Das Versteck in der Klinik

Syrien Tripoli ist die Hochburg der syrischen Opposition im Libanon. Die Flüchtlinge dort versuchen, nicht aufzufallen. Der Arm des Assad-Regimes reicht noch weit

Ich rannte, versuchte den Angriffen der Panzer zu entkommen. Als ich an eine Kreuzung kam, trafen mich zwei Schüsse ins linke Bein und ich fiel. Ein Freund hielt an, um mir zu helfen. Die Scharfschützen trafen ihn drei Mal, einmal in den Kopf. Er starb in meinen Armen. Er hieß Hassan Matar.“ In der Runde herrscht Schweigen, als Abu Hamsa (*) seine Erzählung unterbricht. Der 25-Jährige schildert den 17. Dezember 2011. Es ist der Tag, an dem er bei Kämpfen zwischen syrischen Sicherheitskräften und Demonstranten in der an der Grenze zum Nordlibanon liegenden syrischen Stadt Qusayr verwundet wurde.

„Es war ungefähr drei Uhr nachmittags“, nimmt der junge Mann nach einigen Momenten seinen Bericht wieder auf: „Ich lag vier Stunden lang blutüberströmt auf der Straße und stellte mich tot, damit die Scharfschützen nicht noch einmal auf mich zielen“. Nach Anbruch der Dunkelheit gelang es seinem Bruder, ihm von einer Straßenecke aus ein Seil zuzuwerfen und ihn von der Kreuzung zu zerren.

Das städtische Krankenhaus von Qusayr war voll mit Schabiha – Assad-treuen syrischen Milizen. Deshalb entschied Abu Hamsas Familie, ihn in den Libanon zu schicken. Obwohl die Grenze keine zehn Kilometer entfernt ist, war das keine einfache Fahrt. Sechs Mal musste er das Auto wechseln, neun Stunden, nachdem er angeschossen worden war, erreichte er endlich die libanesische Stadt Halba, wo er operiert wurde. Heute ist er einer von 30 Syrern, die im Dar-el-Zahra-Krankenhaus in Tripoli behandelt werden. Die oberste Etage der Privatklinik wird von der Higher Commission For Syrian Relief (HCFSR) betrieben, einer wohltätigen Organisation mit Verbindungen zum Syrischen Nationalrat, der wichtigsten Exil-Oppositionsgruppe gegen die Regierung in Damaskus. Hier liegen Zivilisten ebenso wie Aktivisten und Soldaten der Freien Syrischen Armee. Sie alle wurden während des inzwischen schon elf Monate andauernden Aufstands gegen Syriens Präsident al-Assad verwundet. Über 5.000 Zivilisten sind dabei bislang ums Leben gekommen.

Hilfe kommt nur von privat

Über 140 Syrer sind seit Mitte Dezember hier behandelt worden – alle mit Schusswunden. Sie sind jung, sie sind männlich, und die wenigsten von ihnen hätten sich noch vor einem Jahr vorstellen können, dass sie mit dem Gewehr in der Hand an Straßenkämpfen teilnehmen. So wie Abu Suleiman. Der 27-Jährige kommt aus dem Bab-Amr-Viertel der Stadt Homs, der Hochburg der dortigen Opposition. Der Innenarchitekt schloss sich im vergangenen April der FSA an, nachdem sein Viertel von den Schabiha, der syrischen Armee und dem Geheimdienst Mukhabarat schwer unter Beschuss genommen worden war. Um seine Familie zu schützen, verließ Abu Suleiman sein Zuhause und schlief gemeinsam mit anderen Kämpfern in Verstecken in Bab Amr. „Einige Überläufer aus der Armee bildeten uns aus und brachten uns den Umgang mit den Waffen bei,“ erklärt er. „Wir operieren in kleinen Einheiten von 30 Leuten, die vor allem Verteidigungsposten halten oder isolierte Armee-Außenposten überfallen.“ Im Dezember wurde er verletzt und noch in Bab Amr operiert, bevor er aus Sicherheitsgründen nach Tripoli verlegt wurde.

