Das verpasste Leben

Ausbruch Ursula Frickers Debüt-Roman "Fliehende Wasser"

Der Anfang ist das Ende. Simon Brock ist tot. Er liegt an einer einsamen Landstraße irgendwo "am Ende der Schweiz", sein Fahrrad ein paar Meter weiter. 54 Jahre alt ist er geworden. Von diesem frühzeitigen Ende her erfaltet die Erzählerin und Tochter des Toten kaleidoskopartig eine vielschichtige und komplexe Geschichte: Zum einen zeichnet sie das Bild eines kauzigen, rücksichtslosen und engstirnigen Vaters, eines Homosexuellen, der sich mit eisernem Willen dem Diktat der "Normalität" gebeugt hat. Zum anderen erzählt sie von dem Kind, das unter diesem Willen leidet, das immer wieder betet, dass der Vater fortgehe.

Winter 1948: Simon Brock dient in der Schweizer Armee, ist so etwas wie ein kontaktarmer Sonderling. Die Begegnung mit einer Frau, ein offenes Lachen, ein flüchtiger Kuss - so etwas tut man nicht, dachte er - verwirren ihn. Er bekommt ihre Adresse, fährt ihr später nach und besucht sie unangemeldet in Lausanne. Was er nicht wusste: Nadine ist verlobt. Nach dem Schock verbringt er einen wunderbaren Abend mit dem Paar, atmet den Hauch eines ganz anderen Lebens. Und - bis dahin hatte er nicht einmal gewusst, was Liebe überhaupt ist - er verliebt sich in Jean, den Verlobten. Doch die nicht geahnte, nicht gekannte Liebe, die in das Leben Simon Brocks hereinbricht, ist verboten, unmöglich, eine Bedrohung. Das weiß der junge Mann - und schleicht sich davon. Heimlich nimmt er ein Foto mit, dass Jean am Strand zeigt, dahinter das offene Meer: das Bild der Freiheit, einer Sehnsucht, die sich Simon verkneifen wird. Statt seinem Gefühl nachzugeben und aus den gewohnten Lebensbahnen auszusteigen, zwingt er sich in die "Normalität" einer Ehe, fügt er sich in das noch sehr viel strengere Korsett der asketischen Lebensreformbewegung: Nichts gönnt er sich, denn alles, was nur im Ansatz an Freiheit und Glück erinnert, gefährdet seine ganze Existenz.

In die Erzählung vom Vater hinein flicht die1965 in Schaffhausen geborene Autorin, die heute in der Nähe von Berlin lebt, die in Ich-Form erzählte Geschichte Idas, seiner Tochter. Fricker erzählt vom Leben eines Kindes im Schatten dieses Vaters, der seine Chance verpasst hat, der seine Familie abschottet und tyrannisiert. So wie Jean in das Leben ihres Vaters hereingebrochen ist, so wittert Ida ihre Chance, bricht sie aus, tut etwas Verbotenes. Doch anders als der Vater damals ist sie noch ein Kind. Es ist der vierzehnte Geburtstag Idas, an dem der Kreis sich schließt, an dem er nicht nach Hause kommt. Ob der Tod des Vaters ihrem Leben eine Wende gibt, bleibt in der Schwebe.

Die Freiheit, das Meer, das andere Ufer; die Härte dessen, der sich selbst nichts gönnt, gegen seine Nächsten, die unbedingte, manchmal beklemmend wirkende Loyalität der Ehefrau gegenüber dem Mann - manchmal nähert sich die Autorin auf gefährliche Weise dem Klischee. Doch spielt sie in diesem großartigen Debüt eher damit, als dass sie ihm auf dem Leim geht. Denn sie kommt ganz ohne lästiges Psychologisieren aus, bedient sich einer äußerst distanzierten, manchmal sogar harten Sprache. Sie stützt sich auf genaue Beobachtung, auf präzise Bilder. Außerdem montiert sie die auktorial erzählte Geschichte des Vaters mit der Icherzählung der Tochter auf eine souveräne Art, die den Leser immer wieder aus dem Gleis des scheinbar Vorgezeichneten aufschreckt und ins Zentrum der existenziellen Problematik führt. Symbolisiert wird diese durch das gestohlene Foto, das ihn immer wieder an beides erinnert: an die Freiheit, an die andere Möglichkeit in seinem Leben und auch daran, dass es seine Entscheidung war, seine Feigheit, seine Kapitulation, sie nicht zu ergreifen. Mal rutscht es aus seiner Brieftasche heraus und bringt ihn in eine peinliche Situation, in einer grotesken Anwandlung versucht er sogar, es mit seiner Frau nachzustellen. Noch im Tod trägt Simon Brock es bei sich. Immer weniger hatte er am Ende gegessen, bis zur Erschöpfung, weiter und weiter, ist er täglich mit dem Rad gefahren. Als hätte er sich umbringen wollen.

Ursula Fricker: Fliehende Wasser. Roman. Pendo, Zürich 2004, 168 S., 16,90 EUR


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00:00 27.08.2004

Ausgabe 39/2020

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