"Das Tuch ist nur noch ein modisches Utensil"

Fashion Leyla Piedayesh wurde als Designerin bekannt, weil sie das Palästinensertuch in Mode verwandelte. Im Gespräch erzählt sie, warum es für sie keine politische Botschaft hat

Der Freitag: Ihr Mode-Label ist bekannt für die Tuchkollektion, die in Anlehnung an die Kufiya - das so genannte Palästinensertuch - entstanden ist. Woher stammt die Idee, und was ist ihr politischer Gehalt?

Ich habe das Tuch auf der Straße vor fünf Jahren als einen Trend entdeckt. Ich habe mir damals keine Gedanken um die politische Aussage gemacht, sondern habe ein Tuch gesehen, dass eine graphische Umsetzung hatte, die mir gut gefallen hat und die ich mir am Hals eines jeden Menschen sehr gut vorstellen konnte. Ich fand es toll so ein billiges Tuch, das normalerweise fünf bis zehn Euro kostet, in einer Kaschmirversion umzusetzen. Das war für mich Luxus, mondän. Ich hatte das Tuch nicht nur in Berlin entdeckt, sondern auch in Italien und in einem Magazin auf einem Foto mit Johnny Depp. Hinter meiner Tuchkollektion steckte keinesfalls die Idee einer politischen Aussage. Es wäre aber vielleicht an der Zeit, das Tuch wirklich umzudrehen und ein politisches Statement damit abzugeben. Jetzt könnte ich dieses Tuch zum Beispiel als „Tuch des Friedens“ bezeichnen.

Ist es in Deutschland überhaupt noch zeitgemäß über die politische Aussage der Kufiya in der Mode zu reden? Ist diesem Tuch der politische Gehalt abhanden gekommen?
Absolut. Entpolitisiert ist ein gutes Wort dafür und das Tuch kann von nun an als modisches Utensil weiterlaufen. Das Tuch haben einfach mittlerweile zu viele Menschen konsumiert, nicht nur meine Entwürfe des Tuchs. Es gibt wahnsinnig viele Plagiate, die zu einem Bruchteil dessen zur Verfügung stehen, was meine Designs kosten. Wenn Sie es jemanden aus den Palästinensergebieten zeigen, wird die Antwort auf die Frage natürlich eine andere sein. Für mich hatte es damals schon keine Bedeutung, weil es ein Tuch ist, das aus dem Orient stammt und nicht nur in Palästina getragen wird. Der Ursprung liegt in Ägypten und die Kufiya wurde von einem Volk zum anderen weitergegeben. Es war ursprünglich kein politisches Symbol.

Warum sind Ihre Tücher und all die anderen Varianten des „Pali-Tuches“ in Deutschland so erfolgreich?
Es ist Trend, es ist Mode. Ich glaube nicht, dass die Masse damit ein politisches Statement abgeben will. Man würde natürlich ein politisches Statement setzen, wenn man es in Israel am Flughafen tragen würde.

Welchen anderen Symbolen schreiben Sie politischen Gehalt zu?
Dem Peace-Zeichen und der Friedenstaube. Die Taube habe ich auch schon in meiner Mode benutzt. Die beiden sind wirklich schöne, positive Symbole die ich mag, die ich wichtig finde und mit denen ich arbeiten könnte.
Kann man mit dem, was man trägt, heute überhaupt noch gesellschaftlich relevante Aussagen treffen?
Wenn, dann meist nur in Schriftform. Sprüche wie „No War“ oder „Only War“ haben vielleicht noch eine Aussage. Selbst wenn sich jemand komplett in Camouflage kleidet, was über die letzten Jahre durchaus modern war, kann man nicht mehr erkennen, ob das nun ein Fashion-Depp ist oder er uns damit etwas sagen möchte. Heutzutage hat sich doch jeder schon alles erlaubt. Es gibt kaum noch etwas, das neu ist. Ähnlich verhält es sich in der Kunst, in der Fotografie. Fast alles ist heute nur noch eine Anlehnung an etwas bereits Dagewesenes.

Kann Mode nicht mehr provozieren?
Provokation? Da gab es ja auch schon alles. Hundert Tage hungern ist eine Form der Provokation. Schocken kann man damit aber keinen mehr. Wozu muss man das überhaupt noch? Ich war nie eine Provokateurin. Mich hat das Leben als solches mehr interessiert. Es ist nicht mein Anliegen zu provozieren, sondern eher zu gefallen. Aber nicht um gefällig zu sein, sondern um andere Menschen glücklich zu machen. Das ist mein Ziel. Mit Provokation bringst du dumme Menschen dazu, endlich mal nachzudenken. Aber ob du sie dazu bringst, zu verstehen, was du willst? Das glaube ich nicht.

Die ungekürzte Fassung des Interviews finden Sie in Teresa Bückers Blog

Leyla Piedayesh ist in Teheran geboren, seit ihrem neunten Lebensjahr lebt sie in Deutschland. Sie arbeitete als Redakteurin zwei Jahre bei MTV, kündigte 2003 und machte sich als Mode-Designerin selbstständig. Ihr Label Lala Berlin ist mittlerweile international erfolgreich. Auch viele Prominente tragen ihre Entwürfe.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

01:00 19.02.2009

Ausgabe 38/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 6