Das Unbehagen in der Redaktion

Medien Der Terrorakt an sich ist wahnsinnig. Zur symbolischen Handlung wird er erst durch gezielte Propaganda
Klaus Ungerer | Ausgabe 12/2019
Das Unbehagen in der Redaktion
Die Bürgermeisterin von Christchurch, Lianne Dalziel, spricht zur Presse

Foto: Fiona Goodall/Getty Images

Als die Brüder Kouachi nach dem Massaker von Charlie Hebdo auf der Flucht waren, kaperten sie Autos, und ihr Morddrang schien gestillt zu sein. Wer ihnen begegnete, überlebte, und das war kein Zufall. Ihr Plan war nun in die finale Phase getreten. Statt zu töten, sagten sie jedem Menschen, den sie trafen: „Wir gehören zu al-Qaida im Jemen!“ Das war die eigentliche Vollendung der Tat. Das Branding.

Ein Terroranschlag ist strukturell zunächst eine Tat des Wahnsinns: Der Terrorist kann kein System stürzen, er kann die ihm verhasste Gruppe nicht auslöschen vom Planeten. Ihm bleibt nur eine symbolische Handlung, die Auslöschung in einem eng begrenzten Rahmen. Dennoch ist die Terrortat ein politisches Kampfmittel: als Propaganda. In einer Welt, in der die Realität oft mit den kurzatmigen Inhalten der Massenmedien verwechselt wird, gibt der Anschlag eine Garantie auf Beachtung.

Seine Urheber wissen das gut. Die letzte Tat des NSU war es, in Person von Beate Zschäpe Propaganda-DVDs zu verschicken. Der IS kreierte Schock-Videos zur Rekrutierung neuer Kämpfer. 9/11 war eben kein „Krieg“ gegen Amerika, auch bin Laden wusste: Man besiegt die USA nicht, indem man zwei, drei Häuser zerstört. Was ihm gelang, war eine Diskursverschiebung: Hatten wenigstens in den westlichen Gesellschaften Muslime und Nichtmuslime mäßig interessiert aneinander vorbeigelebt, so wurde nun ein Konflikt postuliert. Bekleidung und religiöse Auffassungen wurden zur Staatssache, die Blicke in der U-Bahn misstrauischer. Bin Laden hatte die soziale Spaltung der Erde zu einer religiösen Spaltung umgelogen. Das Unbehagliche daran für Journalisten: Der WTC-Kollaps war nur eine Etappe. Eigentliches Zielgebiet der Anschläge waren die TV-Stationen dieser Welt, die Zeitungsredaktionen.

Denn der Anschlag ist in der täglichen Schlacht um mediale Aufmerksamkeit nur der Bunkerbrecher. Mit seiner Hilfe dringt der Täter in die Redaktionen dieser Welt vor. Dort geht dann die eigentliche Bombe hoch: die Message. Erst ist die Message ein inaktiver Virus, ein Manifest, das in irgendeiner Ecke des Internets still vor sich hin stinkt. Jetzt befällt er die Massenmedien dieser Welt. Und es ist ganz egal, ob der Mörder sich Dschihadist, Incel oder Ökofaschist nennt: Er hat seine Bombe ins Ziel gebracht, er wird gelesen und diskutiert, dumpfste Vorstellungswelten werden öffentlichkeitsfähig. Niemand windet den Mördern ihre Begriffe aus den Händen und ruft: „Ob Islamist, ob Nazi, ihr seid Opfer derselben geistigen Fehlfunktion!“ Denn die identitären Trennlinien, die uns eingeredet werden, und ihre Kämpfe sind menschgemachte: Nationalität. Rasse. Religion. Wem nützen sie? Selten jedenfalls hat die Aufklärung Gelegenheit zum Gegenangriff. Neulich ging mal einer durch die sozialen Medien. Da saß der Historiker Rutger Bregman auf einem Podium in Davos, und er sagte lächelnd: Man rede hier von der Rettung der Welt, und doch habe er noch nie so viele Leute gesehen, die mit dem Privatjet angereist seien. Und, sagte er, er wundere sich doch sehr, wie in Davos über das eigentliche Riesenthema geschwiegen werde: die Steuerflucht der Reichen.

Solche Momente wünsche ich mir, und ihre Beachtung, Anschläge des Denkens, gewaltfrei, erhellende Blitze von Humor und Intelligenz.

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