Das verlorene Risiko

Die im Kaffeehaus sitzen Heutzutage ist man gegen alles versichert, nur nicht gegen das wirklich Gefährliche

Die Betreiberin des »Eiscafé am Grünbach« in Rathen ist mit Hochwasser aufgewachsen. Doch so etwas wie im August hat sie noch nie miterlebt. Die »Jahrhundertflut« zerstörte sowohl Unter- wie auch Obergeschoss ihres Cafés am rechten Elbufer. Nun kämpft sie um dessen Wiederaufbau - und gleichzeitig um ihre Existenz.

Als die Katastrophe vergangenen Sommer die Schlagzeilen füllte, konnte man so manchen stöhnen hören: »Gegen Tod und Teufel bin ich versichert, gegen Hagel, Sturm, Feuer, selbst gegen Betriebsausfall durch Seuchen. Nur nicht gegen Hochwasser.« Dabei sind die Deutschen rekordverdächtige Absicherer. 27 Prozent der Haushalte nennen zehn oder mehr Policen ihr eigen. Die meisten können für den eigenen Geldbeutel problemlos auf einer Bananenschale ausrutschend eine Massenkarambolage auslösen. Oder heiße Getränke über dem offenen Laptop von Freunden konsumieren. Der Blitz kann ruhig so frei sein, ins Haus einzuschlagen. Und wenn mal die Einbrecher kommen, sollen sie ruhig eine kriminelle Party in der Wohnung feiern - nicht umsonst hat man eine Hausratsversicherung inklusive Haushaltsglasversicherung abgeschlossen (denn das ist zusammen im Paket günstiger). Doch Kerstin Butter, die von ihrem »Eiscafé am Grünbach« leben muss, hilft das wenig. Das Wasser hat sie auf dem falschen, nicht versicherten Fuß erwischt. Ihr bleibt nur der Trost durch die vielen mitfühlenden Helfer und die Hoffnung: »Damit wieder Putz an die Wände kommen kann, muss das Wetter mitspielen und das Mauerwerk trocknen.«

Das erste Coffee House im alten London öffnete 1652 seine Türen; gegen Ende des Jahrhunderts durchzogen schon Hunderte die Stadt. Anders als in Tavernen war es hier üblich, zu diskutieren - und zwar den neuesten Klatsch und die neuesten Nachrichten, denn damals befand sich die Medienlandschaft noch weitestgehend in ihrer oralen Phase. In einem Café, das 1688 erstmals urkundlich erwähnt wird, traf sich regelmäßig eine bestimmte Sorte Leute: Kapitäne, Kaufmänner und vor allem Schiffseigner, die gemeinsam hatten, dass sich ihr finanzielles Interesse nach Übersee wandte. Das Coffee House von Edward Lloyd war nicht nur ein angenehmerer Ort als die Royal Exchange, wo sich Kaufleute eigentlich zu treffen hatten, sondern der Besitzer war auch stadtbekannt dafür, vertrauenswürdige Informationen über den Verbleib von Schiffen liefern zu können. Und diese waren begehrt, denn eine Fracht übers Meer zu schicken, war damals ein gefährliches Lotteriespiel. Der Untergang eines einzigen Schiffes konnte einen Geschäftsmann ruinieren und in den Tower bringen. Die wohlhabenden Café-Besucher kamen daher irgendwann auf die Idee, zusammen einen Vertrag zu machen. Auf dem Papier vereinbarten sie, dass jeder einzelne von ihnen einen bestimmten, für jeden verkraftbaren Anteil des Verlusts einer Fracht auf dem Meer übernehmen würde. Kam ein Schiff jedoch heil ans Ziel, hatte jeder »Unterzeichner« als Gegenleistung das Recht auf einen Teil der Ladung.

Das Versicherungswesen war geboren. Lloyd selbst gehörte zwar diesem Kreis, der das große Abenteuer der Seefahrt berechenbarer machen wollte, nicht an. Er blieb bis zu seinem Tod 1713 »coffee-man«. Doch wurde er der Namensgeber des heute noch bedeutendsten Versicherungsmarkts der Welt Lloyd´s ist heute immer noch kein Konzern, sondern dem Gründungsgedanken treu bleibend eine Art Versicherungs-Börse, auf deren Parkett einzelne voneinander unabhängige Menschen oder Syndikate zusammenarbeiten, aber auch miteinander konkurrieren. Erst 1887 - zweihundert Jahre nach den Anfängen im Café - konnten sich die »Unterzeichner« dazu durchringen, eine Police zu unterschreiben, die nichts mit der Schifffahrt zu tun hatte. Diese hätten sich aber wohl erst recht darüber gewundert, wogegen die Menschen sich heutzutage so versichern, von einem falschen Tritt hier und einem unglücklichen Griff da bis hin zum eigenen Tod. Der alte Lloyd hätte wohl jemand, der die Gäste bittet, eine Lebensversicherungs-Police zu unterschreiben, seines Coffee Houses verwiesen. Dass sich jemand gegen die unberechenbare Macht des Wassers schützen möchte, hätte ihm eher eingeleuchtet.

