Das Undenkbare denken

ZUM 80. GEBURTSTAG VON EGON BAHR DDR-interne Folgen eines Treffens in Berlin

Zur Person ...

... geboren am 18. März 1922 in Thüringen, Schulbesuch in Torgau, Berufswunsch Musiker, wegen einer jüdischen Großmutter keine Studienerlaubnis, Arbeit im Berliner Rüstungsbetrieb Borsig, nach 1945 Journalist, 1956 Eintritt in die SPD, enger Mitarbeiter Willy Brandts, mit ihm vom Schöneberger Rathaus in Westberlin über das Bonner Auswärtige Amt schließlich 1969 ins Kanzleramt, Architekt einer neuen Ostpolitik, nach Brandts Rücktritt 1974 im Kabinett Schmidt Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, ab 1976 SPD-Bundesgeschäftsführer, ab 1987 Vorsitzender der Sicherheitspolitischen Kommission seiner Partei.

Eines Tages im Jahre ´87, kurz vor der deutschen Zeitenwende, erreichte mich die Nachricht, es wolle Egon Bahr mit mir sprechen. Um Friedensforschung solle es gehen, über die deutsch-deutsche Grenze hinweg und bei gemeinsamem Essen. Oberflächlich betrachtet schien dies keinerlei Schwierigkeiten zu bergen.
Geübt im dialektischen Denken stieg jedoch sofort ein Gegenpol zu diesem ersten Eindruck in mir auf. Egon Bahr war gewiss nicht irgendein Bürger des Landes, das damals nur westlich der Elbe lag. Und selbst wenn er es gewesen wäre, hätte ich nach diesseitigen Regeln Meldung von der zu mir gedrungenen Absicht erstatten müssen. Erst recht jedoch galt das für den besonderen Fall des Mannes, der gemeinsam mit Willy Brandt die neue Ostpolitik des Westens entwickelt hatte, der mit den Spitzen der DDR und in seinen Gesprächen mit den Mächtigen in Washington und Moskau gegen alle Widerstände Vertragswerke der Entspannungspolitik inspirierte und aushandelte. Er war der Verhandlungspartner der DDR über die Einrichtung einer kernwaffenfreien und einer chemiewaffenfreien Zone in Europa - vor allem der Vater des Konzepts der Gemeinsamen Sicherheit. Aus seinem Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg kam der Vorstoß für einen Wandel zu struktureller Angriffsunfähigkeit der Bundeswehr und der NATO. Und am Anfang von alledem stand Egon Bahrs geschichtsmächtiger Gedanke des Wandels durch Annäherung - eines Wandels, den die Herrschenden im Osten nicht wollten, weil sie die Erosion ihrer Macht fürchteten.
Mir schien, dass ein Vermelden des vorgeschlagenen "besonderen Vorkommnisses" sehr geeignet wäre, dasselbe von vornherein zu verhindern. Und mir fielen verschiedene gute Gründe ein, dies nicht zu wollen. Darunter befand sich auch der eigensüchtige Wunsch, eine direkte Begegnung mit dem Friedensmann Bahr nicht zu versäumen. Die Lösung lag auf der Hand. Sie bestand in der Unterlassung voreiliger Mitteilungen darüber, dass der Wandel durch Annäherung unversehens die Ebene gemeinsamer Friedensforschung der Humboldt-Universität und der Hamburger Universität betreffen sollte. Andererseits hatte mich Erfahrung gelehrt, dass solches Vorgehen nicht ohne Nachteile sein könnte. Ich verdrängte dieses Wissen einstweilen mit Hilfe der künstlichen Vorstellung, dass Egon Bahr wohl einfach in der Gestalt des Direktors seines Hamburger Instituts mit mir als dem Verantwortlichen für die multidisziplinäre Friedensforschung an der Humboldt-Universität zu reden beabsichtigte. So kam es, dass ich nach anregendem Gespräch mit dem Vorschlag Bahrs der Universität zustrebte, ein oder zwei Semester hindurch Friedensvorlesungsreihen zwischen Hamburg und Berlin auszutauschen. Und - soweit dies jedenfalls abhinge von einem Prorektor für Gesellschaftswissenschaften - das Vorhaben mit Egon Bahr in Berlin zu beginnen sei. Je näher ich der Stätte meines Wirkens kam, desto mehr erinnerte ich mich an Bertolt Brechts Nachdenken über das Einfache, das so schwer zu machen ist. Der Gedanke gewann Gestalt, dass der Inspirator der Ostverträge und allerlei anderer geschichtlicher Prozesse eine öffentliche Vorlesung kaum ganz unbemerkt halten könnte.

