Das Trauma der Freiheit

Freud Das verlorene Paradies und der "Fortschritt in der Geistigkeit"

Am Ende ist Freud ihm wohl doch noch nahe gekommen, dem Mann mit dem er sich lebenslang und im Alter immer stärker identifizierte. Von zahllosen Zeitungstiteln, Sonderdrucken und Veranstaltungshinweisen blickt Freud uns an, mit seinen durchdringend-altväterlichen Zügen und jagt uns jene kleinen Schrecken, jenen heiligen Schauder über den Rücken, den wir ursprünglich, seit den Tagen unserer ersten Kinderbibel mit dem "Mann Moses" verbanden.

Es scheint, als erlebten wir so etwas wie die Entstehung eines neuen Mythos. Offenbar sind es seine, vom empiristischen Bilderverbot noch ganz unberührt gebliebenen, wissenschaftlichen Erzählungen, denen Freud seine heutige Wiederkehr verdankt - Erzählungen, die wohl niemandem, der sie gelesen oder gehört hat, je wieder aus dem Kopf gehen. Da sind die Geschichten vom gefahrenreichen "Schicksal" der Libido, vom zwischen Es und Über-Ich sich aufreibenden Ich, von den vatermordenden Brüdern der Urhorde, oder vom aus Ägypten auswandernden Atonpriester, der als Mann Moses den biblischen Monotheismus stiftete - Erzählungen, die am Ende alle in die immer gleiche, vom Ödipusmythos gut bekannte Konstellation einmünden.

Inzwischen gibt es unzählige Interpretationen dieses alten, über Homer, Hesiod, Pindar und Sophokles auf uns gekommenen Stoffes - und doch bleibt er ein großes Rätsel. Bekanntlich wird die Geschichte vom Vatermord und Mutterinzest in den älteren, vorolympischen Mythen viel drastischer erzählt. Was bei der Ödipusgeschichte hinzukommt, ist die Verknüpfung des Inzestthemas mit der widersprüchlichen Dynamik geistiger Aufklärung. Da möchte man natürlich wissen, was diese Verknüpfung zu bedeuten hat. Freud kommt das große Verdienst zu, hier den ersten Schritt gegangen zu sein. Offenbar besaß er das Einfühlungsvermögen und den Mut, den im Selbstkonzept der Moderne wohl schon von jeher eingeschlossenen, bisher aber noch unausgesprochen gebliebenen eigenen Ursprungsmythos zur Sprache zu bringen.

Und doch blieb er bei diesem seinem ersten, so großen Schritt stehen. Den realen Geltungsgrund des Ödipuskomplexes zu entschlüsseln und ihn dadurch seiner mythischen Macht zu berauben, hat Freud nicht wirklich interessiert. Bis heute bleibt rätselhaft, warum es den Fünf- bis Sechsjährigen plötzlich in den Kopf kommt, den Vater zu töten und mit der Mutter genital zu verkehren und was diese ziemlich verrückte Idee mit Aufklärung und Vernunft zu tun haben soll.

So könnte es sich bei all den gegenwärtigen Freudehrungen auch um einen Art Abwehr handeln. Indem wir ihn endgültig zur mythischen Ikone verklären, vermeiden wir es, den desillusionierenden und manchmal allzu kränkenden Weg der Selbstaufklärung weiterzugehen und die Freudschen Intuitionen auf wissenschaftlichere Füße zu stellen.

Freud war sich durchaus bewusst, auf welch labilem empirischen Fundament seine Erzählung ruht. Wohl deshalb hat er sich zeitlebens und im Alter immer intensiver bemüht, den Ödipuskomplex vor allzu profanisierender Analyse zu schützen, indem er seinen Ursprung immer weiter ins metaphysisch-menscheitsgeschichtliche Jenseits verschob. Bis heute waren die meisten seiner Schüler und Nachfolger allzu bereit, ihm auf diesem Weg zu folgen, wobei das von Freud so sehr geliebte menschheitsgeschichtliche Jenseits inzwischen durch die ebenso dunklen entwicklungsgeschichtlichen Anfangsgründe der ersten Lebensmonate ersetzt wurde.

So blieb es einigen, von der Psychoanalyse bisher ganz unberührt gebliebenen Fachwissenschaften überlassen, die entscheidenden Befunde herbeizuschaffen, die uns heute in die Lage versetzen, die von Freud explizit gemachte Gründungsgeschichte des modernen Individuums ins Diesseits zurückzuholen und auf wissenschaftlich tragfähige Füße zu stellen.

