Das sprechende Ich

Lyrik Von Kerstin Preiwuß ist das Langgedicht "Rede" erschienen. Es zeigt das Sprechen als innere Notwendigkeit des Ichs

Die Sprache kann man nicht anzweifeln, die Sprache ist immer das Erste und Letzte, was gilt, sie ist Netz, Seil und Balancierstange in einem“, schreibt Kerstin Preiwuß in ihrem Essay, 2010 erschienen in der Zeitschrift Sprache im technischen Zeitalter. In Preiwuß’ Gedichten zeigt sich ein Vertrauen in die funkenschlagenden, schützenden und spielerischen Fähigkeiten der Sprache. Ihre Gedichte wirkten sicherlich harmlos – wäre ihnen nicht auch eine dunkle Seite eigen, die vom Ende allen Sprechens durch den Tod weiß: „Ich erfuhr, dass der Tod jede Sprache beendet und dass vor diesem Hintergrund die Sprache eine Gewalttat ist“, bemerkt die 1980 in Lübz geborene Preiwuß im gleichen Essay. Ihre Gedichte kennen die „Gratwanderung zwischen Mangel und Fülle“, wissen um die „starke Neigung zum Verstummen“ der Dichtung, von der Paul Celan ein halbes Jahrhundert zuvor in seiner Büchnerpreis-Rede sprach.

In der Tradition Celans steht „Rede“, wie Preiwuß’ nun vorliegendes Langgedicht in dreizehn Abschnitten heißt, nicht nur aufgrund seiner Eis- und Bergmetaphorik; ebenso wenig wegen des auffallenden Gebrauchs von zusammengesetzten Wörtern wie etwa „gletscherzunge“. Celans Werk ist nur eines unter mehreren, mit denen sich dieses Gedicht lebendig und fruchtbar auseinandersetzt: „wer zur herbstzeitlose ist eine hagere sophie / reißt in meinen schädel ein loch / mit ein wenig trauerflor mach ich es blickdicht“. Hierin lässt sich Morgensterns Henkersmädel Sophie entdecken, jene Sophie aus Morgensterns Galgenliedern.

Auch Anklänge an Rilke sind vernehmbar. Und kein geringerer als Stéphane Mallarmé wird im Motto als Gewährsmann aufgerufen: „Ein Streben meiner Zeit ist es, den doppelten Status der Rede auseinanderzuhalten, roh und unmittelbar auf der einen, essentiell auf der anderen Seite“. Auf der Suche nach einem bestimmten Modus des Redens spannen sich die Verse in „Rede“ auf zwischen Unmittelbarkeit und Direktheit, der Spontaneität des Sprechens und dem Essentiellen. Über Spontanes und Gegenwärtiges hinaus verweist jenes Essentielle auf etwas dauerhaft Gültiges. Bei der Wahl ihrer Mittel greift Preiwuß zu allen der Lyrik zu Gebote stehenden rhetorischen Kniffen und Finessen. Hin und wieder wirkt deren Einsatz kalkuliert – und deshalb nicht immer voll überzeugend.

Doch Preiwuß zeigt auch deutlich: Sprechen ist ohne Zweifel eine innere Notwendigkeit. Das in Rede sprechende Ich sieht sich regelrecht gezwungen, die Dinge von allen Seiten zu betrachten, sie zu benennen, sie anzuzweifeln – bis hin zur Gewaltsamkeit: „dein schädel stülpt seinen inhalt um wie ein gugelhupf / den du aus der form stürzen musst um ihn zu genießen“.

Das dichterischste Element

Wer sich den Bewegungen dieser Sprache hingibt, kann dieses sprechende Ich dabei beobachten, wie es Sprache überhaupt erst hervorbringt, wie Dichten und Sein in Versen eins werden, wie sehr diese Verse verbunden sind mit dem dichterischsten aller Elemente, nämlich der Luft: „atem, einziges zeichen von luft“.

Die besten Verse in Rede sind von schneidender Schärfe und Präzision. Besonders immer dann, wenn die Beziehungen zwischen Sprache und Körper umkreist werden, wenn das Ich sich einem Du zuwendet. Zwar haftet manchen Versen noch Unentschiedenheit und Konventionalität an, etwa in: „wie ich mich nach mir sehne ich verzehre mich nach mir / ich möchte ungeheuer viel / doch nichts ist ungeheurer als der mensch“. Gleichzeitig begeistert Rede in seiner strengen Komponiertheit, dem Umkreisen, Verschränken und Verschieben semantischer Felder, die im Gedicht wahrzunehmen sind. Kerstin Preiwuß’ Annäherung an die immer neu zu stellenden Fragen der Dichtung, die Fragen nach Liebe und Tod, ist lyrisch – im besten und wahrsten Sinne des Wortes. Und die Aufbruchstimmung, die in dieser Stimme liegt, ist nicht zu überhören: „dann sag ich wie es war / als der schwarze mann / sein umriss aus schatten mich verschlang // später sag ich später war dann / als er verschwand“.


Rede. Gedichte.Kerstin Preiwuß Suhrkamp 2012, 90 S., 8


Beate Tröger ist Lyrikexpertin des Freitag

14:05 17.04.2012

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