Aller guten Dinge sind drei - im Großen Haus bei Hager, Axen, Schabowski

Im kleinen Kreise berieten wir, was zu tun sei, um unsere Obrigkeit durch allmähliche Annäherung an die Wahrheit über die getroffene Vereinbarung nicht allzu sehr zu erschrecken und um uns selbst Schrecken zu ersparen. Doch wurden wir von längerem Nachdenken darüber entlastet. Denn umgehend wurde ich eingeladen, diesmal sogar zu meinem obersten Zuständigen für Ideologie und Theorie, für Universitäten und unzuverlässige Prorektoren. Durch wundersame Umstände war ihm fast so gut wie mir bekannt, was besprochen worden war im kleinen Kreise. Der einleuchtenden Überlegung Bahrs, dass über gemeinsame Sicherheit gemeinsam nach- und vorgedacht werden müsse, setzte er entgegen, ohne ein deutsch-deutsches Wissenschaftsabkommen sei derlei überhaupt nicht zu erwägen. Und das, was allenfalls ein äußerstes Zugeständnis der demokratischen Republik an die andere Republik hätte sein können, nämlich andersartige Menschen vor eigenen Studenten reden zu lassen, würde hier vorweg verschenkt. Ich möge, so lautete die Verabschiedung, schleunigst meine Irrtümer samt des geplanten Austausches widerrufen.
Viel Zeit blieb nicht, darüber nachzudenken, denn schnell ereilte mich die nächste Einladung. Es hatte nämlich der Ideologie-Zuständige mit seinem außenpolitischen Pendant in der zweiten Etage am Werderschen Markt, im Großen Haus des ZK, gesprochen. Dieser sah mich in seinem Vorzimmer mit getrübten Erwartungen der kommenden Dingen harren. Es musste ihn, so überlegte ich später, der Wunsch bewegt haben, mir nachvollziehbar zu machen, warum er mich im folgenden Gespräch zur Verantwortung zu ziehen gedachte. So fragte er mich, ob mir bewusst sei, dass er und ich einen gemeinsamen Lehrer gehabt hätten. Dies war mir neu und der Zusammenhang zum Hamburgischen Vorhaben nicht recht durchschaubar. So hörte ich denn, dass der junge Hermann Axen mit meinem verehrten Lehrer Johann Lorenz Schmidt gemeinsam in das französische Internierungslager Le Verné geraten war und die illegale Lagerleitung ihn beauftragt hatte, den stets etwas lebensalltagsfernen Lorenz besonders zu schützen, von der Entlausung bis zur Sicherung marxistischer Schulungen, die er in sieben Sprachen im Lager abhielt - unter womöglich tödlichem Risiko für alle Beteiligten. Und ich verstand, dass der Jungkommunist Hermann Axen von Marx zum ersten Mal in seinem Leben Näheres unter Bedingungen erfuhr, die in der Tat kein weites Zwischenfeld zwischen Aufsehern und Beaufsichtigten, zwischen Freund und Feind ließen.
Er empfahl mir, dies zu bedenken, und stellte mir gleich danach die Frage, wo Außenpolitik gemacht werde, hier bei ihm oder etwa Unter den Linden in der Universität. Und wessen Partner im Gespräche Egon Bahr nun sei nach meiner Ansicht, Hermann seiner oder der meine vielleicht. Ich gab Auskunft, dass nach meiner Überzeugung die äußeren Angelegenheiten und zumal die des Friedens vorwiegend im Großen Hause bestimmt würden - soweit es jedenfalls in dessen Macht stünde. Und verzichtete in angemessener Weise auf Partneranrechte an Bahr; ohnehin sehr im Zweifel, dass der je Anrechte auf sich vergeben würde - und noch dazu in den Osten. Wohl aber versuchte ich, ein wenig für Bahrs Ansicht zu werben, dass ein Friedensdialog immerhin irgendwo zutage treten sollte. Auch dass es nützlich sei, die äußeren Verhältnisse nicht gar zu sehr von den inneren Verfasstheiten zu trennen. Aber Hermann erinnerte mich an oben und unten anstelle von Überlegungen zu außen und innen. Und war ungehaltener als bei seinem privaten Bericht über vergangene Lagerzeiten.
Aller guten Dinge, so sagt der Volksmund, sind drei. Denn alsbald erreichten mich die Folgen des Umstandes, dass der oberste Berliner Parteisekretär, Günter Schabowski, erfahren hatte, welch ungeheuerlichen Dinge an der Universität geplant seien, die er aus unerfindlichen Gründen als "seine Universität" zu bezeichnen pflegte. Abermals überquerte ich die Straße Unter den Linden auf dem Wege zu dritter Aufklärung. Sie war durchweg unerfreulich. Sie war bedrohlich. Der Befehl lautete: Absagen! Und von Revisionismus war die Rede und von Türen, die an der Universität für Gedankengut geöffnet werden sollten, das nicht unseres sei. Der Berliner SED-Chef wusste damals ja noch nichts von dem, was er später dem CDU-Mann Steffel raten würde. Da halfen keine Verweise auf gemeinsame Korridore, die von mörderischen Waffen frei sein sollten - als schöner gemeinsamer Gedanke doch nicht bedrohlich. Absagen und keine Widerworte!