Genau genommen geht es bei dem Projekt der Moderne - zumindest was die Freudsche Perspektive angeht - um die gegen Magie, Animismus und Religion sich durchsetzende und gegen die Einmischung der Gefühle immer autonomer werdende "intellektuelle Funktion". Individualgeschichtlich spiegelt sich dies in einem Doppelschritt. Zunächst neigen wir dazu, mit den kognitiven Einsichten nicht übereinstimmende gefühlsmäßige Überzeugungen zu verdrängen. Später werden diese zunächst noch unbewussten Zurückweisungen selbst zum Gegenstand des bewussten Denkens. Aus der unbewussten Verdrängung wird die bewusste Verneinung.

Freud folgt hier - offenbar ohne dies selbst zu bemerken - einem zutiefst Hegelianischen Denken. So können wir mit Bezug auf Hegel auch sagen: Bei der Verdrängung handelt es sich um eine unmittelbare und sich selbst deshalb noch nicht bewusste Negation. Die Verneinung ist die sich auf sich zurückwendende, sich darin als Negation von etwas bestimmten, das heißt als "bestimmte Negation" erfassende Negation.

Entscheidend ist, das Verworfene als solches bewusst denken zu können. So gewinnen wir die Fähigkeit, Vorstellungen oder Gedanken von der mit ihnen assoziierten affektiven Bewertung zu unterscheiden. Die intellektuelle Funktion beginnt sich vom Emotionalen zu emanzipieren. Das Subjekt macht die Erfahrung, seinen eigenen, affektiven Bewertungen widersprechen zu können.

Das hat eine ganze Reihe weiterer Konsequenzen, die neuerdings ins Zentrum entwicklungspsychologischer Forschungen getreten sind - ohne dass der darin liegende Hegel-Freud-Bezug bewusst wurde. Vor allem die in den achtziger Jahren aufkommende "Theory of Mind"-Forschung hat uns gezeigt, dass Kinder vom zweiten bis zum fünften Lebensjahr in der Tat zur unmittelbaren Negation beziehungsweise Verdrängung neigen, während sie die Fähigkeit zur bewussten Verneinung erst in der ödipalen Phase erwerben. Dazu passt die neuropsychologische Erkenntnis, dass die für die metakognitiven Funktionen zuständigen Hirnregionen in diesem Alter den entscheidenden Wachstums- beziehungsweise Ausdifferenzierungsschub durchlaufen. Vor allem aber ist es die neurophysiologisch fundierte Affektpsychologie, die dem Hegel-Freudschen Modell zu neuer Aktualität verhilft. Inzwischen ist weitgehend anerkannt, dass es sich bei den Affekten um ein entwicklungsgeschichtlich älteres, durch die Erfahrung der ersten Lebensjahre geprägtes Bewertungssystem handelt, das uns eine erste Grundorientierung erlaubt. Es hat den Vorteil, unwillkürliche und rasche Reaktionen zu ermöglichen, reagiert aber auf veränderte Umweltbedingungen ziemlich unflexibel. Dies ist mit Objektbeziehungen, in denen sich die Objekte wenig regelhaft verhalten, weil sie sich in ihrem Handeln von freien Willensentscheidungen leiten lassen, nicht vereinbar. Deshalb sind wir Menschen ab einem gewissen Alter darauf angewiesen, Affekte durch andere, flexiblere kognitive Bewertungssysteme zu ergänzen und zu überformen.

Die Tatsache, dass Kinder bis zum fünften Lebensjahr zum Mittel der Verdrängung greifen, bedeutet nun weiter, dass sich bei ihnen - zumindest was ihr bewusstes Selbsterleben angeht - Gefühl und Ratio noch in vollkommenem Einklang befinden. Den eigenen Überzeugungen und Einstellungen widersprechende, gefühlsmäßig bewertete Vorstellungen existieren für sie noch nicht - ein im Rückblick ganz und gar paradiesisch wirkender Zustand, dem wir auch als Erwachsene noch nachhängen - und zwar insofern wir lieben.

