Moment des größtmöglichen Einverständnisses zwischen dem Täter Hitler und dem Opfer Grünbaum. Hitler verirrt sich nächtens in das Zimmer der Grünbaums und Frau Grünbaum lädt ihn ein, ins Ehebett zu kriechen. Sie singt ihn in den Schlaf und versucht dann mit einem Kissen den Diktatorenmord. Ihr Mann fällt ihr in den Arm: dieser Hitler sei auch nur ein armes, misshandeltes Kind. In der Dreierkonstellation im Ehebett, in dem der zum Kind gewordene Hitler zwischen Mutter und Vater liegt, sucht der psychoanalytische Diskurs die Ursachen des Bösen in der Familie. Levy folgt hier mit großer Emphase Alice Miller und ihrem Buch Am Anfang war Erziehung und schafft daraus für Hitler die unerlässliche background-wound, mit der Hollywood Sympathien mit den Verbrechern schafft: der kindheitsgeschädigte Perverse bedankt sich nach der Fast-Erdrosselung mit dem Kopfkissen glücklich bei Frau Grünbaum.

Levy geht viel weiter darin, Hitler als Menschen zu konstruieren, als Eichinger-Hirschbiegel es getan haben. Hitler wird bei ihm zum hilflosen Triebverbrecher aus kindlicher Not, dirigiert vom Mastermind Goebbels. Die Verschlingung von Politik und Pathologie im Dritten Reich wird hier privatistisch erklärt. Ist das die politisch inkorrekte Wahrheit, die Levy verbreiten will?

Der Reiz der Komödie liegt für Levy in der Möglichkeit zu Zuspitzung und Härte und darin, dass sie moralische Fragen aufwerfen dürfe. Levy will ausdrücklich Moral. Er hat in einem Interview von einer ersten Version des Films erzählt, die mit der Stimme des noch lebenden Hitler begann und mit ihm endete. Als er dann bei Testvorführungen merkte, dass das zu großen Irritationen beim Publikum führte, das den Film als zynisch empfand, ist er sich im Schneideraum selbst in den Arm gefallen. Ist der Film dadurch moralisch geworden? Der Humanismus liegt jetzt ganz auf den schmalen Schultern von Ulrich Mühe. In seinem Professor Adolf Grünbaum kommt ein Hauch von der Tragik auf, ohne die keine Komödie auskommt. Er muss sich mit moralischen Fragen auseinandersetzen, die in der absurden Gag-Mechanik dieser Hitler-Comedy keinen Platz haben. Mühe spielt die einzige Figur, die kein Stereotyp ist. Aber damit ist er ein Solitär, sogar in seiner eigenen Familie neben einer Frau, die alle Züge des Stereotyps der jüdischen Mame hat, ungebrochen von KZ-Haft, schlagfertig, wohlgenährt mit üppigem Haarwuchs. Wir wissen, wie entlassene KZ-Häftlinge aussahen. Levy verrät eine nicht zu hintergehende historische Wahrheit an die Leichtfertigkeit des Entertainments, das hier zur Lüge wird.

Comedy, Komödie, Farce, Melodram, Slapstick, Archivmaterial und ein Häppchen Familien-Melodrama verbinden sich zu einem extremen Genremix. Dieses Dekonstruktionsgewebe ist auch eine Mischung von Darstellungsformen von der Performance des Absurd-Comedian Helge Schneider bis zu Ulrich Mühe, der direkt aus einem Schiller-Drama kommt. Schneider sah seine Rolle nicht als performative Parodie auf Bruno Ganz, sondern als Charakterrolle. Er kennt Hitler aus dem Fernsehen und aus entsprechenden Büchern, deshalb, so sagt er, sei es leicht gewesen, ihn zu spielen. Der Film ist wie die Essenz dessen, was übrig bleibt, wenn man die Fernsehformen durch den Fleischwolf dreht.

Die Pappkulissen von Speer, hinter denen die Trümmer liegen, sind realer als das digital hergestellte zerbombte Berlin, das wir für real halten sollen. Das macht den Film trashig. Aber dieser Trash wird nicht so weit übersteigert, dass einem wirklich das Lachen im Hals stecken bleibt vor Ekel. Das wäre ein Gewinn gewesen an Erkenntnis. Levy ist viel zu sehr damit beschäftigt, keinen Anstoß zu erregen. Man lacht in den Grenzen dessen, was sich auch die Ko-Produzenten der ARD nach dem Vorbild der Privatkanäle inzwischen trauen. Das Nachdenken über Hitler und das Dritte Reich ist die letzte Bastion, die im Sinn der Vernichtung alter Sinnzusammenhänge durch Amüsierwut geschleift werden musste.

Levy und sein Film verkünden mit koketter Geste eine Schlussstrichpolitik. Mein Führer ebnet den Zivilisationsbruch ein auf dem Niveau eines neuen Genres: die jüdische Komödie nach dem Holocaust. Chaplin hat einmal gesagt, er hätte Der große Diktator nicht gedreht, wenn er zu diesem Zeitpunkt von den tatsächlichen Schrecken der KZs gewusst hätte. Eine solche Erkenntnis ist unabhängig davon, ob die Familiengeschichte eines Künstlers die von Tätern oder Opfern ist. In Lubitschs Sein oder Nichtsein lernte man, wie weit Juden die Mimesis an ihre Vernichter treiben mussten, um zu überleben. In Deutschland, dem Land der Täter, wird es als moralische Legitimation für den Film Mein Führer empfunden, dass sein Regisseur Jude ist. Das ist eine subtile Form von Antisemitismus, gegen die Levy sich wehren müsste.


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00:00 12.01.2007

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