Vortrag im Senatssaal - durch Flexibilität anderen ermöglichen, sich zu bewegen

Es war Egon Bahr selbst, durch den ich besonders anschaulich die eigene Erfahrung machte, wie der Wandel durch Annäherung unterhalb der großen Politik funktionierte. Seine Werbung für praktische gemeinsame Schritte von Friedensforschern in West und Ost war vernünftig, ein Angebot wie das von Gemeinsamer Sicherheit logisch zwingend und von intellektueller Faszination - die Abwehr der eigenen Oberen beschämend und Ausdruck von Schwäche.
So griff ich denn zum Telefonhörer - trotz manch bedenklichen Gegenrates - und sprach dem Stellvertreter Egon Bahrs, Dieter S. Lutz, am Hamburger Institut von meinen Nöten. Sprach davon, dass mir viel guter Rat von namhafter Seite zuteil geworden sei. Dass es daher vielleicht vorteilhaft sei, nicht von vornherein von einer ganzen Vorlesungsreihe zu sprechen, sondern mehr von ganz vereinzelten Vorlesungen, deren Summe auch eine Reihe ergeben könnte. Und dass vielleicht Egon Bahrs Vortrag ein dramaturgischer Höhepunkt zum Schluss der zufälligen Reihe sein könnte statt eines schönen Beginns. Der Anruf fiel mir nicht leicht. Konnte doch eine Summe einzelner Veranstaltungen dem normalen Menschenverstand als das Gleiche wie eine Veranstaltungsreihe erscheinen. Und ist es doch unüblich, einem Gast vorzugeben, wann er erscheinen möge und wann bitte nicht. Mit den Augen der Hamburger Partner betrachtet, musste absonderlich und kleinlich erscheinen, was ich zu Gehör brachte. Ich hätte mir mehr Souveränität der eigenen Seite gewünscht statt eulenspiegelhafter Taktik. So war ich denn dankbar für das Verständnis, das ich in Hamburg fand - nicht in Berlin.
Egon Bahr verfuhr auf unterer Ebene wie in der internationalen Politik. Er behielt sein Ziel im Auge und erleichterte es der anderen Seite durch die eigene Flexibilität, sich zu bewegen. Er stellte deren Vertrauen her. Ich fragte ihn in einem persönlichen Gespräch einige Monate nach unserem ersten Zusammentreffen, ob er denn ernsthaft glaube, eine Annäherung oder gar einen Zugang zu deutscher Einheit mit der Führung der DDR erreichen zu können. Er antwortete, es werde dazu wohl auch natürlicher biologischer Erneuerung bedürfen.
Drei Semester hindurch fand ein Austausch von Friedensvorlesungen statt - ohne Wissenschaftsabkommen und ohne obrigkeitlichen Segen. Als Egon Bahr im Senatssaal der Humboldt-Universität sprach, war der Andrang so groß, dass das Geschehen auch auf eine Leinwand in einem zweiten großen Hörsaal übertragen werden musste. Zeitgleich mit dem anschließenden Podiumsgespräch wurden in Moskau von Gorbatschow brandneue Abrüstungsvorschläge unterbreitet. Bahr bat darum, sie sofort in Kurzfassung vorgelegt zu bekommen. Wir organisierten das. Nach einem Blick darauf - während des Verlaufs der Podiumsdiskussion - kommentierte er die Vorschläge so präzise, als hätte er sie wochenlang analysiert. Henry Kissinger schrieb zu Bahrs 70. Geburtstag über ihn: "Ich kenne keinen Politiker, der über bessere analytische Fähigkeiten verfügt."