Zugleich stellen all diese Forschungen die Freudsche Theorie des Ödipuskomplexes auf ein neues Fundament. Sie liefern uns genau die wissenschaftliche Erklärung für die ödipale Verknüpfung zwischen dem Prozess der geistig-wissenschaftlichen Aufklärung und dem Kampf ums Inzesttabu, die Freud und seine Schüler uns schuldig blieben. Weil der Übergang zur bewussten Verneinung mit der Entdeckung der Willensfreiheit zusammenfällt, geht er für die fünfjährigen Kinder mit einer schweren Krise einher. Bisher lebten sie in einer Welt scheinbar fest gefügter Reaktions- und Verhaltensmuster, weil widersprechende Erfahrungen der Verdrängung anheim fielen. Jetzt stellen sie fest, dass diese Zusammenhänge keineswegs so fest sind, wie sie bisher glaubten, weil die Eltern frei sind, sich auch ganz anders zu verhalten. So sehen sich die Vier- bis Sechsjährigen gezwungen, ihr kindliches, durch die Freiheit des Anderen so sehr bedrohtes Weltbild, dadurch zu retten, dass sie die Freiheit ihrer wichtigsten Bezugspersonen zu zerstören suchen - entweder durch Verführung oder durch imperativ vorgetragene Heiratsansprüche.

Dies ist die Konstellation, von der das ödipale Drama seinen Ausgang nimmt und an dessen Ende bekanntlich die weitgehende Verdrängung des Sexuell-Sinnlichen und die intellektuelle Domestizierung der infantilen Bemächtigungs- und Größenimpulse stehen. Sie werden zum Ausgangspunkt einer neuen, zweckrational strukturierten Gegenstandsbeziehung, für die die intellektuelle Kontrolle der Affekte ebenso konstitutiv ist, wie die Möglichkeit der freien Willensentscheidung.

So ist es denn nur konsequent, dass der griechische Mythos nicht vom Trieb, sondern vom "Trauma der Freiheit" seinen Ausgang nimmt. Die Eltern nehmen sich die Freiheit, Ödipus mit durchbohrten Füßen im nahen Gebirge auszusetzen. Diese Erfahrung bildet die unbewusst treibenden Kraft des weiter folgenden - des Vatermordes und des Mutterinzestes. Zugleich ist es diese "Fähigkeit", auch als Erwachsener das eigene Kindsein nicht aus dem Auge zu verlieren, die Ödipus in die Lage versetzt, das Rätsel der Sphinx zu lösen.

Im Einzelnen müssen wir uns die ödipale Dynamik wohl wie folgt vorstellen: Mit dem Erlernen der metakognitiven Fähigkeit der Verneinung rückt auch die Freiheit des Objektes in den Blick. Daraus entsteht die Tendenz, den Anderen gefangen zu nehmen. Angesichts der sonstigen physikalischen und biologischen Objekte läuft das auf eine immer tiefer gehende Entschlüsselung ihrer naturgesetzlichen Bestimmtheit hinaus. Gegenüber menschlichen Objekten wird das Gleiche versucht. So tritt die Indienstnahme der innersten und geheimsten Triebkräfte des Anderen ganz in den Vordergrund. Da liegt es nahe, den Anderen durch Ver- und Entführung, durch Sex und Ehe fesseln zu wollen. Entweder er lässt sich durch die Macht seines eigenen Begehrens hinreißen, auf seine Willensfreiheit zu verzichten, oder er muss einem äußeren Regiment unterworfen werden, das ihn zur Treue verpflichtet. Der Ausgang dieses Kampfes ist bekannt: Am Ende müssen sich die Vier- bis Sechsjährigen das Scheitern ihrer Bemühungen eingestehen.

Darauf reagieren sie vor allem mit Trauer. Sie werden ernst, verlieren ihre kindlich-spontane Lebensfreude und interessieren sich für die verschiedensten Mittel und Wege, Macht, Geltung und Reichtum zu erwerben. Sie pauken für die Schule und sind mit Fußballer-, Rennfahrer- oder Prinzessinnenträumen beschäftigt.

