Das Verständnis schmilzt

Ärztestreik an kommunalen Krankenhäusern Die Mediziner kämpfen gegen die Arbeitgeber, die Hitze und das Desinteresse der Bürger

Die Hitze drückt erbarmungslos in die beschauliche Fußgängerzone von Neckarsulm. Gefühlte 40 Grad zwischen Fachwerk. Die Eisdiele ist voll. Etwa zwanzig Frauen und Männer in weißen Kitteln und orangefarbenen Käppis sprechen unweit davon Passanten an. Das Interesse an ihren Handzetteln mit "Informationen über die Proteste der Krankenhausärzte" ist mäßig. "Die Leute sind lustlos", meint der Anästhesist Heiko Fessler - und bezieht das nicht allein auf die sengende Hitze. Das Thema Streik ziehe sich in der öffentlichen Wahrnehmung allmählich in die Länge, gibt der Mediziner zu. Zuerst protestierten die in Verdi organisierten Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes, dann die Ärzte an Unikliniken, jetzt die rund 70.000 Ärzte an den 700 kommunalen Krankenhäusern. Der Marburger Bund organisiert den Streik in der vierten Woche.

Neiddebatte

"Am Anfang hieß es noch: weiter so", erzählt Facharzt Fessler von den Stadt-Land-Kliniken Heilbronn (SLK) mit dem schönen Beinamen "Zum Gesundbrunnen". Inzwischen sei der Tarifstreit zu einer Neiddebatte geronnen nach dem Motto: Die kriegen den Hals nicht voll. Fessler und seine Kollegen fühlen sich missverstanden. Die Menschen wüssten so gar nicht Bescheid über die Zustände, sagen sie und berichten von Ex-Kollegen, die jetzt in Finnland, Norwegen oder der Schweiz "das Doppelte" verdienten. "Deutschland blutet aus", formuliert eine. Stellen könnten nicht mehr besetzt werden. Dabei sei Baden-Württemberg noch eine attraktive Gegend. Dagegen der Osten ...

"Langsam wird es zuviel", tadelt eine Mittvierzigerin auf dem Marktplatz den Streik. "Irgendwo muss es ja spürbar werden", kontert Assistenzärztin Marlene Weis. Jetzt könne man nicht mehr "einknicken". Der Ärzte-Nachwuchs - solidarisch unterstützt von ein paar Oberärzten und Chefärzten - bleibt im Ausstand, auch wenn das Verständnis der Bürger dafür schmilzt wie Eis in der Hochsommersonne. Schon gar, wenn es so lustig zugeht wie beim Neckarschwimmen oder dem Bodensee-Staffellauf und die Ärztinnen und Ärzte lächelnd und in knappem Badekleid "aus Protest" in die Fluten steigen. Dagegen leisten die Mediziner in Neckarsulm geradezu aufklärerische Kärrnerarbeit. Damit die Menschen verstehen, dass das Angebot der kommunalen Arbeitgeber (VKA) - "anders als in der Zeitung stand" - auf Null ausgehe. Assistenzarzt Gutjahr spricht sogar von einem "Minus".

Das BAT, der TVÖD, die VKA - das sind die Kürzel in der Schlacht um mehr Gehalt und bessere Arbeitsbedingungen. Derzeit kommen Assistenzärzte durch Rund-um-die-Uhr-Dienste auf bis zu 80 Stunden. Im Bundesangestelltentarif (BAT) stand die 38,5-Stunden-Woche. Die kommunalen Arbeitgeber (VKA) aber wollen 40 Stunden als durchschnittliche Wochenarbeitszeit sowie weniger Urlaubs- und Weihnachtsgeld. "Wir wollen uns nur den BAT zurückholen", sagt Martin Gutjahr, ein 31-jähriger Anästhesist und Notarzt aus Heilbronn. Gefragt, ob er denn mal Wirkungen solcher üblen Dienste beschreiben könne, zuckt er mit den Schultern. "Man lebt tagtäglich damit." Das sei schwer zu vermitteln. Auf Internetseiten würden Ärzte sich selbst anzeigen, um Kollegen vor Fehlern zu warnen. Seinen Verdienst kann Gutjahr so schnell nicht nennen, erklärt aber: "Die kommunalen Arbeitgeber arbeiten mit viel Falschinfo."

Wenigstens in einem sind sich die Streithähne einig: Die überlangen Bereitschaftsdienste müssen weg. Die Arbeitgeber brüsteten sich in der letzten Verhandlungsrunde mit einer Deckelung auf 24 Stunden. Das, ätzt Gutjahr, sei nur "vordergründig" ein großzügiges Angebot. An vielen Kliniken sei dies Realität. Das Thema "Dienste" ist knifflig. Nicht alle Jung-Ärzte pochen auf Ruhezeiten und Freizeit fürs Radeln oder Joggen. Sie wollen oder brauchen das Geld, auch wenn nur zwischen 40 und 80 Prozent entgolten werden. Gutjahr spricht von "zwei Lagern". Wenn am Ende die Bereitschaftsdienste aus Sorge um die Gesundheit der Mediziner auf 18 Stunden begrenzt und besser entlohnt würden und Jungärzte freiwillig zehn im Monat übernähmen, würde die Argumentation durchlöchert.

