Gerhard Hafner
Ausgabe 3513 | 02.09.2013 | 06:00

Das unbestimmte Geschlecht

Historie Intersexuelle werden seit jeher ins Männlich-Weiblich-Schema gepresst. Manche stört das gar nicht

Das unbestimmte Geschlecht

Foto: Corbis/Araldo de Luca

Die Südafrikanerin Caster Semenya sorgte vor vier Jahren für große Verwirrung. Als sie die Goldmedaille im 800-Meter-Lauf der Frauen bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin gewann, kamen Gerüchte auf, dass sie keine richtige Frau sei. Ihre tiefe Stimme und ihr maskulines Aussehen! Ihr Geschlecht wurde getestet, der Weltleichtathletikverband erklärte: „Es ist klar, dass sie eine Frau ist, aber vielleicht nicht zu 100 Prozent.“ Danach konnte sie weiterhin als Athletin antreten und Medaillen gewinnen.

Es ist absolut keine neue Erkenntnis, dass die Trennung in Männlein und Weiblein nicht immer auf Anhieb eindeutig ist. Statt nur zwei Geschlechtskörper hat die Natur verschiedene Erscheinungstypen hervorgebracht. Dazu gehören andere Chromosomensätze neben XX und XY sowie allerlei Variationen: Genitales, hormonales und gonadales Geschlecht können sich auf verschiedene Weise mischen.

Nur nichts dazwischen

Das deutsche Personenstandsrecht ignorierte diese komplexen Verhältnisse bisher. Nach der Geburt muss das Kind mitsamt der Angabe seines Geschlechts binnen einer Woche beim Standesamt gemeldet werden. Das Gesetz selbst aber erläutert keineswegs, was unter „Geschlecht“ zu verstehen ist – die zugehörige Verwaltungsvorschrift ließ bisher nur männlich und weiblich gelten. Intersexuell Geborene wurden in diesen Dualismus gepresst, auch wenn sie männlich und weiblich waren, oder weder männlich noch weiblich, oder ein wenig vom einen und ein wenig vom anderen. Der Gedanke hinter dem Gesetz war, dass jeder Mensch nur Frau oder Mann werden darf – alles dazwischen ist von Übel.

Der Deutsche Ethikrat hat den Missstand, dass intersexuelle Menschen einem Geschlecht zugewiesen werden, das ihnen überhaupt nicht entspricht, als einen Verstoß gegen das allgemeine Persönlichkeitsrecht gewertet. Die Anerkennung des „empfundenen und gelebten“ Geschlechts ist Ausdruck des Persönlichkeitsrechts, so das Bundesverfassungsgericht. Das Grundgesetz gewährt jedem Menschen das Recht, sich dem Personenstand, also auch dem Geschlecht, zuzuordnen, das der jeweiligen physischen und psychischen Konstitution entspricht. Die strukturelle Gewalt, einen Menschen in eine Kategorie zu pressen, die ihm fremd ist, realisiert sich später in der Gewalt der chirurgischen und hormonellen Operationen: Intersexuelle Kinder wurden und werden weltweit massiven Eingriffen unterworfen, um sie dem Standard der zwei Geschlechter anzupassen.

Gerhard Hafner ist Psychologe und schrieb im Freitag zuletzt über die Beschneidungsdebatte

 

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Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 35/13.