Dies ist der Beginn einer neuen Intersubjektivität, die sich von vornherein darauf einstellt, dass der Andere frei ist und sich deshalb jederzeit auch wieder abwenden kann. Während er bisher ebenso Mittel wie Zweck des eigenen Begehrens war, wird der Andere jetzt zum bloßen Mittel der Bedürfnisbefriedigung herabgesetzt, was den großen Vorteil mit sich bringt, dass er auch durch andere Personen ersetzt werden kann. Der Andere verliert seine Einzigartigkeit und wird austauschbar. Leider gibt es seit Klein und Winnicott in der psychoanalytischen Literatur die Tendenz, diesen wichtigen Entwicklungsschritt mit der sehr viel früher erreichten Einsicht in die Begrenztheit der Objekte gleichzusetzen. Überhaupt stoßen wir hier auf ein in der Psychoanalyse bisher wenig beachtetes Paradoxon: Offenbar bildet die ödipale Niederlage und die damit einhergehende Herabsetzung des Anderen zu einem auswechselbaren Mittel die Voraussetzung, ihn als Freien anerkennen, ihn auch gehen lassen zu können - ein Zusammenhang auf den schon Rousseau und Hegel stießen, als sie darauf aufmerksam wurden, wie sehr die Anerkennung der Freiheit mit dem "auf Leben und Tod" gehenden und schließlich scheiternden Kampf gegen die Freiheit des Anderen verknüpft ist. Offenbar ist es dieses Scheitern, diese lebenslang sich erneuernde ödipale Niederlage die uns in jene, für das moderne Individuum so sehr konstitutive Notlage bringt, sich vom einzigartigen Anderen losreißen und den vielen Anderen zuwenden zu müssen.

Wir sehen, um welch hoch stehendes und grausames Objektverhältnis es sich hier handelt. So ist es dann auch nicht weiter verwunderlich, dass eine vollständige Verwirklichung des zweckrationalen Weltbezuges wohl niemals gelingt, so dass die unmittelbar affektgetragene Gegenstandsbeziehung der präödipalen Lebenswelt nie ganz verschwindet, sondern als Liebe auch weiterhin große Teile der privaten Sphäre dominiert und in sublimierter Gestalt die entscheidende Triebfeder wissenschaftlicher und künstlerischer Produktivität bleibt.

Die Freudsche Geschichte vom Schicksal des Liebestriebes zeichnet diese Zusammenhänge in Form eines wissenschaftlichen Entwicklungsromans nach. Er steht unter der großen Überschrift, dass die libidinöse Objektfindung "eigentlich eine Wiederfindung" sei und beginnt mit der polymorph-perversen Sexualität der ersten Kinderjahre, mündet in das ödipale Drama und endet mit der schließlichen Wiederaufnahme der verdrängten ödipalen Wünsche in der Pubertät und Adoleszenz. Leider ist die revolutionäre Tragweite dieser Liebesgenealogie bis heute nicht wirklich verstanden worden - offenbar auch deshalb, weil der Autor selbst davor zurückschreckte, sie ganz wörtlich zu nehmen. Angesichts der neuen Bestätigungen scheint diese Vorsicht nicht mehr angemessen, auch wenn das auf eine wenig erbauliche Profanisierung der Liebe hinaus läuft.

Und in der Tat können wir anhand unseres alltäglichen Sprachgebrauchs leicht feststellen, dass wir immer dann von Liebe sprechen, wenn es um Objektbeziehungen geht, die den präödipalen Einklang von Emotion und Kognition aufnehmen und in denen es darum geht, dem Objekt seine Freiheit wieder abzuringen, während wir alle anderen positiv konotierten Beziehungsformen, die diese Kriterien nicht erfüllen, mit Begriffen wie Solidarität, Achtung, Anerkennung oder Freundschaft zu umschreiben suchen. Deshalb hatte Freud Recht, wenn er den Zustand der Verliebtheit mit dem der Hypnose, der religiösen und politischen Ekstase verglich. Immer geht es um die wie ein großes Glück erlebte Auslöschung der Freiheit - der eigenen wie der des Anderen. Und natürlich gilt das nicht nur für die leidenschaftliche Liebe. Selbst bei der Wahrheitsliebe handelt es sich letztendlich ja doch um nichts Anderes, als um die Sehnsucht, dem Objekt seine Freiheit abzuringen, indem wir es in seiner gesetzlichen Determiniertheit zu erfassen suchen. So wird unser ganzes Leben vom Dualismus zweier Objektbeziehungsmodi geprägt, dem der Liebe und dem des zweckrationalen Kalküls, die beide auf das ödipale Drama zurückgehen.