Die Hafen-Metropole im Norden des Zedernstaates ist zur Hochburg der syrischen Opposition im Libanon geworden. Hier leben vor allem Sunniten, die schon immer auf Distanz zum großen Nachbarn im Osten bedacht waren. Trotzdem: Assad verfügt über großen Einfluss im Libanon – und inzwischen auch auf die lokale Regierung von Tripoli, wie Aktivisten und Kämpfer mit Sorge beobachten. Die Hisbollah, eine langjährige Verbündete Syriens, ist Teil der regierenden Koalition des 8. März. Die Dissidenten fühlen sich deshalb im Libanon nicht wirklich sicher. Immer wieder, so berichten sie, seien syrische Aktivisten entführt und nach Syrien zurückgebracht worden. Abu Suleiman hat seine eigene Vorsichtsmaßnahme getroffen: „Ich vermeide es, das Krankenhaus zu verlassen“, sagt er. „Was soll man machen?“

„Die Regimeflüchtlinge haben von der libanesischen Regierung weder Flüchtlingsstatus noch Unterstützung erhalten. Kein Essen, keine Kleidung, nichts“, klagt der 35-jährige Tierarzt Abu Omar. Er hat seine Arbeit in Saudi-Arabien zurückgelassen, um seinen Landsleuten in Tripoli zu helfen. „Der HCFSR deckt alle Kosten über Privatspenden und mithilfe einiger ausländischer NGOs“. Die Organisation hat bislang über 1.500 syrische Familien registriert, die in den Libanon geflohen sind. Abu Omar schätzt hingegen, dass das Land um die 20.000 Flüchtlinge beherbergt.

„Viele wagen aus Sicherheitsgründen nicht, sich zu offenbaren. Sie wollen nicht, dass ihre Namen der Regierung in die Hände geraten“, erklärt er. Seine eigene Familie, die aus der Stadt Baniyas stammt, lebe derzeit versteckt in Syrien. „Ich würde sie gerne hierherholen, habe aber Angst, dass sie beim Versuch, die Grenze zu überqueren, getötet werden.“

Auch Om Salim arbeitet als Freiwillige im Krankenhaus. Die 27-Jährige stammt aus Homs und ist am 10. Oktober in den Libanon gegangen, nachdem ihr Mann bei Protesten getötet wurde und ihr Bruder, der bekannte Aktivist Abu Jaffar, abgetaucht ist. „Die Situation wurde unerträglich“, erklärt sie. „Der Geheimdienst Mukhabarat belästigte uns ständig, kam zu uns nach Hause und suchte meinen Bruder.“ Nun lebt sie mit ihrem zweijährigen Kind, ihrer Mutter und der Familie ihrer Schwester am Stadtrand von Tripoli. Es fällt ihr schwer, sich an das Leben im Exil zu gewöhnen. „Unsere Nachbarn sagen, wegen der vielen Flüchtlinge seien die Preise gestiegen und wir sollten wieder nach Syrien gehen“, erzählt sie, und dabei steigen ihr Tränen in die Augen. „Ich fürchte nur, wir werden noch eine ganze Weile bleiben müssen.“

Mohammed Ismail war Scharfschütze in der syrischen Armee und wartet verzweifelt darauf, dass seine Schulterverletzung ausheilt. Er desertierte Anfang Oktober, nur wenige Wochen vor Ende seines Militärdienstes. In den Monaten zuvor war er viermal in Homs im Einsatz gewesen. „Wir waren zu sechst,“ schildert er. „Unsere Aufgabe war, die am Boden operierenden Sicherheitskräfte zu beschützen und die nächtliche Ausgangssperre zu überwachen. Wir haben wahllos ins Dunkle geschossen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir einige Leute verletzt und getötet haben,“ gibt er offen zu. Ihm sei gesagt worden, bei den Demonstranten handele es sich um ausländische Agenten aus Saudi-Arabien und Israel. Erst später, als er als normaler Soldat an der Grenze eingesetzt war und mit der Bevölkerung in Kontakt kam, habe er erkannt, was wirklich vor sich ging, sagt er. „Während der Razzien hörte ich die Rufe nach Freiheit, die Leute fragten: ‚Warum schießt ihr auf uns? Was haben wir getan?‘ Ich habe mit drei Freunden aus der Armee gesprochen, sie hatten dieselben Bedenken.“