Die Verhandlungen auf Bundesebene sind festgefahren. In mehr als 15 Krankenhausverbünden und 30 Großklinika im Südwesten wurden Sondervereinbarungen unterschrieben. Stuttgart orientierte sich als erste Stadt am Abschluss für die Unikliniken mit bis zu 20 Prozent mehr Gehalt. Das wollen die kommunalen Mediziner auch. "Arzt ist Arzt", sagt Nachwuchs Gutjahr. Doch die meisten Kommunen denken gar nicht daran: Zu teuer.

"Wenn wir nicht auf Landesebene einen arztspezifischen Tarifvertrag hinbekommen, müssen wir eben über die Dörfer gehen und mit jedem Krankenhaus einen Haustarifvertrag aushandeln", meint der Landesgeschäftsführer des Marburger Bundes, Bernhard Resemann. "Unsere Hoffnung liegt in der Insellösung", gibt der Heilbronner Oberarzt Markus Schuster zu. "Damit man wenigstens persönlich nicht betroffen ist". Städte wie Ludwigsburg, Esslingen oder Böblingen gingen mit ihren Haustarifen über den alten BAT hinaus und vergelten nun Bereitschaftsdienste zu 100 Prozent. Auch führten sie neue Vergütungsgruppen für Fachärzte ein. Die Heilbronner müssten also fast auf ein Scheitern der Verhandlungen im Bund hoffen.

Beschwerden

Den Patienten ist dies reichlich egal. Sie sind genervt. Vor den Heilbronner Kliniken "Zum Gesundbrunnen" ist vom Streik nicht viel zu sehen. Etwa 170 Ärzte sind dort beschäftigt. Ein richtig großer Verbund, der bis weit hinter die Audi-Stadt Neckarsulm reicht. An der Außenwand der Klinik ist ein kopiertes Din-A-4-Blatt geklebt: Darauf viele kleine Szenen aus dem vermeintlichen Alltag der Ärzte, witzige Szenen oder solche, die es sein sollen. "Eine Postkarte von Ihrer Frau", steht in einer Sprechblase. "Sie hat Sie vier Tage nicht gesehen". Da geht es der Gattin besser als den Patienten dieser Tage.

Ein 60-Jähriger im Rollstuhl berichtet, er habe in den neun Tagen seines Aufenthaltes nur einmal einen Arzt gesehen. Immerhin: Der Mann hat ein gewisses Verständnis: "Wenn mir mehr schaffet, wolle mer au mehr Geld". Hans-Peter Greiner, der vor einer Woche mit dem zweiten, kleinen Herzinfarkt in den "Gesundbrunnen" eingeliefert wurde, ist dagegen "stinksauer". Als Notfall werde man bestens versorgt. Und dann einfach liegen gelassen, schimpft der 57-Jährige mit dem Herzkatheder. In dieser ignoranten Form sei ein Streik "nicht gerechtfertigt". Es sei schlicht beschämend, wie "mit Menschen umgegangen wird". Wenn die Klinik die Versorgung ihrer Patienten nicht mehr sicherstellen könne, müsse sie eben ein Schild aufstellen: "Geschlossen!"

Greiner ist wohl das, was man einen mündigen Patienten nennt. Er beschwert sich. Am Dienstag tat er dies schriftlich auf zwei Seiten. "Mangelnde Kompetenz, keine Kommunikation, Patienten im Unklaren", hat er dort notiert. "Wenn das Pflegepersonal nicht wäre, das unseren Frust abbekommt, hätte es schon lange geknallt", sagt Greiner. In seinem Zimmer lägen ein fast erblindeter Eisendreher und ein Russlanddeutscher. Die Ärzte, wettert der forsche Herr Greiner, hätten pures Glück, dass sich solche Patienten nicht artikulieren könnten und vor den "Göttern in Weiß" einen unausrottbar ehrfurchtsvollen Respekt hätten. Die Zusatzkosten durch den "unnötigerweise verlängerten Krankenhausaufenthalt" jedenfalls trage er nicht, mault Greiner.

Auf dem Neckarsulmer Marktplatz warnt auch der protestierende Oberarzt Schuster vor "reellen unternehmerischen Verlusten" durch den Ausstand. Sprich: Wenn die Krankenhausleitung nicht bald den Forderungen nachgibt, ist sie selbst Schuld am Defizit. Er wundere sich etwas, sagt Schuster, warum sich die Patienten nicht längst artikulierten und sich, wie es auf den orangefarbenen Handzetteln steht, zu Tausenden mit den Streiks "aus Sorge um Ihre Gesundheit" solidarisieren. An Patienten wie den streitbaren Herrn Greiner denkt der Anästhesist dabei wahrscheinlich eher nicht.


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00:00 28.07.2006

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