Aber natürlich bleibt es nicht nur beim äußerlichen Nebeneinander der beiden Objektverhältnisse. In einem seiner letzten großen Texte beschreibt Freud, wie der alte präödipal-teleologische Objektbeziehungsmodus in die Welt des zweckrationalen Gegenstandsverhältnisses hineinreicht. Er ist überzeugt, dass die ödipale Niederlage zu einer Identifizierung mit dem zuvor bekämpften Elternteil führe, so dass deren Gebote und Verbote verinnerlicht und in der Gestalt des Über-Ich dem willentlichen Handlungsspielraum enge Grenzen setzen. Auch diese, an den historischen Ödipusmythos eng angelehnte und das Thema der Selbstunterwerfung unter den Ratschluss der Götter, den Akt der ödipalen Selbstblendung wieder aufnehmende Beschreibung, scheint die faktischen Verhältnisse ziemlich präzise zu treffen - sonst hätte der Begriff des Über-Ichs nicht so sehr populär werden können - ohne dass ihre Begründung wirklich befriedigt. Natürlich orientieren sich Kinder in ihren Ideal- und Moralvorstellungen an ihren Eltern. Das eigentlich Merkwürdige dieses Phänomens ist dadurch aber keineswegs erklärt. Bleibt die Frage, warum die Über-Ich Gebote eine derart apodiktische, vom willentlichen Ratschluss ganz unabhängige Macht ausüben? Im Fall der ödipalen Selbstblendung war die Antwort denkbar einfach - sie war nicht mehr rückgängig zu machen und damit der Willensfreiheit für immer entzogen. Wie aber kommt es dazu, dass wir alle uns irgendwann in ganz ähnlicher Weise psychisch selbst verstümmeln?

Wieder ist es die Analyse der logischen Form, die die mythologische Erzählung auf wissenschaftliche Füße stellt: Die von den ödipalen Verdrängungen herstammenden traditionalen Gebote und Verbote nehmen die Gestalt des Über-Ichs an, weil es sich hier um Verbote handelt, bei denen der Akt des Verbietens oder der Negation noch unbewusst ist, bei dem man also nicht weiß, welche konkrete Erfahrung, welche Unlustandrohung dem jeweiligen Gebot oder Verbot zugrunde liegt. So entsteht der Eindruck, als gehe es um Verhaltensmaximen, die unabhängig vom persönlichen Ratschluss, unabhängig von der eigenen Interessiertheit gelten - als seien sie von außen, von irgendwo her auf uns gekommen, was uns regelmäßig verführt, ihnen religiöse oder metaphysische Ursprünge nachzusagen.

So werden die später nur unvollständig aufgehobenen ödipalen Verdrängungen zu Ausgangspunkten verbotener Zonen, von denen niemand mehr weiß, warum sie eingerichtet wurden, von denen lediglich überliefert ist, dass sie Begehrenswertes enthalten, das zu ergreifen mit schrecklichen Strafen belegt ist, wobei sich die Strafe - ganz wie bei Adam und Eva - nicht so sehr auf die Tat als viel mehr auf ihr Motiv bezieht. Deshalb ist es so schwer zu überprüfen, ob diese von alters her ausgesetzten Strafen überhaupt noch drohen. Auch die von Bonifazius im Falle der Wotan-gläubigen Germanen angewandte Methode kommt hier nicht in Betracht. Bekanntlich fällte er ihre heilige Eiche, um ihnen die Machtlosigkeit ihres Gottes zu beweisen. Den heiligen Baum zu fällen, ohne je an Wotan geglaubt zu haben, ist keine Kunst und scheint auch damals keinen großen Eindruck gemacht zu haben. Erst wenn es gelingt, sich der eigenen, noch unbewussten vatermörderischen Impulse bewusst zu werden und wenn man dann noch - trotz der vernichtenden Angst, Scham und Schuldgefühle - in der Lage ist, sich zu ihnen zu bekennen, erst dann kann es gelingen, die verinnerlichte Macht des frühen Vaters zu relativieren und die von der ödipalen Verdrängung ausgehenden psychischen Selbstverstümmelungen ein Stück weit zu heilen.

So erscheint die ihrer eigenen Mythologie entkleidete Psychoanalyse wie eine Art Genealogie der Ratio und der Liebe, die beide auf ihre je verschiedene Art und Weise damit ringen, den durch den Baum der Erkenntnis in die Welt gebrachten "Schrecken der Freiheit" zu bewältigen.

Auch wenn hier nicht der Ort ist, all den umwälzenden Folgen dieser neuen Erkenntnisse nachzugehen, so sehen wir doch, welch enormer Verlust es wäre, Freud auf die Rolle eines modernen Mythologen zu reduzieren.

Dr. Willi Brüggen lebt als Arzt und Psychoanalytiker in Berlin. Er ist Lehranalytiker der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft.


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00:00 21.07.2006

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