Das unglaubliche Jahr 1990

Abgewickelte Geschichte Die Deutungshoheit über das, was damals im Osten geschah, liegt heute im Westen

Es waren elf Monate, die der DDR noch blieben nach dem Fall der Mauer. Die Zäsur innerhalb dieser Frist bildeten die Wahlen vom 18. März. Am aufregendsten war für viele die Zeit bis dahin: die Aufbrüche und Umwandlungen unter der Modrow-Regierung und den Runden Tischen, die sich in Städten, Betrieben, auch Schulen bildeten. Der Bedarf an Veränderung war ungeheuer, Ideen, Lust und Mut zeigten sich vielfach, in feinen Dosierungen selbst unter jenen, die schnell Teil der BRD werden wollten, in der sie sich gleichberechtigt sahen. Das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein, kam erst später auf.

Erst nach den Wahlen gab es eine zielgerichtet handelnde Seite, die ihren Plan umsetzte, die DDR direkt an die Bundesrepublik anzuschließen. Der Plan stammte von der CDU-West und wurde abgearbeitet von der neuen Regierung gemeinsam mit Mengen von bundesdeutschen Abgesandten. Die Entscheidungen griffen tief in die gesellschaftlichen Strukturen ein, die Folgen waren heftig umstritten, die öffentlichen Debatten lebendig wie nie.

Von all dem gibt es 15 Jahre danach kein gültiges Bild. Den Leuten in der Bundesrepublik waren damals die Geschichten aus dem Osten nicht geheuer, sie sind meist nur als Anekdoten von bizarren Begegnungen gespeichert. Im Osten hatte jede und jeder eine eigene Geschichte im Jahr 1990, sie war oft aufregend, die Erfahrungen aber sind nicht gefragt, kaum verwertbar. Die mediale Aufarbeitung ist blass geblieben. Es gibt nur wenige Stichwörter, die Gemeingut wären, so wie "Ossi" und "Wessi", die aufgeladen sind mit seltsamen Vorstellungen und diversen Ressentiments.

Die Deutungshoheit liegt beim Westen. Die "Ostalgie", diese unerwartete Erscheinung, lässt sich vermarkten. Doch wie sich an das Jahr des Umbruchs erinnern? Nachdem inzwischen so vieles geschehen ist, womit damals überhaupt nicht gerechnet wurde? Vor allem nicht mit den Kriegen, mit dem Hegemonialstreben der USA, der Massenarbeitslosigkeit, dem sozialen Umbau der Gesellschaft, der Verarmung auf der Welt? Ich blättere in den eigenen Artikeln in der Volkszeitung, die sich im Januar 1990 mit kleiner Mannschaft in Berlin neu gegründet hatte und bis zum 9. November 1990 erschien, um dann gemeinsam mit dem Sonntag zum Freitag zu werden. Seit 15 Jahren habe ich diese Texte nicht mehr gelesen und staune heute über die Erregung jener Zeit, die in ihnen noch anwesend ist, so am 29. Juni 1990, drei Tage vor der Währungsunion: "Die Verunsicherung macht alle fast besinnungslos. Ob Betrieb, Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, Verlag - es gibt niemanden, der seiner Arbeitsstelle sicher wäre. Das Demoralisierende liegt in der Entmachtung. ›Jetzt bin ich froh, daß ich kein Auto, keine Datsche habe, daß mein Lebensstil bescheiden war‹, sagt eine Rundfunkredakteurin. ›Muß ich mich nicht umstellen. Nur die Wohnung, an der liegt mir viel.‹ Das Haus gehört westdeutschen Erben, die schon aufgetaucht sind, im obligaten Mercedes. Ihre erste Tat war, einen Drahtzaun zum Nachbarhof zu ziehen, die Teilung des vierzig Jahre lang offenen Terrains. ... Nicht ein Heer ist gekommen, aber die Sieger der Geschichte. Und wie jeder Sieger kostet auch die BRD - nicht nur als Staat oder Regierung, sondern in Gestalt unzähliger seiner Bürger - die Überlegenheit aus: die Macht zu investieren oder es zu unterlassen, den Unterlegenen die eigenen Sitten aufzunötigen, zu helfen oder nur zuzusehen, wie die Menschen herumgewirbelt werden in den gigantischen Umschichtungen durch den Druckausgleich zwischen den Systemen."

Die Redakteurin wurde bald mit 1.400 Kollegen des DDR-Hörfunks "abgewickelt". Sie schickte eine Karte: "Aufrechten Gangs kann ich nun in die Arbeitslosigkeit gehen, ein Jahr nach den denkwürdigen Ereignissen. Da ich´s mit vielen Menschen teile, würgt es mich zwar, aber wirft mich nicht um ..."


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00:00 18.03.2005

Ausgabe 37/2021

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