Das Steak, ein Luxus

Krise Über die Hälfte aller Brasilianer sind von Hunger bedroht. Die soziale Frage wird immer drängender – was das für die Wahl im Oktober bedeutet
Laut „Food for Justice“ ist bei 59,6 Prozent der Brasilianer der Zugang zu Essen in ausreichender Menge und Qualität gefährdet
Laut „Food for Justice“ ist bei 59,6 Prozent der Brasilianer der Zugang zu Essen in ausreichender Menge und Qualität gefährdet

Foto: Pedro Vilela/Getty Images

Ana Leila Gonçalves kämpft sich im Gedränge zu einem klapprigen Tisch vor. Dahinter stehen zahlreiche Hilfsbedürftige, vor allem Mütter mit Kindern. Gonçalves gibt einige Anweisungen und beginnt dann, Kuchenstücke in Plastiktüten auszuteilen. 71 Jahre alt, leitet sie eine Sozialhilfe-Organisation am Rand von Rio de Janeiro und kann dafür ein Gebäude der katholischen Kirche nutzen. Dort gibt es auch eine kleine Gesundheitsstation, Jiu-Jitsu-Unterricht und eine Kindergruppe. Die meisten, so Gonçalves, kämen, um zu essen. Das Viertel Jacutinga liegt in der Baixada Fluminense, einer Gegend im Norden der Stadt. Gut eine Stunde braucht man von hier zu den weltbekannten Stränden Rio de Janeiros. Gefühlt ist Jacutinga viel weiter von den Postkartenmotiven der Zuckerhutmetropole entfernt. Es handelt sich um eines der ärmsten und gewalttätigsten Quartiere dieses Bundesstaates, beherrscht von paramilitärischen Milizen. Doch über die „parallele Macht“ will niemand sprechen, zu gefährlich. Erst Ende November kam ein Kleinkind bei einer Schießerei ums Leben.

Leila Gonçalves verschlug es vor 30 Jahren nach Jacutinga, heute lebt sie in einem kleinen Backsteinhaus mitten im Viertel, eine herzliche Person mit einer direkten, zupackenden Art. Sie bezeichnet sich als „Psychologin des Viertels“, der die Probleme der Bewohner bekannt sind, weil sie selbst genug davon hat. Ihre Rente reicht kaum zum Überleben. Vor der Pandemie ging sie nebenbei putzen, doch seit die sich zur Krise auswuchs, geht das nicht mehr. Fast alle in Jacutinga verloren ihre Jobs – mit welcher Folge? Gonçalves zögert keine Sekunde mit der Antwort: „Hunger.“ 31 Millionen Menschen sind im größten Land Lateinamerikas derzeit davon betroffen, 15 Prozent der Bevölkerung, fand die Forschungsgruppe „Food for Justice“ heraus, die am Lateinamerika-Institut in Berlin angesiedelt ist. 59,4 Prozent der Bevölkerung seien von „Ernährungsunsicherheit“ betroffen. Das heißt, der regelmäßige Zugang zu Nahrungsmitteln in ausreichender Menge oder Qualität ist gefährdet.

Was Lula geschafft hatte

Noch vor einiger Zeit feierte das Land spektakuläre Erfolge gegen den Hunger. In den nuller Jahren investierte der regierende Partido dos Trabalhadores (PT) massiv in Sozialprogramme. „Wenn zum Ende meiner Amtszeit jeder Brasilianer dreimal am Tag essen kann, habe ich meine Lebensaufgabe erfüllt“, erklärte der damalige Präsident Lula da Silva. Der Politiker mit der heiseren Stimme wusste, wovon er sprach, kam er doch aus einer armen Familie, verließ als Kind den hungergeplagten Nordosten Richtung São Paulo. Als Präsident erhob er die Bekämpfung des Hungers zur Chefsache und legte ein ambitioniertes Null-Hunger-Programm auf. Mit Erfolg, denn 2014 strich die Welternährungsorganisation (FAO) das Land von der Welthungerkarte. Für viele ein symbolischer Akt, Brasilien schien angekommen im Klub der Großen, dachte man zumindest.

Doch dann schlitterte das Land in eine Wirtschaftskrise und in politische Turbulenzen, die 2016 darin gipfelten, dass Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff durch ein von Rechtsparteien betriebenes Amtsenthebungsverfahren die Präsidentschaft verlor. Was folgte, war eine neoliberale Schocktherapie. Die Regierung der Übergangspräsidenten Michel Temer kürzte Sozialleistungen, deckelte den Haushalt, der Staat zog sich immer weiter zurück. Der Hunger sei immer eine politische Entscheidung und Verteilungsfrage, schrieb der Arzt und Schriftsteller Josué de Castro in seinem 1947 erschienenen Buch Geographie des Hungers. Das wird gleichfalls unter dem ultrarechten Staatschef Jair Bolsonaro (im Amt seit Januar 2019) deutlich. Für den unter ihm verfolgten Austeritätskurs ist vor allem ein Mann verantwortlich: Wirtschaftsminister Paulo Guedes. Der 72-Jährige, einst Ökonom und Investmentbanker, ist ein Neoliberaler, wie er im Buche steht. Er studierte an der Chicago School, arbeitete für die Militärdiktatur in Chile und gründete in Brasilien marktradikale Denkfabriken.