Weil er nicht mehr auf unbewaffnete Demonstraten schießen wollte, suchte er Kontakt zur Freien Syrischen Armee. Und er half Menschen, Syrien zu verlassen. Immer wieder lenkte er die unter seinem Kommando stehende Einheit, die an der Grenze patrouillierte, ab. Als er zwei Syrern half, den Grenzfluss in den Libanon zu überqueren, wurde er ertappt und in die linke Schulter geschossen. Nun erholt er sich in Tripoli. An seiner Militärvergangenheit bereut er nur eines: Dass er die Armee nicht früher verlassen hat. Er rechtfertigt sich: „Nachdem die Aufstände begonnen hatten, waren Mobiltelefone in den Kasernen verboten. Wir durften nur die Nachrichten der nationalen Presseagentur hören.“ Nun will sich Ismail so schnell wie möglich den Rebellen anschließen.

Angst vor dem Bürgerkrieg

Wie viele syrische Dissidenten spricht er sich für die Einrichtung einer Flugverbotszone aus. Dann könnte die FSA sichere Gebiete schaffen und Dissidenten wie ihn ausbilden, meint er. „In Libyen hat die NATO gleich zu Beginn der Rebellion interveniert. In Syrien dauern die Aufstände inzwischen seit elf Monaten an. Tausende Menschen sind gestorben und es wird immer noch zugesehen.“

So eilig wie Ismail haben es viele hier: Die Männer im Dar-el-Zahra-Krankenhaus erwarten, dass der Kampf gegen Assads Regime lange dauern wird, auch wenn die Rebellion nicht abebbe. „Als die Aufstände begannen, gab es in Qusayr nur eine Kundgebung in der Woche. Dann gingen wir irgendwann zwei-, dreimal auf die Straße, und inzwischen wird jeden Tag demonstriert“, berichtet Abu Hamsa. Das Durchgreifen des Militärs habe die Demonstranten nur entschlossener gemacht.

Tripoli war zu allen Zeiten davon berührt, was jenseits der Grenze passiert, auch heute wieder. Auf den Gängen im obersten Stock des Hospitals wird deshalb auch diskutiert, ob die Rebellion in einen Bürgerkrieg umkippen kann. Alte Spannungen zwischen Sunniten und Alewiten lebten in Syrien bereits wieder auf, heißt es. Die Alewiten, zu denen auch die Assad-Familie gehört, fürchteten Vergeltungsmaßnahmen der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit, sollte die Regierung in Syrien fallen. Unter den Aktivisten sorgt vor allem die zunehmende Zahl an gegenseitigen Entführungen von Sunniten und Alewiten für Beunruhigung.

„Wenn das Regime schnell zurücktritt, wird es keinen Bürgerkrieg geben“, hält Om Salim entgegen: „Ich bin Sunnitin und habe alewitische Freunde, die bei den Protesten mitgemacht und Verletzte versorgt haben“, versucht die Krankenschwester die Ängste zu entkräften. Aber die Männer glauben ihr nicht. Sie erklären voll Bitterkeit, Regierungsjobs seien in Syrien Alewiten vorbehalten, was die Kluft zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen um eine ökonomische und soziale Dimension erweitere.

Erst einmal geht es aber um den Sturz des Assad-Regimes – da sind sich alle einig. Für eine Rebellenarmee, deren militärische Operationen bislang größtenteils aus dem Schutz von Zivilisten und dem Halten von Defensivposten bestanden hat, wird es nicht einfach werden, diesen sich rasch in einen wirklichen Krieg wendenden Konflikt zu gewinnen. „Wir brauchen Zeit, um Assad zu stürzen“, sagt Abu Suleiman und setzt sich in seinem Krankenhausbett auf. „Das Regime hat noch Unterstützer. Aber letztlich werden wir siegen. Inschallah.“

(*) Alle Namen geändert

(Foto: Joseph Eid/ AFP/ Getty Images)

Matteo Fagotto ist freier Reporter mit Sitz in Beirut. Er schreibt für zahlreiche internationale Magazine.

Übersetzung: Zilla Hofman

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