Nach dem 11. September - Undenkbares wurde nicht gedacht

Der Dialog der Friedensforscher aus Berlin und Hamburg war insgesamt ein Erlebnis von solcher Art, dass ich daraus wie aus anderen ähnlichen Begebnissen irrtümlich schlussfolgerte, man müsste nur unorthodoxen Dienst tun, einige Androhungen ad acta legen und auch andere dazu anstiften, und der Staatssozialismus könne vielleicht doch noch reformierbar werden.
Er war es nicht. Und rückblickend erscheint ein Austausch von Vorlesungen zwischen zwei deutschen Städten, der damals ostinterne Wellen schlug, als etwas ganz Alltägliches. Jedoch bei näherem Überdenken: Eine Wiederholung wäre wohl heute schlecht möglich. Die damals Beteiligten der Humboldt-Universität traf fast ausnahmslos jenes Phänomen, das als Abwicklung bekannt wurde. Und überdies, diese Universität hat keine Friedensforschung mehr. Es war nicht sonderlich klug, dass dort 22 Disziplinen nach 1990 dieser gemeinsame Gegenstand genommen wurde. Aber das Hamburger Institut - und andere - wirken weiter. Dort wurde eine Festschrift zu Egon Bahrs 70. Geburtstag herausgegeben, die den Jubilar mit dem Buchtitel Das Undenkbare denken ehrte und charakterisierte.
Ist es falsch zu sagen, dass nach dem 11. September 2001 Undenkbares leider nicht gedacht wurde? Als erstes wurde an Raketen und Splitterbomben gedacht, an Militärisches. Vor allem unter diesem Vorzeichen nimmt die Bundesrepublik eine neue internationale Verantwortung an. Wäre es nicht das notwendige Undenkbare gewesen, einen Vorrang des Zivilen und einen Schub intensivster Nord-Süd-Solidarität wider die globale soziale Polarisierung und wider die westliche Geringschätzung anderer Kulturen zu deklarieren? Ist nicht nach dem 11. September eine radikale Wiederbelebung des Konzepts der Komplexen Sicherheit am Platze, um die unheilvolle Diskrepanz zwischen militärischen und zivilen Sicherheitsleistungen zu überwinden? Gehört nicht mit neuen Dimensionen - dem militärischen Großaufgebot der USA adäquat und wenigstens komplementär dazu - auf die politische Agenda der Bundesrepublik und der EU die bindende Festlegung von ökonomischen, finanziellen, technologischen und kulturellen Beiträgen, um das Nord-Süd-Gefälle zu überwinden und soziale Nährböden für internationalen Terrorismus zu beseitigen? Wolfgang Mattheuers Jahrhundertschritt muss ja nicht vor einer deutschen Großbank erstarrt bleiben.
Fehlt uns nicht die große öffentliche Debatte, in der Egon Bahrs Konzept der Gemeinsamen Sicherheit als Antwort auf die Großkonflikte der Gegenwart weiter entwickelt wird? Ist es undenkbar, dass Wandel durch Annäherung eine gewandelte Fortsetzung finden sollte, nachdem dieses Konzept wohl erheblich zur Überwindung des an seinen eigenen strukturellen Grunddefiziten gescheiterten Staatssozialismus beigetragen hat? Muss Annäherung wirklich auf einer Einbahnstraße verbleiben? Oder sollte jetzt auch eine Annäherung der bürgerlichen Gesellschaft der Bundesrepublik an ursprünglich sozialistische Werte, an mehr Gerechtigkeit, an mehr soziale Gleichheit als Grundbedingung eines selbstbestimmten Lebens in Würde, an mehr Solidarität in der Gesellschaft stattfinden? Statt überwiegend dabei stehen zu bleiben, dass Transformation nur eine Richtung kennt: Anpassung an die globalen Weltmachtzwänge - ein Übergang, der oft so vollzogen wird, dass dabei die Welt nicht friedlicher wird?

Dieter Klein, seit 1964 Ordentlicher Professor für Politische Ökonomie an der Humboldt-Universität. Ab Ende der siebziger Jahre bis 1990 Prorektor für Gesellschaftswissenschaften. Förderung interdisziplinärer Forschung - vorrangig der Friedensforschung - sowie reformorientierter Projekte. 1990/91 Leiter des Institut für interdisziplinäre Zivilisationsforschung. Nach seiner Evaluierung ab 1993 Vorsitz der Kommission Lehre und Studium, 1997 emeritiert.

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00:00 15.03.2002

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