Zwar bewilligte der Kongress mit Beginn der Pandemie eine finanzielle Direkthilfe für informell Beschäftigte, doch wurden die Gelder erst durch den Druck der linken Opposition verabschiedet, zudem sind die Zahlungen längst wieder eingestellt. Ohnehin verfolgt die Bolsonaro-Regierung keine spezifische Politik, um den Hunger zu bekämpfen. Eine ihrer ersten Amtshandlungen bestand darin, den Nationalen Rat der Ernährungssicherheit (Consea) abzuschaffen. Bolsonaros zerstörerische Umweltpolitik und Nähe zum mächtigen Agrobusiness gehen zulasten der Lebensräume indigener und traditioneller Gemeinden. Dadurch verlieren viele Ressourcen, um sich selbst und andere zu ernähren. Kein Wunder, wenn das Elend im Land überall sichtbar ist. Man sieht Familien, die in Zelten an Straßenecken hausen. Im Supermarkt betteln junge Mütter darum, ihrem Baby ein Tüte Milch zu kaufen. Es gibt Menschen, die sich von Fleischabfällen ernähren, und Schulkinder, die nicht ausreichend ernährt im Klassenzimmer kollabieren. Weil die Inflation durch die Decke schießt, sind alltägliche Dinge für viele zu einem Luxus geworden. Der Verzehr von Rindfleisch, für Brasilien so etwas wie ein sozialer Gradmesser, ist zuletzt massiv zurückgegangen. Auch die Qualität der Ernährung besorgt die Forscher des Lateinamerika-Instituts in Berlin. Fettleibigkeit, Diabetes, Bluthochdruck seien die Folge. Die Studie der Forschungsgruppe „Food for Justice“ zeigt auch, dass schwarze, alleinerziehende Frauen besonders anfällig für den Hunger sind.

Menschen wie Suelen Martins Machado. Die 33-Jährige lebt mit sieben Kindern in einem winzigen, dunklen Haus in Jacutinga. Auch an diesem Morgen steht sie wieder in der Schlange von Leila Gonçalves’ Vergabestelle, obwohl es nur Kuchen gibt. Hauptsache, irgendetwas. Vor der Pandemie hat Machado für eine Eventfirma Buffet-Tische aufgebaut, Teller gespült und Getränke eingeschenkt. Das Geld blieb knapp, aber reichte irgendwie zum Überleben. Als die Ersten mit Atemnot in die Hospitäler eingeliefert wurden, verlor auch sie ihren Job. Von einem auf den anderen Tag war der Kühlschrank leer. Ob sie schon Hunger gelitten habe? „Ich müsste lügen, wenn ich Nein sage.“

Leila Gonçalves hat viele solcher Geschichten gehört. Ohne Menschen wie sie wären längst Hungersnöte ausgebrochen, ist sie überzeugt. „Wir übernehmen die Aufgabe des Staates.“ Neben kirchlichen Verbänden sind es vor allem linke Gruppierungen, die Hilfe leisten. Die Bewegung der Wohnungslosen (MTST) unterhält in einigen Städten solidarische Küchen, die der Landlosen (MST) produziert und spendet Lebensmittel. Doch es reicht nicht, um die Not aufzufangen. Gonçalves führt in einen lichtdurchfluteten Raum mit einem großen Kreuz, in dem Pakete gelagert werden, Nudeln, Reis, Öl – die Spende eines Unternehmens, nur das Nötigste. Als die Pandemie begann, wurde mehr gegeben, doch hat die Hilfsbereitschaft abgenommen, weil auch die Mittelschicht zu spüren bekommt, dass die Krise sie nicht verschont. Gonçalves glaubt, das Schlimmste stehe noch bevor.

Derweil hat Präsident Bolsonaro ein neues Sozialprogramm aufgelegt. Es heißt „Auxílio Brasil“ (Hilfe Brasilien) und löst das einst unter Lula da Silva eingeführte „Bolsa Família“-Programm ab. Laut Experten werden damit allerdings weniger Menschen erreicht, auch genügten die staatlichen Gelder kaum für ein würdiges Leben. Auch Leila Gonçalves ist skeptisch. „Bolsonaro will uns doch verhungern lassen.“ Bei der im Oktober anstehenden Präsidentenwahl wird sie ihre Stimme Lula geben, der voraussichtlich noch einmal antritt. Die Obersten Richter haben 2019 alle vier gegen das einstige Staatsoberhaupt wegen angeblicher Geldwäsche, Veruntreuung und passiver Korruption verhängten Urteile annulliert.

Es ist durchaus möglich, dass sich Bolsonaro und Lula in einer Stichwahl gegenüberstehen. Nicht wenige rechnen damit, dass bis dahin die soziale Frage die Debatten bestimmt. Im Wahlkampf Ende 2018 schaffte es Jair Bolsonaro, von der Unzufriedenheit vieler Brasilianer über die politische Klasse zu profitieren. Er setzte auf „Fake News“, inszenierte sich als Kämpfer für Moral und Ordnung und kam gegen Fernando Haddad von der Arbeiterpartei auf über 55 Prozent. Allerdings ist es mehr als fraglich, ob dem angeschlagenen Bolsonaro ein solches Ergebnis erneut gelingt. Viele Brasilianer treffen womöglich eine „Bauchentscheidung“. Wenn sie mit leerem Magen zur Wahl gehen, könnte es eng werden für den Amtsinhaber.

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