Die erst 1890 in Berlin gegründete Allianz gehört zu den größten und finanziell potentesten Versicherungskonzernen der Welt. Während die angeschwollene Elbe weite Teile Sachsens überflutete, vertrauten viele Kunden noch auf den Rückhalt durch das angesehene Unternehmen - doch zumeist nur kurz. Denn die übliche Hausratsversicherung deckte eine Vernichtung des Heims durch Hochwasser nicht ab. Glück im Unglück hatten nur drei Millionen unverbesserliche DDR-Nostalgiker, die ihre alten - von der Allianz nach der Wende übernommenen - Versicherungsverträge aus Ostzeiten behalten und nicht dem West-Niveau angepasst hatten. Diese schützten nämlich zumindest den Hausrat auch gegen Überschwemmung. Wer in der DDR außerdem eine Gebäudeversicherung mit spezieller Zusatzpolice abgeschlossen hatte und bis in die Gegenwart hinein behalten hat, bekommt nun auch den Wiederaufbau des Eigenheims bezahlt - immerhin rund 400.000 Haushalte.

Ende August 2002 gab der Allianz-Konzern bekannt, dass er zunächst einmal »in den betroffenen Gebieten keine neuen Elementarversicherungen anbieten« werde. Einige Tage später wurde dies zwar zurückgezogen und versichert, dass man »in Kürze« wieder Policen gegen Hochwasser verkaufen wolle. Doch entstand der paradoxe Eindruck, dass zu viel Sicherheit sich selber abschafft: Die Versicherer versichern gerne gegen alles - nur nicht gegen das wirkliche Risiko, das sich auch gegen sie selbst richten könnte. Doch müsste der mögliche Schnitt ins eigene finanzielle Fleisch nicht zur Schattenseite des Jobs eines heutigen »Unterzeichners« gehören?

Offenbar nicht, denn der Staat wird´s schon richten. Erinnern wir uns an den September 2001. Kurz nach den Anschlägen auf das World Trade Center waren zig Airlines mit einem Schlag vom Konkurs bedroht, weil den Versicherern das Risiko der Absicherung der Luftfahrt zu groß geworden war. Die Kündigungsfristen der Verträge betrugen nur wenige Wochen. Aber die Bundesregierung konnte mit Blick auf den Arbeitsmarkt und den Wirtschaftsstandort Deutschland die Lufthansa natürlich nicht untergehen lassen. Daher spendierte sie eine solide Überbrückungshilfe, bis die Flug-Zeiten am Himmel wieder sicherer waren. Und die Firmen sie wieder versichern wollten.

Auch im aktuellsten Fall klingt die Politik nicht anders. Anfang September letzten Jahres verlangte Joschka Fischer, die Flutschäden aller betroffenen Menschen müssten ausgeglichen werden, denn man könne diese doch »nicht allein lassen und ihnen sagen, das ist euer Privatschaden«. Natürlich wünscht man allen Geschädigten, dass ihre hinweggespülte Existenz durch das Zusammenhalten aller Steuerzahler gerettet wird. Nur andererseits: Warum brauchen wir dann überhaupt Versicherungen?

Neuerdings plant Vater Staat, dieser Entwicklung auf Kompromissbasis entgegenzusteuern. Im Falle des geplanten Angebots eines Schutzes gegen Terrorismus soll die Versicherungsbranche im einzelnen konkreten Schadensfall mit drei Milliarden Euro in die Bresche springen, der Staat mit weiteren zehn. Alle namhaften Versicherer des Landes sollen bei der »Extremus AG« mitmachen - natürlich auch die Allianz. Doch die großen Firmen wie Siemens signalisierten gegenüber der Police mit dem nach Arnold Schwarzenegger klingenden Namen bereits ihre Ablehnung. Zum einen war vor den Anschlägen in den USA der Terrorschutz in der Industrieversicherung kostenlos mit dabei. Auch in diesem Fall hatte wohl kein Versicherer mit dem Ernstfall gerechnet. Und zum anderen soll sich Extremus nur über Deutschland erstrecken, was für international agierende Firmen ein schlechter Witz ist. Und was hätten wohl die Kaffeehaus-Kunden von Lloyd gesagt, wenn jemand vorgeschlagen hätte, die ablegenden und ankommenden Schiffe nur bis zu den Grenzen der britischen Hoheitsgewässer zu versichern?

00:00 31.01.2003

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