Der Traubenzucker der Kunst

Abba Unser Autor versucht, sich den Hype um die Band zu erklären, und entdeckt in London eine Kathedrale, in der alle Partykeller der 1970er Jahre wiederauferstehen
Der Traubenzucker der Kunst
Der Partykeller und die Schlaghosen verschwanden, aber Abba ist noch immer da

Foto: Olle Lindeborg/AFP/Getty Images

Das neue Album von Abba ist Musik für Menschen, die sich nicht für Musik interessieren. An Desinteresse ist nichts Verwerfliches, man muss sich schließlich nicht für alles erwärmen. Anders als modernem Theater oder rhythmischer Sportgymnastik aber konnte man sich Hits wie Waterloo oder Dancing Queen nicht entziehen. Es genügt schon, die Titel hinzuschreiben, schon senkt sich die Nadel im Kopf auf die zerkratzte Single dort, knister, knister, und schon erklingt die Melodie. Wenn es Schwarzbrot gibt in der Kunst, dann war Abba der Traubenzucker – geht sofort ins Blut (oder ins „Tanzbein“), ob man will oder nicht.

Erst mit den Jahren und Jahrzehnten nach ihrer – vorläufigen, wie wir heute wissen – Trennung zeigte sich, dass Benny Anderson und Björn Ulvaeus in den siebziger Jahren tatsächlich so etwas wie die Weltformel für Pop gefunden hatten. Während ringsum ganze Hitparaden jener Zeit abgeschmolzen und in verdiente Vergessenheit geraten sind, blieben Gimme! Gimme! Gimme! oder Money, Money, Money einfach stehen wie Findlinge, nachdem sich die Gletscher zurückgezogen haben.

Der Partykeller und die Schlaghosen verschwanden, aber Abba und ihre Songs waren noch immer da – nicht nur als akustische Erinnerungsverstärker für die Jugend vieler Boomer. Sondern wirklich als Songs. Ganz gleich, ob man sie als Thrash Metal oder im großen Jazz-Ensemble inszeniert, auf der Plastiktröte oder mit dem Didgeridoo: Ein Song von Abba ist unkaputtbar.

Nun ist offenbar einiges auf eine Weise unzerstörbar, unsterblich, die Sodbrennen bereitet. Fast könnte man meinen, unsere Zeiten illustrierten, was Friedrich Nietzsche mit der „ewigen Wiederkunft des Gleichen“ meinte. Die Vergangenheit selbst bedrängt uns, von allen Seiten nähern sich die Zombies.

Die achtziger Jahre sind in der Unterhaltungsindustrie ein stehendes Jetzt, von Stranger Things über die Mode bis zur Musik. Star Wars hört nie auf und entfaltet sich in mehreren Multiversen, Wetten, dass ..? ist wieder da; und wer sich in den siebziger Jahren für Musik interessierte, kann sich übrigens über die müden Comebacks von Yes und Jethro Tull freuen.

Abba haben in diesem Zusammenhang nicht nur gefehlt, ihre Wiederkunft besiegelt eine bedenkliche Entwicklung. Das liegt nur zum Teil an Voyage, bei dem es sich um nichts Geringeres als ein passables Album von Abba handelt. Wohlige Songs für Menschen eben, die sich nicht für Musik interessieren, sondern die eigene Kindheit oder Jugend als akustisches Simulakrum noch einmal genießen wollen. Dass etwas „ganz wie früher“ sei, zumindest fast, ist heute höchstes Lob.

Es geht aber noch weiter. In London entsteht gegenwärtig eine Arena, in der sozusagen alle Partykeller der siebziger Jahre als Kathedrale wiederauferstehen. Dort werden Abba auftreten, nicht persönlich, nicht nur als Hologramme, sondern als technisch perfekte Avatare ihrer selbst.

Dieses ambitionierte Projekt ist der Grund, warum Björn, Benni, Anni-Frid und Agnetha überhaupt „neue“ Musik aufgenommen haben. Es geht darum, der Vergangenheit eine Bühne zu bereiten, auf der sie bis zum Ende aller Tage einen Fuß in der Tür der Gegenwart haben wird. Ein Tempel, in dem der Mythos verehrt und die Gelddruckmaschine auf Dauer gestellt werden kann.

Auch daran ist nichts Verwerfliches. Es ist, wenn man es einmal verstanden hat, nur sehr uninteressant.

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06:00 11.11.2021

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